Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 7 (1928)
- Issue
- 18 (4.5.1928)
- Date
- 1928-05-04
- Page
- Seite 245 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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WZ» i / m ' ' $lc Erde ist nicht mehr groß genug, als daß an irgendeinem Punkt ihrer Oberfläche sich etwas ereignen könnte, was nicht auch jeden anderen Punkt auf ihr, wären beide auch um Poldistanr von einander entfernt, berührte. Krieg und Hungersnot, Naturkatastrophen und Seuchen, wo immer sie ihre traurigen Spuren ziehen, lassen uns nicht mehr so gleichgültig wie Geschlechter in geruhigeren Zeiten, die Friede und Friedenszeit segnen, „wenn hinten weit in der Türkei die Volker auseinander schlagen." — Ter Sturm an fernen Gestaden rührt Wellen auch an unseren Ufern auf. So kann es uns nicht gleichgültig tasten, wenn irgendwo in der Welt Menschen ihres Glaubens wegen verfolgt oder in Ver Ausübung ihres Glaubens, Der ein unwandelbares Recht eines jeden Menschen ist, irgendwie verkürzt werden. — Das aber ist unzweifelhaft in Meriko der Fall, wo die katholische Kirche unter schweren Heimsuchungen zu leiden hat. Es kann nach der Fülle der Meldungen, die in letzter Zeit darüber verlauten, kein Zweifel mehr darüber bestehen, daß dort Zustände herrschen, die eines Kulturstaales unwürdig sind, die anderseits aber auch nur in einem Staate möglich sind, der sich der äußeren Form der Zivilisation bedient, um in raffinierter Anwendung von Recht und Gesetz einen Vernichtungsfeldzug gegen die Kirche zu führen, der gerade dieser Staat zu größter Dankbarkeit verpflichtet wäre. Was soll man dazu sagen, das; die mexikanische Versagung in Artikel 130 religiösen Gesellschaften die Möglichkeit versagt, juristische Persönlichkeiten zu werden, ihnen ein Recht nimmt, das überall auf Erden Menschen haben, die sich zu irgendeinem erlaubten Zweck vereinen. So können religiöse Gesellschaften auch keinen Besitz haben, haben kein Recht auf Kirchengebäude, dürfen keine Häuser für Priester, zur Heranbildung von theologischem Nachwuchs, keine Schulen/ keine karitativen Anstalten besitzen (Verfassung Artikel 27). Sinngemäß verlieren nach Artikel 37 dieser Verfassung Mitglieder des Klerus durch Empfang der Weihen die bürgerlichen Rechne, während es ausländischer: Geistlichen untersagt ist, in Mexiko kirchliche Funktionen auszirüben. War die Verfassung von 1917, die diese Ungeheuerlichkeiten enthält, zunächst nur milde gehandhabt worden, so wurden ihre Bestimungen späterhin "mit Strenge durchgesührt: ein Gesetz vom Jahre 1926 brachte sogar noch manche Verschärfungen. So ist nach Artikel 3 dieses Gesetzes jeder Religionsunterricht, nicht nur in den staatlichen, sondern auch in den Privatschulen verboten, ja selbst im Elternhause kcnrn nach den Bestimmungen des Gesetzes der Religionsunterricht zu einer Gefahr für die Beteiligten werden. Unr.alledem die Krone aufzusetzen, wird die Anstelluna eines Priesters von der Genehmigung der staatlichen Behörden abhängig genracht. Ter Staat also, der sich als derartig religionsseindlich erweist, will über die Eignung zum Priesteramt entscheiden' Und der KulLdieuer, der wagen wollte, auch nur in privater Zusammenkunst, an den Grundgesetzen des Staates oder auch nur arr einzelnen Obrigkeiten Kritik zu üben, wird mit Zuchthaus bestraft. Es ist unter diesen Umstäuderr nur allzu begreiflich, wenn die Katholiken der ganzen Welt mit Nachdruck auf diese Kulturschande aufmerksam machen, wenn von der höchsten Stelle der katholischen Kirche feierlich Verwahrung gegen das in Mexiko begangene Unrecht erhoben wird. Es darf niemanden gleichgültig lassen, wenn der Kardinalstaatssekretär Gasparri im Auftrag des Papstes der amerikanischen Poesie schreibt: „Etwas Aehnliches. wie die Verfolgung, ist niemals in der Geschichte bekannt geworden, seiest nicht in den ersten Jahrhunderten der Kirche. Denn damals, selbst unter Nero und Domitian, hat keine allgemeine Verjoigung privater Religion im Familienheim, in den Katakomben oder aus den Gottesäckern stattgefnnden. Aber jetzt in Mexiko wird nichts, was lathvlisch ist. geduldet, selbst nicht die private Zelebriernng der Messe und die Spendung . der Sakramente: hierfür sind Strafen angeordnct, sogar Todesstrafe, Gefängnis. Mörderische Ausschreitungen. Metzeleien sind an der Tagesordnung. Jede Art von Brutalität wird an Kalholllen verübt, ohne daß die Verüber dafür gestraft werden." Diesen Tatsache!: gegenüber sind die Erklärungen,.die die mexikanische Regierung und der mexikanische Präsident tundgaben, nichtssagende Redensarten, dazu.bestimmt, der Welt Sand in die Augen zu streuen. Man kann die ganze Welt aus die Dauer nicht täuschen. Die Welt wird sich den Gedanken der Toleranz nickst rauben lasten, der Toleranz, die nach Steinthal „die Anerkennung des Rechts ist, das jeder Mensch hat, zu bekennen, was er glaubt". Wer wäre mehr berechtigt, das auszusprechen, als wir? Wie lange ist es her, daß wir in der Religionsausübung beschränkt waren, daß man unsere Existenz, unser lebendiges Rech: angegriffen hat? Und sprechen wir von Dingen, die vergangen sind? Müssen nicht auch wir immer noch erleben, daß man unseren Glauben beeinträchtigt, — vielleicht nicht direkt, aber umsomehr auf indirektem Wege? Indem man den: Juden vorenthält, was der Nichtjude mit Leichtigkeit erlangen kann, ist der Bestand unserer religiösen Gemeinschaft schwerer Gefahr ausgesetzt. — Doch nicht von unseren Leiden wollen wir hier sprechen. Wenn sie uns ins Gedächtnis kommen, so soll es dazu dienen, uns an die Seite derer zu rufen, die un: ihren Glauben ringen und kämpfen. Wo Menschen leiden und besonders um ihres Glaubens willen leiden, haben sie Israel Zum Bundesgenossen: „Ihr kennt die Seele des Fremden, denn Fremdlinge seid ihr gewesen." — Leid macht die Menschen zu Freunden. — Merkwürdig: So sehr sich das Judentum und die große, weltumspannende Kirche, in den Bedingungen ihrer Existenz unterscheiden — welche Ähnlichkeit ergibt sich aber doch, wenn die Kirche einmal in die Lage kommt, in der wir uns überall befinden: wenn auch sie zur Minorität wird. (Nebenbei: Wie gut verstehen wir doch die halb klagenden. Halo anklageuden Worte, die wir manchmal von katholischer Seite hören: catholica sunt non leguntur. Wir können ebenso sagen: judaica sunt non leguntur. Wohlgemerü: judaiea! Nicht alles, was Juden schreiben, verdient diesen Namen.) Ein Wort noch zur Person des Präsidenten Calles, der, wie man offenbar mit Recht annimmt, die treibende Kraft dieser kirchenfeindlichen. verabscheuungswürdigen Ausschreitungen ist. Bekanntlich wird er vielfach als Jude oder Judenstämmling bezeichnet. Wenn man die Erfahrungen hat, über die rolc verfügen, daß eine gewipe Presse' jeden, dem sich die allgemeine Mißbilligung zuwendet, einfach als Jude bezeichnet, daun wird man auch ohne nähere Kenntnis diese Angabe von vornherein als eine aus den Fingern gesogene Lüge bezeichnen k ö n i: e n. Aber auch innere Gründe machen es unwahrscheinlich, daß Calles Jude sei oder daß jüdische Kräfte hinter der kirchenfeindlichen Bewegung in Mexiko sichen. — Von den Fehlern, die wir wie alle Menschen haben, ist Unduldsamkeit gewiß einer der letzten. Den Juden hat seine Geschichte an Duldsamkeit gemahnt. — Was er jahrhundertelang vermipen mußte, hat er als ein viel zu hohes Gut kennengelernt, als daß er es irgendeinem Menschen gegenüber hätte verletzen können. N e i n, w r r schlietzenunsaufrichtig all denen an, die gegen das kultursch ä n d e r i s ch e T r e i b en e in er u n d u l d s a m e n Negierung feierlich P r o t e st e i n l e g e n. Wir bekennen uns zu den schönen Worten, die vor kurzem Nuntius Pacelli gesprochen: „Die seelische Front der Völker gegen Unrecht m:d Krieg ist erst dann geschlossen, wenn einmütig und umchtvolt ans den Spalten der Weltpresse die Parole des Friedens ertönt." Wir glauben, die Worte dieses Kirchenfürsten sinngemäß ergänzen zu dürfen, wem: wir ans bitteren Erfahrungen heraus sagen: ... . . des Friedens und der Wahrheit". Weil wir diesen Frieden und dieser Wahrheit dienen, weil wir helfen wollen, „die seelische Fron: der Völker gegen Unrecht und Krieg" zu schließen, weit wir uns nicht den Vorwurf machen lasten wollen, nur ständen mit im ^Komplott des Schweigens" — darum treten wir an die Seite unserer katholischen Mitbürger. Ob unser Wort gehört wird, wir wissen es nicht — ob es Macht gewinnen wird, das wissen wir noch weniger. Aber das wissen wir. daß. wie die Pflicht der Wahrheit uns gebietet, auch unsererseits Verwahrung ernzuLegen gegen eine grausame Verfolgung, die Wahrheit sich sch!ics;uch die ganze Welt erobern wird. Wir müßten nicht vom Stamme Israels Zein, müßten nicht erfüllt sein von den: Optimisn.urs des Glaubens, wollten wir nicht aus tiefstem Herzen daraus hoffen, daß das Weltgewissen nicht nur ideale Forderung bleibt, sondern zur Tatsache wird, mit der die Welt zu rechnen hat.