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Central-Verein-Zeitung · 1928-05-11 · 19 (11.5.1928) · p. Seite 263

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
7 (1928)
Issue
19 (11.5.1928)
Date
1928-05-11
Page
Seite 263 (sequence 7)
Language
German
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Noch ist es Zeit! „Gehörst du zu uns oder gehörst du zu unseren Feindend So lautet die bekannte Frage, die Josua vor der Palmenstadt an den schwerLbewasfneten Mann, den er plötzlich vor seinen Augen austauck-en sah, gerichtet hat. Tiefe Frage, eigentlich eine Aufforderung zur Stellungnahme im Kampfe der Parteien, ist beliebt auch in normalen Zeiten. Gibt es doch keinen verständlicheren Anblick als den der Entschiedenheit. und Festigkeit, wie es keinen unbefriedigenderen Anblick gibt als den der Wetterfahne, die sich nach der Windrichtung des Tages dreht. Am beliebtesten aber ist diese -Frage in unserer gegenwärtigen Zeit. Wir gehen den Wahlen entgegen, und Wahlzeit ist .Kriegszeit. Zwar müßte jeder vernünftige Wähler sich sagen, daß das deutsche Volk bei seiner derl zeitigen Lage nichts nötiger hat als den inneren Frieden und nichts Heilsameres erstreben könne als die Zusammenfassung aller Kräfte zum Aufbau einer neuen und besieren Zukunft, die Bereinigung aller gegebenen Verschiedenheiten auf dem gemeinsamen Boden des gemeinsamen Vaterlandes. Aber wann wäre je in der Hitze des Gefechtes die Trimme der Vernunft lauter und vernehmlicher durchgedrungen als die Stimme der Leidenschaft und der Nechthaberei? Beim Aufmarsch der 30 Parteien zur Wahlschlacht wird es keinen Paktschluß der Gegensätze geben, keinen Ausgleich der Ansichten auf einer mittleren Linie, sondern hinter jeder 'Wahlrede wird die Frage lauern: Gehör st d n zu uns oder gehörst d u z u u n s e r e n F c i n d e n? Nicht berechtigt ist diese Frage auf dem Gebiete des Wissens und des Glaubens. Tenn wer dürste sich vermessen, zu meinen oder gar zu behaupten, er und nur er allein besitze die alle seligmachende Wahrheit? Man darf doch nicht vergessen, das; auch die sogenannte Wahrheit, wo es sich nicht um objektive Tatsachen handelt, immer nur ein Gegenstand des subjektiven Glaubens ist, immer nur ein aus unendlicher Ferne geschautes Bild, das jeder nur mit eigenen Augen anschanen kaum In Fragen des Gewissens darf es nicht Freund u n d F eind geben, sondern nur Glaubende und Andersglanbende. Das Gebiet des Wissens und Glaubens ist darum heiliger Boden, auf den jeder sich stellen muß, der im Dienste der Idee der Wahrheit, seiner Wahrheit, zum Siege verhelfen will. Da ist die Frage nicht am Platze: Gehörst du zu uns oder gehörst du zu unseren Feinden? Anders aus dem Gebiete der Politik. Ta handelt cs sich um einen Kampf der Interessen, sei es der Person, sei es der -Partes, zur Geltend m a ch u n g ihres Vorteils oder ihrer M a ch t im Staate und in der Gesellschaft. Da ist das Wort des doch sonst so duldsamen Weisen gewiß berechtigt: ..Wenn ich nicht für mich, wer denn für mich?" Für uns deutsche Juden, welcher politischen oder religiösen Richtung der einzelne auch immer angehören mag, wird cs sich im bevorstehenden Wahlkampf um die höchsten menschlichen und bürgerlichen Interessen handeln, um die Behauptung der Rechtsgleichheit, für welche unsere Vorfahren in noch nicht lauge vergangenen Zeiten einen hundertjährigen Kampf geführt haben. Also gilt cs letzten Sudes den Kamps um eine allgemein? mercschliche Idee, 'und ein solcher Kampf ist sittliche Pflicht. Allerdings ist die Bestie des wilden Antisemitismus etwas zahmer geworden, und blutige Ausschreitungen sind selbst im Lande der Hitlerei nicht zu besorgen. Aber schlimmer lind gefährli^er als der offene Feind ist der geheime, weil wir uns gegen einen solchen nicht wehren können, am schlimmsten und gefährlichsten aber ist das Gift, das in den Gemütern und im Unterbewußtsein sorch wuchernd schleicht. Darum ist für uns deutsche Inden im bevorstehenden Wahlkampfe für unsere Entscheidung der Stimmabgabe mehr als je, auch beim Anhören von schönen und harmlosen Reden, die Beantwortung der Frage maßgebend: Gehörst du zu uns oder gehörst du zu unlereu Feinden? Zur Führung eines erfolgversprechenden Wahlkampfes sind die bekannten drei Tinge unentbehrlich, die zu jeder Kriegführung notwendig sind. Ans der Erkenntnis dieser leidigen Notwendigkeit fommt die jetzt allwöchentlich sich wiederholende Bitte und Forderung der „E. L. - Zeitung": Spendet für den Watzlsonds'. Tb dieser allwöchentliche Zuruf mir auf die Augen nerven der Leser wirkt oder und mit welchem Erfolge er auch ihren nervus rerum in Bewegung setzt, das entzieht sich meiner Kenntnis. Aber, Freunde und Gesinnungsgenossen des E. V., wenn dieser Ruf des E. D. an euch ergeht, erinnert euch der Worte: Gehörst du zu uns oder gehörst du zu unseren Feinden? E—n. „Ein organischer Schaden der Nation/ Unbekannte Mounnscn-Wortc. In der „C. B.-Zeitung" Nr. 14 vom 4. April Halle Brosestor Tr. Engen Wölbe einen bis dahin unbekannten Brief Theodor Mommsens wiodergegeben. in dern sich Mommsen gegen die Taufe und für eine wahre bürgerliche Gleichberechtigung aussprach. Professor Wölbe teilt uns jetzt noch ein Schreiben Theodor Mommsens mit, Gas vor wenigen Tagen in Berlin unter den Hammer gekommen ist. Dieser Brief, dauert Eharlottenöurg. den 9. Mai 1892, ist politischen Inhalts. Damals spielte der Indem sresser Ahlwardt die Nolle, in der sich henke Adolf Hitler gefällt: Burschenschafter hatten den „Nektar aller Deutschen" feierlichst durcho Brandenburger Tor geleitet. Gegen eine derartige Verblendung, die den Universitätslehrer mit schwerer Sorge erfüllt, wendet sich Mommsen. Er schreibt: „Ich bin speziell in dcr Iudcnsragc der Ansicht, das; die (Kalamität des Antisemitismus ein organischer Schaden unserer Nation ist, der nicht eigentlich geheilt, sondern nur verwachsen werden kann durch die steigende »nmanisicrung dcr Deutschen. Wenn unser Osten auf bet gleichen .Höhe der Gnltur sichen wird wic unser Westen, so wird dcr Antisemitismus nicht schlechthin beseitigt, aber so weit zurückgedrückt sein, wie dies bei organischen Leiden möglich* ist. Bis dahin ist cs wohl zweckmässig, den groben Fälschungen und Verdrehungen dcr Antisemiten im einzelnen zu antwartcn und ans den groben Klotz einen groben Keil zu setzen, aber eine generelle Behandlung dcr ganzen Angelegenheit - verzeihen Sie - kann; Leicht ebensoviel srlpadcn wie nützen.

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