Von deutsch-jüdischer Jugend
- Journal
- Von deutsch-jüdischer Jugend
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 1-2 (10.2.1928)
- Date
- 1928-02-10
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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6 eine aktive Teilnahme an bni begehenden großen Organisationen des deutschen Judentums Setbstverständlichteit. Durst) dieses rechtzeitige Eiuarbeitcst in die große jüdistpe Politik hoffen nur. den Leerlauf zu vermeiden, den nur so oft in der Jugendbewegung deobachten und der zu einer Analogie des bekannten Shaw'cheu Wortes lockt: „Das lg. Jahrhundert wird das Jal)rhuudert der schönen dunste genannt. Das Resultat liegt jetzt vor." Aber nicht nur zeitlich, sondern auch r ä u m l i d) null nel) der Bund unter Nahrung und Betonung feiner Eigenart dem (Ganzen einaliedern. Unser Bund glaubt nicht, dag es zur Festigung des eigetteu Streifes eiurr isol;i(ion'* der Außemoelt gegenüber bedarf, er legt vielmehr auf dauernde B e r ü h r u u g mit den bestehenden jüdischen Institutionen groben Beert. Im Reichs- und L a n d e s a u s s ch n ß der j ü d i s clj e n I u g e n d v e r - bau de ist ihm aktive Mitarbeit Selbstverständlichkeit. Nicht lveniger selbstverständlich ist es für ihn. mit dem <5. B. als der Organisation, die. wenn auch mit andern Methoden und anderm Material, an demselben Ban arbeitet, irr st ii n d i g e r F ii 1} l u n g 311 stehen. D:es bedeutet nicht ein Bergnisteu iX'r Tätigkeitsfelder, sondern ein selbständiges, verständnisvolles Nebeneinanderarbeiten in dein Bewusstsein. das; beide Be w e g n n g e u ei n a » d c r z n einer großen Einheit ergänze n. Werner Rosenstock. Jüdisch-liberale Jugend Tie Jli's iJüdisch-liberate Jngendvereinej sehen ihre Aufgabe in der Sammlung junger Juden luiiderlei Geschlechts und ihrer Erziehung zu selbstbeivnßten. verantwortungsvollen Mitgliedern der jüdischen Gemeinschaft. Wie der Name ,,liberaler Jugeudvereiu" sagt, beeinflussen wir unsere Mitglieder in liberalem Sinne. Unter „liberal" verstehen wir akxw nicht ein Blind- Revolutionieren gegen alles Ueberkouunene. vielmehr wollen mir zu den Problemen der Gegenwart Stellung gewinnen, ohne durch Scheuklappen irgendwelcher Art beengt zu fein. Um das zu erreichen benötigen wir eine einigermaßen gründliche Reuntnis vom und ums Judentum. Tiefe Reuutnis versuchen wir unseren Mitgliedern hae.ptsächlich auf den Heimabenden, der einzelnen Gruppen zu vermitteln. Unsere Gruppen bestehen ans 10 bis 20 ungefähr gleichaltrigen Jungen und Mädchen. Tie Leitung ist einem etwas älteren Führer bezw. einer Führerin anvertrant. Tie Arbeit der Gruppe geht nun so vor sich, daß entweder vonl Führer oder von einem der Gruppe innilglieder über ein verabredetes Thema ein Referat gehalten wird. Im Anschluß an dieses Referat finden dann meistens Diskussionen stach ans denen sich recht häufig Themen für weitere Heimabende ergeben. Außer rein jüdischen Fragen behandeln wir auf unseren Heimabenden, soweit das möglich ist, auch allgemeinere Probleme. Hinsichtlich Form und Art der Arbeit haben wir für den Jli jedenfalls keine Norm ausgestellt, so daß der Individualität der einzelnen Gruppen freies Spiel gelasien ist. So und die einen auch mehr „rein religiös" eingestellt, während andere mehr zur Philosophie neigen, wieder andere lieber ganz akute Probleme behandelt scheu. Sache des Führers ist es. stets bei der Gruppenarbeit, das Ziel — das liberale Judentum — im Auge zu behalten und in dieser Richtung seine Gruppe zu leiten. Außerhalb der eigentlichen Gruppe u„ar beit" stehen die „Bunten Abende", bei denen die Gruppe mehr gesellig beisammen ist und auf denen sich die Gruppenmitglieder mehr, als das bei anderen Heimabenden der Fall ist, kennen kernen sollen. Allmonatlich finden sogenannte „Große Veranstaltungen" stakt, die alle Gruppen vereinen. Auch hier weiden Referate gehalten, die aber der Berschiedenheit der einzelnen Gruppen angepaßt sind. Auch hier legen wir aus Diskussion großen Wert. So viel von unserer eigentlichen Arbeit. Außerhalb dieser stehen unsere Fahrten, denen wir — wenigstens was offizielle Jlitätigkeit anbelangt mir sekundäre Bedeutung benncssen. Nichtsdestoweniger wird bei uns regelmäßig gewandert. Außer den Wanderungen der einzelnen Gruppen, die nach Bedarf stakkfinden, hat sich aus verschiedenen Gruppen eine Schar Wanderlustiger znsammengefnnden, die weit häufiger als die andern auf Fahrt gehen. Selbstverständlich machen wir auch Mehrtauesfahrteu mit allem Zubehör, wie Abkochen nsw. Im wesentlichen ist hier die Tätigkeit des Berliner Jli geschildert, doch ist die der anderen Jli's meines Erachtens nicht prinzipiell anders. Alke Jli's sind in der „Arbeitsgemeinschaft jüdischliberaler I n g e n d v e r e i n c - (Arge) zußunmengeschlossen. Tie Arge besteht aus den Vertretern der einzelnen Jli's und entscheidet über die alle Jli's cemeinmm interessierenden Fragen, wie Neuoründunaeu, Unterstützung kleinerer Jli's u?w. Am augenfälligsten ist die Herausgabe der. Zeitschrift „Jli", die allmonatlich unter selbstständiger Redattion als Beilage zur „Jüdisch-Liberalen Zeitung" erscheint. Diese Zeitschrift soll hauptsächlich dem Gedankenaustausch zwischen den einzelnen Jli's dienen. Ferner enthält sie Tätigkeitsberichte aus den verschiedenen Jli's und schließlich Buch- und Zeitschriftcnbesprechuugen. Tu ich die Zeitschrift „Jli" ist zwischen den Vereinen au den verschiedenen Orten ein Band geschaffen, das die jüdisch-liberale Jugend Deutschlands eint. Ham Rosenberger (Berlin}. Spreewaldfahrt Aus dem Fahrtenbuch der Leipziger „Kameraden“ (Mit eigenen Zeichnungen) Was kennen wir eigentlich vom Spreewald? Tie buntgetleideten -Kindermädchen, die in den Großstädten Wagen mit ungezogenen Wielelkindern vor siel) herschieben. Wir wissen einiges von feiner ivendischen Bevölteruug. die noch ihre alte Sprache als einziges Uebeebleibfel einer alten slawischen Rultur in einem einst rein slaivifcheu Lande behalten hat. Wir kennen einige Bilder von langen Kanälen in dichtem Laubwaldc und hören sagenhaft, daß keine Fußwege. sondern nur Wasserwege durch ihn hindurchführeu. Einige werden fid) auch luxt) der Zeit nach der Revolution erinnern, in der der Wenden «ihrer Bart!) die Wenden ans der Ober- und Niederlausch auf rief und sie zum Anschluß an das junge Tschechenlaud bewegen wollte —. er hat nichts erreicht, wurde lvegen Landesverrats angeklagt, lernte einige Gefängnisse kennen und ist seitdem still geworden. Aber das soll nicht heißen, daß das wendische Volk im grauen Mischmasch der mitteldeutschen Bevölkerung untergegangeu ist, sondern es lebt wahrhaftig. Bon R 0 t t b u s bis hin a u f na ch L ü b b e u a u erstreckt sich der Spreewald. Nicht überall zeigen sich hohe Bäume, sondern von Cottbus bis zu dem Hauptsitz der Wenden, dem Städtchen Burg, erstreckt sich eine sandige, von dürren Rieseru spärlich unterbrochene Heide. Bon Rottbus kommend erreichen wir nach strengem Marsch endlich das alte, tief in die Sandhügel vergrabene, verstreute Wendeudorf Burg, streichen am schmalem Wege an den vereinzelt da hollenden Strohkaten mit den Pferdckopfgiebeln nnd überhängenden Strohdächern vorbei. Immer mehr Raten stehen beieinander, rechts streckt sich ein verfallener Gottesacker den 'Sandhügel hinauf, und endlich grüßt uns der helle Bau der Burger Rirche, inmitten einiger neuer, unschöner Häuser liegend. Wir werfen schnell unser Gepäck beim Herbergsvater ab und flüchten uns wieder zwischen die in der Mittagsglrit träumenden Hütten, von lvo uns ab und zu ein weißblondes Rinderköpfchen staunend nachschant. Ta sind auch einige erwachsene Leute, die Frauen in schwarzer Haustracht ohne die große schöne Ropfhaube, die Männer in Arbeitslleidung. alle mit jcharfgefchnitteilen Gesichtszügen. Ueberhaupt diese Gesichter! Wir haben ihnen immer forschend in die wasterblanen. schmalen Angen geschaut, die uns stets freundlich anlächelten, wenn sie uns in richtigem, aber scharf artikuliertem Deutsch den Weg wiese«. Sie sprachen alle bedächtig, hoben langsam den Arm. um die Richtung zu weisen nnd fragten stets woher und wohin. Tie Lippen bilden, geschlossen, einen graden. schmalen Strich, die schmale Nase macht unter der Stirn einen scharfen Haken und endet spitz. Rinder, die wir befragten, konnten uns nicht antworteu, denn erst in der Schule erlernen sie Deutsch. Reich sind sie nicht, aber alle gastfreundlich, nnd ihre Gemüsebeete, ihr Hauptarbeitsfeld, zeugen von sorglicher Pflege. Ri rchg a n g in Bur g. Aus der weiten, verstreuten und zwischeu Wasserarmen liegenden Bnrg-Rolonie. wie sie sie nennen, kommt MUH au den Oster-, Psingst- und Weihnachtsseierkageu alles: Männer in schivarzen Bratenröcken und Zv,lindern, mit Orden und Auszeichnungen behängt; die Frauen in weiten, schivarzen Rlcidern mit weißen, schivarzen oder wunderbar bunten großen Hauben; die Mädchen genau so, die Buben in steifen Sonntagsanzügen, nach Burg znm Rirchgang. Aus allen schmalen Wegen strömt es herein, steht aus dem Rirehenvorplatz, gruppiert sich, Männer und Frauen getrennt, untereinander. Ein Mädchenchor singt, das Rnipsen von