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Central-Verein-Zeitung · 1928-03-02 · 9 (2.3.1928) · p. Seite 117

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
7 (1928)
Issue
9 (2.3.1928)
Date
1928-03-02
Page
Seite 117 (sequence 1)
Language
German
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B'-. , I Etnzrlkiummer IS Pfennig ^U^Ski^Sir^S des Oudenrums Viertcljahrsabonnemcnt 1*20 RM. (zuzügl. 33cftcügclb>. Verlag u. Schristleimrg: Vcrll^ SVV VZ, Liudenstr. 13 .:. Fernsprecher: Ämr Dönhoff 3394, 3-"/'5. .:. Postscheckkontc: SktTin 30472. Bankkonto: DrerLner Dank, Wechsel» stube G, Berlin SW 63, Lindenslr. 7, und von Goldschmidt-Nothschilü L Co., Berlin W S. Alleinige Anzeigenannahme: Annoncen-Expcdition Rudolf Masse, Berlin SW l.9, und deren Filialen. Anzeigenpreise: 0,29 für die 7gespaltene Zeile nach Rudolf Mosses Normcrlzcilrnrnesser Nr. 4, Fainilienanzeigen und Stellengesuche (nicht Stellenangebote) für Mitglieder d. Centralvereins 0.45 &«¥., die 90 mm breite Rrklamezeile 4,80 JiM. EßMM %0*!v, 1-iÜSM ty 0*^000 Mr haben in der lohten Nmnmer unserer Zeitung berichtet, das; Herr Staatssekretär Professor Julius Hi r sch bei unserer Hauptversammlung ein eingehendes Referat über „Die Wirtschaftsprobleme der deutschen Juden"*) gehalten hat. Nach den allgemeineren grundlegenden Betrachtungen über die Stellung der deutschen Juden zu Deutschlaud stellte Profepor Hirsch die Frage: „Ans welchen Grundlagen beruht die Wirtschaft des jüdischen Stammes in Deutschland?" Im folgenden gibt er die Antwort auf diese Frage: Die jüdische Bevölkerung in Deutschland macht nicht mehr ganz ein Prozent aus, durch die Gebietsabtretungen hat der jüdische Vollstes! Deutschlands mehr verloren als die anderen Bekenntnisse. Während die anderen etwa acht Prozent verloren haben, ist von der jüdischen Bevölkerung.ein Satz von etwa 12 Prozent verlorengcgangen. Soweit man konfejsionsmäßig zählt, ist noch eine andere Verminderung der Zahl der Juden in Deutschland im Gange. Ungefähr ein Viertel aller Ehen jüdischer Menschen in Deutschland sind Mischehen. Und die Kinder solcher Ehen werden zum jüdischen Stamm hernach gewöhn-- lich nicht mehr gezählt. Dazu kommt die große Wanderbewegung, die in Deutschland selbst mit dem jüdischen Stamm vor sich geht; die letzte Zählung zeigte uns das erstaunliche Ergebnis, daß beinahe ein Dritte! aller lebenden Juden in Deutschland in Berlin sind. Etwas mehr als diese Zahl wohnt in den anderen deutschen Großstädten. das letzte Drittel in Mittel- und Kleinstädten, ein offenbar stets sich vermindernder Nest aus dem Lande. In ganz Süddeutschland wohnen bei weitem nicht so viel Juden wie in der Stadt Berlin. Ihre Zahl hat sich dort gegenüber der Vorkriegszeit vermindert, in den vier Staaten Süddentseblands von 117 000 auf 101000, während wir in Berlin beinahe 173 000 zählen. Und nun die Existenzgrundlage in der Wirtschaft. Mindestens die 'Hälfte aller" Juden in Deutschland ist heute noch erwerbstätig in Handel und Bankwesen. Dabei macht das Bankwesen weniger aus, als man sich gewöhnlich vorstellt. Vor dem Kriege waren es etwa 50<X) Menschen, jetzt hat sich die Zahl der Beschäftigten dort zn>ar ungemein stark erhöht. Mitte 19*23 zählte man weit mehr als das Doppelte. Aber die Zollt der jüdischen Menschen ist sicher nickt im g-Gchm Berllältnisse gestiegen. Wir wissen mcht genau, wieviel, ich mochte annehmen, daß es nur etliche, wahrsch-einiich nur wenige tausend sind, die zusätzlich hinzukamen. Im Handel waren vor dem Weltkriege ungefähr 120 000 beschäftigt, die Zahl der Personen, die im Handel beschäftigt waren, hat sich allgemein um etwa 55 Prozent im verbliebenen Deutschlands vermehrt. Wie sich der Anteil der Inden dabei verändert hat. wiuen nur wiederum nicht. Aber unsere Beobachtungen zeigen, daß eine s o starke Zunahme sicher nicht slasigei'.n'den hat. Eine Schätzung von Landsberg besagt, daß nach seiner Meinung bei der Textilindustrie und beim Tertillpwde! 30 000 jüdische Inhaber seien, davon 15 OM bis 25 000 Jn- I>aber von Ter li Geschäften in Groß-Berlin. Ich möchte anuehmen, daß auf die Tertilluauche mindestens zwei Fünftel der ganzen im Handel tätigen jüdischen Deutschen entfallen. Der Nest verteilt sich über eine sehr große Zahl von Handelszweigen; in einigen tuirb man eine Abnahme ihres Einflusses konstatieren können, so vor allen! im Schrotthandel, im landwirtschastlichen Handel, auch wahrsckreinlich im Eiseuhandel. Bei anderen wird man auch von eiuer Zunahme spreckjen können. So scheint es mir, daß in dem gründen mußte der Vortrag stellenweise gekürzt werden. Er crschemr demnächst als Sonderdruck im vollen Wortlaut. Die Schriftleltung. Bon Staatssekretär z.D. Pros. Dr. Mus Kirsch Handel mit Braunkohle, auch im sonstigen Kohlenhandel, eher eine Zunahme fest zustellen ist. Im Handel mit Brennstoffen überhaupt. Erdöl und Benzin u. dgl., weiter in einigen der neuen Handelszweige wie Radio und Haushalt- Maschinen. Und zweifellos liegt auch eine gewisse "Zunahme der jüdischen Beschäftigten in denjenigen Gewerbezweigen vor. die aus dem Handel heraus in die Industrie hineingewachsen sind, wie es bei der Konfektion offensichtlich der Fall ist. bei der Möbelhersiellung, und bei einigen anderen neuerdings zur Industrie übergehenden Zweigen. Etwa 16MO Juden waren früher im öffentlichen Dienst und in den freien Berufen (Aerzte, Rechtsanwaltes Dabei liegt wohl ziemlich sicher eine Vermehrung vor. An einer Stelle aber auch eine Verminderung: denn das alte Heer hatte an jüdi'chen Beamten, Offizieren und ähnlichen ihrer 2000, die neue Reichswehr, die ein ^ieGntel des alten Effektivbestandes hat, nicht etwa ein Siebentel davon, sondern noch nicht ein Hundertstel, nämlich nur zwölf. An einer Stelle ist die Zahl .sicher gewaltig gesunken: vor 20 Jahren zählte man beinahe 37 000 jüdische Rentner. Die Zahl ist sicher aus einen ganz kleinen Bruchteil herabgegangen, vielleicht ist darum die Zahl derjenigen, die in Anstalten versorgt werden müssen, und die damals 16 000 betrug, recht beträchtlich in die Höhe gegangen. Rach einer anderen Richtung hin liegt wahrscheinlich eine gewisse Veränderung vor: Anders als ''die sonstigen Erwerbstätigen will der jüdische Erwerbstätige selbständig sein. Während von allen anderen Erwerbstätigen in Industrie und Handel noch nicht ein Fünftel selbständig war. war es von den Juden die Hälfte. Da wird mit dem Bordringen von Warenhaus und Massenfilialbetrieben sich sicherlich vieles verändert haben. Der größte Teil der jüdischen Erwerbstätigen ist heute sicherlich in der Stellung des Unselbständigen, gehört seiner sozialen Stellung nach zu der Gruppe des Arbeitnehmertnms, und dem wird man in der ganzen Anschauungsn'eise. die lnan an solcher Stelle wie hier zu bilden hat, zweifellos mehr Rechnung tragen müssen, als das bisher der Fall gewesen ist. So etwa sieht die wirtschaftliche Grundlage des jüdischen Bolksteils in Deutschland aus. Eine Schlußfoloerung ergibt sich daraus mit plastischer Deutlichkeit: Wir sind auf Gcdcrl) und Verderb rurt dem Wohlergehen der deutschen Wirtschaft, insbesondere der deutschen produktiven Wirtschaft, aufs innigste verbunden. Je günstiger ihre E n t lv i ck l u n g i n! g a n z e n. desto breiter ti n d sicherer der Le b e n s b o d e n für alle und insbe - sondere gerade a u rh für den jüdischen Volkstcil. der an beni neu e n A u f b a u sein gut Teil mit. gearbeitet hat. Von höchster Wichtigkeit ist es für alle diejenigen, die in der Verarbeiinngsindustrie, im Handel und den freien Berufen tätig sind, die Entwicklung im ganzen zu beobachten und jede Bewegung nach zweifacher Richtung zu prüfen: 1. Wie dient sie der d e u t s ch c n W i r t s ch a f t a l 8 6 a n z e s. Auch nu?nn irgendein Teil des jüdischen Stamme? von dieser Entwicklung zuerst ungünstig berührt wird, so dient die Steigerung der Masserckauskraft allen zugleich. Sie eröffnet zugleich neue Rll'ög ichkeiten, die nach allen Beobachtungen, die wir haben, auch dem jüdischen Volksteil durchaus zugute kommen. 2. Welche Haltung kann der Jude in solchem Werden cinuehmen. Wenn rvir von der Entwicklung des jüdischen Bolksteils in Deutschland sprechen, so fragen rvir zuerst, wohin tendiert Deutschlands Entwicklung. Und gerade unserer Jugend muß mau immer wieder zurufen: Aus dieser Erde quellen deine Freuden und diese Sonne scheinet deinen Leiden! I

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