Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 7 (1928)
- Issue
- 12 (23.3.1928)
- Date
- 1928-03-23
- Page
- Seite 154 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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154 7. Oktober o. I. ausführten, hrnierließ selbst dos Kriegserlebnis zrmächst keine nachhaltigen Lpuren bei deir abhängigen Kleinbauern und Landarbeitern, die sich in den Schützengräben des Weltkrieges zum ersten Male ihres eigenen Persönlichkeitswertes bewußt wurden. Aber jetzt schlägt auf einmal die soziale Spannung auf dem flachen Lande Funken. Allein in der Provinz Pommern geben 90 000 landwirtschaftlicheKleinbetriebe ihren Besitzern ungenügenden Lebensspielraum, weil es zu einer vollen Ackernahrung für die Familie nicht ausreicht. Nimmt cs Wunder, daß Menschen, die von solchen Betrieben leben müssen, der revolutionäre Unmut Packt, wenn sie ihr bescheidenes Besitztum von großen Latifundien mit fünftausend, zehntausend, zwanzigtausend und mehr Morgen Land umgeben sehen? In den Jahren 1919 bis 192s sind nach den Ergebnissen der Betriebszählung 6 0 0 0 0 M e n s ch e n a l l e i n i n P o m - m er n v om La nd i n d i e 2 t a d t e, in d i e I n d n str i e - gebiete und über See ausgewandert. Und gäbe es in den Städten nicht die Wohnungsnot, so wäre die Abwanderung vom Lande noch größer. Tie, die bleiben müssen, rebellieren. Tie gesamte kleine Landwirtschaft leidet unter diesen Spannungen und Zuständen. Der Landarbeiter findet im Osten Deutschlands nicht die menschenwürdigen und menschennotwendrgen Arbeits- und Wohnbedingungen, auf die er glaubt im 20. Jahrhundert Anspruch erheben zu können. Auch er speichert revolutionären Zündstoff in sich auf. Die Herren vom Lande fürchten den Blitz, der eines Tages in diesen Zündstoff hin einschlagen könnte. Darum gehen sie in überschlauer Klugheit selbst daran, diesen Zündstoff allmählich verglimmen zu lassen, indem sie selbst das Signal zu lärmenden Kundgebungen, zu kleineren Revolten vor den Hoheitsgebäuden des Staates geben; sie sehen zu, wie hier und da einige Fenster eingeschlagen werden, und denken sich: Besser so, als daß eines Tages Dauernhaufen vor die geräumigen Schlösser Ziehen, um dort die Fenster einzuschlagen. Minister und Regierungspräsidenten haben dieses Treiben „ein Spiel mit dem Feuer" genannt. Ein seltsames Spiel! Manch ein Bauersmann, der mitmarschiert, gibt aus die Frage, gegen wen er demonstriere, die Antwort: .-Natürlich gegen die ,^)udenregierung" in Berlin. Darüber scheint er mancherorts befriedigt zu sein und ist erstaunt, wenn man ihm klarmacht, daß die Geschicke der deutschen Landwirtschaft in den letzten 15Monaten von einem Führer des Landbundes als deutschnationalem Minister für die Ernährung und Landwirtschaft geführt worden sind. Er ist noch mehr erstaunt, wenn die klügeren seiner Standesgenossen, die sich weigern, mitzuziehen, ihm klarmachen, daß es ein lächerliches Beginnen sei, wenn der Landbund zu solchen Kundgebungen ausruse, die sich materiell gegen das Versagen seiner eigenen Führer als verantwortliche Reichsminister richten. Darum muß Klamauk gemacht werden. Damit die Demonstranten nur nicht zum Denken kommen. Darum ist es auch nicht verwunderlich, wenn sich in den Ton der Kundgebungen, wenn auch vorsichtig, aber immerhin deutlich vernehmbar, als Untertan eine Judenhetze einfügt. Es schien offenbar manchem der Drahtzieher bedenklich, daß in den letzten Jahren der Antisemitismus an Boden verlor. Viele, die" sich daran gewohnt hatten, bei allen Mißgeschicken des Lebens den immerdar verantwortlichen Sündenbock im „Juden" zu finden, ihn Zum Spiel aller Mißstimmung und Verbitterung zu machen, beobachteten das mit großem Unbehagen. Wird der Demagogie des Landbundes nicht von den dazu berufenen Stellen des Staates ein energisches Halt geboten, so werden wir auf dem Lande mit einem Wiederaufleben antisemitischer Agitation rechnen müssen. Eeht's heute zum Finanzamt, um dort die Scheiben einzuschlagen, kann s morgen vor das Gebäude des jüdischen Kaufmanns in der kleinen Landstadt gehen. Tie Sorgen des Landvolkes werden aus lange Zeit hin die Sorgen der Nation bleiben. Wir alle sind daran interessiert, daß die Probleme, die das Landvolk uns stellt, sachlich zur Lösung gebracht werden, das heißt: wo wirkliche finanzielle Not vorhanden ist, muß sie beseitigt werden. Tenn auch der Bauer hat ein stecht aus ein Leben, das lobenswert ist. Tie Methoden der Selbsthilfe aber, zu denen die Landbevölkerung in Schlesien in dieser Woche gegriffen hat, zeigen, daß bereits die äußerste Grenze dessen überschritten ist, rvas skrupellose Demagogen und Drahtzieher fetfreit dürfen. Ter Staat hat die Pflicht, seine Machtmittel mit Nachdruck einzusetzen, denn die Interessen der Gesamtheit sind gefährdet. Und vor allem muß endlich durch systematische und organisch gegliederte Agrarpolitik die soziale und ökonomische Problematik Ostelbicns von Grund auf gelöst werden. Es ist höchste Zeit, nachzuholen, was seit Jahrzehnten und bis in die letzten Jahre hinein unterblieb. Sonst wird es neue und größere Schwierigkeiten geben! MW0M W AitiliÄVI Hy Ar* ,,Aach Möglichkeit einer gründlichen Ansbilvnng" - Zn viel Leere Stellen, aber fast 1000 Inden ahgewiesen — Lcleki, Der geheime Machthaber Souderbericht für die „G. D. - I e i L tt n ff. # Budapest, im Mä r.z. Leide Hänfer des ungarischen Parlaments haben den „gemilderten" miiiieius clausus angenommen, der nunmehr von: nächsten Schuljahr an für die Ausnahme von Hörern an den ungarischen Hochschulen maßgebend sein wird. Tie Selektion erfolgt nicht mehr nach „Rassen und Nationalitäten", wie das alte Gesetz in verlogener nv-h seiger Art das Wort „Juden" umschreibt, sondern nach der Beruf-zugehörigseit des Vaters. Dabei werden die ^öhne der öffentlichen Angestellten und der Ballern bevorzugt, und es muß auch dafür gesorgt werden, daß die einzelnen Komitöte ihre entsprechende „Vertretung" an den Hochschulen erhalten. Ministerpräsident Graf Bclhlcn hat die Antisemiten in: Voraus beruhigt, das; dieses Geseh die Lage der Inden nicht bcsicrn werde. Er hätte ruhig sagen tonnen, das; es den Inden in Zukunft noch schlechter gehen werde, vor allem deshalb, weil früher klar im Gesetz stauch doch 6 v. H. der Hörer Juden sein sollen, während für die Zn kn in i die Festsetmng der Zahl der Inden ganz der Willkür der Hoch schul behörden anhenngestellt ist. Das neue Gesetz ist womöglich noch hinterhältiger als das alte. Jedes Wort dieses Gesetzes und der Begründung, die ihm schriftlich im Motivenberichk und mündlich in der Parlamentsdebatte gegeben wurde, ist Lüge. Im Paragraph 1 wird als Grundgedanke dei- Gesetzes ausgesprochen, daß die Zahl der Hörer der verschiedenen ungarischen Hochschulen der Möglichkeit ihrer gründlichen Ausbildung ängcpaßt werden müsse. Wie hoch diese Zech! zu sein hat, bestimmt der Minister im Einvernehmen mit den Hochschulbehörden. Diese Zochl ist seit dem Jnslebentreten des mmierus clausus unverändert 19 IM. Sie entspricht, wie beluertt, zunächst ' der „Möglichkeit einer gründlichen Ausbildung", doch gleichzeitig auch der Anforderung eines -weiteren Paragraphen des Gesetzes, wonach die Erziehung akademisch gebildeter Menschen sich im Rahmen des ta t sä ch-l ich e n B e d ü r f u i f f c~ des Landes an „Intelligenzlern" zu halten habe. Nur in einem Jahr hat die Zahl der sich zun: Hochschulstudium meldenden jungen Leute das bewilligte Kontingent überstiegen, und zwar im Jahre 1922M, wo 19 672 Plätze beansprucht wurden. T-amals hatten sich nämlich noch sehr viel solche Studenten zur Fortsetzung der Studien gemeldet, die durch den Krieg zu ihrer Unterbrechung gezwungen worden waren. Ihre Zahl und damit die Gesamtzahl der Anmeldungen sank von Jahr zu Jahr und betrug im Jahre 1925/26 — das letzte, denen Statistik dorliegt -- nur mehr 13 5.35, blieb also um 5623 unter dem bewilligten Kontingents Dao heißt, man hätte alle sich nrcldcnderr jungen Leute aufvehmcrr können und die Kapazität dev Hochschulen und der Bedarf Ungarns an Akademikern wäre noch lange nicht erreicht gewesen, ja, man hätte Maßnahmen treffen müssen, damit sich noch Hochschüler melden, hätte Freiplätze schaffen oder gar Prämien aus schreiben müssen, damit keine Ilnterprodnltiou an Intelligenzlern einrciße. Statt dessen hat man fast tausend junge Leute, natürlich Juden, abgewiesen? Aehnlich oder noch schlimmer sehen die Statistiken der anderen Jahre aus. Unterrichtsminister Graf Kmn> Klcbelsber g hat in einigen Dutzenden von Zeitungsartikeln dargelegt, der wohlverstandene Nationalismus — er hat dafür das Wort Nevnaticnalismus geprägt — sei in der Erhöhung des Kulturniveaus Ungarns zu suchen. Er befolgt diesen Grundsatz aber nur insoweit, als er immerfort neue Lehrinsrirnte schafft, doch hält er davoll die Juden fern und läßt die Institute lieber halb leer stehen. Er tut dies, wie er sagt, contre coeur, aber er müsse die „Voreingenommenheit der össentlicheu Meinung honorieren"', die nun einmal gegen die L c r n s r e i h e i t der Juden sei. Das ist auch nicht wahr. Gegen die Lernfreiheit der Inden sind nur die Gentrhs, die sei: der Verkleinerung Ungarns in den Staats- und Konntatsämtern nicht mehr genug Platz haben und in ihrer Unfähigkeit, sich im freien Kampf ihre Existenz zu sichern, jedem sein Brot mißgönnen. Wahr ist ferner, daß Graf Kilno Klebelsberg gegen den Grasen Paul Telekr. den eigentlichen Herrn von Ungarn, nicht anslommt, der als Führer der antisemitischen Studentenschaft und Oberhaupt des „Blutbundes Doppelkreuz, dieser geheimnisvollen, allmächtige!: Organisation, der Regierung seinen Willen diktiert. 'Die gröbste Lüge des Antisemitismus liegt in den: jetzt geänderten Paragraphen des nuiuerus clausus, der die erwähnten Beslunmungen über die Verteilung der Hochschulplätze nach der B e r u f s z u g e h ö r i g ke i t der Väter enthält. Dieser Paragraph soll d-er Welt vorinachen, daß nuruuehr jede Benachteiligung der jüdischen Minderheit ausgehört hat. pro äomo hat akei ZZethlen selbst erklärt, daß das unwahr ist, denn es würden auch in Zukunft nicht mehr Juden ansgenonuneu werden.