Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 7 (1928)
- Issue
- 5 (3.2.1928)
- Date
- 1928-02-03
- Page
- Seite 56 (sequence 8)
- Language
- German
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öö wickelt deck) hat sic niemals die einseitige Bedeutung gewannen wie im Christentum und in, Islam; die ewige BerdannnniS ader^ rennt das Judentum überhaupt nicht. Ter Lchw'crpnnkt des n,e.'eiw.- blico durchaus aus dem irdischen Boden. Hier recht eigentlich bcwagrt man sich — das kehrt später im Pnritanismus wieder; ater hier recht eigentlich lebt mau auch fort — in seine,i /lindern und .gindcrkinderu und ihrem Wohlergehen — während int ^uritiiiit^iiut^itc Bewährung auf der irdischen Pilgerfahrt der Volleudtnig tm jenseits gilt. Dadurch ift der Jude mit rastlosem Eifer emmlt, es hicnicden ..weiterzubringettR Do wird Aufstieg die Losung seines Leben- Darum findet mau ihtt nie im eigentlichen Proletariat, d. st. tm dumpfen Hinleben auf der untersten Gesellschaftsstufe mit der stuurpien Ergebunch in die Tetlassicrtheit. 2 e i n eGotwrgcbeuhe'.t ioem_ lieb, wo er noch fromm ist, durch die pünktliche Ersiillung des Genchc-I auch aber nicht durch die Ergebung in ein ihm zugewieleue- Le-. Das von Gott zngewiesene Los' jedes Hilden ist: datz es ihm wohl und immer wohler ergehe auf Erden, ihm und den Deinen. Wenn er dafür arbeitet, macht er sich der Verheißungen Gottewert. Dies verleiht natürlich eine stets tvache Regsamkeit und unermüdliche Beweglichkeit aber diese Eigenschaften siitd gewiß auch schon Mitgiften der ethnischen Ursprünglichkeit. Ter Jude teilt sie mit de n Wst ed i t e r r an v ö l ke r n des östlichen Mittelnieerbeekcns; man kennt das Orientsprichwort von iht'.t, dem Griechen und bem Armenier. Auch bei den Völkern des westlichen Beckens, den ..RvmanenF bestellt ein Primat des Intellekts vor dem ..Gemüt", aller Klarheit, Rastlosigkeit, Anstelligkeit. Es wird leider auch in der Politik zu. wenig beachtet, bau 3. B. auf Franzosen nichts so wirkungslos bleibt wie deutsche Deutimenkalitätett. Dprache und Ivimft biester Stationen sind ja die größten Zeugnisse für ihre rationale Jntellettualität. Die Inden sind'ähnlich. Darum sind sie. toofern man ihnen den Weg nicht versperrt, überall voran, wo es diese Dinge gilt. Uns fehlt dabei an ihnen irgend etwas Irrationales, ein Begreifen des Konstruktion-losen. Unaussprechlichen. wesenhaft Unbewußten: es ist so ungemein bezeichnend, daß ein großer Jude. Freud, mit der rationalen Mechanik des Bewußten glaubte, die Geheimnisse des Unbewußten erschöpfen, ans Licht heben zu können. öia* ohne Zweifel klarst der tiefste Dpalt zwischen denn „Germanischen" und dem „Jüdischen". Jedoch aus diesem klaffenden Dpalt quillt ja gerade die ewige Fermentation, die unser nordisches Dasein durch die Juden erfährt. Aehnliche Gegensätze leben doch innerhalb der großen Nationen selber und machen ihr Leben und Wirken vielfarbig, rege, interessant. Nord und Düd sind in Deutschland, in Frankreich, in England höchst wesen-verschieden — wie schrecklich zu denken, es gäbe in Deutschland nur Preußen, und keine Dchwaben, keine Bajuvaren, keine Dachsen; andererseits, was wäre aus diesem Deutschland ehrte seine, dem südmaimschen Bruder oft so „unausstehlichen" Preußen geworden? Und hat man einmal Urteile eines flandrischen Franzosen oder Lothringers über die Gaskogner, über das Volk des „Midi" gehört? Ucbcrall sind diese ethnischen Dpannnngen. und ohne sie wäre nicht das leuchtende Funkenspiel des nationalen Lebens. Tie Inden sollten nicht die Torheit begehen, zu bestreiten, daß sie eine ethnisch besondere Gruppe sind, ein „Dlaimn" sagen luir einmal. den mancherlei. Psychisches und Physisches, von den deutschen Stämmen unterscheidet. Was tut denn das? Auch die deutschen Stämme haben sich gehaßt und bekriegt und wollten lange gar nicht zueinander. Dlawische Dtämme sind in sie eingeschntolzen, von ihnen assimiliert worden. Es ist kaum voreilig, anznnehmcn, daß die korben. Wenden. Polen, die von der ostdeutschen Kolonisation ansgesogen wurden, von den Maintntd Rheinfranken und Wesersachsen und Bodenseeschwaben psychologisch und physiologisch mindestens'so weit abstanden wie der durchfchnittliche heutige Jude vom durclp'chnitt- Nchen heutigen Bayern, Hessen oder Dachsen. Zudem haben die religiösen Verschiedenheiten praktisch viel an Bedeutung verloren. Dem mittelalterlichen oder dem lutherischen Menschen des 17. Jahrhunderts gegenüber, der sein ganzes Leben aufs jenseitige Heil ansrichtete und seitt irdisches Los als zugeteilt hinnahm, mochte es noch so armselig fein, war der Jude in der Tat ein anders gearteter Mensch, gegen dcycn erdcnstarkes Vorwartsstrebctt jener sich zu wehren hatte. Wirklich haben damals, trotz Ghetto tntd Versolgtnta, die Inden mittels ihres Reichtumvielfach einen Einfluß geübt, der nnheute märchenhaft erscheint. Ihre Geldmacht glich oft einer wirtlichen Despotie. Aber Industrialisierung und Aufklärung haben ja diese Proportionen gänzlich versihoben. Auch die Ehristen sind sehr viel irdischer geworden, Renten weiß Gott nicht mehr daran, ihr Los hinzunehmen, wollen vorwärtslonnnen tntd ihre Kinder vor* wärtskommcn lassen imb futbeii irdischen Wohlstand sehr bekömmlich. Die Werbürger!ichung der Gesellschaft hat materiell und ideell den Abstand zwischen Inden und Richtjuden ganz außerordentlich verringert. Darum tvar es nicht bloß doktrinär folgerecht, daß diese Verbürgerlichung die Juden e in a n z i p a t i 0 n ciulcirete, Indern es war wesensnatürlich. daß sie Jahrzehnte hindurch die Auslaugung der^Judetl vollzog. In einzelnen großen Handelsstädten mit ko-mopolitilcher Atmosphäre, toic in Hamburg, tvar dieser Prozeß weit vorgeichrstten. Er ist seither zum Stillstand und Rücklauf gekommen. Und heute ist die Spannung, die erneut besteht, unnatürlich im Verhältnis zu dem Abstand, der wirklich da ist. Die Juden selber haben einen Fehler auf dem Gewissenviele ihrer ^armlien haben sich auch dort gegen das Konnubium gesperrt, wo e^von der anderen ^oeite gesucht vourde. Ich fetme so manchen Fall, ui dem ein jüdisches Mädchen ins heftigste Ringen mit ihrer kv ) V II lEIBNIZ- :i Keks Enthält nur feinste . | Molkerei butter y H.BAHLSENS KEKS-FABRIK AG- M ANNOVE F? Dippe geriet, trenn sie statt des ihr ausgesuchten Freiers einem christlichen Werber ihrer Neigung die Hand reichen wollte — und unterlag. Hiergegen müßte sich ein btnnenjüdi'cher Ennanzipationslamps des ganzen jüdischen Jungvolkes erheben: denn das Konnubium ist weltgeschichtlich der einzige Weg iür eine völkische Assimilation. Es gibt Leinen anderen; die gesellschaftlichejüdifch-antisentitifche Spalt nung wird erst nallstassttt. wenn cs wieder viele jüdisch christliche Mischehen gibt. Höre. Israel! Als nach der russischen Revolution, der Wiederßerstellting Polens und der Raudstaatenbilduug. namentlich während der Inflation, der ostjüdiscüe Zustrom außerordentliche Dimensionen erreichte und in der Reich-Hauptstadt ganze neue Iudenviertel zu entstehen schienen, ist das Problem der D per re gegen diese Flut auch in altjüdischen Kreisen Deutschlands sehr ernsthaft erörtert worden; erblickte doch das kultivierte und cingedcutstchto Judentum in diesen Massen ein wahres Rährmlz für jeglichen Antisemitismus. Inzwischen Hot sich die Hochflut verzogen, normale Verhältnisse sind zurückgekehrt. Ob Deutsch.and genötigt sein tönme, überhaupt eine Eimvandernngsspcrre anfzurichten, bleibe dahingestellt: Amerika und die Dchtveiz. also gerade die beiden alten Demokratien des Abendlandes, sind ans sozialen Erwägungen dahin gekommen. Unter den Einwanderern aber nur die jüdischen serwzuhalten. liegt sür uns kein Anlaß vor. Wir haben auch keinen, das gesättigte Judentum unter uns, von dem ein Teil vor zwei Generationen selber noch „ostjüdisth" war, vorder Auffrischung durah jungen Rechstrom zu schützen — wie es leider in einzelnen abwegigen philofeminsthen Bestrebungen angcsonneu wird. Ter Ostjude bringt zunächst Fremdartiges und Ktlltnrniedercs mit, gewiß, aber er bringt auch eine unerhörte, ungebrochene Vitalität, eine geistige Regsamkeit und BemülstheiL und dazu eine nnblasierLe, tnisnobistische Dch licht beit der DitLen und Lebensansprüche, die ihtt oft vorteilhaft von: wohllebigen, saturierten Altjttden unter* scheiden. Wenn wir das jüdische Element überhaupt als ein geistiges gcrincnt bewerten, denen gärende Kraft uns vor manchen Gefahren der nordisih-germanifchen Wesettsart zu bewahren die Dendtrng hat. so dürfen wir die östliche Auffrischung dieses Ferments keinesfalls unterbinden. Politisch aber kann cs sür uns. tticht nur in Ansehung der Selbstverständlichkeiten einer Demokratie, sondern auch in Ansehung des praktischen Wortes, keine andere Losung geben, als über alle ge> sellsthaslnchen Dvannungen hinweg mit der völligen Gleichstellung der jüdischen Mitbürger im öffentlichen Leben Ernst ztr machen. Rur füllten diese Rlitbürger es nicht erschweren, indem sie schon die Frage, ob für eilten bestimmten Posten eilt jüdischer Anwärter möglich sei. in eine versteht antisemitische Zurücksetzung unnoertcn. Diese Frage mm; bei Stcllcnbesetznngen immer wieder einmal gestellt werben, wo gesonderte Gruppen von ausgeprägter Eigenart bestehen. Auch wer, toie ich. jede mechanistho Parität als widcrdemo. kratisch ablehnt, wird ans der Erfahrung wissen, daß bei gleicher Qnalirät sehr wohl die Erwägung berechtigt sein kann, ob auf diese oder jene Dtelle schon wieder ein Katholik oder Protestant oder ein Akademiker oder ein Jurist oder cin Dtadtauswariigcr oder ein Sozialist oder ein Jude gesetzt werden kann. Alle Juden müßten begreifen lernen (viele haben es längst begrissenh daß cs für die Milderung der Dpannnngen nicht vorteilhaft ist. wenn eine Bevölkernugsgruppo. die sich statistisch wie 1 :100 oder in einer Großstadt wie 5 :100 verhält, in Vercin-v0rständen, auf Wahllisten und wo cs sonst sei. im Verhältnis von 20 : IM oder von 50 :100 in Erscheinung tritt. Das peitscht Abwehrinstinkte aller anderen auf. Viel wichtiger jedoch sürgroße Ganze ist: daß die Juden wirklich, wo sie die Fähigkeit dazu erweisen, an die leitenden und bis in die höchsten Stellen des Staates gelangen.