Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 7 (1928)
- Issue
- 5 (3.2.1928)
- Date
- 1928-02-03
- Page
- Seite 55 (sequence 7)
- Language
- German
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Professot ./ tut. tJJ L< ü leupacn uoer f( /; in//# II eil p ach , badischer ShadspräMdent a.!)■> P r o f c s s o r an der UnicerPiiüt II c td elber y, hat soeben, im Verlag S. Fischer, Berlin, ein umfang reiches Buch „Politische Prognose f -:r heut ■'•cid and" ver inj entlieht, ln den ersten Kapiteln dieses Buches untersucht Professor IleUpncl. das deutsche Volle vom Unlogischen und voller psycholoyischcn Standpunkt aus, prüft dann die Instil ulionen der Verfassung und unter such, f scrd.it sslich vom Ftaud punkt des Politikers die Parteien uncl Gesellschaftsschichten nach ihrer soziologischen Knfstcbnng. Zvm Schluss d>: c-r drei Kapitel, denen cm letztes über „Bus Be ich und seine Macht" folgt, nimmt Professor llell p a c h c Wort zur J wd,'.frage. Obschon nur uns mit wesentlichen Punkten seiner Darlegungen nicht einverstanden erklären / Innen, geben? im folgenden hat gud-ger Erlaubnis des Verfassers den wesentlichsten Teil dieses Abschnitt es wird er; denn gerodbei dem ernsten Streben einer Persönlichkeit vom Bange llellparhs, dem jüdischen Deutschen unbcdunjl gerecht zu rmrdeti, ist cs wichtig, seine Anschauungen genau kcnnenzulcruen, schon, um klarst eilen zu können, welche Fehler in der Beurteilung des Judentums liier und da selbst dem gerechtesten Ntchtjudcn unterlaufen können. Die Schrif Heilung. . . . Es gibt noch ein Gesellschaftsproblem, das auch den neuen deutschen Staat schwer bedrückt, das gleich einem bösartigen Strahlenpilz Volkstum, Staatsordnung und Geistesleben durehsthwärt und an einer dunklen Stelle jüngstdentscher Geschichte blutrieselnd ausaebroeheu ist. Es ist beinahe Verwegenheit, es auznrührcu, und es wäre doch Feigheit, an ihm vorüberzuschleichen. Es gibt Jude n und es gibt A n t i s e m i t i s m u ö in Tentschland. Wieviel Juden gibt cs? Wir wollen auf dieser sehr rationalen Basis unsere Betrachtung beginnen. Es gibt nach der Zählung von 1925 in Deutschland 62)/ Millionen Menschen, und darunter sind 60 183 000 Christen (rundV.0^ Millionen) und 564 400 Juden (rund eine reichliche halbe Million,. Mit anderen: Worten: ans über 100 Christen kommt in Deutschland ein Jude. Wie ist es möglich, wie verlohnt es sich, daraus eine Jndenfrage und eine antisemitische „Bewegung" zu machen? iLUan scheint vor einem Rätsel zu stehen, vor einer Absurdität, ja vor einer Wahnidee, und mau wird darin bestärkt, wenn manche ertremen Erscheinungen der Jndcnfeindschaft und Judenfurcht sich ausgesprochen wahnhaft an gern, wie wir es in den Fällen des „Nituallnordes und der „Weisen von Zion" erlebt haben. Auch solchen Wahn dürfte man nicht ignorieren, ist doch ein Rathenan sein Blntopfer geworden. Aber immerhin, noesentlicher als dieser Superlativ erscheint das Positivum: daß der Antisemitismus als Einstellung und Verhalten unser ganzes Alltagsleben, das private und das öffentliche, durchzieht. in tausend stündlichen Abfchliesiungen und Ausschließungen sich äußert, das; er hinter den Kulissen auch bei Parteien wirksam ist, die ihn auf der Szene feierlich von sich weilen, daß nach der pessimistischen Ansicht zahlreicher Juden überhaupt kaum ein Nichtjude von seinen Regungen frei ist, und daß er aus diese Weise die Juden wirklich zu einem Volk im Volke macht — was die meisten von ihnen sicherlich nicht wünscheii, wovon aber zu untersuchen wäre, ob sie es ungewollt verschulden. Was die Rasse angeht: dieser eine Jude unter über hundert Christen ist kein Neger, kein Mongole, Jem Indianer. Er hat innere Hautfarbe, ist ausgesprochen weißrayig (im Durchschnitt weißer, „rosiger" als etwa viele Angehörige anderer Teile der Mittelmeerrasie. wie Südslawen oder Süditnliener, von Spaniern lind Portugiesen ganz zu schweigen). Er zeigt alle Haar- und Angenfarbcn, auch viel Blond, Rötlich, Blau und Grau, allerdings auch sehr tiefes Schwarz und Braun; er ist ohne Zweifel in etrva vier Fünftel der Fälle als Jude erkennbar, nämlich durch eine physiognomische Modellierung, welche manchmal die Nasenform, regelmäßiger aber die Mnndpartie und die Augenpartie betrifft, sonne durch kleine Eigentümlichkeiten der Haltung und Geste, die bei den Männern am stärksten die Sprachmimik und die Handbewegnngcn, bei den Frauen besonders Sitz- und Gangart kennzeichnen. Aber wäre nicht die Suggestion der Trennung: Jude oder Nichtjude? — so würden diese Abweichungen im Habitus den Inden äußerlich meistens nicht weiter, oft kaum so weit von einem nordischen, alpinen oder dinarischen Deutschen nbrückcn, wie diese untereinander verschieden sind. Zahllose mitteldeutsche Menschen, die kleinwüchsig. rundköpfig, braunhaarig und braun- oder grünangig, kurzgliedrig. wohlbeleibt und nicht selten ein wenig rachitisch sind, stehen für die objektive anthropologische Betrachtung in ihrem Gesamthabitns von den unter ihnen lebenden Inden viel weniger ab als etwa von einem hochwüchsigen, athletischen, blonden, blauäugigen, riesengliedrigen, langköpfigen Holsteiner oder Mecklenburger. Es kann auch keine Rede davon sein, daß der jüdische Gesamthabitus für unfern Schönheitskanon besonders „häßlich" wäre. Es gibt, namentlich seitdem die Jndenschaft auch das hygienische Ghetto hinter sich gelassen hat und intensive Leibespflege. Spiel und Sport treibt, so siiele schöne Inden und Jüdinnen wie schöne Franzosen und Italiener beiderlei Gefch.echts; cs gibt auch noch immer kleinwüchsige, fettsüchiige und krnmmgliedrige — aber man tue in einen; Lande, das den Antisemitismus besonders kultiviert, in Bayern, einmal einen Blick ins Volksgewimmel, etwa der Oktober- Wiese oder des Franzislanerkellers, und man wird auch keine ungemischte ästhetische Freude an einer „Edelrasse" erleben. Nein, die Physische Unterschiedenheit ist weiter nichts als ein an sich unbedeutender Anhaltspunkt für die Physische Fernhaltnng, die vor; den Nichtjuden den Juden gegenüber gewollt wird. Das geringfügig abweichende Körperliche gibt nur einen Inder ab für das (vermeintlich) kraß abweichende Seelische. Wie steht es hiermit? Gehen wir dem nach, so stoßen wir zunächst ans die praküfehe Tatsache, daß das Verhältnis 1 : 100 sich im Leben wesentlich anders darstellt. Es verdünnt sich in den untern Bolksklauen und auf dem Lande vielsack) ans noch viel weniger, etwa ans 1 :500 oder 1 :1000, aber cs verbuchet sich in den Großstädten, den Bädern und Sommerfrischen, im Reiseverkehr, in den Theatern und Konzertsälen vielfach auf 1 :25 oder gar auf 1 :10 und noch darüber hinaus. Diese Erscheinung, die uns die unter uns lebenden Inden vorzugsweise^ in starken Anhängungen ihres Auftretens zeigt, wurzelt in drei Tatsachen: in ihrer Sipvensestigkeit, in ihrem Wohlstand und in ihrer geistigen Interessier Weit. Das Sippentnm wird natürlich genährt und verstärkt durch die Schwierigkeit, sieh gesellschaftlich mit den Nichtjuden zu vermischen: wir weisen die Inden auseinander an, indem, wir uns ihnen vertagen. Aber es ist doch wohl ein ursprünglicher Wescus.zug an ihnen? den sie übrigens mit allen Mittelmeervölkern zu 'teile:? scheinen: die Verwandtschaft spielt auch im Leben des Italieners und des Südslawen eine viel größere, bindendere und verpflichtendere Rolle als in Nordeurova. mo sie nur in den Sphären der Nobilität. des Landadels wie des 'Patriziats, zu bewußter Pflege gelangt ist. Bei den Inden finden wir weitverbreitet eine Art Vorliebe 'für Verwandte, die sich praktisch in einer sehr ausgeprägten Sippenhilse und in vielen Verwandtcnheiraten betätigt. Der Tadel, daß einem im gesellschaftlichen Umgang mit einzelnen Inden sehr bald auch ihre Vettern und Basen aller Grade zugeführt und anempfohlen würden, ist häufig von Nichtjuden zu hören, die dem Judentum als solchem ohne Vorurteil gegenüberstehen. Durch ihr sippenweise gebänrres Erscheinen rinen die Inden naturgemäß oft den Eindruck hervor, einen viel stärkeren Anteil der Gesamtheit ansznmachen, als es statistisch der Fall ist — das Bild, daß es von ihnen „wimmle". Abwchrregnngeu werden dadurch versteift. Am häufigsten entsteht dieses Bild an Orten, die aufzusuchen sich nur der Begüterte leisten kann. Die Inden sind nicht gleichmäßig im Gesellschaftssystem verteilt: sie gehören ganz überwiegend den städtischen, mittel- und großbürgerlichen Schichten, der typisch „erwerbenden Gesellfchan" an. Sie besitzen zweifellos einen starken Erwerbssinn und hohe Erwerbsgaben, nur lauen hier noch dahingestellt, ob ans nr'prüuglicher ethnischer Anlage oder ans geschichtlicher Nötigung heraus; vor allem aber tragen sie, besonders ihre Frauen, den erworbenen Wohlstand gern zur Scham Dies macht sie nicht bloß durch ihre sippische Marne, sondern auch durch Kleidung. Schmuck, Konstun, Lnrus aller Art auffälliger. Es ruft nicht nur Neid hervor, sondern erzeugt auch den Eindruck, daß „das Geld" in ihren Händen znstumnenströme, und daß sie dadurch eine Störung des wirtschaftlichen Gleichgewichts im Volksorganismns, der gerechten ökonomischen Gütervertcilnng bildeten. Der Erwerbssinn der Inden mag ursprünglich oder historisch erworl>en sein: gewiß hängt er mit ihrer Jntellektualität an sich zw fammen, gewiß aber auch, sei es als Ursache oder Wirkung, mit der stark erdenfrohen Einstellung ihrer Religion. Die göttlichen Verheißungen ihres mosaischen Dckalogs gehen ans langes'Leben, Kindersegen und Wohlstand, auf alles dies (für den Frommen) „bis ins tausendste Glied". Später hat sich eine Jenseitsseligkeitslehre <nt- Don Jehuda Abrabanel. — Anzeigen. Zu beziehen: Philo Verlag, Berlin SW 68, Lindenstr. 13. Einzelheit 2,25 M., Jahresabonnement 12 M.