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Central-Verein-Zeitung · 1928-04-04 · 14 (4.4.1928) · p. Seite 187

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
7 (1928)
Issue
14 (4.4.1928)
Date
1928-04-04
Page
Seite 187 (sequence 3)
Language
German
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1$7 über einen so schwierigen Stoff entgcgcnuchiircn darf, ganz abgesehen davon, daß er als engster Partei- und Kampfgenosse des Angeklagten vom Staatsanwalt mit Erfolg wegen Befangenheit hätte abgelehnt w e r d e n können. Es ist ein Mißbrauch des E c r i ch t s s a a l e s. wenn cs einem solchen „Sachverständigen" gestattet wird, an dieser Stelle Unter dem Vorwand eines Gutachtens seine von Tcinagogie und Unwissenheit erfüllten Entstellungen der jüdischen Lehre vorzittragcn. auch wenn man dies viellcicljj zulieb. um dem Angeklagten jeden Borwand zu Beschwerden über Beschränkung seiner Verteidigung abznschncidcn. W« L» Nochmals: Die „^uöen von Nassau". Das Urteil erster »r»D zweiter Instanz aufgehoben. Wir berichleterl mehrfach. zuletzt in Nr. 52/1927 unseres Blattes, über das Privatklagever fahren, das 24 Nassauer Juden gegen den „Völkischen Beobachter" in Dämchen angestrengt hatten. Dieser hatte ..den Juden des ganzen Bezirks Nassau" vorgeworftn, daß sic durch Verleumdung bei der feindlichen B e s a tz u n gs b e h ö r d e das Verbot eines „Deutschen Tages" zu erreichen versucht hätten. Die Juden hätten auch am Nassauer Tag den Beweis geliefert, daß sie allein die wahren Todfeiirde des deutschen Bolkes sind, und daß sie die französische Besatzungsbehörde lediglich als ein Werkzeug betrachteten, mit dessen Hilfe sie die Befreiung Deutschlands aus den Klauen seiner^Verderber zu verhindern suchten. Nachdem. zunächst schon die Eröffruu g des i Verfahrens nur mit Schwierigkeiten zu erreichen war, sprachen Amtsgericht und S t r a f k a m tn e r München den nngef tagten völkischen Redakteur frei. Zur Begründung wurde darauf verwiesen, daß es sich um eine sogenannte K o l l e k t i v b e l e i d i g u n g handle; da eine Vielheit von Personen beleidigt sei, müsse der einzelne unter diese Vielheit fallende Ltrafantragsleller beweisen, daß gerade er von dem Angeklagten mitgemeint worden sei. Tie einzelne, unterwiese Vielheit fallende Person sei nur dann von der Beleidigung getroffen, wenn tue Absicht bestand, alle unter sie fallenden Personen zu treffen. Wir hatten bereits früher darauf verwiesen, daß diese Argumentation im Gegensatz zu neueren Entscheidungen zahlreicher Gerichte stehe, und daß sic insbesondere der Stellungnahme des Leipziger Kommentars (Eber ma her) widerspräche. Jetzt hat das Oberste LandcsgcrichL in München auf die Revision der von Rechtsanwalt Levinger (München), dem juristischen Berater des Ballett schon Landesverbandes des E. B., Vertretenen Privatkläger das Urteil der Strafkammer aufgehoben. In den mündlich bekanntgegebenen Gründen bezeichnet das Revisionsgericht die Aeußerung „die Juden des ganzen Bezirks Nassau" als genügend eng begrenzten Personenkreis, so daß die darunter erfaßten Einzelpersonen zur Klage berechtigt erscheinen können. Ter Tatrichter inüsse prüfen, ob der angeklagte Redakteur sich bewußt gewesen sei. daß er mit seinem Vorwurfe auch die Privatklüger t>abe treffen wollen. Das Oberste Landesgericht weist aber schon jetzt auf Stellen in dem Artikel hin, die Schlußfolgerungen in dieser Richtung zulapen. Die Sache wird nun nochmals zur Verhandlung kommen. Wir werden über das Ergebnis berichten. Re. leg Eine Pessachbeirachtung von Rabbiner Dr• Ernst Jacob (Saarbrücken)* Israel verdankt dem Auszug aus Aegypten seine Religion und seine Freiheit. Pessach ist ein Siegessest: Pharao, der Typus des Tyrannen, versinkt ins Meer; das Eottesvolk zieht aus „dem Hause der Knechtschaft* dem Berg der Offenbarung entgegen. Wie begehen andere Völker ihre Siege? Sie feiern rauschende Feste, sie errichten eherne Denkmale, sie singen stolze Lieder von der eigenen Herrlichkeit und Berufung. Das völkische Selbstgefühl wird geweckt und manchmal so gesteigert, daß die übrige Wett sich dadurch bedroht fühlen kann. Wie feiern wir Juden die große Stunde unserer Befreiung? Wir esien Mazzoth und Moraur, Brot der Armut und bitteres Kraut. Auch wir singen Lieder. Aber sie sind auf den Grundton gestimmt: „Nicht uns, o Herr. nicht uns, sondern Deinem Namen gib die Ehre/ Durch diese Art der Feier hat das Judentum der großen Gefahr zu begegnen gewußt, mit der Sieg und Erfolg die Menschen bedrohen: der Hybris, dem Uebermut, der so oft Männer und Völler dem Untergang entgegengeführt hat. Es ist die Tragik des Sieges, daß ihm leicht Selbstüberschätzung folgt und ihm seine Früchte raubt. Wir Juden haben in unserer tausendjährigen Geschichte öfter zu den Besiegten als zu den Siegern gehört. Man ries uns zu: „Vae victis" („Wehe den Besiegten"), und gerade dadurch haben wir vielleicht die Zeiten überdauert. Nom eroberte die Welt und ging daran zugrunde. Die germanischen Stämme, die es in der Völkerwanderung mit frischer Kraft überrannten, erbten seinen Reichtum, aber auch die innere Fäulnis, die sie ihren Sieg nicht lange überdauern ließ. Das Glück berauscht den Glücklichen, und in der ersten Besitzerfreude beschwört er selbst die Mächte herauf, die ihn ins Verderben führen. Diese Tragik des Erfolges zeigt sich auch im Leben der Einzelnen Familie, besonders in unserer Generation, soweit sie es durch ihre Arbeit und günstige Umstände zu Wohlstand gebracht hat. Der Vater zog vielleicht mit dreizehn Jahren und drei Talern in die Welt hinaus. Die Not machte ihn strebsam, ansdauernd, erfinderisch, aber der Sohn wächst in Verwöhnung und Verwerchlichung auf und versagt vor den harten Anforderungen d>es Lebens. Unser deutsches Judentum Wird hier vor ein schweres Problem gestellt. Es zählt in -manchen Kreisen immer mehr Erben und immer weniger durch eigene Kraft emporgestiegene Männer in seinen Reihen. Wer mit unserer Jugend in tun hat, weiß, daß oft die geistige und sittliche Kraft nachlüßt, wenn das Kind m der Treibhausluft einer üvpigen Lebensführung des Hauses aufwächst. Die erste Generation kennt noch aus eigener Erfahrung andere Zeiten. Ihr Charakter ist unbewußt von eigener karger Kindheit geprägt und damit gegen vieles gewappnet.. Die Kinder werden liebevoll vor der kleinsten Entbehrung mib Entsagung behütet und Zerbrechen dann, wenn das Leben sie hart ansaßt. Je lueiter wir uns von der Notzeit des Krieges entfernen, desto mehr Jugend wächst wieder in ruhigem Wohlstand auf und wird diesen Gefahren ausgesetzt. Sollen wir deshalb uns und unseren Kindern Unglück oder Armut wünschen? Sollen wir wie Polykrates, vor neidischen Göttern bangend, dem, was das Geschick uns gab, entsagen? Gewiß nicht. Aber wir müssen Gegengewichte und Hemmungen schaffen gegen die ungünstigen Wirkungen des Erfolges. Wie das moglicfj ifi:, zeigen die Symbole und Lieder des Sederabends. Wodurch erinnern sie uns an die Anfänge unseres Judentums, an die Nacht der Knechtschaft? Sie geben uns die Leiden der^Däter buchstäblich zu schmecken. Dieses armselige Sklavenbrot ohne Würze und Süße haben sie gegessen. So bitter wie dieses Kraut war ihr Leben. Nur wer einmal die Knechtschaft geschmeckt hat, weiß die Freiheit zu würdigen. Das menschliche Gedächtnis braucht sinnliche Anhaltspunkte. Wer denkt zum Beispiel noch an alles das. was wir im Kriege ausgestanden haben? Wenn aber die Völker jedes Jahr acht Tage lang nur Kriegsbrot äßen, würden sie vielleicht den Frieden höher schätzen und heißer festzuhalten suchen. Nirgends ist die Anschaulichkeit wirksamer als in der Erziehung. Und so sollte man gerade Kindern, wie es das Judentum am Sederabend tut, zeigen.^ daß ihre Väter es schwer gehabt haben, und sie zu der Genügsamkeit erziehen, die imstande ist, selbst in schweren Lebenslagen auszuharren. Freilich, mit der Erinnerung an die kleinen Anfänge, aus denen jeder Erfolg hervorgegangen ist,.kann es noch nicht getan sein. Das Bewußtsein eines Aufstieges fördert eher den Stolz auf das Erreichte oder läßt übermäßig daran hängen. „Du sprächest in deinem Herzen: Meine Kraft und die Stärke meiner Hände haben mir dies alles geschaffen." Die schlimmste Gefahr, die int Glück liegt, ist, daß man es für wohlverdient hält und sein Versagen für eine Ungerechtigkeit. Religion lehrt uns, was wir haben, als eine unverdiente Gunst zu l^trachterr unt als ein Pfand, das uns zur Nutzung anvertraut ist und das uns jede Stunde wieder abverlangt werden kann, ohne daß wir uns beklagen dürsten. Bon nichts gilt das mehr als von den Gütern, die uns der Auszug aus Aegypten bescherte: Glaube und Freiheit. Sie sind kein fester Besitz, der uns niemals wieder entrisien werden könnte. Die Freiheit hat das Judentum seitdem schon oft von neuem eingebüßt und von neuem erringen muffen, al>er wenigstens schien ihm sein Glaube gesichert. Heute dünkt uns die bürgerliche Freiheit unverlierbar, aber unser Glaube ist durch Gleiäzgültigkett, durch die Seelenlosigkeit und Hast des Alltags schwer bedroht. Um so mehr brauchen wir und unsere Kinder die Gedanken dieses Pessachfestes, die sich in seiner Feier verkörpern. Wir halten Seder in dankbarer Erinnerung an die jüdische Vergangenheit und in festem Vertrauen auf die jüdische Zukunft. Wir begehen unser Siegesfest und erzählen dem neuen Geschlechte die alte Kunde, wie Gott uns Glauben und Freiheit geschenkt hat.

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