Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 7 (1928)
- Issue
- 12 (23.3.1928)
- Date
- 1928-03-23
- Page
- Seite 155 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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VW / Si»e lchmNs ErlZiStt-i-g. i Hg. Der Optimismus liegt in der Natur des Manschen. Wieviel Trübes ihm auch begegnet sein mag. immer wird er hoffen, das; das, was einmal übel ausgegangen ist, beim nächsten Male glücklich enden wird. Nur so ist es zu erklären, das; der Begriff von der ..Lehrmeisterin Geschichte" eine Phrase ist. und daß säst kein anderes Geschahen so wenig Wirkung nach sich zieht wie die Ergebnisse geschichtlicher Vorgänge. Noch nicht fünf Jahre sind es her. daß in München und weiten Teilen Bayerns von n a t i o n a l sozialistischer Seite Hitler an der Spitze, eine in Mäßlosigkeiten sich überstürzende Agitation gegen den Staat und gegen die Juden insbesondere betrieben wurde. Fast vergeben ist es schon, daß damals die Agitation zur Aktion führte, daß es zum Putsche kam, daß die Staatsgewalt ins Wanken geriet, und daß alle Folgen einer anarchischen Herrschaft auf den M ün ch enerJu de nla steten. Als eine Mahnung für die bevorstehenden Wahlen sollten die Ergebnisse des vom bayerischen Landtage eingesetzten Untersuchungsausschusses, der soeben wieder zusammengetreten ist, ausgefaßt werden. Die Protokolle dieses Allsschusses sollten jeden Wähler aufrütteln, sich der Verantwortung bewußt zu werden, die er selbst am Wahltage trägt. Er entscheidet, welche Parteien in Zukunft die Negierung bilden werden. Die ..Münchener Post" vom 14. 8. berichtet aus dem Referat, das der sozialistische LandtagSabgeordnetc Dr. Hocgner vor dem Unters«chnrrgsa;rsschrrf; gehalten hat u. a. das folgende: Dineuen Akten enthalten vor allem eine allerdings noch lückenhafte Darstellung der Schicksale der am k./l'. November 1923 verhafteten Geiseln. Der erste Jude, der den Nationalsozialisten in die Hände fiel, war der Fabrikbesitzer D r. Ludwig Wassermann (Hauvtvorstandsmitßteilj des E. B. Tie Schristlcitung). der auf eine Einladung des Bayerischen Jndustriellcuverbandes hin zu der ^ahr-Dersammlung im Bürgerbräukeller gekommen war. Er wurde am Schluß der Versammlung auf besonderen Befehl der neuen Regierung verhaftet, in ein besonderes Zimmer verbracht und daraus aufmerkmin gemacht, daß er beim geringsten Fluchtversuch erschossen würde. Später erklärten ihm zwei Nationalsozialisten, daß er am nächsten Tage am Maricrrplatz aufgehangt werde. In das Zimmer dieses Verhafteten wurde später der Schwiegersohn des Landtagsabgeordneten Genossen Erhard Auer verbracht. Früh 5 Nhr wurden diese beiden Geiseln ohne besondere Begründung entlassen. Im Lause des nächsten Vormittags (9. November) wurde auf Befehl des Hauptmau nS Ocsterrcicher. der sich darüber befch:verte. daß nichts getan würde und alles so schlapp sei. eine Reihe von Geiseln in ihren Wohnungen zum Teil unter Gewaltandrohungen. Abfcucrn von Schlüssen im Schlafzimmer usw. sestgenommen und in den Dürgerbräukeller geführt. £ie Verhaftungen dienten t.ils der Befriedigung persönlicher Rachegesühle, teils wurden sie ganz wahllos durchgeführt. Zu der ersteren Gruppe gehören die Fälle Kellner und Waüner . . . Das Nciterkorps Wrede batte im Auftrag seines Führers, Fürst Wrcde. im Klcidergeschäft Bach 76 Brcechesbosen im Werte von über Ivbll Mark beschlagnahmt und im Hutgeschäft Breiter die Reauirierung von Sturmmützen angeordnct. Auch in diesem Falle wurde kein Strafverfahren durchzgcführt, Schadenersatz nicht geleistet. Ein Derbaftungskommando vom Bund Oberland schwärmte am Vormittag des 9. November nach Bogenhausen zwecks Ergreifung jüdischer Mitbürger als Geiseln aus. Einem der Trupps gehörte auch der Sohn des früheren Iuftizminifters Dr. Roth an. weil er mit den Verhältnissen in Bogendausen besonders vertraut war. Die Geiseln wurden teils aus dem Adreßbuch, teils dürft Ablcsen jüdisch klingender Namen von den HauSschilderrr zusammengesucht. Aus diese Weise kielen auch gute alte Arier, z. B. Graf BrnsscUa, ein Fabrikbesitzer Gap, ein Direktor Schulz und sogar ein Mitglied der Bayerischen Volks- Partei in die Hände der Bewaffneten. Tie jungen Herren Roth und Baron Weitzenbeck bemächtigten sich dann in Bogenhausen mit Gewalt eines Kraftwagens, zwangen den Führer, sic in der Stadt berumzufahren und dehnten ihre Verhaftungen bis zu den jüdischen Trödlern in der Dachauer Straße aus. Die Polizei verhielt sich neutral! 3m Falle Stern, in dessen Schlafzimmer die Nationalsozialisten scharf schosien und mit Handgranaten drohten, zogen die bcrbeigcrufcncn Schutzleute wieder ab, „weil sie sich in diese politische Seche nicht eirlmrtchcn wollten". Nach den vorliegenden Akten, die aber nicht vollständig sind, sind nicht ganz zwer Dutzend jüdischer Staatsbürger, darunter ein /jähriger Greis in den Dürgcrbräulciler alö Geiseln geschleppt ivordcn. Dort untersuchte der frühere Irrstizmirrisicr Dr. Roth eine Gcisclgruppe eigenhändig nach Waffen. Den Geiseln wurde verboten, zu rauchen und zu sprechen. Einer der LNrchtpostcn nahm ständig eine sehr drohende Haltung ein. die Schlimmes befürchten ließ, Als die Befreiung schon berannahte. erhob ein Nationalsozlallst vor den in einem Raum zusammengepferchten Juden sein Geioehr, kommandierte: ..Stillgestanden!'' und legte ans die Gefangenen an. Auch in diesem Falle wurde die Eröffnung des Hauptverfahrens ab- .^6kbllck» hat der Staatsanwalt gegen die drichterösfnung des Hauptverfahrens Beschioerde eingelegt... Streicher fuhr, trotzdem ihm von fernen Vorgesetzten der Urlaub verweigert worden war, im Kraftwagen von. Nürnberg nach München, wo er nach dem Punch von Hitler :-:n Auftrag bekommen lzatte. die Aufklärung der Einwohnurschast zu teilen. Erhielt am 9. November an mehreren großen Plätzen Münchens Bereu festenden Inhalts: „Schwarz-Not-Gold gibt cs nicht mehr, wer cs trägt, wird erschossen. Tie-Juden werden an den Galgen gehängt. Schon rast die Tat durch Vas Land. Wer sich nicht füg;, wird gelangt, wer sich fügt, soll sich freuen." Ter Staatsanwalt ürlltc das Verfahren gegen Streicher ein, lveil ihm „eine Beteiligung an dem hochverräterischen Unternehmen nicht nachzuwciscu ui und ebensowenig nachgcwicsen sei, daß Streicher vorher von den Putschplänen Hitlers gewußt hatte . . Rem? Termins an Mischen Feiertagen. Eine Verfügung ves preuszrschcn IustizminrsLers. Wir veröffentlichten in Nr. 4, Jahrgang IW der ,.E. D.-Zeitung" einen grundsätzlich bedeutungsvollen Beschluß des Oberlande-gerich!-:- in Breslau, nach dem L>ei Ansetzung von Terminen usw. auch auf die staatlich nicht anerkannten Feiertage, also auch auf die jüdischen, tunlichst Rücksicht zu nehmen sei. Nunmehr hat der preußische I u st i z m i n i ft e r in Nr. 5 des „Justiz-Ministerial-DlatteZ" vom 4. Februar d. I. auf S. 68 folgende „Allgemeine Verfügung über die Rücksichtnähme auf die nicht gesetzlich an erkannten Feie r - Lage" erlassen: „Es hat den Anschein, als ob die Kt Müller ..Justizverwaltung'. 6. Auslage, S. 1114r15 abgedruckten Bestimmungen über die Rücksichtnahme auf die nicht gesetzlich anerkannten Feiertage nicht mehr überall bekannt seien. Ich weise daher darauf hin, das; cs an gezeigt crscheint, bei der Anberaumung von Terminen den örtlichen und konfessionellen Verhältnissen gebührend Rechnung zu tragen. Auü» wird rechtzeitig gestellten Anträgen aus Verlegung von Terminen, die mit religiösen Bedenken begründet sind, tunlichst zu entsprechen sein." Unter den bei Müller abgedruckten Bestimmungen findet sich auch die Anordnung des Justizministers vom 2. August 1Z7Z, nach der die Gerichte, soweit es die Umstände gestatten und es mit den sonst zu nehmenden Rücksichten sich verträgt, nicht gerade die jüdischen Sabbat- und Festtage zu Terminstagen wählen sollten: zumal wenn ihnen bekannt ist. daß der vorzuladende Jude die Bewraung eines gerichtlichen Geschäfts am einem solchen Tage mit feiner religiösen Ueberzeugung nicht in Einklang zu bringen vermag. Ein Hinweis auf die neue Verfügung des preußischen Justizministers vom 27. Januar 192* dürfte künftig unbillige Terminsanordnungen. wie sie uns in den letzten Jahren öfter beschäftigen mußten, an den hohen jüdischen Festtagen usw. zu verhindern geeignet sein. Rci Zu öen Ratholikenverfolgurrgen in Mexiko. Don verschiedenen Seiten wird behauptet, daß der Präsident von Mexiko. Calles. Jude fei. Wir haben diese Behauptung schon früher widerlegt: diese Mitteilung ergänzt eine Zuschrift von Käpten Franz Rödel in München-Pasing, der uns folgendes schreibt: ..Eallcs ging aus einer mohammedanischen Familie hervor, und diese Abstammung läßt auch die Heftigkeit feines Kampsts 'gegen die katholische Kirche im dortigen Lande verstellen. Der Vorname EliaS tut nichts zur Sache und beweist in keiner Weise die jüdische Herkunft des Präsidenten Falles. Im mohammedanischen Bekenntnis findet sich auch der Glaube an die Propheten. Mob.emrncd und der Jstam haben vieles aus dem Taurat. das ist dem Alten Testament, übernommen, wie sich auch sonst Anklangc an das Judentum in dieser Religion finden. Bedauerlich an der ganzen Sache ist nur. daß sich leider auch katholische Blätter dazu hergeben, gleich die fa'.'chcn Schlüsse zu ziehen, aus irgendeinem jüdisch klingenden Vornamen und damit die ganze Kirchcnversolgung in Mexiko dem Judentum zur Last zu legen — eine willkommene Nahrung, die natürlich mit voller Gier von den Antisemiten ausgenommen wird. Yae calumniatoribus'' Zu den bedauerlichen Vorgängen in Mexiko können wir nur beute wiederholen, was wir bereits in unserer Zeitung vom 22. Juli 1927 zu den Katholikenvcrfolgungen in Mexiko geschrieben haben: „Es bedeutet keine Einmischung in die inneren Verhältnisse eines fremden Staates, wenn wir auch in diesen Blättern unserem Bedauern darüber Ausdruck geben, daß in einem großen und blühenden Lande ganze Klassen von Menschen um ihres Glaubens willen Gegenstand schärfster Verfolgung sind. Mehr als die meisten Blätter hat auch wobl dieses Organ die innere Berechtigung zu einer solchen Aeußerung: denn seit seinem Bestehen gilt sein Kamps allen Verfolgungen, die Menschen um ihres Glaubens willen erleiden müssen.