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Central-Verein-Zeitung · 1928-03-02 · 9 (2.3.1928) · p. Seite 122

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
7 (1928)
Issue
9 (2.3.1928)
Date
1928-03-02
Page
Seite 122 (sequence 6)
Language
German
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122 dem nntinnfuro.Xiftm:t, ganz aus rhythmische Wirkung gestellten, rapiden Schauspiewrion — diese Vorstellungen Huden erst das verwirklicht, was (in mancfy'n Ansätzen schon vorhanden) aus dein Theater ans Licht wollte, den „ErpressionismusT Kein Zweifel, dast dieser Stil nut seiner erplosiven Heftigkeit, mit seinen, alle Hemmungen ül>errennenden Willensentw.dungen eine Notwendigkeit des revolw tionären Zeitalters war. das; er konunen muhte, und dag er seine entwicklungsgeschichtliche Bedeutung beeilt, auch wenn Jestner selbst ihn heute chlch! rnehr in seiner abstratten Reinkultur Pflegt, Er ist als ein antreibendes, stählendes, nmgestaltendes Element in seine und seiner Zeitgenosse!: neue, wieder sinnlich reichere, dem Realen nähere Inszenierung ubergegangen. Las Verdienst des Mennes, der durch seine künstlerische Arbeit eines der wichtigsten Kulwrinstrumente des Deutschen Reiches aus schmah!rc!>'in - .hl gerettet, der Deutschlands repräsentative Bühne wieder wesentlich, interessant, lebensvoll gemacht hat, das Verdienst Leopold Jcstners ist nicht gut p leugnen. Die Feindschaft, die ihn: g!eici)wchl in so außerordentlich reichem Maste zuteil wird, ist denn «ruch nur zu einem sehr k.eineu Teil echte Kritik au seiner künstlerischen Leistung. Sie ist gang überwiegend die Feindschast von Männern der Vergangenheit, die alles unleidlich finden, was die Revolution emvorgetragen hat. und von solchen, die es ihm verdenken, dast er nicht nur Sozialdemokrat, sondern gar Jude ist. und dast er sich zu beiden: freimütig bekennt. Und doch sollte auch ein Gegner, der, selbst einer echten Ueberzeugung folgend, die Ueberzeuguug anderer zu achten weist, an Jestncr gerade diesen Freimut anerkennen und ehren. Wir als deutsche Juden können mir stolz darauf sein, dast einer der Unseren in sehr kritischer Zeit im wesamlleben des deutschen Volkes an sehr wichtiger Stelle so gute Dienste geleistet hat. Und dast er, durch seine Taten als sehr guter Teuts6)cr legitimiert, sich .zugleich durch die Mitarbeit in unserem Kreise — J-'stner ist Haupt- Vorstandsmitglied des Centralvereins — als guter Jude bekennt. Martin 6ukt« Don Wilhelm Michel (Darmstadt). Ein Mensch, der Lies erschlossen und zugleich tief gestillt ist, ein Bild des Wissens und der Geduld, ein Mensch, in dem die Vaterkräste einer großen Milde und einer festen, ordnenden Gewalt beisanunenwohnen, so sehe ich Martin B u b e r und freue mich, dast er lebt. Er-ist ein sonntäglicher Mensch. Don den herrlichen Dingen, die Juden je und je über den Sabbat gesagt haben, strahlt etwas um ihn. Es mag die Stille der Betrachtung fein, es mag die völlige willkürlose Entspannung sein, der er von Jugend auf entgegengelebt hat und die ihm nun zuteil geworden ist; es mag sein, was es wolle — aber immer scheint cs in seiner Gegenwart, als verlangsamten die jagenden Stunden über seinem Haupt ihren Gang und hielten einen Augenblick feiernd still. Liest man jetzt wieder sein Geleitwort zu seinen „Chassidischen Büchern": wer könnte unergrisfen bleiben von der still und nachdrücklich bemühten Art, wie hier einer das Senkblei auswirft und ausschwingen läßt, um die gerade Richtung nach dem Mittelpunkt zu erspüren? Ist das Theologie oder ist es einfach Orthopädik, ein Richten und Schlichten, ein Rütteln, das fälschende Kräfte abschütteln und das reine, gerade Leben zum Sieg bringen will? Was hat Buber vertreten, was hat er gelehrt? Das Einfache. Und indem er sein Wisien um das Einfache und um, die Vereinfachung an den tausend?halben und ganzen Verfälschungen vorüberträgt, entstehen seine chönen, atmenden Worte. Sie sind geistig sein, sie sind intellektuell geschärft, sie sind dichterisch^formvoll; aber ihre Schönheit und Feinheit kommt nur aus der Lorge um das Triftige und Rechte. Und so sind sic, auch mit ihrer Schönheit, legitim geboren. Buber hat eingewilligt, ein Mensch, und zwar ein vollkommen irdischer, begrenzter, nüchterner Mensch zu sein. Ist dies die Ausgabe für uns alle, so sie! ihm die groste Gabe zu. den Trug bis in seine feinsten Verstecke aufzuspüren, die Fälschungen in einer mittelbaren Weise aufzufassen und darzustellen. Tie Gabe der Scheidung erst macht Witzen zu einer wirkenden Kraft. Und die Gabe des Wartenkönnens macht Witzen zur Weisheit. In Bubers Gegenwart begreift man. dast es keine Weisheit gibt ohne Geduld. Ich habe dieser Tage in der Zeitung gelesen, dast ein alter Baum in Bubers Garten umgestürzt ist und das Dach des Hauses schwer beschädigt hat. Er hätte den Baum vorher nnüegen lasten können, und es wäre nicht das geringste dagegen oder darüber zu sagen gewesen. Aber es patzt mir doch besser zu Buber, wie ich ihn zu' kennen glaube, dast er die Lebensdauer des alten Veteranen und Hausgenossen so lange wie möglich gestreckt hat. dast er Geduld mit seiner Altersschwache gehabt hat. Gerade mit seiner Geduld gehört er in die Reihe jener Alten,, die er hat auserstehen lassen, lind die mit ihrer Liebe alle Geschöpfe zu tragen wußten, so dast, wenn sie vor Gott traten, die ganze Ratur mit ihnen ging und nichts feindselig zurückblieb. In Bubers Gegenwart ist allem Leben wohl; cs fühlt sich gewürdigt und anerkannt. Die Unlcrschiedenheit vom Gemeinen, die tief u: Buber zu spüren ist. ist gänzlich ohne Hochmut. „Guckst sie dir an. die grobe Welt!" Mit diesem Wort hat Rabbi Eisik, wie Bul>er tm „Verborgenen Licht" erzählt, in seinem letzten Lebensjahr oft das Leben auf der Gasse begrüßt, das durchs schmale Fenster sichtbar wurde. Klingt es nicht wie eine Zärtlichkeit, trotz der tiefen Abgelöstheit von eben dieser groben Welt? Mitten im'Abstand die tiefste Verbindung; aber die Verbindung geht den Umweg über Gott, und deshalb ist der Abstand warm und von Liebe gefüllt. Enthält nur feinste Molkereibutter H.BAMLSENS I KEKS-FABRIK Ä-6‘!HANNOVER Sonne und Himmel scheinen in diesen Menschen voll Ijtiicm. Er ist ganz und gar ausgeschlopen. Trotzdem er Lehrer ist und immer gegen das Irren aus der Hut sein neust. ist der horchsamste Mensch, den ich kenne; auf« Hören gestellt und immer aus den; Hören heraus produzierend. Es ist ein stilles, aber auch ein mächtiges Hören; ein Hören, in dem es viel quellendes, großes Leben und viel strahlende Freude gibt; ein Hören, das ein immerwährendes Deschenktwerden ist, das Befehle entgegennimmt als Küsse, Warnungen und Strafen als Liebkosungen und goldenen Trost. Das Liebliche und das Freudige des Glaubens ist von Buber zu lernen wie von den Alten im Kaftan, die durch seinen Mund wieder zu uns geredet haben. Kein Liebeslied kann holdseliger sein als die Geschichten, die. er in den „E hasst di schon Büchern" erzählt. So oft ich sie gelesen habe, sie gehen mir immer wieder ans Herz, sie haben für mich geradezu einen deutschen Mund und etwas Verschollenes wie altertümliche Tom fügunaen aus den Zeiten des Bogelweiders. Man spürt alte, enge Gassen darin und eine große Deutlichkeit alles Lebens: aber besonders die Art. wie sich aus diesem bestimmten und derben Leben das geistig Lieblich loswindet, geleitet das Gefühl in Vergangenheit. Und. zugleich rn Heimat. Wir hatten den letzten Sommer über in Darmstadt eine Ausstellung mittelalterlicher Kunst am Mittelrhein. Es gab liebliche und schmerzstarre Madonnen, süße kindliche Königinnen und derbe Bauersfrauen. Heilige mit den gebuckelten Stirnen von Kriegern, andere mit dein Mund von Minnesängern. Aber es gab vor allen: eine beftür.zende Dichtigkeit von Leben, es gab jenes Zusammemvohnen von sommerlicher Ueppigkeit des realen Daseins mit geistigster Feinheit und verschiedenster Seele. Geht mein Gefühl irre, wenn sich mir die chassidischeu Geschichten freundlich zu diesen farbigen Gestalten alter Kunst und Frömmigkeit fügen? Zieht sie nicht ein mystischer Grundgehalt zueinander? Ein gemeinsamer Sinn für das Wirkliche, ein gemeinsames Ernstnehmen, ein gemeinsamer Uebcrschwang von Trost und Freude? Was Gott auseinandergostellt hat, bleibt geschieden. Aber Gott stellt nie die Menschen und die Glauben so weit auseinander, wie der Hast meint. Es bleibt zwischen ihnen die Sprache und die lebendige Seele, damit aber eine Möglichkeit des Zurnfens und des wechsekseirigen Erkennens. Bubers Wort, so sehr es jüdisches Wort ist, bleib! aus den Grundton dieses letzten Zurnfens gestimmt, die Melodie in der Tiefe durchklingt die ihm in den Mund gegebene Variante. Mit der Wirkung des Fernblicks möchte ich die Wirkung Bubers. des Menschen wie des Schriststellers. vergleichen. In der Stille; in der Lösung; in der Erfrischung, Ernüchterung und Begeisterung; in der Erfülltheit vom Geist redender Liebe, die im selben Zuge scheidet und gesellt, ausschließt und bestimmt. Unser Freund Hartwig Badrlarr in Glciwlh begeht am tz. März seinen 50. Geburtstag. Hartwig Vadriau ist seit Jahren unserer E. B.- Arbeit mit ganzem Herzerr ergaben. Ihne große Warle zu machen, har er sich stets in anrr'.enncndster Kleinarbeit für unsere Sache in Lberschleüen eingestht. Wir wünschen unseren: treuen Freunde und lx'währteu DJiitarbeitcr nach lange Jahrzehnte eiu.es Lebens in Gesundheit und Frische. Jnstizrat Dr. Mar Mcschclsokm (Berlin) wird am 0. Marz 70 Jahre alt. Wir gedenken cn diesem Tage voll herzlicher Dank' boifeit der jahrzehntelangen Teilnahme unseres Freundes Mescholfolu: an \ unserer Arbeit. Er gehörte zu den Gründern des Vereins und stellte I sich stets freudig zur Verfügung, wem: wir seine Hilfe für irgendeine a Angelegenheit erbaten. Ten: hochgeachteten und beliebten Anwalt. dem warmen Freunde van Kunst und Wissen'chast, der gemeinsam mit seiner kunstverständigen Gemahlin sein Hein: zun: Mittelvunkt feinster musikalischer Geselligkeit zu machen vcrstcht, dem treuem Anhänger unsererZw/cn wüm'chen wir noch lange Lebensjahre in der Beweglichkeit, und Fri'che. die ihr. von jeher ausgezeichnet baban

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