Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 7 (1928)
- Issue
- 17 (27.4.1928)
- Date
- 1928-04-27
- Page
- Seite 230 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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230 Der dritte Elberfelörr /tkaöemikerrag. Grünberg «nV KirchheimbolattSc« in vcr Statistik. Es sind bekanntlich nicht die schlechtesten'Frauen, von denen inan am wenigsten spricht. Aufs Politische übertragen bcDcntet dies die Erkenntnis, daß nicht immer diejenigen Persönlichkeiten und Organisationen. die am lautesten in der Oeffentlichkeit hervortreten, die stärkste politische Macht verkörpern; oft einflußreicher sind die „L t i l l e n im Land e", deren Tätigkeit sich nicht im grellen Lichte der Oeffentlichkeit, sondern verborgen unter der Oberfläche abspielt. Es war in diesen Blättern früher viel von der Arbeitsgemeinschaft der völkisckjen Akadcmiken>erbäude die Rede, jener ultravöttischeu Organisation, die anstelle ihrer bisherigen politisch eindeutigen Firma kürzlich die neutralere und vor allem undurchsichtigere Bezeichnung „Verband deutscher A k a d e ini f e r" gewählt hat. — Man vermutet wohl nicht mit Unrecht in dieser weit über die Grenzen des Deutschen Reiches verzweigten Organisation eine Haupttriebkraft im Kamps gegen den p r e u ß i s ch e n K nltusm i n i st e r B e d c r. Die berüchtigten „E lbersclder Beschlüsse" des letzten Elberselder Akademikertages haben mit ihrem grotesken Radikalismus bis weit in die Kreise der deutschen Rechten hinein schärfsten Widerspruch gefunden. Es sei nur daran erinnert, daß damals diese zu Unrecht als Gesamtvertretnng des deutschen Akademikertums anftretende Bersmmnlung allen Ernstes beschloß, bei den zuständigen Stellen die Schaffung eines Reichsgesetzes zu beantragen, wonach die deutschen I ll d e n als nationale Minderheit erklärt w e röc n füllten. Als „Juden" galten hierbei nicht nur gegenwärtige und frühere Bekenner der mosaischen Religionsgemeinschaft und ihre Abkömmlinge, sondern auch alle Deutschen „arischer Abstammung^ d i e e i u e E h e m i t I u d e n o d e r I ü d i n u e n eingegangeip sind. Danach würden also, um aus der Fülle der möglichen Beispiele nur einige Namen zu nennen, der berühmte Nechtslehrer Otto v. Giercke und R i ch a r d D e h m c 1 als Juden betrachtet und aus der deutschen Boltsgcmeinschaft ausgeschlossen werden mühen. ^Seitdem hörte mau wenig vom Akademischen Verband. Gute „Freunde", die es ja wissen müssen, ivie der leitende Redakteur der „T e u t s ch e n A k a d e m i k e r - Z e i t u n g'h des bisherigen Hauptorgans des Verbandes, behaupten sogar, die Arbeitsgemeiuschast der Verbünde h ä t t e ü b e r h a u p t keine p o s i t i v e A r b e i t geleistet. Die?e Kritik dürste mit der einen Einschränkung zutresfen, hast ans dem Gebiet der antisemitischen „A ufkläruug" der deutschen A k a d e m i k e r s ch a f t eine lebhafte Tätigkeit entfaltet wurde, die au folgendem Beispiel illustriert werden niag: ^Dem Verband versandte kürzlich an eine Anzahl Angehöriger der wissenschaftlichen Berufe eine ,,w i s s e n s ch a f t l i ch e Stati st i k", die eine Ueber^icht über die jüdische „llebersremdung" der akademischen Berufe geben sollte. Es war an einer Reihe deutscher und österreichischer Städte prozentual die Beteiligung der Juden im Aerztestand, im Zahnarz tb eruf und in der Anwaltschaft errechnet. Diese Zahlen müssen allerdings auf den unkritischen und unbefangenen Leser zunächst beängstigend wirken; denn es ist da zu lesen, daß'etwa in Grünberg in Bayern 70 Prozent, in K i r ch h e i m b o l a n - den .50 Prozent jüdische Anwälte vorhanden und, in L y ck (Ostpreußen) 50 Prozent jüdische Zahnärzte und in Gotha (Thüringen) 50^Prozent stidische Aerzte gezählt werden, wobei hinzugefügt wird, daß in der Statistik nur ..Kousesswusjuden" berücksichtigt seien. Die Nnsinnigkeit einer derartigen Statistik liegt auf der Hand. Wir wollen nicht im einzelnen prüfen, ob in Lyck Zahnkrankheiten epidemisch auftreten oder die biederen Kirchheimbolander besonders streitsüchtig sind.. Es sei zur Ehrenrettung der Kirchheimbolander darauf hingewiesen, daß der hohe Prozentsatz der jüdischen Anwälte sich einfach daraus erklärt, das; das kleine 'Amtsgericht in Kirchheimbolanden irr Bayern, wie ein Blick in den Anwaltskalenvcr von 1928 zeigt, überhaupt nur vier 'Anwälte anfwcist, von denen eben zwei Inden sind. Die Herrn Statistiker vom Akademiker-Verband seien für eine Erweiterung ihrer Statistik darauf hingewiesen, daß an dem kleinen Amtsgericht St. in der Mark ein einziger Anwalt zugelajscn und dieser Anwalt zufällig Jude ist! In einer neuen und eriveilerteu Statistik würden die 100 Prozent jüdischen Anwälte in St. in der Mark einen besonderen Glanzpunkt bilden. Glaubt man wirklich mit einer derart lächerlichen Statistik gebildete Deutsche von der großen jüdischen Gefahr überzeugen zu können? — Im Gegensatz zu der latenten antisemitischen Agitation brachte die letzte Elberselder Tagung, soiveit die bisherigen Zeitungsberichte erkennen lassen, zwar die üblichen völkischen Tiradeu gegen die angebliche llebersremdung unseres Bottes, die taute antisemitische Agitation trat jedoch etwas in de'.i Hintergrund, selbstverständlich bekannte man sich laut und demonstrativ zur völtischen Idee und sagte dem Kultusminister Becker schärstten Kampf an. Um so erstaunter fragt man.'wie es möglich ist, daß eine Reihe dsir Rektoren preußischer .Hochschulen an der Tagung teiltzenonrmcn Haber;. Dies läßt sich nur mit einer gewissen 'Unkenntnis über die eigentliche Natur des Akademilerverbandes entschuldigen. Es wird auch unsere Ausgabe sein, die deutsche Oesseutlichkeit: Und die zuständigen Stellen über den wahren Charakter dieses a ngeblrch neutralen und unpolitischen Akademikerverdandes aufzüklaren. zK R Nürnbergs „ßö'röerer". Eine Stimme aus den Vereinigten Staaten. Wir veröffentlichen in folgendem den Brief eines Freundes unseres Vereins, eines hochgeachteten Deutsch-Amerikaners, den er an deutsche Verwandte soeben geschrieben hat. Der Inhalt ist für das deutsche Ansehen erschütternd. Eine Erläuterung ist unnötig. New Jork. Marz 1928. „Gestern abend war ich bei einem Kommers, dem 00. Stiftungsfest der hiesigen »Vereinigung ehemaliger Deutscher Studenten in Amerika', deren Mitbegründer ich bin. Es wurden Salamander gerieben auf das Wohl der Veteranen, die ,so tapfer während des Krieges die Fahne der deutschen Akademiker hochhielten'. Es wurden auch auf mein Wohl anläßlich meines 70. Geburtstages Salamander gerieben, nicht allein vom Präsidenten des Vereins, dessen Präsident ich wiederholt gewesen bin. Du kannst Dir wohl denken, daß ich in gehobener, wenn ich so sagen darf. — deutscher — Stimmung war. als ich nach Hause kam. Als Gegenstück hierzu erhielt ich heute früh den Ausschnitt eines Blattes »Stürmer' (oder so ähnlich), wie es mir noch nie vorgekommen ist . . . Ter Schaden, den diese »Bolschewisten' vom Schlage des N ü rnberger »St ü r m e r für Deutschland anrichten, scheint sie nicht im geringsten zu stören. Die deutsche Negierung hat ein Bureau hier in der Stadt etabliert, um für den Besuch deutscher Bäder zu agitieren. Man ist sehr froh, wenn jüdische Aerzte ihre Patienten hinüber senden, und mit Recht. Tie Stadt Nürnberg entsendet eine Kommission unter der Führung des Herrn Oberbürgermeister Luppe, die in würdevoller Weise Propaganda für Nürnberg macht. Da kommt mit dem »Stürmer' meuchlings ein Attentat gegen diesen Herrn und gegen a l l e I u d e n, das alles über den Haufen zu werfen droht. Welche j ü d i s ch e n unp selb ft n t ch t j ü bischen Amerikaner werden sich der Gefahr aussetzen, Nürnberg zu besuchen, um eventuell von diesen Stürmerleuteu angegriffen zu werden? Obwohl solches Treiben von einer Minorität in Deutschland herrührt, so wird es doch bestimmt viele Ausländer von dem Besuch in Nürnberg feruhalten, die mit offenen Armen sonst in ganz Europa empfangen werden. »An Luppes Tisch', so heißt es im »Stürmer', »hatte sich auch der Jude Dr. F. gesetzt. Infolge ärztlicher Tätigkeit konnte ich nicht an dem Essen teilnehmen. Sonst hätte :d) es wohl gerne getan. Ich kenne auch weder Herrn L. persönlich noch seine Begleiter. Richtig ist nur, daß ich Jude bin, und darauf bin ich stolz." Das üeutsthe Unglück. ,,Hugenberg und Die anderen." Vor einiger Zeit schrieb der bekannte, auf dem radikalen rechten Flügel stehende Publizist Rumpelstilzchen (A. Stein) eine Broschüre „H u g e n b e r g und Die auberen-, deren sehr große Auflagen im Reiche verbreitet werden, lieber den Inhalt der flott geschriebenen Broschüre ließe sich manches sagen. Sie häuft aus die republikanischen Parteien und ihre Führer und auf Verleger wie IIIT ft e t n und M affe schwere und schwerste Beschuldiguugeu. Sie feiert Hu gen berg als den Netter Deutschlands. Sie kanzelt Nt ah raun und den Jung deutschen Orden wie Schulbuben ab. Sie ist letzten Endes oder, wenn man will, überhaupt als W a h l b r o s ch ü r e gedacht. Obwohl das Wort „I u d c" in dieser unerfreulichen Schrift nicht fällt, spürt man doch auf Schritt und Tritt die Judenfeindschajt des Verfassers, und alle die üblichen Anklagen, die wir aus der grob-völkischen Presse gewöhnt sind, werden hier frisch geschrieben und mehr oder minder verhüllt ausgesprochen. Da die Schrift im wesentlichen Fragen behandelt, die unseren Ausgabenkreis mittelbar nicht berübreu. so wollen wir hier nicht des näheren auf sie eingehen. Wichtig aber scheint es uns, um die Sinnesart des Verfassers und der ihm nahestehenden Kreise zu beleuchten, die Schlußzeilen der Broschüre wiederzugeben: „Wer für das internationale Schiebertum cintritt, der mag für Demokraten und Sozialisten stimmen. Wer aber seine Stimme, seinen Wahlbeitrag, seine Ueberrcdungskraft von Nachbar zu Nachbar für die Rechte hergibt, der kann wenigstens sicher sein, daß dort nur einem einzigen Inbegriff die ganze Liebe, die ganze Arbeit gilt: Deutschland!" Gegen einen derartigen üblen Hochmut sollten alle Parteien in Deutschland Front machen. Ein jeder redliche und ehrliche Deutsche, der. ohne große Worte zu machen, seinem Berufe und seinem Erwerbe uachgeht, und der seine Pflichten gegen Volk und Vaterland treu erfüllt, arbeitet an der deutschen Sache und für Deutschland. Das ist das deutsche Unglück, daß P a r t e i a b st e m p e l u n g auch in den Augen so vieler Rechtsradikaler mehr oder minder Wert oder Unwert der nationalen Einstellung bedeutet. Nur wenn wir uns von diesen spezifisch nationalistischen, nur in Deutschland möglichen Gedankeugängen endlich frei machen, werden wir innerpolitisch weiter kommen.