Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 7 (1928)
- Issue
- 5 (3.2.1928)
- Date
- 1928-02-03
- Page
- Seite 54 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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54 3m Namen aller Rechtschaffenen! Lücken WolsS Brief an Verr rmrriiilifcherr Anszenminifler. Wir haben in der „E. B.-Zcitung" immer wieder auf dic^ Pogromstimmung und die wüsten Ausschreitungen gegen die Juden in Rumänien hingewiesen. Vor fast cineni Jahr, am 1. *lpnt 19*2#, konnten wir tu diesen Blättern ein -schreiben des 2Ninislerprätidenten General A v e r e s c u wiedergeben, in denn er die gegen 'Rumänien erhobenen Vorwürfe zu entkräften versuchte und in Aussicht stellte, dost die rnmäni'che Regierung jegliche Ausschreitungen verhindern würde. Trotzdem ereigneten sich vor wenigen Wochen die Pogrome in Jassy. Grofzwardein. Klau'cnbnrg und anderen Drten, über die unser Sonderberichterstatter in den „E. V. - Zeitungen" vom 16. und 30. Dezember eingehend berichtete. Auch die englischen Inden haben gegert diese erneuten Greuel scharse Proteste erhoben. So hat. wie ans der Presse bekannt, die letzte Sitzung des Hoarü ol Deputier in London sich mit den Pogromen in Rumänien besaht, die. »nie es in dem Bericht heißt, nicht einmal in den schlimmsten ..Pogromzelten des zaristischen Rußland" eine Parallele gefunden haben. Auf die ersten Proteste der englischen Juden hatte der rumänische Minister des Aeußeren. M. Titulesco, ein Telegramm an den Sekretär des 3omL k'oroixn Committev in London gerichtet, in dem er Zusicherungen über die Vergeltung der Nebeltaten gemacht hat. Wir sind heute in der Lage, den Wortlaut eines Schreibens Lucien Wolfs an den rumänischen Minister des Auswärtigen lviedcrzngeben, in dem sich Lucien Wolf über die geringe Vergeltung der rumänischen Nebeltaten äußert. Ter Brief lautet: 23. Finsbury Square, London EC. 2, den 1*2. Januar 1928. Herr Minister! Am. IE Dezember 1927 erwiesen mir Euer Exzellenz die Ehre, ein Telegramm an mich zu richten, in dem Sie mir den Abscheu der königlichrumänischen Regierung über die vcrabschenenswürdigen Ausschreitungen rumänischer Studenten gegen die harmlose jüdische Bevölkerung von Oradea Marc und Cluj aus sprechen und mir Kenntnis von dem KabineUsbeschluß gaben, „sofort und energisch mit strengen Maßnahmen vorzngehen, um jede Möglichkeit auszuschließen, daß derartige Vorfälle sich in Zukunft wiederholen". Ich verfehlte nicht, diese angenehme Nachricht dem ckoim Foreign Committee zu unterbreiten. Dieses Komitee beschloß ans dem Gedanken heraus, daß die königliche Regierung bei der Verwirklichung der schwierigen und notwendigen Ausgabe, die sie selbst sich gesetzt hat, nich: gestört werden dürfe, Kenntnis von den Versicherungen Eurer Erzellcirz zu nehmen und im übrigen zn warten, wie sich innerhalb einer angemepenen Periode die Maßnahinen answirken würden. Seitdem hat sowohl das Komitee als auch die gesamte Judeuheit von Westeuropa und Amerika eifrig und mit nicht geringer ^orge auf die Verwirklichung der von der königlichen Regierung angeordneten Ckrasmaßnahmen gewartet. Es ist vielleicht verfrüht, eine Meinung über die Zulänglichkeit dieser Strasmaßnahmen als solchen auszusprechen, besonders, da im Augenblick, da dies geschrieben wird, eine große Zahl polizeilicher Verfolgungen und anderer Maßnahmen angezeigt sind. Jedoch unter dem Gesichtspunkt der freundschaftlichen Beziehungen, die lange zwischen diesem Komitee und Eurer Erzellcn; bestanden haben, darf ich Eurer Exzellenz die bittere Enttäuschung Nicht verhehlen, die durch die geringe Aussicht auf Erfolg der Maßnahmen in der gesamten Jndenhcit Platz gegriffen hat. Während geschloffen wurde, bestimmte Verbrecher zu bestrafen und Pflichtverletzungen zu ahnden, bieten die Maßnahmen keine Garantie für eine dauernde Wiederherstellung der Ordnung, begründet auf einer durchgreifenden Verteidigung der Gleichberechtigung lzinsichtlich der allgemeinen Lage der jüdischen Bevölkerung. Nach Meinung unseres Komitees kann das Ende, wie es die königliche Regierung wünscht — nämlich nach den Worten Eurer Erzellen; die Ausrottung jeder Möglichkeit zu einer Wiederholung dieser Zustände —. nicht erwartet werden durch Behandlung der Vorfälle ven Oradea Mare und Cluj als vereinzelt und ausnahmsweise dastehende Vorfälle. Sie sind der Gipfelpunkt einer langen Kette vorr ähnlichen Ausschreitungen, und sie haben ihre Wurzel tief in einer rrngcwöhnlichcrr sozialen Situation, die während der letzten sechs Jahre entstchen konnte und die charakterisiert ist durch eine mehr oder weniger offizielle Acchtung der Juden. Gewissen Organisationen war es gestattet, eine heftige und aufreizende .Hetze gegen jüdische Bevölkerung und ihre Religion zu entfalten, das Land mit aufrührerischen Versammlungen in Aufregung zu versetzen und es mit aufreizender Literatur zu überschwemmen, in der die Juden als äußerst vcrabfchcunngswürdig dargestcllt werden und in denen die Vertreibung der Juden anS ihrem Heimatlande gefordert wird; selbst das Blutbad wird öffentlich von Negicrnugobcamtcn befürwortet. Diese Kampstsweise ist erst kürzlich von einer alle führenden Kirchen Amerikas umfassenden Forschungslommission als eine „Beleidigung unserer Zivilisation, als eine Schmähung des Namens Christi und als ein schwarzer Fleck aus dem Schild Rumäniens" bezeichnet worden. Eine derartige hetzerische Propaganda wurde auch in den Universitäten angewandt, wo bic^ christlichen Studenten angestistet wurden, Maßnahmen zu ergreifen, um die vorschriftsmäßig eingeschriebenen jüdischen Studenten vom Besuch der Vorlesungen fernzuhalten. Keine polizeilichen Maszrrahmen sind ergriffen worden, um jüdische Studeuten bei der Ausübung ihrer gesetzlichen Rechte zu unterstützen, und das Ergebnis ist, das; heute sich kau«, einer mehr in die Universität hirreiuwagcn darf. Bon der Negierung wurde des öfteren übersehen, datz die Juden durch eine groste Aahl von Vcrwaliungsmastnahmcn ln ihren rumänischen Bürgerrechten beschränkt wurden. Sie ftud r. B. bei Ausübung ihres Berufes ln Sande! und Industrie behindert. Den Landbesitzern wurde oft der ihnen «ach dem Arkergesetz rustebe^de Boden verweigert. Ihre Schulen sind verwüstet und ruiniert, und sie sind von jedem öffentlichen Dienst ausgeschlossen. Dazu kommt noch, -atz Tausenden von ihnen in den anliegenden Provinzen die ihnen bei dcrr Friedeusverhandlnitgen gewährten nationalen Rechte verweigert wurden und sie als Staatenlose gelten. Irl dieser bcdancruswerten Situation und der unheilvollen 'Atmosphäre müssen die wahrere Gründe für die antisemitische Bewegung gesucht werden. Hier müssen deshalb auch schärfste durchgreifende Mittel angewandt werden. Der Gedanke, das; diese Zustände durch die Entlasiuttg dreier Präfekten und Die Vcrurtcilurrg einiger Studenten beseitigt werden konnten, ist nach Ansicht meines Komitees nicht irr Einklang;u bringen mit dcrr Wünschet» Ihrer Regierung, die sic in ihrem Telegramm »um Ausdruck brachte. Mein Komitee glaubt, die Meinungen der ganzen Judeuheit auszudrücken und auch die aller rechtschaffen denkenden Angehörigen anderer Konfessionen, wenn cs die Bitte au die königliche Regierung richtet, daß diese ohne Zeitverlust Anstrengungen machen möge, Rumänien immerwährenden Frieden zn bringen unb_ ein für allemal die oben geschilderten Zustände zu unterbinden. Tie öffentliche Meinung wird sich nicht mit weniger begnügen, und untrügliche Zeichen in Westeuropa rmd Amerika lassen erkennen, daß eine Vernaclp lässigung dieser 'Ausgabe in ungünstigstem Sinne sich für den Ruf Rumäniens answirken muß. Ich habe die Ehre, sehr verehrter Herr Minister, Sie zu begrüßen als Ihrer Exzellenz ergebener gez. Lucien Wolf (Sekretär). An Seine Exzellenz Herrn M. Titulesco Königlich rumänischer Minister des Auswärtigen. Wir sind erfreut, daß sich gerade die englische Judenheit, die infolge der gegenwärtigen politischen Konstellation ganz aridere Wirkuugsuwglichleiteu entfalten kann als die deutschen Inden, so energisch für das Wohl der rumänischen Juden entsetzt. Sie darf dabei des vollen Beifalls und der Sympathie der deutschen Juden aller religiösen und politischen Schattierungen gewiß sein. Die ßrieöhofsschänöer von Gerolzhofsn. Der Hniiptattcntäicr Mitglicv Der N. T. A. P. D. Am 18. Imumr fand vor dein Amlsgcricht in Ccrolzhvscn^die Vcrhandlang gegen den Friseurgehilfen Berthold Eckert und den Friseurlehrling Ltto E st e n s e l d e r statt, die in der Nacht vom 28. zum 29. August 1027 aus dem dortigen Friedhof fünf Grabsteine nmgeworstn rmd das L e i ch e n h a n s m i t Hakenkreuzen bet ub c 11 haben. Bei der Verhandlung wurde einwandfrei der Beweis geliefert, daß Eckert, wie er während der Verhandlung selbst zugegeben hat, durch Verhetzung in nationalsozialistischen Versammlungen zu dieser Tat angestistet worden ist. Eckert war Mitglied der Nationalsozialistischen Partei und hak ans dem Bahnhof in Würzburg an die Reisenden — besonders abends vor Abgang der Arbeiterzüge — völkische Zeitungen, wie den „Stürmer" und die „Flamme", verteilt. Ecken wurde für seine Tat mit zwei Monaten Gefängnis, E st e n f c l b c t, der von Eckert verleitet worden war. zn vier Wochen Gefängnis verurteilt. Wir bedauern nur, daß es nicht öfters gelingt, die Täter ihrer Strafe Zuzuführen, und hoffen, daß dieses Urteil aus die Kreise, die die Schuld an diesen Vvrkommninen tragen, abschreckend wirken möge. Jedenfalls werden die Nationalsozialisten diesmal nicht behaupten können, daß die Juden selbst die ruchlose Tai verübt haben. — Die Herliner Goebbels-Versammlung. Eine Zuschrift. Die riesigen Plakate an den Berliner Anschlagsäulen mit der Neberschrift „Heil Kaiser Dir"' hatten auch mich veranlaßt, die Goebbels-Versammlung im Saalbau Friedrichshain zn besuchen; die Einladung forderte alle Konfessionen zur Teilnahme aus. Ich schloß mich einem (übrigens christlichen) Kollegen von der „Berliner Volks-Zeitung", bei der ich auch mitarbcite, an. Schon im Vvrraum des Lokals konnte ich sehr interessante Beobachtungen über die Mentalität der Bersammlnngsbetucher machen. Ein Mann setzte einem anderen seine politischen Annchtcn auseinander und erklärte, daß er nur wegen der antisemitischen Reden Goebbels' in dessen Versammlungen ginge, den sonstigen Ansichten stände er fern! Da der Saal bereits wegen Heberfüllung polizeilich geschlossen war, gelangten wir nur aus Grund unserer Ausweise hinein, ^chon beim Durchgehen fielen einige anzügliche Bemerkungen, die ich selbstverständlich überhörte. Wir stellten uns dann in die Nähe der Rednertribüne, um besser hören zu können. Sofort kamen einige „Braunhemden" aus mich zn: einer packte mich an der Schulter und fragte, was ich dort zu tun hätte. „Juden haben hier nichts zu suchen!" Ich machte mich erst von seiner Berührung losend erklärte ihm dann in aller Ruhe, daß ja alle Konfessionen eingeladen wären und daß ich gar nicht daran dachte, den Saal freiwillig zu verlassen. Darauf enkgegncte er mir — und das war das Typischste bei der ganzen Sache „Es handelt sich hier nicht um die Konfession, sondern nm die Rasse, Sie müssen raus!" Inzwischen war ein weiterer Trupp Völkischer, anscheinend ein Nvlllvmmando, herbeigckvmmen. so daß ich nicht mehr, wie beabsichtigt, dem Anführer einen kleinen Vortrag über den 9konsens der Rassentheorie halten konnte, sondern genötigt war, den „strategischen Rückzug" anzutreten. Die „Braunhemden", übrigens zum größten Teil reichlich „grüne Jungens", waren mir dabei nicht eben saust behilflich, und so verließ ich unter dem Toben der Dcrsainmlung, begleitet von Zurufen, wie: „Spitzel! Spion! Juden raus!" den Saal. Ich hätte nun zweifellos uück Hilfe der Polizei wieder hineingehen können, aber man soll sich nicht aufdrängen. — Das war der ganze Vorfall, der von einem Teil der Tagespreise stark übertrieben und von den Rcchtsblättern selbstverständlich mit hämischen Zusätzen versehen worden istz Tie Sache, die leicht hätte schlimmer ansgehen können, war für mich jedenfalls ein erneuter Beweis dafür, daß man auf Loha'itcst dieser Herrschaften niemals rechnen soll-, ihre Versprechungen kleben nur an den Plakatsäulen, und . . . Papier ist doch so geduldig! Interessant ist noch die Tatsache, daß der „Angriff" des Herrn Goebbels diesen Vorfall gänzlich verschweigt. Erich Kaiser.