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Central-Verein-Zeitung · 1928-05-11 · 19 (11.5.1928) · p. Seite 260

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
7 (1928)
Issue
19 (11.5.1928)
Date
1928-05-11
Page
Seite 260 (sequence 4)
Language
German
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Leider ist die Frage, ob dein; die j ü d i s ch c it A n g e stellte n gegenüber ihren christlichen Berufsgenonen noch besonders am Ausfall der R e i ch s t a g s w a h l en interessiert seien, entschieden zu bejahen. Denn während die Angestelltenschaft im allgemeinen für die Anerkennung ihres Berufsstandes und ihre sozialen Rechte zu kämpfen hat, kommen für die jüdischen Angestellten noch weitere Kampfgebiete hinzu. Der Antisemitismus der letzten zehn Jahre hat vor der wirtschaftlichen Betätigung der Juden als Arbeitnehmer und insbesondere als Angestellte nicht haltgemacht, sondern hat sich die Tatsache der in immer steifendem Maße zu beobachtenden Abhängigkeit zunutze gemacht, indem er den Juden als unerwünschten Angestellten schon von der Bewerbung um offene Stellen behindert. Den Hinweüen, das; nur „christliche" Bciverber Aussicht auf Erfolg hätten, sind die Fragebogen der Großunternehmen gefolgt, in denen neben der Religion nach Bor- und Zunamen der Eltern geforscht wird, offensichtlich zu dein Zwecke, außer dem Grad der Fähigkeiten und Kenntnisse weitere „blntsmäßige" Materialien zur Beurteilung des Bewerbers zu erlitten. Gewiß wird man jedem Betriebe das Recht zubilligeu müssen, sich seine Mitarbeiter nach eigener Wahl auszusuchen, aber eben so unbestreitbar ist cs auch, daß eine Stärkung der antisemitischen Parteien, zu denen nicht etwa u ut die radikalen Flügel gruppen zu rechnen sind, den Geist der Unduldsamkeit stärkt, unter dem wir Inden in erster Linie zu leiden haben. Ist es doch den pseudowi-''enschaftlichen Behauptungen der „Rassenforscher" schon jetzt gelungen, den Begriff „deutschstämmig" als einen üblichen Begriff in die deutsche Amtssprache hineinzuschmuggeln, der auch dem Antisemitismus dient und nanientlich bei den Arbeitsämtern eine Rolle spielt. Ein Anwachsen der Judengegner würde aber auch loyale Arbeitgeber unter Umständen leider behindern, jüdische Angestellte einzustellen, weil sie sich vor der „Stimmung" ihrer Kundschaft beugen und sich deshalb „genieren" würden, eine jüdische Arbeitskraft hcrauZzustellcn. da sie vermeiden mochten, als „jüdisches" Geschäft zu gelten. Es mag als besonders beklagenswert bei dieser Gelegenheit ausgesprochen werden, daß unter dieser Angst nicht nur christliche Inhaber, sondern sogar jüdische Chefs leiden, die ihrer Kundschaft zuliebe Bewerbungen von Juden nicht berücksichtigen. Wohin soll es aber führen, wenn in einer Zeit, in der s iir d e n se! bstän - digen jüdischen M i t t e I st a n d die wirtschaftlichen Borbedingungen immer schlechter werden, eine Stellung für einen deutschen Juden zu finden ebenfalls Schwierigkeiten begegnet, Schwierigkeiten, die den Kampf ums Dasein bedenklich zu erschweren geeignet sind? Schon sind ganze Gewerbezweige, die früher vorzugsweise in jüdischen Händen lagen, „jndenrein", und die moderne Konzernbildung, die moderne Arbeitsmethode mit ihrer weitverzweigten Mechanisierung schaltet gerade die individuellen Fähigkeiten der Juden aus, die früher nicht zum Nachteil in der gesamten Wirtschaft sich betätigen konnten. Ein gewisses Gefahrenmoment für jüdische Angestellte liegt auch in der Uebernahme von Betrieben in die öffentliche Hand, da sich die Besetzung der offenen Posten nach der politischen Zusammensetzung der parlamentarischen Körpersck-asten richtet, ohne etwa die Eignung der Bewerber in erster Linie oder gar ausschließlich zu berücksichtigen. Mau mag alle diese Momente nicht zu schwer nehmen, man mag der Meinung sein, daß eine tüchtige Arbeitskraft immer noch ihren Weg finden wird, aber wenn jetzt die Möglichkeit der Mitwirkung aiu eigenen Schicksal gegeben wird, dann wäre es recht töricht, indifferent beiseite zu stehen, anstatt der Gefahr zu begegnen. Sind unsere christlichen Berussgcnofsen noch weit vom Ziel entfernt, wir jüdischen Angestellten haben in doppeltem Maße Pflicht und Aufgabe, an der Demokratisierung _ der Wirtschaft beizutragen, Reaktion und konfessionelle lluduldsamleit zu bctämpfen und dafür zu sorgen, das; die Parteien siegreich ans dem Wahlkampf hervorgctzen. auf deren Banner die individuelle Freiheit steht. Dazu kommt für jeden von uns die ernste Per p flicht n n g, den E en t r a lve re i n , der uns auch als Arbeitnehmer in seinem K a m p f gegen Boykott und Zurücksetzung hervorragend zur Seite sichk, zu unterstützen, wo wir nur können. Wir Inden haben, wie immer in unserem Kampfe um unser Reckst, keine eigenbrötlerischen Interessen, deren Erfüllung etwa nur uns zugute käme, sondern wir haben die Mission, die cm uns besonders fühlbar werdende Einengung im Interesse des gesamten Berufsstandes zu bekämpfen und auch als Angestellte Borkämpfer für soziale, sittliche und kulturelle Ideen zu sein. Stadtverordneter Gruft Behrendt (Beurhcn. O.-S.), <S<nrgrlchästsführer des G. D. A. Aum Muttertag. / «.«toi 1*2$. Von Dr. Margarete Wiener. Am 13. Mai wird im Deutschen Reiche wieder der „M u t t e r - tag" begangen. Es soll ein Tag der Besinnung sein für ein ganzes Volk, das solcher Weisung bcdars, um em oder zweimal im Jahre — so auch atu Volkstrauertag — seinem gemeinsamen Ruhetag eine gemeinsame Richtung und Weihe zu geben. Es soll an diesem Tage jeder der eigenen Mutter in Liebe und Verehrung gedenken, aber darüber hinaus soll der mütterlichen Frau an sich und der großen Ausgabe, deren Trägerin sie ist, in Ehren gedacht werden. Die Frauen sehen eine so programmäßig vorgesehene Kund gebung mit einigen Bedenken. Ist dies nur eine Welle jener sentimentalen Flut der Verehrung, die sich so oft bei uns in Deutschland über die Frau ergossen hat und die i'.n übrigen nie verhindert hat, daß ihr der Alltag des Lebens recht schwer gemacht und daß sie von jeder Entwicklung. Befreiung und rechtlichen Sicherstellung möglichst lange serngehalten wurde? Die Frauen hoffen, daß dieser Tag sich über das Niveau der üblichen „Frauenvcrehrung" hinaushebe, — daß sich aus der Flut zarter und zärtlicher Gefühle die Erkenntnis vom eigentlichen Wesen der Mutter heraushebe und ans ihr der Gedanke, diesem Wesen in der Gestaltung des sozialen Lebens Geltung, ihren; Willen Ausdruck zu verschaffen: ihrem Wesen, das nichts anderes ist als „Leben spenden", und ihren; Willen, der nichts anderes will als „Leben erhalten". Im Geiste sollte jeder an diesem Tage die geliebte Gestalt der Mutter t a u s e n d f a ch sehe n, damit er bic ungeheuere Gemeinsckjast der Mütter erkenne: eine -Schicksalsgemeinschast von Natur her, die mit Schmerzen und Sorgen, mit nnbeschreidlictzen Freuden und tiefstem Leid Millionen von Menschen bindet; eine Berufsgcmeinschaft im schönsten Sinne, von der Geschichte her dazu berufen, ein ganzes Volk lebendig zu erhalten, cs wciterzuführen in die Zeit hinein und zu einem wesentlichen Teil über das 'Schicksal des Volkes durch ihr eigenes Sein zu entscheiden. Noch ist' die Erkenntnis dieser Gemeinschaft hu deutschen Bolle nicht weit verbreitet. Die jüdische Frau, der iraditie-nSaemäß die Verehrung der Mutter und daher auch das Bewußtsein von der Schicksalsverbundenheit der Mütter selbstverständlich ist, fühlt nur zu oft, wie fern nichtjüdische Kreise einer solchen uralten Ausfüllung stehen. Wie wären sonst die K rank u n gen j ü d i s ch 0 r K i n d e r durch ihre Mitschüler in den schulen möglich?. Wie wären die Schmähungen jüdischer Soldaten, die ihr Leber; oder ihre Gesundheit im Kriege geopfert haben, denkbar? Wie könnte cs sonst sein, daß Frauen, Mütter selbst, sich an der Verbreitung gehässiger Lügen zur Beschimpfung der Juden beteiligen? Sollten nicht Mütter ein Empfinden dafür haben, daß jcd-e Kränkung, die einem jüdischen Kinde zugesügt wird, eine Seele verwundet, um die eine Mutter in gleicher Sorge und gleicher Hoffnung lebt wie sie selbst um die Seelen ihrer Kinder? Sollten nicht Mütter ein Gefühls für die unsagbare Roheit haben, die die Schmähung jüdischer Soldaten bedeutet an^sichts tausender jüdischer 'Mütter, die die gleiche unauslöschliche Trauer tragen, wie so viele unter ihnen auch? Wir rufen den Gemeinschaftssinn der deutschen Frauen auf. der sich einst — i;n Kriege — jahrelang bewährt hak. Der muß noch) vorhanden sein. Er ist wohl nur verschütte: unter dem Hin und Her des politischen Streites. Wir hoffen, daß das Gefühl der Verbundenheit über alle Schranken hinweg in den Frauen an den; ihnen zugedachteu Ebnem tag erwache. Man errvartet von einem Jubilar nicht nur. daß er sich feiern lasse, sondern auch, daß er Abrechnung halte und sich mit guten Vorsätzen erfülle. So sollten die Frauen am 13.' Mai die Last ihrer B e r a n t w 0 r t u n g im Volke ganz empfind-en und neu im Sinne der Antigone an ihre erzieherischen Ausgaben Herangehen. Dann könnte — selbst mitten im Wahlkampf.wenigstens eine Versöhn« n g im Geiste über die Parteien hinweg sich vollziehen. Unsere Gcfallcrreir. .Der Schild", das Srgau des ReicksbundeS jüdischer Frontsoldaten, beginnt in seiner Nununer 18 vom 30. Avril mit der Veröffentlichung der Liste aller deutschen jüdischen Gefallenen. Die Liste ist alphabetisch nach Orten geordnet und enthält das erstemal die Namen von 170 Gefallenen. Die Veröffentlichung dient dem Nach' weis der von völlischer Seite immer wieder bcitrrtfceiien Tatsache, daß m indestens 1 2000 jüdische Deutsche i nr W c l 11 r i e g ihr Leben für das Vaterland geopfert haben. Die Tat entschcidct. Den Inden wird Kühnl^-it und produktives Schaffen so häufig abgesprochcn, daß wir gezwungen sind, immer wi.der auf ihre Kulturlcistungen hmzuwellen. wenn schon wir von uns aus das Forschen nach der Abstammung und der Religion aus dem Grundsatz bcrarrs, daß allein die Tat entscheidet, ablchnen. Wir können die Liste jüdischer Kulturleistungen wieder um eine bemerkenswerte Tat erweitern. Gerwral Nobile wird ans seiner Luftschiff-Expedition nach Um Nordpol von dem hervorragenden jüdischen Gelehrte;? Ingenieur Aldo Pontremoli von to* Poch technischen Hochschule in Mailand begleitet.

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