Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 7 (1928)
- Issue
- 9 (2.3.1928)
- Date
- 1928-03-02
- Page
- Seite 118 (sequence 2)
- Language
- German
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11$ Wie ist D-entsch!ands Wirtschaftslage und WirtrchaftSentwicklung? Ueder Deutschlands Lage urteilt das Ausland gan.z anders, als wir in Deutschland es selbst, tun. Deutschlands Lage tjl ganz gcwnz nicht leicht. Ader w'ch viel weniger n: fie ho;mttngc!as. ^:e deutsche Wirtschaftsleistung derg letzten v:er ^>a!jrnannte ber frühere ameritanische Botschafter in Berlin., Hougg-wn. vor drei Jahren „das deutsche WunderT Und in der Tat. eine solche Leistung eines völlig medergebrechenen Landen das "vor vier Jahren u.ch dicht an; Bande dec lnirstcha st liehen und Politischen Zusamulenbruches stand, hat dre Welt bwger noolil neu) nicht gesehen. Unsere Landwirtschaft schasst aus dein versteinerten Boden schon beinahe ebensoviel rote ans dem de-- grotieren. bwuuc^. Wenn da.s möglich war. so durch enie der Großtaten der chemischen 'I n d w ft r i c , die S eil a s s u n g des k ü ii st - lachen Stickstoffs. der uns verlorenen Beden erwtzt .aus deutscher Braunkohle und deutscher Lust, und nur haben berechtigten An last, mit Stolz zu vermerken, daß jüdische Männer und solche jüdischen S ta nt m c§ an dieser Großtat, aller Wissenschaft überhaupt, e n t s ch e i d e n d beteiligt waren. Wir sehen enorme Leistungssteigerungen in unserer Industrie. Steigerungen, die im Bergbau die amerrkanijchen Leistungen, soiveit Ersatz menschlicher Kraft durch mechanische in Betracht kommt. binnen wenigen Jahren schon beinahe erreichen, wir sehen den enormen Fortschritt der E l e k t r i z i t ä t s i n d u st r i e, an deren Schassen j ü d i s ch e Hände entscheidend m i t g e tv i r k t haben, wir sehen das eigenartige neue Werden im Haudeh gewiß zur Besorgnis vieler Mittelstandskreise auch unter den jüdischen Handeltreibenden, aber im ganzen doch zur weiteren Erhöhung des deutschen Wirkungsgrades führend. Wir sehen den überraschend schnellen Wiederaufbau in unserem Geld- und Kreditwesen. Ich habe gerade daran sehr viel auszusetzen. und wenn man sich so bitterl'ch derrüber beklagt, dast die öffentliche Hand gerade im Kreditgeschäft so stark voraedrungen ist, so haben die Beteiligten vielleicht doch eimgeu Anlaß'zu fragen, ob nicht eine gewisie [lebet** spann ung der Kredilbedina trugen dieser von ihnen so wenig erwünschten Entwicklung Borschub geleistet hat. und der jüdische Kredit» nehmen wird ihnen dabei wahrscheinlich helfen. Wie aber steht der Jude in dieser neuen Entwicklung? Lauft sie nicht teilweise sehr ernst und selbst bedenklich zu seinen Ungunsten? Bier Entwicklunoslinien nennt man gern, die hier dem Juden schädlich geworden sind: Kartell, Konzern, öffentlicher Betrieb und Nationalisierung. Man hielt das Kartell anfangs für judenfeindlich, und es ist das auch, insoweit, als es im Handel die Freiheit des Marktes einengt. Im übrigen aber habe ich "in emer nachgerade langen Beobachtung nicht den Eindruck gelebt, baß jüdische Unternehmer etwa kartellfeindlicher waren als andere. Im Gegenteil. Ich halte die liebertreibung des Kartellwesens in Deutschland nicht für ein Glück für Deutschland. Ta steht aber der jüdische Produzent und der jüdische Konsument aus gleicher Lmie mit den anderen. . Biel ernster ist die andere Entwicklung. diejenige zur Grosinn ternehmung oder wie wir deutsch so schön sagen, zum Konzern. Er dringt notwendig zunächst einmal eine gewipe Verbeamtung mit sich, eine Art Gleichmacherei der beschäftigten Menschen, und hier dringt dann gar zu leicht das unwirtschaftliche politische Element ein: wo der Jude nur das gleiche leistet wie andere, da drang! man ihn nur allzu leicht und allzu gründlich hinaus. Das gilt nicht nur in Deutschland. Ich habe ahnl'ches auch in Amerika hier und da beobachtet, und ich sehe nur ein Mittel dagegen. das allerdings beginnt auch iuiiner allgemeiner angewendet j>u werden: E s i st die E i n st e l! u n g der Bk e n s ch e n nach rhrer statistisch n a ch z u p r ü f e n d e n L e i st u n g. Wo das möglich .ist. da eröffnet sich wieder für die jüdische besondere Begabung ein neues Feld: in der A b s a tz o r g a n i s a t i o n der großen Konzerne habe ich von Antisemitismus viel weniger gesehen. Weit ernster ist die Entwicklung der Wirtschaft zum öffentlichen Betriebe hin. Es wäre unaufrichtig, wollte man verschweigen, daß diese Entwicklung zwangläusig sich verstärkt. Der öffentliche Betrieb. die V e r b e a m t u n g sind aber t p p i s ch j u d e n f e i n dlich: hier haben wir ja nicht einmal die Parität. Hier sind die „gesperrten Berufe' in solchen Mähen vorhanden, daß die Kraßheit der Zahlen eigentlich schlagend wirken müßte. Ich nannte Ihnen vorbin säpn die Heeresverwaltung. von 100 000 Mensch m nur 12 Juden, also nicht 1 vorn Hundert, sondern erst 1 von 10 000. Die ösfentlichen höheren Lehranstalten zählen unter ihren Schülern 2 Prozent. die jüdischen Dberlehrer 0.2 Prozent. Bei der weiblichen Jugend 4.7 Prozent der Schülerinnen und 0.4 Prozent der Lehrkräfte. Die Gegenwirkung liegt hier nur dann vor, wenn öfsentliche Wirtschaftsbctriebe private Formen annehnien und damit an die Stelle der bei uns ohnehin allzugroßen, im allgemeinen Interesse unerfreulichen Leistungseinheitlichkeit im Beamteudasein und seiner uniformen Entlohnungsweise die Wertung der wirtlichen Lei st u n g eintritt. Und das ist auch bei allem. was man sonst darüber sagen mag. das Gute an der Nationalisierung. Gewiß, sie beseitigt hie und da selbständige Existenzen. Aber auf die lange Dauer gehen d i e g a n z e n S h st e nt e daraus hinaus, d e n sachlich T st ch t i. g st e n unter den für eine Leistung i n B e t t a d) t ko nunenben i mm er mieber Hera uszu arbeiten u n b her auszuheben. Das sind Wirklichkeiten. Es wäre töricht, die große Gefahr der gesperrten Benne zu gering zu veranschlagen, aber noch törichter wäre es. demgegenüber Muilojigkeit zu entpsinden und gar unserer jungen Generativ'.- durch allzu starke Herausstellung des Ungünstigen den Blut und du? Hoffnung in der Arbeit für die Länder zu nehmen, die ihr Lebensboden sind und sein werden. Wir müssen ihr sage:!, dast all diese rchiMeriflf eiten da sind, daß aber auch eine Beist? hosfnlnigssroher Momente in der Entwicklung liegen, und daß eines der Veden tja u men dies ist, daß eine große, tu ich.verer Vergangenheit entividcl:? Fähigkeit des Juden vorerst aus lauge hinaus an Wer! gewinn.!: Das ist die b e s o n d e r e F ä h i g k e i t z u g e i st i g k o m plrzie r t e n A r h e i t e n , die mit dcut Borau!a;rri!en der modernen Allesenmaschiuerie und Allesenorganisation tn.ebr und mehr an Wert getvimtt. Das ist ferner die vorerst notwendig noch zunehmende Vuo:e derer, d-ie in der Verteilung und Verwaltung der Waren im Produktionsprozeß nötig sind. Wir müssen ihr zeigen, daß eleu jetzt für den mutigen Wirtschaftsbeobachter neue Möglichkeiten auftreten. wie sie z. B. im Handel der Bereinigten Staaten tnit stiberraschen.der Wucht nnd Großartigkeit sich enhuicfeln, und wir müssen ihr noch ern weiteres zeugen, daß iu i r nicht tatenlos, nicht plan- und ziellos der kommenden E n t tu i cf» l lt n g geg e n ü b c r st ehe n . s o n d e r n de u Bk u t haben, auch s e l b ft Gestalter des j ü d i s ch c n Schickjals in u n sere m H e t m a t ( a n ö e z u fei n. Lolche '}i;d)!Iinten der i ü dischen S e l b st h i l s e denke ich mir getragen von drei Elementen: Erkenntnis der all gern e i tien E ntwicklung; E r ke n lt t n i s der ei g e n e n Leistungsgrenze, aber auch Erkenntnis der eigenen L e i st u n g s k r a f t und Wille ihrer vollen Einsetzung. Diese müssen hinaussühren über die rein juristisch orientierte' Abwehr irgendwelcher Ilngleichhetten in der Behattdlung. die gewiß notwendig bleibt, zu wirtschaftlich organischer Zielsetzung. Dabei schein! es mir nicht zweckutäßig zu sein, auch in Untersuchungen über jüdische Betätigung in der Wirtschaft immer nur Nachweisen zu wollew daß der judhehe Einfluß unbedeutend ist und ständig zurü-ckgeh!. Da? triss^hier ttnd da zu. imb hier und da stimm! es auch nicht, lind man übersieht dabei doch schließlich das eilte, daß der Jude eine bedeutsame Stellung in gewissen wichtigen Teilet! der Wirtschaft bei offenem, freiem Markt und Wettbewerb nicht innehabett würde, wenn er nichts für die Allgemeinheit eben einen höheren Dienst als andere leistet. . So scheinen mir die folgenden Punkte der jüdischen Selbsthilfe einer Erörterung im positiven Geiste, im vorwärts und aufwärts wollenden Geiste, wohl wert: 1. Tie Abwehr der ungleichen Behandlung mit iuristisch-politischen Mitteln bleibt unverändert. Ader die politische Kraft muß hettte mehr denn ie entweder gestützt seit! ans wirtschaftliche Potenz oder aus breite Massen. Auch in Parlamenten ist der Satz von den starken Bataillonen recht bedeutsam. 2. Plan juche keine k ü u sl l i ch e A n g l e i ch n n g des jüdischen Volkselements an die allgemeine Vockszusammensetzung nur zweck? Verjcstvmdens, nur zwecks Angleichung, nur für Mimik'ri. Sondern wir wollen den bewußten Willen zum höchsten Dienst am Volk, zunr I n - d e n - D i e n ft - S t e! l e n der besonderen jüdischen L e i st u n g s k r a f t in den Neuaufbau der Wirtschaft der Nationen betonen. Wir wollen unsere Geltung durch Leist u n g beweisen und bewußt durch höhere Leistung. Das bedingt das bewußte sich Einstellen aus die Entwicklung, die Europas Wirtschaft ziemlich weitgehend nach Amerikas Vorbild jetzt zu nehmen sich anfd'icft. Deshalb 3. feine Versuche. Betriebsformen zu hemmen, die aus der Entwicklung notwendig hervorgehen, and) wenn sie dein augenblicklichen Interesse jüdischer Wirtschaftler entgegenstehen. Also keinerlei Hemmung der lcmdwirtschattlich-m Genossenschasten. der Konsumgenossenschaften, soweit sie nicht gesetzlich oder behördlick) besonders bevorzugt werden. Um so entschiedener bewußt 4. die 51 l a r st e 11 u n g der aussjchtsrei ch e n Entw i ck l u n g s! i n i e n in der Wirt s ch a f t und ein tätiges sich Einstellen darauf. Die? durd) vier Neihen von Gedankengängen. a) nicht nur ablenken von den ..überfüllten" Berufen, sondern and) nachdrückliches £> i n l c n f e n auf d i e a u s s i d) t s * r e i ch e n Berufe und W i r l s eh a f t s g e b t c t e. b) Stützung all derzeitigen Bestrebungen', die in der Wrrtsd)ast aus die objektive Feststellung der Leistung, ans die Wertung der Person nach der Leistung allein Hinzielen. eVSolche Objektivierung muß insbesondere dringlichst auch bei den ösfentlichen Unter n c h m n n g c n erstrebt und propagiert werden. Gegen ihre Ausweisung politisch zu kämpfen, ist aussichtslos. Um so aussichtsreicher aber das bewußte, organisierte Verlangen, die Gestalt n n g der öfsentliche n Ü nternel) m ungen der W illkür zufälliger Ai e h r h e i t e n zu entziehen nnd zumal die Menschenauswahl in ihnen nach der Leistung, nach objektiven Merkmalen rnehr und mehr zu bestinunen. ck) Die Großlonzerne bedürfen sämtlich des Kapitalmarktes. Niemand wird es dem jüdischen Kapitalgeber verdenken körtnen. wenn er auch hier die Objektivität in der Meuscheuauswahl bei der Kapitalgabe fordert. 5. Sozialpolitik ist sehr früh, wahrscheinlich vielfach zuerst, dem jüdischen Brand) und Schrifttum entrii*.unten. Auch der größere Teil der jüdischen Mensd)en in Deutschland ist heute Arbeitnehmer. Wo es altgeht, sollte man alwr aus die besonderen seelischen Eigentürnlichkeiten des jüdischen