Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1928-05-11 · 19 (11.5.1928) · p. Seite 258

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
7 (1928)
Issue
19 (11.5.1928)
Date
1928-05-11
Page
Seite 258 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2277379-2277781-2277800--04456-2285073
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

25S Nach der Höchstziffer bei den Maiwahlcu des Jahres 1924 brachten schon die Wahlen tnt Dezember des gleichen Jahres eine starke Verminderung des antisemitischen Einflusses, und der allen Nachwahlen hat sich seitdem das gleiche Bild ergeben: starke Mandatsverluste der Deutschnationalen, Zusammenbruch der völkischen Organisation. Ob man die Wahlen in Thüringen betrachtet, wo die Nationalsozialisten im Januar 1927 zwei Drittel ihrer Stimmen verloren haben, oder ob man nach Hessen schaut, wo im November des gleichen Jahres die antisemitischen Mandate um die Halste reduziert wurden, oder ob man Bremen heranzieht — überall das gleiche oder ein ähnliches Bild. Selbst irr den beiden Mecklenburg haben diese Parteien eine nicht unbedeutende Einbuße erlitten. Der Beweis ist also erbracht, daß ihnen so schwere Niederlagen hergebracht werden können, daß sie für die künftige Regierungsbildung nicht tu Betracht zu kommen brauchen. Was sich im Dezember 1924 anzubahnen schien, was die Wahlen zu den einzelnen staatlichen Landtagenfortgesetzt haben, muß in der: schönen Tagen dieses Mai vollendet werden: die Niederringung des antisemitischen Teils des deutschen Volkes, uni_ den Weg zu geordneten, ruhigen lind friedlichen Verhältnisse!: sichernutellen. Tie deutschen Juden müssen zur Erreichung dieser Aufgabe zusammenstehen, und ihre Pjlicht bis auf den letzten Wähler erfüllen. Sicher ist die Zahl der deutschen Juden an sich nicht so groß, daß sie allein den begonnenen Urnschwnng glückhaft zu Ende führen können. Aber sie haben, da cs sich um ihre höchst eigene Sache dreht, zunächst die Pflicht, selbst zu stimmen und dazu in den ihnen zugänglichen politischen Organisationen im Kamps gegen ben rückschrittlichen Antisemitismus mitzuwirken. Tie politische Erziehung der deutschen Juden ist heute so wert gediehen, daß eine nahezu völlige Uebereinstmnnung aller jüdischen Gruppierungen nach der Richtung besteht, daß keine Stimme einer antisemitischen Partei gegeben werden darf. Lediglich die zahlenmäßig nicht sehrbedeutende Gruppe der „nationaldeutschen Juden" gibt eine andere Wahlparole aus. Das Mitteilungsblatt ihres Verbandes gibt die mißverständliche Wahlparole aus: „Wählt deutsch!" und erläutert dies dahin: „Mag die Parteifahne rot, schwarz, schwarzweißrot oder schwarzrotgold sein, in jeder Partei ohne Ausnahme findet ihr „A n t i s e m i t e n". Hieraus wird dann die Schlußfolgerung gezogen: „Der nationaldentsche Jude wählt nicht nach jüdischen, sondern nach deutschen Gesichtspunkten." Die Gleichstellung aller Parteien erinnert doch bedenklich an die Lehre der Stoiker, daß alle menschlichen Fehler einander völlig gleich seien, und an die spöttische Bemerkung, die Cicero dazu gemacht hat: „Es sei also danach kein Unterschied, ob-man eine Henne abschlachte oder einen Vatermord begehe." Die Fassung dieser Wahlparole ist unklug und unpraktisch. Es ist ganz selbstredend, daß neben allen anderen wichtigen Gesichtspunkten bei der Auswahl der Parteien oder Listen, für die die bcutfdyeu Juden stimmen, auch die Erwägungen, die sich aus der nun einmal unbestreitbaren Tatsache, daß sie Inden sind, ergeben, nicht außer acht gelassen werden können, und es ist eine politische Würdelosigkeit, wirtschaftliche oder andere Erwägungen voranzustellen, um die Wahl einer Partei zu fördern, die die politische Entrechtung des jüdischeil Teils des deutschen Volkes auf ihre Fahne geschrieben hat. Daraus folgt für unsere Freunde: Keine Stimme einer antisemitischen Partei, aber auch keine W a h l e n t h a l t u n g I Aber wir sind auch überzeugt, im besten Sinne deutsch zu wählen und zu handeln, wenn wir die Parteien der völkischen Propaganda bekämpfen. In welchem Lager steht heute das wahre, das größere, das zukunftsreiche Deutschland? Tort, wo mit mehr oder weniger deutlichen Worten mit dem Gedanken eines neuen Krieges gespielt wird, oder dort, wo alle Kräfte im Interesse des Friedens zusammengerafft werden? Dort, wo auf Umstllrz der bestehenden Verhältnisse hingearbeitet wird, oder dort, wo sich die Arbeit aller gutgesinnten Bürger im Sinne der Ordnung und Kvnsolidiermlg ber gegenwärtigen Verhältnisse bewegt? Dort, wo durch einen phantastischen und undefinierbaren Abstammungsgedanken ein großer Teil der deutschell Bürger seiner politischen Rechte beraubt werden soll, oder dort, wo die Gemeinschaft des Volkes für alle diejenigen anerkannt wird, die bereit sind, der Sache des Deutschtums und des Vaterlandes zu dienen? Dort, wo ein engherziges und überspanntes Nationalbewirßtseiu die tausendfachen Bindungen, die die moderne Kulturwelt untereinander verknüpft, nicht sehen will, oder dort, wo auf der Basis gesunden uationa(cn Empfindens und in Keniltnis der großen Aufgaben der einzelnen Völker und Staaten darüber hinaus bewußt der Weg nach höherer und größerer Organisation im Gedanken internationaler Verständigung oder des Völkerbundes gesucht wird? Einigkeit oder Zerrissenheit des deutschen Volkes? Gerade die Kreise, die für sich das Vorrecht der alleinigen nationalen Gesinnung so gern in Anspruch nehnlen, feien an die Worte Ficht es: All die deutsche Nation! erinnert: „Tief verächtlich machell wir uns dem Auslande, wenn wir vor den Ohren desselben uns einer den andern, deutsche Stämme, Stande, Personen, über unser gemeinschaftliches Schicksal anktagen und einander gegenseitig bittere und leidenschaftliche Vorwürfe machen." Jeder wähle die Partei, die seiner wirtsckM'tiichen, politischen, kulturellen Einstellung entspricht und frage sich: Nach welchem Grundsatz soll das Leben des deutschen Voltes geregelt werden? Soll Gleichheit oder Ungleichheit der Bürger Herrscher:? Soll Macht oder Recht im Staatsleben ausschlaggebend sein? Soll unser neues Deutsches Reich nach nationalen oder völkischen Grundsätzen organisiert sein? Soll Freiheit oder Unterdrückung herrschen? Viel stärker, als der einzelne glaubt, greifen die gedanklichen Grundlagen des staatlichen Lebens ins Einzelschicksal hinein. Denn Gesetzgebung, Verwaltung, Rechtsprechung, sie sind von einem bestimmten Geiste beseelt. S ch u l e n und U n i v e r s i t ä t bilden ihre Schüler nach bestimmten Grundsätzen aus. Im Theater, in Presse, Literatur, überall spricht sich der Geist aus, der die Stunde regiert. Und wie soll dieser Geist beschaffen sein? Tie völkische Lehre von der Ungleichheit der Menschen und Völker ist unsittlich. Sie schaltet das Streben nach Vorwärtskommen aus. Denn nach ihr sind die Menschen ins Schicksal hineingeboren, und nichts kann den rassemäßig „Blonden" in das dunkle Los hineinzwingen, das den „Schwarzen" von aller Ewigkeit an bestimmt und umgekehrt. Diese Lehre muß den Wettbewerb der Menschen und der Völker ersticken. Wir sagen, daß demgegenüber der wahrhaft deutsche Geist der sei: Jedem müsse sein Recht zugeteilt werden. Zur Nation gehören alle, die guten Wittens ihr zu dienen bestrebt sind. Höchstes Ziel menschlicher Entwicklung sei wahrhafte und edle Humanität. Darum wünschen wir, daß durch die Niederringung der antisemitischen» Parteien und durch die Förderung aller nichtantisemitischen unseren Ideen zum Recht verhalfen werde, als da sind: Kennen lernen heißt bax Beginn zur Beseitigung von Vorurteilen machen. Friedenunter den Religionen ist die große Aufgabe aller wahrhaft religiös Gesinnten. Berücksichtigung der Sonderheiten der anderen kann allein den Verkehr der Nationen, aber auch den der Menschen untereinander fördern. Taktvolles Verhalten gegenüber Andersgläubigen wie gegenüber den Angehörigen anderer Völker hebt das Ansehen der eigenen Gemeinschaft. Eine gemeinsame Front aller Menschen guten Willens möge hergestellt werden. Sie alle seien zur Mitarbeit an dem staatlichen Wiederaufbau gerufen. Nicht in törichten: Streit um das Heimatsrecht der einzelnen Volksgenossen, nicht in blutleeren Untersuchungen um die Zusammensetzung der Völker vor tausend und mehr Jahren, sondern im tatkräftigen Zusammenhalten und unwiderstehlichen Wunsch $ut Ausrichtung des Vaterlandes in Größe und innerer Stärke wollen nrir uns vereinen. Und die deutschen Inden Haber: die Möglichkeit, drrrch stärkste Erfüllung ihrer staatsbürgerlichen und Wahlpflichten daran I mitzuwirken. daß wir dieser Erneuerung de's Vaterlandes und des deutschen Volkes in Frieden und Freiheit durch die Wahlen des' 29. Mai ein gut Teil näher gebracht werden.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.