Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 7 (1928)
- Issue
- 14 (4.4.1928)
- Date
- 1928-04-04
- Page
- Seite 188 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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1$$ Groszstavtische Propagandamethoden — „Bauernkampf" — Unentgeltliche Enteignung des Bodens — Völkisch-nationaler Bauernblock in Ostpreugerr — Boykott gegen jüdische Karrflente, Aerzte, Anwälte. A. KL In sehr bemerkenswerten Ausführungen hat der Reichstagsabgeordnete Lemmer die Frage: Warum Dauernunrnhen? in Nummer 12 dieser Blätter behandelt. Seine Untersuchung bietet .eine höchst dankenswerte Grundlage für einige Betrachtungen politisch-psychologischen Charakters. Aus ihnen wird man die Gefahren adleitcn können, die das Hcranstragcn der Methoden städtischer politischer Agitation ans das slache Land bedeutet. Das Wort von dem „dickschadligen Bauern", der, was er sich einmal als Ziel vorg-enommen, ohne nach rechts und links zu sehen, durchzusetzen sich bemüht, gilt auch für die Gegenwart. Ebenso zutreffend scheint uns aber auch die Feststellung bekannter Kultur- Philosophen zu sein, die das bäurische Clement innerhalb der Völker als deren „ahistorischen Bestandteil" ansehen. Glück und Unglück -des Volkes gehen über den pflichtgetreuen Mann, der Jahr um Jahr die Jahrhunderte hindurch die Scholle aufreißt, die Saat streut, den Halm mäht und das Korn drischt, letzten Endes hinweg, ohne ihn umzuwandeln. Trotz aller technischen Fortschritte, trotz Rundfunk, Telephon, Elektrizität und landwirtschaftlicher Maschinen steht die Seele des Dauern den zeitgenössischen geistigen Fragen mit einer starken Fremdheit gegenüber. Tie Bauernschaft war deshalb auch innerhalb der politischen Bewegungen, trotz starker politischer Interessiertheit der Besitzer, ein ruhendes Element. D-er Smmiizeltcl lautete mit geringen Unterschieden meist auf dieselbe Partei; die Haltung zu Volk, Obrigkeit, Vaterland blieb irn wesentlichen unverändert. Die Politiker, die mit der Landbevölkerung zu tun hatten, waren sich dieser Grundtatsache auch stets bewußt, fte haben deshalb Mc Interessen der Bauernschaft nur insoweit geweckt und sich nutzbar zu machen versucht, alses mit ihren eigenen Wünschen und Interessen noch vereinbar war und tiesergehende Bewegungen vermied. Nun wird die nationalsozialistische Agitation auf das flache Land vor getragen Sie nimmt bewußt auf die Erfahrungen der politischen Bearbeitung der Bauernschaft, wie sie früher bestanden, keinen Bedacht. Ihr liegt ja auch weniger daran, gleichgerichtete Wirtschaftsinteresten zu vereinigen, als Unruhe, Verwirrung, Mißtrauen gegen alles und jeden unter der Landbevölkerung hervorzurnfen. So hofft sie. der eigenen Partei Stimmen zuzuführen — Stimmen, die durch Maßlosigkeit in Versprechungen, durch Hemmungslosigkeit in der Bekämpfung des Gegners, durch Bedenkenlosigkeit in der Erlveckung primitivster Instinkte nach Boden und Macht gewonnen find. Das Blatt des neuen Nationalismus „Der Vormarsch" schreibt, die Absichten seines Kreises sehr gut enthüllend (März-Hest 1928): *. Dem Bauern hat bisher das Erlebnis eines polrtisckten Kampfes gefehlt. Deshalb wünfä>cn wir, daß dieser Kampf möglichst lief in das soziale Erleben des Bauern eindringcn möge. . . . €cin Bauernkawpf durchrüttclt die Nation viel tiefer und nachhaltiger als jeder andere soziale Kampf, weil von ihm diel unmittelbarer daN Wohl und Wehe der Nation berührt wird." — Und sogar die „Standarte" (März 1928), das Blatt des radikalen Flügels des Stahlhelm, glaubt daß es an der Zeit ist, der Bauernschaft folgenden Nat zu geben: ,r. . . Die einzige, einigermaßen wirksame Selbsthilfe (weil sic kein Geld kostet) wäre Einftellung aller Zahlungen an Staat- Reich und sonstige Manichäer und vor aUcui der Soziallastcn und Schulabgabcn — und wie die Erfahrung zeigt: in jedem Kreis ein ,Bcrnkastcl'." In den Städten, insbesondere in den Großstädten, hat man die Erachte dieser radikalpolitischcn Arbeit oft genug reifen sehen. utzende von blutigen Ueberfälleu, unter, ihnen viele mit tödlichem Ausgang, bezeichnen ihren Weg. Hier ist ihre Wirkung aber letzten Endes nur vereinzelt zu spüren. Wenn auch die Braunhemden Hitlers in den Städten mitunter gar nicht gering an Zahl sind, so kommen sie zur Erreichung der tatsächlichen Macht doch gegenüber der Ueverzahl der andersgerichteten Bevölkerung nicht in Betracht. Anders dagegen ist es auf dem Lande, wo die Bauern mit einer ausgeprägten Politischen Ueberzeugung die Ueberzahl bilden. Vereinzelt nur lel>eu dort Andersgesinnte. Wenn man dort die gleiche Methode verfolgt wie in der Stadt, so bedeutet das keine glanzvolle rethorische Leistung mit vereinzelten .Wirkungen krimineller Natur, sondern sehr leicht kann es, wenn 'auch nur vorübergehend, zu politischen Wirkungen recht beachtlichen Ausmaßes kommen. Man spricht davon, daß ein Mensch, dem der Alkohol ungewohnt ist, durch ein kleines Quantum schon in einen erregenden Rausch verseht werden kann. Aehnliche Erscheinungen kann man auch in anderem Zusammenhänge feststellen, wenn vollkommen neue (Sc* danken und Vorstellungen, gegen welche Abrvehrkräste oder wenigstens Skepsis zu entwickeln die Seele bisher keine Gelegenheit hatte, auf einen Menschen einströmeu. Wie eine große Verheißung predig! der Artikel 17 des Programms der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei: „Wir fordern eine unseren nationalen Bedürfnissen angcpatzte Bodenreform, Samsfung eines Gesetzes zur n n entgeltlichen Enteignung von Boden für gemeinnützige Zwecke." Und wenn in dem Landvolk daneben noch die Vorstellung erweckt wird, es brauche nur zu wollen, um das Ziel zu erreichen, so muß man sich wundern, daß die Folge dieser Agitation bisher nur so gering war. Aus Königsberg wird uns berichtet: K. S. Wie der Rcichstagsabgcordnete Ernst L e m m c t in Rr. 12 der „E.-V.-Zeitung" nach gewiesen hat. ist die Bauernschaft mit dem Landbunde stark unzufrieden; überall erfolgen aus dieser Organisation in erheblicher Zahl Austritte. Haben sich auf der einen Seite Bauernorganisationen neu gebildet, die zum Teil auf republikanischem. Boden stehen, so wird aus der anderen Seite innerhalb der Bauernschaft der Versuch gemacht sie in völkischem Sinne zu radikalisiereu. Der Landbund des Kreises Sensburg z. B. veranstaltete kürzlich auf dem Marktplatz der Stadt Sensburg unter Teilnahme von Gewerbetreibenden eine große Demonstration, die unter der Parole „Landwirtschaftliche Not" einberufen war, bei der es aber im wesentlichen aus den kommiparischen Landrat des Kreises, Mertiu - k a t. einen Mann demokratischer Gesinnung, abgesehen war. Daß bet dieser Veranstaltung die Zwischenrufe „I u d e n u n d I u d e n w i r t - schast" immer wicderkehrten, erweist die Einstellung dieser Landbündler. Nachdem etwa 1500 Landbüudler vor das Finanzamt gezogen waren, begab sich eine Abordnung ins Landratsamt zu Landrat M er t in kat unter Führung von Rittergutsbesitzer Major er. D. Herz (Klcptow), der zum Landrat sagte: „Herr Landrat' Das Messer sitzt uns an der Kehle. Ich fordere Sic auf, bei Ihrer Vorgesetzten Behörde den Antrag zu stellen, daß Sie in acht Tagen abberufen werden. Sehen Sie draußen die Massen. Wenn ^ie in acht Tagen nicht fort sind, dann werde ich die Masten nicht mehr in der Hand haben!" ... In Ostpreußen sind die Führer der d e u t s ch v v l k i s ch e n F r e i - heitsbewegung dabei, die Unzufriedenheit der Bauern für ihre eigenen Zwecke auszunutzen. Ihnen ist der Landbund .offenbar noch nicht völkisch genug. Man hat zu diesem Zweck eine eigene Organisation geschaffen, den Völkisch-nationalen B a n e r n b l o ck , für den der Reichstagsabgeordnete Jürgen von Ra min und der Landtagsabgeordnete G i e s e l e r erhebliche Propaganda betreiben. In Tilsit fand kürzlich eine Versammlung des Dolkisch-nationalenBauernblocks statt, zu der über 600 Bauern und Arbeiter aus der Umgegend erschienenwaren. Die beiden „Kanonen" Ramin und Gieseler wirkten hierbei selbst als Referenten mit. Während Ramin in letzter Zeit eine vornehmere Taktik angeschlagen hat und besonders gegen den Sozialismus zu Felde zieht, fährt der Forstmeister Gieseler, an depen politischem Radikalismus seine Strafversetzung in eineObersörstereides tiessten Winkels Ostpreußens nicht das geringste zu ändern vermocht hat, schwereres Geschütz aus. Im biederen derben Ostpreußisch des braven Landmannos treibt er st a r k e I u - e n h e tz e. Wenn in T i l s i t die Versammlung einen recht zweifelhaften Ausgang genommen hat, so kam das lediglich daber^ daß die Kommunisten die Versammlung zum Schluß durch ^Absingen der Internationale sprengten, während auf der anderen ^eite das Deutschlandlied angestimmt wurde, und daß sich nach diesem lieblichen Duett die feindlichen Brüder in die Haare gerieten, wobei es blutige Köpfe gab. . . . Als Gründer von Ortsgruppen des Völkisch-nationalen Bauernblocks betätigt sich auch im südostpreußischeu Masuren der Lötzener Arzt Dr. Lust, dessen Agitation dadurch besonders gefährlich ist, daß er in Südostpreußen ansässig und daher genau bekannt ist. Ein derartiger Agitator wirkt natürlich ganz anders aus die Kreiseinge feste neu wie jemand, der aus einer anderen Gegend kommt und lediglich von Zeit zu Zeit Vorträge hält. Daß 4. Jahrgang: Ipsi Heft 1 Zweimonatsschrift Herausgeber und ScJttiftlcitiuig: Prof. Dr. JtilluJ Goldstein (Danrntadt) soeben erschienen Aas dem Inhalt des ersten Heftes: Rudolf Hallo: Jüdische Kultand Kunstdcnkmäler lm Hessischen Landesmuscum Kassel. — Theodor Steinbüchel: Karl Marx. Gestalt and Ethos. — R. Travers Herford: Die religiösch Grundlagen, lm Lichte des Christentums und des rabbinischcn Judentums. — Regina Barkan: Neues und Altes zur Idee des Führertums. — Elfe Schnbcrt-Christaller: Das Testament Eine Legende, — KortZielenziger: Die Aufgaben der Enquete-Kommission. — Artoro Bab: Die berufliche und soziale Schichtung der Juden in Argentinien. — Jniina Goldstein: Schriften zw religiösen Lago der Zeit. — Anzeigen. Zu beziehen: Philo Verlag, Berlin SW 68, Lindenstr. 13. Einzelheft 2,25 M.» Jahresabonnement 12 M.