Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 7 (1928)
- Issue
- 11 (16.3.1928)
- Date
- 1928-03-16
- Page
- Seite 143 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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143 ich dachte früher, bekannte Friedrich N a u m a n n („Srwic über Rcckgion", 2. Ausl.. S. 60). es gäbe eine Art. um den modernen Betrieb zu christianisieren. Aber alle Stimmungen des Evangeliums schweben mir wie ferne rvoisie Sehnsuchtsvollen über allem wirklichen Tun unserer Zeit/ .^ r r In dieser schweren'Not suchten alle chrchtlrchen Geschlechter nach einer Brücke zwischen dem Evangelium und dem Leben. Sie fanden sie — im Alten Testament. Ihre groben Vertreter. Thomas v. Aquino wie Luther und Calvin, haben sich auf diesem Wege gesunden. ..Ter Deka log (für Hellpach ein (^sonders charakteristisches Denkmal jüdischer Frömmigkeit) wird allmählich zur Formel oes christlichen Sitteugesetzes und von der Theorie geradezu als Keim und Same des neutesta mentalischen. Sittengesetz/es, als von Christus wiederholt und bestätigt und zur Grundlegung seiner eigenen Sittengesehgebnng gemacht angesehen. So charakterisiert Troeltsch („Sozialieuren". S. 261) die thomistische. für die katholische Kirche rnasrgebende Ethik. Nicht anders verfuhren die Helden der Neformation. „Wie schon Luther zur Rechtfertigung seiner innerweltlickM Berufsethrk in steigendem Maße auf das Alte Testament zurückgegnckfen hatte, so tut das nun vollends Calvin/ Immer mußte sich das lebendige Christentum auf die im Alten Testament verkörperte jüdische Srömmigkeit berufen, auf jene Durchdringung der Welt mit dem ottesreuche, die Hellpach nicht richtig als „Religion der Diedseistgkeit* bezeichnet. Jener ,-erdenfroben Einstellung der jüdischen ^Religion" hatte es Calvin nach dem Zeugnis von Troeltsch (..Soziallehren" S. C33) zu verdanken, daß er ..seiner Gerneindezucht und Staatsgestaltnng eine Heiligungsethik zugrunde legen konnte, die an Strenge mit der der Täufer sich vergleichen konnte, ohne doch die für Ck£ Gesellschaft uumögliche radikale Liebesmoral der Bergpredigt zum allgeineinen Gesetz zu machen." So bezeugt die christliche Religion selber in ihrer geschichtlichen Entwicklung die Wahrheit und das Reckst der jüdischen Frömmigkeit. Rabbiner Dr. Gschelbacher (Düsseldorf). Drei Friedhofsschändungen in einer Woche, - Die Sühne für Essingen und Lüneburg. - Ein Nationalsozialist stört die Konstanzer Volkstrauerfeier. Kürzlich haben wir in der „C. V.-Zeitrmg* die Hoffnung austzesprociM, daß die Flut der Friedhofsschändungen tm Abebben befristen sei. Leider scheinen wir uns in diesem Optimismus getäuscht au haben, denn fast täglich wurden uns in der letzten Woche neue Ilntatcn verrohter Menschen auf jüdisck-en Friedhöfen gemeldet. So wurde.auf dem Israelitischen Friedhof in Gl eich er wiesen bei Hildburghausen am 9. Marz sestgestellt. daß 12 Grabdenkmäler böswillig umgeworsen wurden. Wie wir erfahren, sind die Steine nicht beschädigt. sondern es hat den Ansck)ein. als ob sie sorgfältig nach hinten umgelegt worden seien. Von den Tatern fehlt jede Spur. Der Gemeindevorstand Gleicherwiesen sowie der Vorstand der IsraelitischM Kultusgemeinde haben in einem Aufruf 200 Mark Belohnung für die Auffindung der Tater ausgelobt. Wenige Tage vorher, wohl zwischen dem 4. und 6. März, wurden auf dem alten, außerhalb des Ortes gelegenen jüdischen Friedhof in Dctbert bei Elberfeld fünf Grabsteine gelvaltsarn umgeworsen und teilweise zertrümmert. Auch hier keine Spur von den Tatern. Ein nichtjüdischer Spaziergänger bemerkte die Verwüstung auf dem Friedhof und meldete sie einem unserer Mitglieder. Die Polizei in Velbert und in Elberseld hat alle Hebel in Bewegung gesetzt, um die Täter zu ermitteln. Es wurden 590 Mark Belohnung für ihre Feststellung ausgesetzt. Eine dritte Friedhofsschändung wird uns aus Pattensen (Leine) bei Hannover genreldet. In dem 8 Kilorneter von dort gelegenen Dorfe Gestorf, in dem jetzt nur noch eine einzige jüdische Familie lebt, sind auf dem jüdisckren Friedhof Grabsteine umgeworfen und zerschlagen worden. Die „Neue Deister Zeitung", das Kreisblatt des Kreises Springer, bemerkt zu dem Gestörter Frevel: „Hoffentlich gelingt es der Polizei, die Täter ausfindig zu ' rrrachen und der gerechten Strafe für solch empörendes Werk zuzuführen. Anscheinend handelt es sich um oie Saat gewisser Richtungen, jedenfalls ein Bild der tiefen unsittlichen Moral gewisser Kreise, sich an toten Gegenständen, an mit Ehrfurcht zu betretenden Orten zu vergreifen/ Schnelle Vergeltung hat die Friedhofsschändung in Gfsingcn gefunden. die wir in Nr. 9 der „C. V.-Zeitung" meldeten. Die Täter, Schneidergeselle Willi Dörr und der!7stihrige LandwirtSsohn Emil H u (f. wurden zu 10 bzw. G Wochen Gefängnis verurteilt. Der Antrag des Staatsanwalts hatte ans 3 bzw. 2 Monate Gefängnis gelautet, da. wie der Staatsanwalt feststellte, eine besonders rohe Tat Vorgelegen hat. Trotzdem wurde Dörr die Untersuchungshaft augerechnet und Huck bedingter Strafau.fschub in Aussicht gestellt; ein erstaunlich uuldes ltrteiÜ * Auch die Lüneburger Shrragogeristürrner, über deren Heldentaten wir im November v. I. berichteten, standen am 9. März vor dem Richter. Die fünf Angeklagten suchten auf jede mögliche Art und Weise zu kneifen. Nach zweistündiger Verhandlung hielt der Staatsanwalt die Anklagerede, in der er betonte, das; das Attentat kein Dummerjungenstreich sei. sondern w o h l v o r b e r e i t e t , und das; die Art der Ausführung niedrigste Gesinnung verrate. Er beantragte wegen Sachbeschädigung. Beleidigung und Hausfriedcnsbruch gegen zwei der Burschen 10 und 7 Monate und gegen drei wegen Beihilfe je 4 Monate Gefängnis. Der Vertreter der Nebenkläger!!! ging näher auf die Ideologie dieser Burschen und der Nationalsozialistischen Partei ein und beantragte noch Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte. DaS Gericht verurteilte nach langer Beratung zwei der Angeklagten zu 6 Monaten und 5 Monaten 1 Woche, zwei andere zu je 2 Monaten Gefängnis. Einer der Nebeltäter musste trotz schwerer Bedenken sreigcsprochen werden. * Bei der Feier des Voltslrauertags in Koustamz ereignete sich ein Zmrstl)ensall, der um so bedauerlicher ist, als er zeigt, wie auch in Südbaden der Hitler-Geist Unruhe und Zwietracht sät. Der Dolksbund deutscher Kriegsgräberfürsorge E. V. vor anstal tobe eine öffentlick>e Gedenkfeier für die Gefallenen des Weltkrieges, bei der nach musikalischen Vorträgen und einer Ansprache des Bürgermeisters Knapp Be.zirksrabbiner Tr. C h o n e die Gedächtnisrede halten sollte. Als Dr. Chane das Podium betrat, herrschte in dern Saal, der mit Andächtigen und Trauernden angefüllt war, feierliche Stille. Da rief plötzlich eine Stimme: „Wir protestieren, da st ein Fremdrassiger in dieser Scrfmmiumia eine Rede hakt." Der Störenfted wurde als ein 22jähriger, stellenloser Buchhändler aus Berlin. Mitglied der Hitler-Gruppe, festgestellt. Er lvar, wie der „Bolksfrennd" feststellt, acht Jabre alt. als der Krieg ansbrach — und als alle die ohne Unterschied der Konfession für ihr Vaterland in den Krieg zogen, denen diese Feierstunde gelten sollte. Dr. Chone konnte dann seine Rede unter feierlichster Stille der Versammlung hakten. Die gesamte badische Presse verurteilt den Störungs- Versuch dieses „Helden". In einem Aufsatz „Totenschändung" weist die der Dolkspartci nahestehende.Konstanzer Zeitung" auf dcn geistigen Zusammenhang zwischen der Hetze der nationalsozialistischen Abgeordneten, der Schändung jüdischer Gräber und auch dieser geistigen Totenschändung bei dem Bolkstranertage in Konstanz hin. Sie schreibt: „Es ist erst ein Paar Tage her. da schleuderte der nationalsoziülistiscke Abgeordnete Dr. Frick von der Tribüne des Reichstags herab seine maßlosen Angriffe gegen Erzberger und Ratdenau. Es vergeht int Wallot-Lau kaum ein Tag den nicht irgendein völkischer Redner zu einer maßlosen Zrrdenhehe mißbraucht. Totcnschändung und Volksverbetzung, sic wachsen aus demselben 95eiste Der Unkultur und Unduldsamkeit, der heute die ganze antisemitische Bewegung und ihre Presse kennzeichnet.*) Die völkischen Edelinge wollen die verhakten „Fremdstämmigen" treffen und schänden dabei den deutschen Namen, die deutsche Ehre.... Alan denke an die Pogrome von Nastätten, man denke an die Fricdhvfschändungen von Esüngen, wo ztvei Burschen, 17- und Ibjahrig. 42 Grabsteine uuuvarscn und teilweise zerstörten. Man könnte diese Liste deutscher Erniedrigung, deutscher Blobstellung vor der ganzen gesitteten Kulturwelt leider fast endlos torischen. Wir schämen uns und schrieben lieber. Wer aber jetzt nicht w e n i g st e n s warnend seine Stimme erhebt vor dieser geistigen Verirrung, die den Namen der N a t i o n unddcs Volkes p r o st i t u i e r t. d e r macht s i ch m i t f d) u ( b i & Die Whrer der Bewegung mag mau mit verdienter Verachtung und Nichtachtung behandeln, aber um der Verführten willen must man reden, damit sie daS Zerrbild des Nationalen, daS ihnen vorgcgaukcbt wird, in feiner ganzen feigen Erbärmlichkeit erkennen. Es ist ein Dolchstost in den Mücken dcS schwer ringenden deutschen Bortes, »nenn von feiten der völkischen DcöpcradoS immer wieder die Volksgemeinschaft sabotiert und der deutsche Name besudelt und irn Auölande diskreditiert wird. Wie können wir im Namen des Rechts und der Gerechtigkeit das Weltgewissen anrusen gegen die Vergewaltigung der deutschen Minderheiten im Ausland, wenn wir im eigenen Lande Volksgenossen gleicher Spache und Kultur zu Staatsbürgern minderen Rechts herabdrücken lassen. . . / *) Fettdruck und Sperrungen vsn une. Die Cchristlcilmig.