Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 7 (1928)
- Issue
- 7 (17.2.1928)
- Date
- 1928-02-17
- Page
- Seite 97 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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H7 MMaWreWM der hm&n Wenn ich hcuie zu Ihnen spreche, sc» bca-bsicht'ge ich md)t so sehr einen wissenschaftlichen Dortrag über die wirtschaftlrche La-oe der Juden in Deutschland zu geben, als ein Bekenntnis, Und dle,e- Bekenntnis richtet sich vor allem an unsere Jugend, die ich von einem eigentümlichen Pessnnismus «rsüllt sehe sür ihre eigenwirtschaftliche Zukunst, Ich sehe-ihr Hoffen, ihr -Tinnen und Arbeiten — ich spreche aus tiefer Ucbcrzeugung, kann darum nicht ttv.Ioctu — sehlgcleitct, und deis gerade bei dem wertvollsten Teil unserer Jugend — wertvoll für den jüdischen Stamm, bei dem ja die sinkende Geburtenzahl gerade den Wert der jetzt emporwachsendcn weniger zahlreichen Generation um so höher gestaltet, weil sie aller Voraussich nach länger als die vergangenen eine Wirklichkeit sein wird wertvoll sür dieses deutsche Land, das keine fähige Kraft und keine Energie in dem kühnen Neuaufbau entbehren kann, in dessen Anfängen nur eben jetzt darin stehen wertvoll sür Europas Neuaufbau und sür die Neugestaltung der wirtschaftlichen Welt, die wir eben werden sehen mit rieuen ungeahnt n kühnen Zielen. — Fehlgeleitet sehe ich die Hoffnungen dieser jungen Generation, imb doch ist ihre Einstellung nur allzu begreiflich. Sie kommt ja atls Fortsetzung dts Finanzberichts. verantwortliche Bcrcinsführnng ständig gewillt ist, mit einem Mindestauswand an Mitteln das Höchstmaß an Arbeitsleistung im inneren Betriebe wie in der Auswirkung nach außen Zu erzielen, dessen können Sie gewiß sein. Sie Tatsache van der engen Verflechtung unseres Geschicks mit denr unserer deutschen Volksgenossen, von der der Geschäftsbericht in so vielen Punkten spricht, zeigt sich auch, wenn man als Finanzminister des Vereins sein Wirtschaft-Programm prüft. Jeder Aufstieg und jeder Abstieg in der Konjunktur der deutschen Wirtschaft macht sich auüallenderweise in unseren eigenen Geldeingängcn bemerkbar, und cs ist leider notwendig, auf die Tatsache hinzuweisen, daß man uns eine absteigende Konjunktur sehr deutlich fühlen lässt und rasch bei der Hand ist, seine Leiträge zn vermindern, wenn das Geschäft einmal schlecht geht, das; man sich aber lange überlegt, mit ansteigender Konjunktur auch seine Beiträge auf den alten Stand zurückzuführen oder sie gar zu erhöhen. Die Finanzlage des Vereins gibt weder zur Verzweiflung, noch zur Sorglosigkeit A n l a st. Sie ist letzten Endes relativ der Mitglrederzahl des Vereins. Nicht die wenigen großen Beitrage und Spenden, die wir erhalten, bilden das Fundament, aus dern man eine sich organisch entwickelnde Dereinswirtschast und damit auch Vereinsarbeit ausbaucn kann, sondern die große Fülle der regelmäßig eingehenden Durchschnittsbeiträge. Jedes Tausend neuer Mitglieder bedeutet damit weit über die absolute Zisfer^hinaus. die diese Zahl uns an Einnahmen bringt, eine bedeutungsvolle Steigerung unsercr gesamten Leistungsfähigkeit. Die Finanzpolitik des Vereins muß daher in der kommenden Berichtszeit von zwei Hauptgedanken getragen sein. Tie auf Grund des vorhandenen Mitgliederbestandes möglichen Einnahmen müssen restlos der Vcreinsarbeit erschlossen werden, darüber hinaus ist die Mitgliederwerbung in so großzügiger Form durch zuführen, daß aus diesen neugewonnenen Schichter? weitere beträchtliche Mittel für die Zwecke des Vereins hcransgeholt werden können. Wenn der Verein durch dreieinhalb Jahrzehnte seines Bestehens auch in wirtschaftlicher Beziehung durchgesührt werden konnte, und wenn er dabei in der Lage war. feiner Aufgabe in stets größerem Umfange und mit immer höherer Vollkommenheit zu entsprechen, so bedeutet das sür uns, die wir am Werke de? Vereins wirken, die Verpflichtung, die aussteigende A2inie der Leistungsfähigkeit sortzusühren. In der Aussprache über Finanz- und Geschäftsbericht uw ist Dr. Goldberg (Ptaucrü auf die Arbeit in den einzelnen Ortsgruppen hin. In Plauen i. V. sei gegenüber der früheren Zeit äußerlich Ruhe eingetreten; der wirtschaftliche und gesellschaftliche Boykott habe jedoch Formen angenommen, die nicht mehr erträglich seien. 'Die Träger seien in der Hauptsache die kleinen Beamten- und Handwerkcrkreise. In diese Kreise sei schwer Aufklärung hineinzutragen. Man müffc daher auch Schriften haben, die sich sür die Verbreitung in diesen Kreisen eignen. Rabbiner Dr. Lebt (Mainz) gibt großzügige Anregungen zum Kulturproblem. Praktisch sieht er in den Volkshochschulen ein wesentliches Instrument für diese Zielsetzung. Unbedingt erforderlich ist die Erfassung der jüdischen a k a d e m i f cf} c u Jugend, besonders, soweit sic nicht inkorporiert ist. Er erinnert ferner an seinen früher gemachten Vorschlag, eine Forschungsgemeinschaft der deutschen Juden 311 gründen, ' die Führer jüdischer imb nicht jüdischer Gelehrsamkeit zusammenbringen soll, um die Ergebnisse unserer Zeit im Licht des Judentums zum Nutzen unserer Gemeinschaft und unserer Umwelt zu untersuchen. Die Aussprache wird unterbrochen. Tie Hauptversammlung nimmt den oben wiedergeaebenen Vortrag von Professor Tr. Julius H i r sch entgegen. der Not heraus, aus bitterer Erschwerung allen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Daseins. Und was für die Jugend fast seylimmer ist: die jetzt noch regierende Generation gibt ihr allzu wenig an Zielen sür ihres Tages' Arbeit und für das Wollen und Sinnen in dieser Tagesarbeit, das aus der Werkstatt von heute in die van morgen führt, das immerhin aus dem wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und Zielmäßigen Pessimismus von gestern in eine bessere Zukunst zeigt. Schwer genug hate es diese Jugend, die emporgewachsen ^:st in der Entbehrung der Kriegsnot und in dem Schrecken der Inflationszeit. Sie sah sich in einer Welt, die sich zu ihren Ungunsten bedenklich verändert hatte. Materiell hatte sich die Umwelt für sie bedrückend umgestaltet; denn soweit das Dasein der jüdischen Familie aus Vermögen beruhte, war es typisch das mobile Kapital, das Geldkapitat, und das wurde für einen großen Teil vor den Augen einer Jugend zerschmettert, die diesem Prozeß hilflos zusah — übrigens genau so wie auch die Alten —, und die auch noch keinen Ausweg aus dieser Not sah, die ihre Lebensarundlaccn überall bedrohte unb zunächst teilweise zerstörte. So erlebte es diese junge Generation, daß man sie,-die Juden, als schuldig erklärte gerade an dem Volksunglück. das sie am meisten mitgetroffen hat, als schuldig an der Inflation. — Und doch sind gegen dieses Unglück die fortgesetzten Warnungen und vor allem die Vorschläge gerade der Wirtschafter jüdischen Stammes kläglich unbeachtet geblieben. In diesem Saal hier wurden uns drei große Stabilisierungsversuche, von denen zwei zusammen mit Walther Nathenau ausgearbeitet waren, durch engstirnige Jnteressenangst, weit mehr noch durch Mangel an Urteil und Voraussicht, bei denen übrigens gemeinsam und gleichmäßig die christlichen und die jüdischen Vertreter der entscheidenden Gruppen im Neichswirtschaft einander nichts nachließen, zerschmettert. Tie Jugend sah sich beschuldigt, Nutznießer dieser Inflation zu sein, die gerade das mobile Kapital, eine ihrer Existenzgrundlagen, zerstört hat, ja sie sah sich beschuldigt, als der Verursacher dieses großen Volksunglücks, denn als denen Ursache sah man ja nicht den Krieg, der gegen 28 Nationen zuletzt verlorengehen mußte, sondern mau sah sie in der sogenannten Sozialisierung, die auch von einigen Politikern jüdischen Stammes theoretisch mitgcsordert wurde und von der praktisch nicht das Geringste wahr geworden ist. Und man beschuldigte an diesem Unglück die sogenannte Ersüllungspolitik. obwohl keiner der sogenannten Ersüllungspoliriker auch nur im entferntesten d i e Erurllungssreudigkeit gezeigt hat. die die jetzt regierenden Kabinette in so erstaunlicher Weift auszeichnel. 500 Millionen haben wir im letzten Jahre infolge gänzlich falscher Steuerpolitik mehr gezahlt, als Dawes und die Seinen überhaupt grundsätzlich vorgeschrieben hatten. — Das ist Ueber - Ersüllunaspolitir mit deutschnational besetzter Negierung. In der Zeit, in der unsere jetzige junge Generation aufwuchs, war der Jude auch noch der „nationale Verräter", weil einer als Unterhändler milkänipste um ein erträgliches Dasein dieses Volkes und um die Vermeidung der Nnhrbesetznng, deren katastrophale Folgen wir dann alle erlebt haben. Ein leidendes Volk braucht einen Sündenbock. Ter Jude wurde in Deutschland der Sündenbock. Darunter litt zuerst der Erwachsene. Ihn suchte man zu strafen für die gar nicht vorhandenen Sünden seiner Stammesgenossen durch wirtschaftlichen Boykott. Mit Bewunderung haben wir vor wenigen Tagen in einer Vernehmung gesehen, wie der jüdische Kaufmannsstand des deutschen Ostens unerschrocken diesen Boykottkamps auf sich nahm. Wie er durch äußerste Herabdrückung seiner Kosten dem Boukorr das wirksamste wirtschaftliche Gegenmittel entgegensetzte, den billigen Preis. — Viel bitterer litt darunter die Jugend. Sie verstand die Ursachen nicht, sie wußte nicht, warum sie eigentlich schuldig sein sollte; sie sah vor allem nicht, daß dieser Zustand, in dem sie gerade auswuchs. schließlich doch anormal war, daß er vorübergehen mußte, und so erlebte sie die besonderen Leiden gerade dieser Jugend: Abschließnng von außen, Abschließung von den anderen ans der Schulbank und aus dem Spielplatz, Abschließung von der Wanderung und Abschließung von den Rechten der Studierenden in einer von Jnslationsnnglück überreizten Studentenschaft, Absperrung auch in wichtigen Bernsen. Wen kann es da wunderuchmcu, daß sie vielleicht allzusebr in eine Hoffnung verfiel, die romantisch ihr ein besseres Dasein in irgendeinem anderen Lande im rosigen Lichte der Verklärung erscheinen ließ, von einem Dasein, unbeschwert von den Hemmungen nur um der Abstammung willen, gegründet auf eigener Erde, und die obendrein auch noch den Anschein einer wirtschaftlichen Verankerung erhielt. Dieser Traum wurde um so allgemeiner, als er, sehr geschickt politischen Zicken des britischen NeickM dieustlxrr gemacht, noch eine Art amtlicher Bestätigung erhielt, einer Bestätigung sür n 0 ch e ine n kleinen Nationalismus, für n och c i n Natiönchen unter Hunderten der allzu kleinen Natiönck-en,