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Central-Verein-Zeitung · 1928-05-11 · 19 (11.5.1928) · p. Seite 262

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
7 (1928)
Issue
19 (11.5.1928)
Date
1928-05-11
Page
Seite 262 (sequence 6)
Language
German
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Wahlversammlung! — Ter größte Saal der Mittelstadt ist dicht gestillt: Kleinbürger beiderlei Geschlechts, Beamte, vereinzelte Angehörige der bandarbeitenden Schichten und viel, viel Jugend. Am Laaleinaang mit martialischem Getue einige Dutzend Jugendlicher in Braunhemden. Nach halbstündiger Wartezeit erscheint der Held des Abends: der Nebner, von den Seinen mit lauten Heilrufen empfangen. Ter Versammlungsleiter, ein hakenkreuzgezierter Zeitgenosse von unbedeutendem Aussehen, begrüßt die deutschen Männer und Frauen und erteilt dem Redner das Wort, das dieser vor Ablauf von mindestens zweieinhalb Stunden nicht wieder abgibt. Und mm hält dieser ParlamenLskandidat vernichtende Abrechnung mit dem Parlamentarismus — „jüdische Erjindung!" —. mit dem „Tawcs-Block von Westarp bis Scheidcmanu", schüttet Schmutzkübel voll böswilliger Verdrehungen, Entstellungen und Verleumdungen über den ehrlichen Namen von Staatsmännern und Parlamentariern und — erledigt sämtliche politische Parteien außer der Nationalsozialistiscl)en. Dazwischen flicht er als „duftende" Blüten saftige Antisemitismen ein, eüva vom Juden Levine. der den Ozeanbezwinger Ehamberlin auf seinem Fluge begleitete und nach seiner Rückkehr in Amerika wegen Betrügereien verhaftet' wurde, von der „Verjudung" des deutschen Außenministers, von der ..jüdischen" Mache der Demokratie und des Parlamentarismus zum Zwecke der Befestigung der Weltherrschaft Alljudas; die Fememordverdächtigten werden verherrlicht im Gegensatz zu dem „jüdischen" Leiferde-Attentäter Schlesinger — und so prasselt das Trommelfeuer skrupelloser Hetze säst drei Stunden lang auf das Gehör der Versammlungsteilnehmer nieder — der objektive Zuhörer kommt sich vor wie im Tollhause. Aber, aber wo bleibt die Objektivität bei den Bielzuvielen? Ist es Suggestion? Ist es Verärgerung, Unzufriedenheit über die wirtschaftlichen Note, über die politischen Nachwehen eines unglücklichen Krieges, die ein Ventil lösen? Oder vielleicht anch hier und da Schadenfreude über das wüste, hemmungslose Herunterreißen hervorragender Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, das die zustimmenden Rufe während der Rede, den Riesenapplaus und das Beifallsgetrampel am Schlüsse auslöst? Tie „derenwilligst" zugestandene Aussprache ist eine Farce. Zehn Minuten Redezeit für den Gegner! Mit großer Mühe — unter Wahrung eiserner Ruhe und größter Sachlichkeit — versucht er durchzudringen, um die Gefahren der demagogischen Verhetzung abzubiegen. Aber die unaufhörlich verabreichten Giftspritzen haben anscheinend den gefunden Menschenverstand eines großen Teiles der Zuhörer betäubt — unter Aufwendung stärkster Lungenkraft, oft von Geschimpfe und Gejohle unterbrochen, führt er seine, trotzdem zu karg bemessene Rede zu Ende. Hat er gewirkt? Wer will ermessen, wie viele, wenn sie morgen im grauen Lichte des Alltags, e r - nüchtert von dem wüsten Phrasenschwall des Demagogen, die Erscheinungen der Wirklichkeit mit dein inhaltsleeren Geschwafel vergleichen. zu den Dingen wieder den richtigen Abstand gewinnen? — Heute abend aber hat der Redner vor den Hunderten das Schlußwort! Die meisten politisch reifen Volksgenoffen wenden sich angeekelt von diesem skandalösen Treiben ab und bleiben ihm fern. Ist diese Enthaltsamkeit immer richtig? Hunderte von Versammlungen veranstalten die Nationalsozialisten täglich in Deutschland, gewiß nicht immer mit dem — wie zu hoffen ist — Augenblickserfolge der vorstehend w a h r h e i t s g e in ä ß skizzierten Veranstaltung. Aber — eine Flut von Zeitungs- und Flugschriftenmatcrial wird am Schftiffv der Versammlung über die Teilnehmer ausgeschüttet: Geld scheint bei dieser Partei keine Rolle zu spielen. Drei Millionen junger Wählerinnen und Wähler treten am 20. Mai zum erstenmal an die Urne; diese sind imstande, die gesausten Wahlvoraussagen über den Haufen zu werfen. Heran an diese! Und an die andern alle, die als Treibholz aus dem Meere der Wahlbewcgung schwinuuen und gar zu leicht das Opfer politischer Eharlatane und skrupelloser Giftmischer werden, die das goldene Zeitalter verheißen, wenn sic — im st a m p f e gegen d e n P a r l a m e n t a r i s m u § recht viele Mandate erhalten. Es geht nicht etwa nur um den Kampf gegen den Antisemitismus, es geht um die Bejahungdcs Staate s. um den wirtschaftlichen Aufbau und sozialen A u s b a u, um die innere und äußere Befriedung unseres Vaterlandes! Das soll der Wille der erdrückenden Voltsmehrheit mit Wahltage sein! — Darum muß in den kommenden Wochen mehr denn je an der Aufklärung gearbeitet werden, mit Wort und Schrift! Hinein in diese Giftküchen der Demagogie und des fanatischen Hasses gegen jede Gesundung unseres Volkslebens! Wer so denkt, soll diese Versammlungen nicht unter allen Umständen meiden: aber ausreichend muß die Zahl derer sein, die dem Gcgenredner in diese Veranstaltungen folgen, nicht aus Schwäche, nicht um zu jkandalieren fiw dem Wß§(hmpf oder zu „sprengen" sondern um dem Sprecher Achtung und Gehör zu erzwingen, dann zerplatzen Beispiele lehren es — die schillernden Seifenblasen utopischer Verheißungen, daun versinkt der Eindruck hemnmngsloser, von keiner Sachkenntnis getrübten Hetzreden vor dec Darstellung der Wirllichkeit. — Cui bono? — Ich glaube, es gesagt zu haben. H. 2$. WNM fi Das „D eutsche Tageblatt" (Nr. 102) kommt mit der liebe rschrift „A n t i s e m i t i s m u s oder A n t i g e r m anis in u s' ausführlich auf die Bern f s ft a t i fi i k zurück, die wir in unserem Artikel über die Elberselder Tagung des „V c r b a n d e s d e u t s ch c r Akademiker" bereits erwähnt hasten. Es zählt aust wie hoch nach den Ermittlungen des Verbandes der Prozentsatz jüdischer Akademiker im Aerzte-, Zahnärzte- und Rechrsanwaltsstande ist und knüpft daran folgende Sch.ußsocheruna, „keine Partei hat co bisher gewagt, dieser Verjudrrng dcö deutschen Geisteslebens den .stampf anzusagcn. Nur der völkisch-nationale Block hat als erstes Ziel, wie bisher, so auch in diesem Wahlkampf, die Reinigung der deutschen Kultur von der jüdischen Vergiftung auf seine Fahne geschrieben". Kurze Zeit vor diesem 'Artikel hatte der ,.R e i ch s w a r t" des Grafen Reveutlow (Nr. 1.8) einen Artikel „S c! b st h i l f e de r Landwirts ch a s!" verösfcntlicht. Es wird hier aus ciimmderge setzt, welche Maßnahmen die Landwirtscrast ergreifen müne, um auf einen grünen Zweig zu kommen. Die Gründung von Gcnoffenschaften mit unbeschränkter Nachschußpflicht wird ancmpwhlen. Aber — unter Zister 2 heißt es: „Genossen können nur dcutschblntrgc Männer und Frauen werden." Das „Deutsche Tageblatt" und der „Reichswart" treten gegenwärtig zwar }i?u verschiedene völkische Listen rin, aber düs ist häuslicher Zank, und die Grundhaltung, beider Blätter gegenüber dem Judentum ist eine völlig gleiche. Man wird deshalb sagen können, daß die Gedarllcngänge der Aussätze sowohl im „Deutschen Tageblatt" wie im „Reichsioart" von beiden völkischen Gruppen restlcv geteilt werden. Mit anderen Worten: A k a d cm i f c r f o I i c n d r e Juden nicht sein, Mitg.icder von Geuopenschaften, die, wenn man die ländlichen Verhältnisse kennt, unbedingt notwendig sind, um dem Bauern die Existenz zu ermöglichen, dürfen sie nicht sein. Man versperrt den Juden den Weg zur Berufßumschichtung und beschwert sich dann über die Folgen. Blau greift also eine soziologische Erscheinung an, die man durch B e r u f s e i n sch r a n f u n g e n zunächst herbeigesührt hat und die mau durch' neuerliche A n s - s ch l i e ß u n g s o r d n u n g e n zu verewigen wünscht. Das „Deutsche Tageblatt" hat ganz recht, wenn es die Stellungnahme zu diesem Problem „Entscheid e n d e Frage an d io W ä h l e r" nennt. Es ist in der Tat im höchsten Grade entscheidend für die Gestaltung der deutschen Innen-, Außenlultur und Wirtschaftspolitik, ob die Gesinnung der völkischen Gruppen die Oberhand gewinnen wird oder nicht. A» H. // '

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