Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 7 (1928)
- Issue
- 15 (13.4.1928)
- Date
- 1928-04-13
- Page
- Seite 204 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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204 Katharina v. Kardorss-^hcimb erinnert au die .„geistvolle j Klugheit aller gesitteten Zeiten der Vergangenheit", die sie fitr den j Wahlkampf neu belebt zu sehen wünscht, und schreibt: j ,, . . . Jeder hat vollkommen recht, sein eigenes Weltbild uiib feine politische ltcbei-’eiiöimo für richtig und echt ni halten, denn ge entspricht clxn seiner Individualität. Ader ebenso mim cv mm) bei den anderen, ^tndersdentendcn die individuelle Richtigkeit und Echtheit, die Ehrlichkeit der politischen Ueberzengung anerkennen und achten. 6s i}t sowohl Taktlosigkeit wie auch kurchichüge Verkennung der Tatsachen der notwendiaen individuellen Verschiedenheit aller Menschen, trenn inan dem politischen Gegner rnndwea die Ehrlichkeit seiner politischen Ueder- .leugung und seines politischen Wollenabstreitet und ihm. nur well er die Tinge anders siebt und anders behandelt, gar als politischen Hochstapler und Schuft verurteilt." Sechs Gebote stellt NcichStagsPräsiDcut Lobe auf. 6r ermahnt u. a.: „Setze bei deinem Gegner dis zum Beweis des Gegenteils immer voraus, daß auch er dem deutschen Volke nutzen will. Vielleicht irrt er sich. Vielleicht verwechselt er den Ratzen für eine .Ulasse, eine ^chichtz einen Berns mit deui Nutzen fürs ganze Volk, das ist möglich. Tas kann ihm sachlich, überzeugend nachgewiesen, aber der gute Glaube soll ihm nicht abgestritten werden. Bedenke, daß du Anhänger anderer Uebeizeiigungen zu deiner Ansicht bekehren willst, daß du dies am wenigüen durch Beschimpfung derjenigen erreichst, die bisher eine andere Ansicht hegten. Bedenke, das; es ein Mangel geistiger Fähigkeiten ist, wenn du den Gegner persönlich angreüst, statt ihn fachlich zu widerlegen. Nur die Unzulänglichkeit greift zu. plumpen.Angriffen an Stelle der sachlichen Widerlegung." Reichskanzler a. D. Philipp Scherdcmarnr stellt _ feft das; in feinem anderen Lande Wahlkämpfe mit solcher persönlichen Gehässigkeit ausgeführt werden mie in Deutschland, und daß der Appell an die Parteien schon deshalb wenig Erfolg habe, weil „die eine und andere Partei vielleicht überhaupt nur noch auf Grund ihrer Unwahrhastigkeit und gehässigen Kampsesweise vegetiert". „Bedauerlich ist cs, das; die Verleumder vielfach ^zu glimpflich bei Gericht davonkommen. Alan denke nur an die Prozeße, die der Reichs-. Präsident Ebert hat führen minien! Sodann: oft genug musste man bei politischen Prozencn den Eindruck gewinnen, daß die Gerichte dem Kläger zu muteten, sich von den gegen ihn erhobenen Beschuldigungen zu reinigen, anstatt von den Verleumdern den Wahrheitsbeweis für ihre Behauptungen zu verlangen. Gin weiterer Nebelstand ist es, wenn die Gerichte Zulassen, daß zur ,Verteidigung' eines Verleumders allerlei Klatsch und Tratsch, der mit dem Gegenstand der Anklage ganz und gar nichts zu tun hat, berangezogen wird, solcher unerwiesener Klatsch wird sensationell ausgemacht und v-erbeitet, setzt sich in den Köpfen der Leser als Tatsache fest und verdrängt den Kern des Prozesses." Dr. Marie-Elisabeth Luders nennt Lüge immer eine Feigheit tmb Unmoral und schreibt: „ Es gibt nichts, was das Vertrauen in den menschlichen Anstand sachlicher Gegner und den Glauben an ihren ehrlichen Willen zur Sachlichkeit so erschüttert, was der Erledigung der Arbeiten so große Hindernstw bereitet, so viel Vergeudung von Zeit und Kraft verursacht, wie dieses verhängnisvolle Gemisch von Lüge und Feigheit, das zum Ilebcrfluß auch noch mit dem betrügerischen Namen geschickter Taktik oder gar Diplomatie bezeichnet wird. — Es gibt nichts Lähmenderes und die Achtung vor der Person des Gegners Zerstörenderes, als diese feige Gerissenheit in Mienen und Worten zu beobachten, die nicht selten die vergiftende Waffe gerade der äußerlich Korrekten ist." Ter preußische Staatsminister a. D. Tr. Boclii; ruft nach einer . „politischen Bannmeile, die im Wahlkampf Gebiete des politischen Lebens umschließen solle, vor der wir alle haltmachen sollen. Schaffen wir eine solche Bannmeile, die sich um die persönliche Ehre des Gegners legt. Dessen Politik wir vielleicht scharf bekämpfen müssen, die sic?) vor allem mit sein Hans' und um seine Familie legt. Wir schaffen sic aUcui Durch unser Beispiel im festen Glauben, Daß schließlich die Methoden Des wirklich anständige): Politikers siege): iverbau* lf4 nach- Ein Aprilscherz in vier Tprachc». Der U. Boduiig-Verlag, Erfurt, de» der Mannte radikcilvöttische Major a, D. Fleischhauer leitet, labt alS fenfntimicUc Broschüre, mit reklamchaftcm Umschlag versehen, soeben eine Flugschrift erscheinen, die „DeZ Kaisers Traum. In England ansqeslöbert und der Vcr ~ ' " ' - betitelt eines folgenden Broschüre veröffentlichten Textes wörtlich mit dem ihm vorgelegten Exemplar von „The Trutli" itOcreiiiftiutmh Umschlag, notarielle Beglaubigung, Vorwort und Inhalt sind in vier Sprache): gedruckt: englisch, deutsch, französisch und spanisch. Das Vorwort weist daraus bin, daß die englische Zeitschrift „The Trutii" zu Weihnachten 1S90 eine mit begleitendem Tort Der* fcfj-eitc Karte veröffentlicht habe, die Europa merkwürdigerweise mit derjenigen Grenzziehung darstellt, die durch den Versailler Vertrag späterhin Wirklichkeit geworden ist. Die Juden hätten aus geheimnisvolle Art und Weise die Weihnachtsuummer des „TrutU“ und die OrißinaCfarfe zum Verschwinden gebracht, io daß sie in der ganzen Welt nicht mehr auf,zutreiben gewesen sei. Dem U. Bodung-Bcrlaa sei endlich von privater Seite " so sei der Verlag in ‘ geplünderten SDölfevu" e ein Exemplar überreicht wwrden, und ze, diese „hiermit auszugsweise den aus- Zu zeigen. der Lagc^ Major n. D. Fleischhauer tut sich auf seine Entdeckung viel zu viel zu gute, denn in den „Weisen von Zion" hat Herr Gottfried z n r Beek bereit* auf Seite 215 die gleiche Karte veröffentlicht. Es stimmt, daß die Karte Weihnachten 1690 veröffentlicht wurde, aber &err Fleischhauer und Herr Bcek wußten nicht, das; die englischen Zeitungen zu Weihnachten in der Regel gerneinsam mit einen: Neujahr skatender etwas besonders Spaßhaftes zu bieten pflegen. So ist des Kaisers Traum eine in satirisches Gewand gekleidete Verhöhnung Wilhelms II., der in den letzten Monaten vor Bismarcks Entlassung Europa durch seine impulsive Art zu überraschen begann. Auf der Karte sieht man links oben in einer Gruppe Die stark verkleinerten Karikaturen der europäischen Monarchen, wie sie sich vor einem Arbeitshaus drängen, während ganz Europa in Republiken aufgelöst ist. Großbritannien, Schweden und Norwegen, Dänemark, Spanien, Italien, verdien, Bulgarien sind Republiken, ebenso wie Frankreich, die Schweiz und Deutschland. Rechts an: Rand fang: Rußland an, und mau liest die Worte „Nussian Dcsert" (russische Wüste), wie das damals im Westen noch so wenig bekannte Zarenreich von sorglosen Publizisten im Scherz genannt wurde. Besonders amüsant ist daran, daß man auf der Karte Wilhel m 11. mit einer binnen S8 x i 11 e sieht, und hier scheint den vorausschaueudcn Weisen von Zion in der Tat ein Irrtum passiert zu sein, denn bekanntlich hat später nicht Wilhelm II., sondern Ludendorff die blaue Brille benutzt. Nun ein Letztes, mn die Ueberzeugungskrast der Karte zu erhärten: T-er Herausgeber der Zeitschrift „The TruUi", llour.v IiaI)on<‘h<vre, war, wie allen bekannt, die die politische Geschichte des Antisemitismus kennen, einer der ganz wenigen tätigen Antisemiten, die England in jener Zeit hatte. Er war auf dieses Monopol ganz besonders stolz, und in London sagte man scherzhaft, Labouchöre wäre bereit, jeden Engländer totzuschlagen, der sich ebenfalls zur antisemitischen Gesinnung bekenne und ihm Dadurch das Monopol streitig machen würde. Ter „Tniiir erschien zu Weihnachten als Scherzfür Neujahr, die Broschüre von: ll. Bodung-Berlag erschien gegen den 1. April. Andere Lander — andere Sitten. Aber in England fiel niemand ans den Scherz hinein. Von Tr. Kurt Zielenziger. „Dies aber ist ein Merkmal des Großunternehmens, daß es neue Unternehmungen zeugt/ Als Walther Rathenau in seiner Schrift „Vom. Äktienwesen" während des Krieges Diesen Satz nieder schrieb, befand sich die K o n z e r n b i l b u n g in Deutschland noch in dcn Anfängen. Gewiß, auch Das Deutsche Wirtschaftsleben kannte schon vor Dem Kriege Die Niesengebilde großer Gruppen gleichgeartetLr oder sich ergänzender Betriebe. Tie horizontale oder vertikale Konzentration galt auch hier in vielen Industrien für Den Schlüssel z u r w i risch a f t l i ch e n M acht, über die es ' leicht war, politischen Einfluß zu gewinnen. Erst die Nachkriegszeit aber hat das Anwachsen der Konzerne ermöglicht. Gruppe reiht sich an Gruppe: benachbarte Industrien verbinden sich oder, wie Rathenau cs formulierte: „dos Unternehmen erweitert sich zur Gruppe, zmn Konzern, erlebt Fortpflanzungen im dritten und vierten Geschlecht". Wir haben an dieser Stelle ans die Wandlungen in der Struktur der Deutschen W i r t f cfj a f t schon mehrfach hingewiesen. Aber wir wiederholen uns nicht, wenn wir es auch heule tun. Denn neue Tatsachen liegen vor. Neue B e w e i s D o f u nie utc sprechen. Immer wieder konstatieren wir: der Einzclunternehmer verschwindet nicht, aber sein Einfluß sinkt. D c r KaPitalist verliert an Boden. Und der jüdische Kapitalist? Erft recht! ’ Als hier vor einem Jahr Tr. Norbert Einstein zu ähnlichen Schlüssen kam. war soeben die amtliche Denkschrift des Statistischen Neichsamts über die Konzerne und Jnteressengemeinschasten erschienen. Jetzt liegt nun eine neue amtliche Veröffentlichung über „Das Aktienkapital in den deutschen Konzernen" vor (in Heft 3 von „Wirtschaft und Statistik"), das diese Zusammenstellung des Vorjahres ergänzt und erweitert. FehlcrqucKct: der früheren Statistik sollen durch die neue Publikation beseitigt werde;;. Bor allem versucht mau nun, Doppelzählungen zu vermeiden. Wenn man die Bedeutung eines Konzerns erfassen will, könnte man zunächst die NominalkapiLalicn Der einzelnen der Gruppe angehörenden Aktiengesellschaften zusammenstellen. Man könmo sagen: der Konzern umfaßt zum Beispiel zehn Gesellschaften mir je zehn Millionen Mark Aktienkapital, repräsentiert also eine Macht von hundert Millionen Mark. Das führt aber zu Fehlschlüssen. Dem: wenn zun: Beispiel eine Gesellschaft die Aktie;: der anderen im Portefeuille hat, dann sind nur die Aktien dieser abhängigen Gesellschaft die Bertörperer wirtschaftlicher Werte: nur hinter ihnen stehen die Maschinen, Fabrikgebäude und die Warenvorräte. Am 31. £ktober 1927 c\ab cs mm imganzen 12008 &Eticu* gesells ch asten in Deutschland mit einem Nonünnlkapikal von 21,329 Milliarden; das w i r k l i ch e Kapital dieser Nuternelnmln-