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Central-Verein-Zeitung · 1928-02-10 · 6 (10.2.1928) · p. Seite 77

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
7 (1928)
Issue
6 (10.2.1928)
Date
1928-02-10
Page
Seite 77 (sequence 13)
Language
German
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77 Alte Psombüchsen. Aus aer Kunstsammlung der Berliner Jüdischen Gemeinde. WM M«WW ms NNW ' Von Eeorg Armann. Bor lvenigen Monaten sah ich im G Imii) in Paris die jüdischen -Gultgegeustände der Sammlung Bothschild, eine 3tiftiuu^ der Baronin, l^ntnlic v. Bothschild. Gold- und Tilberarbeiten, Bücher und Thorarollen und Manuskripte, Tchabbes- und Ghauukatenchter und Psomdüchsen, Beschneidungsinstrumente. sehr reiche und sehr zierliche Filigranarbeiten. Stickereien, Borhänge für Thora ich reine und so fort. Gs waren zwei Gesühlsgruppen, die sich dabei regten und seltsam in Widerspruch standen. Tie eine war die des \\ u n st s r e tl n d e s und des Tammlers, der den artistischen Beiz der Tinge zu sehen gervohnt ist; und die andere war die des p e r s ö n l i ch , als Jude, an diesen Tiugen beteiligten Bien scheu. Za mehr als das: ein Gefühl, das ich nicht beschreiben, sondern nur umschreiben kann. Ich war einuml bei einem Gesandten aus altein Adetsgeschlccht zu Gast und im Lause des Gesprächs holte er einen großen gepreßten Tchweinslederband, einen Pergamentband ails der ersten oder gar zweiten -'öälftc des in. Jahrhunderts vor. „Das ist rnir angeboten ivorden. Toll ich es kaufend" Gr nannte einen Preis; und der war reichlich hoch. Das Buch war gut. aber nicht erste -Glane. Gs stellte die Bitter in sehr reichen und sehr unmöglichen Rüstungen dar, die an einem der letzten Turniere, das vielleicht je abgehalten wurde — denn der Bitter hatte zu dieser Zeit schon vor dem Gewehr und dein Mörser und der -Garthanuc mr den Grnsrfall kläglich abdanken müssen —, teilgenommen hatten. v'\rfj sagte, daß. wenn er so etwas bei den großen Antiquaren in Berlin, -Götn oder München suchen ließe, er doch noch ein besseres finden tonnte. „Ja." meinte der Gesandte: „da ist nämlich ein Borfahr von mir darin" und er schlug ein Blatt ans, aus dem, in eilte selt'ame und unpraktische Bitterrül'tnng gequetscht, ein Mann stand, der iast die gleichen Gesichtszüge trug, wie mein Wirt. ihm znm mindesten sehr ähnlich sah . . . trotzdem sein Ururentel längst das Turnier der BZ orte dem der Lanze vorgezogen hatte, ebenso wie das Auto dem Ttreitroß. „Ja," sagte ich, „das entscheidet die st rage. Tann würde ich cs taufen conto guo conto." Tas aber, tvas hier umschrieben, ist der letzte Best meiner Ginptindnng bei diestn Gliltgegeuständen. die ans vergangenen Jahrhunderten kommen . . . ein mitzitte r n d e s G e i ü'h l: es hat Bienichen gedient, die ähnliche Züge trugen wie ich, es war wie ein Gold- und ^ilberschimmer in ihrem Leven: und es ist weiter von Menschen geschaffen worden mit ähnlichen seelischen Zügen. Bon Haudwerterli mit st reu de an der künstlerischen Tradition und an der tünnterischen Bote. Ich empfinde vor diesen Gegenständen in einem erhöhten Maße das Tatwaiuasi . . . das bist du . als ich es jaust bei der Uunft empfinde. Alte diese Gefühle streiten aber miteinander. Ter -Guustfreund in mir weiß und ist sich dessen vollkommen bewußt: es gibt Tinge von höherer Tchöuhcit. die sensibler, reicher und eigenartiger in storm und starbe sind; an die -Gultgegeustätfde anderer Beligionen tommt das nicht heran, und es ist historisch und in der Beligion und der Stellung der jüdischen Beligion innerhalb der »inderu. die von Ttaatsgedanken, stürften und der Allgemeinheit getragen wurden, bedingt, daß es nicht damit wetteifern taun. und daß e-ö auch nie mit jenen in einen künstlerischen Wettstreit hat treten wollen. Gs gibt iveder Tinge bei ihnen, wie die romanischen oder gotlstschen Gießgesäße, ganz zu schweigen von einer „Pirta" Michelangelos oder dem Gugelgeilatter um eine diotoloorgel. es gibt teilten Hoi Ins di-lieiarum, keine geld- und pnrpurge'chriebe'lien -Goranfeiten, keine Hausgeräte, die ein Gollini geichasseu haben könnte. Bis vor einigen Jahrzehnte^ hat man doch überhaupt die Ansicht vertreten, daß der jüdische wempel und das jüdische Hans in feilten Biteit volttommeu kuustfremd waren, und erst durch Sammlungen, tvie diese tm Glnnh und das Museum jüdischer Altertümer iu stranksnrt, und neuerdings iu Berlin, haben weitere Hretfe sich eines besseren belehrt. Wir aber sind uns jetzt doch bewußt gervorden, daß auch für beides immer Gegenstände von seiner Giaeuart geichasieu worden und, die wir weder übersehen dürien ... aber die wir — das sagt mir mein langjähriges Interesse an den Werken der bildenden .Gunst und vielleicht mehr noch des -Gunngewerbes -- auch nicht ü o e r s ch atzen dürfen. Telbß ihre bestell Ttücke wandeln doch nur für eigene Zwecke die Ttiltomponenteu der Zeit ab. Beeist haben sie mit einer merkwürdigen — man möchte sagen jüdischen — Zähigkeit längst vergangene Ttile sogar koweroiert. Tie silberne Pwmbüchse ans dem Halls meiner Großeltern iß noch die gotische Monstranz üih'iui nid)} die gotische Monstranz überhaupt die Psombüchi'e iß). Tie fleinen alten Tynaqvgenräume, die das Luitpoldmuseum in Würchnrq mld das städtische Mm'eurn in Tchwäbisch Hall ausgestellt haben, mit ihren beimtUca Hol.pvändeu iu großen Zügen von Tiüelatauthus würde jeder für späte Gothik halten, lveun nicht ihre Tatierunaeu. ne in - - so lveit ich mich erinnere -- den Anfang des 1*. Jahrhunderts wiesen. Tiefe jüdische -Gunst also hat die gleiche Zähigkeit im stcsrhalten einmal aufgenvmmeuer stormen. toie ne es zum Beispiel alle bäuerische .Gunst hat, die die städtischen Möbelsormen und Trachten ausniimnt, abivaudelt und durch Iahrhlinderle daun bewahrt, während die Urbilder längst vergessen und antiquiert sind. Blei ne r u mnn ßgeb lichen Bceinuug nach liegt der schönste Teil der jüdischen Ztnnst in seinen alten Manuskripten. und Büchern. Hier habe ich bei Tammlern schon herrlich? Dinge in den Händen gehabt, ganz gleich, ob sie gedruckte alte Hagadeu oder geschriebene Bücher des Alten Testaments waren. Talmud oder spanische Tichter. ob sie aus Athen oder aus Tanger, aus Polen oder aus Amsterdam stammten — sie waren immer von einem hohen .Gunstgencht für dieTeitung einer <-cite„ für die Tchönheit der Tchrm oder für die Berteilnng von ^chrnt und Bildichmuck getragen. Tann aber sind stiligranarbeiten ans eine beachtenswerte Höhe gebracht — es lebt hier noch etwas von spanischer und maurischer Ueberlieferung darin —, vielleicht ist auch hier das Verhältnis ein wechselseiri-. ges und ungeklärtes, wie zwischen Monstranz und Pwmbüchse. Als drittes die Ttickerei, die eine gewisse Wucht hat, die durch die simplen Tchrützüge und die einfache Trnamentit von Löwen, Tchildern. schlichten Umrahmungen begünstigt wird. Auch die alten silbernen oder zinnernen Pessachschüüetn Haben eine Größe von storm und Trnament. der man nch trotz der manchmal rohen Arbeiten — kaum entziehen kann. Ter G e s n h l s w e r t, das st l u i d n ttt, d a s diese Ti n a e s ü r u n s a u s st r a h len, die Aureole, die sie umgibt, ist etwas. das aiich daun seine Wirkung ausübt, tveuu der Platz.'den die religiösen Biteu iu unserm Leben einuehmen, ein sehr geringer geworden iü. Ettvas beginnt, sowie wir der Dinge ansichtig werden oder gar sie iu der Lwnd halten, iu uns zu vibrieren, ähnlich ungefähr. tute tveun nur plötzlich im Titusbogen die Tarßeliung des großen Leuchters getvahreu. den die siegenden Bömer als Trophäe tragen. Wir empfinden plötzlich, nicht shmbolisch, sottderu als eine greifbare Tatiackje. diese mtendlich langen A.huenreihen. die bis zum Heute, bis zu uns führen, und deren nur uns nicht immer mehr betvußt sind. Tas da wäret! ihre Lebensntmbole! Ich habe Aehnliches noch oft erlebt. Gs hat mich immer unvorbereitet getroffen. Das erste Mal hat es mich erschüttert, als tdi vor dreißig Jahren in die Wand einer Tcheuue eingemauert plötzlich einen tandsc ri^rcttt’ \ itkjtijin allen ffrosterttt Gtädtai l\-u!sJi(jnJs. l rhälthdi in allen Sptzial^euhJItcit. Zwei hölzerne Thoraweiser um 1800 der Kunstsammlung der Berliner Jüdischen Gemeinde

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