Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1928-01-27 · 4 (27.1.1928) · p. Seite 38

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
7 (1928)
Issue
4 (27.1.1928)
Date
1928-01-27
Page
Seite 38 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2277379-2277781-2277785--04221-2284810
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

3$ t antirortumyMofen Lepreru alle 2iaMcu der Verächtlich-- machung jüdischer Scku'Uer durchlaufen, und die Eltern beschweren sich nicht, weil sie fürchten, sich dadurch uu-Uiebuz zu machen. Kein Zweifel, daß es in lecher Zeit besser geworden ist, aber man hört doch noch iuuncr hier und da Aeußerungcn, die unpädagogis ch , und e u t s ch,ch n f t i och Zv i r k en. lieber alle diese Rücksichten hinaus sollte daZ Venunztscin deZ Lehrers von der r eine M c n f ch 1i ch k e i t s e i n e r Missio rr ihn vor Aeußerungen regen diese oder jene Konfession, ganz gleichgültig, ob die Minderheit aus Katholiken oder aus Juden besteh:, behüron. kr sicht vor der Klasse als das Vorbild, zu dem sie au.f'olickcn soll. Wir haben gerade mit der Verfeinerung der Jugendpchchologie^ immer wieder erfahren, daß keine Vorschriften, keine Bestrafungen, auch kerne Belobigungen letzten Endes aus die Kinder so stark wirken wie das Vorbild und Beispiel selber. Wir wissen, daß Taten unendlich viel mehr noch bedeuten als Worte, das; das Wisien um die Tüchtigkeit, Menschlichkeit und um den Fleiß des Lehrers imendlich viel eindrucksvoller tft als alles Reden von der Notwendigkeit, daß die Jugend tüchtig, menschlich^ fleißig lucrbcn muß, insbesondere viel mehr bedeutet als alle Strafen, die ans das Gegenteil gesetzt werden. Und an denen fehlt es wahrlich nicht. Lehrer sein, heißt nicht nur Wissen einpauken, heißt vor allem erziehen: erziehen zur Tüchtigkeit, zur Menschlichkeit. Immer w e rr n ein Junge entgleist, immer wenn eine Strafe notwendig scheint, immer w e n n üble G e s i n n u n g in der ch u 1 e s i ch be - merkbar m a ch t, frage ich m i ch , o b i ch nicht selber daran schuld bin. Jeder wirkliche Erzieher müßte die Pädagogik des Oerzens haben, wenn er vor sieh selber bestehen soll. Tie alte Pädagogik süßte viel zrr sehr aus dem Verstand. Sie glaubte, durch Belohnungen und Strafen hinaufführen und abschreeken zu können. Wir haben das nicht nur in der Pädagogik verlernt; auch im Strafrecht stehen die Diskussionen über den Sinn der Strafe heute nicht ohne Ursache im Vordergrund. Es ist ein Zug der Zeit, die in ihrem Glauben an den Individualismus durch die Ereignisse mächtig erschüttert worden ist, nicht im Einzelwesen Schuld oder Verdienst zu suchen, sondern einen Teil davon aus Faktoren zu schieben, deren Einfluß er ausgesetzt ist. Mit anderen Worten: sein Wesen aus den Eindrücken heraus Zu entwickeln, die auf seine Seele gewirkt haben. Tiefe vertiefte Anschauung vom Wesen des Menschen bringt auch eine unendlich größere Verantwortung aller derer mit sich, die überhaupt auf andere Menschen Einfluß gewinnen wollen. Zu ihnen gehören nicht nur Lehrer, sondern auch Juristen, Mediziner, Theologen. Ein Lehrer, der wirklich Erzieher sein will, kann nur daun sein Werk vollenden, wenn er, alle konfessionelle Engigkeit verlassend, seinen Schülern lediglich als Mensch gegenübertritt. Daun aber wird es niemals zu Aentzernngen oder Taten kommen, die solcher Menschlichkeit widersprechen. Ter Lehrer, der einen Schüler oder eine Schülergruppe beschimpft oder verächtlich macht, weil sie einer anderen Konfession angehörten, ist kein Erzieher mehr. Er verstößt gegen das elementare Gebot innerer Gerechtigkeit. Prost Tr. Paul Hildcbrandt. Das Kind in seiner egozentrischen Naturanlage nimmt aus seiner Umgebung^ was cs zu seiner Entwicklung braucht. So sehen nur auch noch die Schüler der Grundschuttlassen in großer Harmlosigkeit sich gruppieren — nach äußeren Zufälligkeiten oder instinktiv nach Temperamenten — in überquerendem M uteiluugsbedürfn is oder ängstlicher Hilflosigkeit, Aufgeschlossen und eiusammelud sieben die Kinder in ihren ersten Schuljahren all ihren Mitschülern und Lehrern gegenüber; sie wissen nichts von Konfessionen und anderen Scheidewänden in Kultur und Gesellschaft. Selbst der getrennte Religionsunterricht schasst nichts Trennendes. Wohl bemerkt das Kind andere Lebensformen der mit ihm lebenden Menschen: es sieht und — — wundert sich; aber es wundert sich über einen ihm unbekannten jüdischen Ritus nicht anders als über irgendein ihm fremdes Objekt. Je auffälliger eine religiöse Form ist, um so eifriger wird der junge Mensch sie bestaunen und nach ihrem Sinn fragen, weil sie ihm neu ist! Ueberließe man unbeeinflußt der Schulgemeinschast die gedankliche Auseinandersetzung mit der verschiedenartigen Vetenntniszugehörigkeit der Menschen und jedem Schüler mit der religiösen Problematik, so würde diese Auseinandersetzung wohl in der Spatpnbertät jedes einzelnen erfolgen, und es ist mit Sicherheit anzunehmen, daß es nie zu so radikalen Ausschreitungen der religiösen Mehrheit einer Klasse yder Schule gegen ihre jüdischen Mitglieder kommen würde, wie es heute leider zuweilen immer noch der Fall ist. Aber die Gesellschaft bereitet ihre Jugend schon früher auf einen Kampf vor, den sie selber führt. Schon in den Eltern- Häusern werden Vorurteile verbreitet und Spannungen cmengt. die eine Entwicklung der Kinder zu sachlicher und toleranter ^:,liunq erschweren. Das jüdische Elternhaus, das mit seinem allzmäufig religiös indifferenten Leben seinen Kindern keinen echten religiösen Hall zu geben vermag, unterläßt es doch nicht, jüdische Besonderheiten zu betonen und zti pflegen — selbst uw diese offensichtlich einmal als Waffen der Schwächeren entstandet! sind. Die Lehrer stehen selten auf jener hohen Stufe überparteiischen Wesens, aus der sie bcr der Führmzg junger Menschen verschiedener Herkunft stehen sollten. Von allen weiten dringen aufreizende Reden an die Jugend heran — und in der Zeit der Vorpubertät, wo jeder Junge schlägt, ohne zu Juifien, was er vernichten will, zünden solche Worte. Es kommt zunächst zu einer mehr äußeren als inneren feindlichen Haltung, iwmerhin zu einer Haltung, die sich auf beiden Seiten festsetzen kann und die Verständigung nun auch vom schicker selbst aus erschwert. Mit der stärkeren Verstaudesenlwicklung jetzt dann die kritische Beobachtung der Andersgläubigen ein. Zinn ersten Male merken die jungen Menschen, daß sie es nicht nur mit Menschen ei veränderen Religion, sondern auch eines anderen Blutes zu tun haben. Tie schon vorher, ohne zn wissen, was sie getan, beenälnßt durch die Atmosphäre ihres Elternhauses oder im Dienste Polnischer Organisationen, in: jüdischen Mitschüler das Mitglied der „seuül sichen Rasse" bekämpften, sie sehen plötzlich eine neue Gestalt vor sich! den Juden! Der jüdische Schüler fällt auf. Er ist oft intelligenter oder liebenswürdiger, strebsamer oder aufgeschlossener, ungeschickter oderseiger. verwöhnter oder listiger als sein christlicher Kamerad und wird von dieser;; um solcher Eigenschaften willen gehaßt oder verachtet. Selbst Lehrer geben den anziehenden oder abstoßenden Wirkungen dieser Verhaltungsweisen nach, ja sie übertragen die einmal erlebten auf jüdische Schüler späterer Klassen, kounnen selten zu einer.. Erforschung der Ursachen jüdischer Eigenschaften nu allgemeinen' und des ihnen anvertrauten jüdischen Schülers im besonderen, wodurch allein sie heilen und Helsen könnten. Der Memfch fühlt sich in der Gemeinschaft mit anderen um so imsicherer, je ausfälliger er ist. Ausgabe muß sein, den jüdischen c d) ü l c x 3u r Un au ss ä l l i g k e i t zu erziehen, aber auch die Verbundenheit mit den tiefsten Werten seines Judentums in ihm zu erwecken, woraus ihm Festigkeit und Ausgangsbasis zürn vergleichenden Verstehen fremder Anschauungen wird. Diese Ausgabe muß. solange der Jugendliche nicht in der Lage ist, sich die dazu nöügcn Bedingungen selbst zu schassen, durch das Elternhaus und den Religionsunterricht erfüllt werden; hier muß der junge Jude lernen, sich in seiner historischen Gewordenheit zu erkennen und zu kritisiere;; — aus den lebendigen Beziehungen zu den .Mitgliedern des gleichen Stammes, aus den schriftlichen Duellen jüdischen Lebens. Je mehr Halt er hier gewinnt, um so weniger wird er es später nötig heben, sich in der gemischten Gesellschaft zu behaupten; er wird ruhiger, entspannter und dennoch jüdischer sein können. Der jüdische Schüler, der in einer gemischten Schulgemeinschast gelebt hat, weiß, daß der lebendige, edle jüdische Mensch wohl in der Lage ist. Vorurteile zu zersprengen und sich Achtung zn gewinnen. Es gilt, die besten Werte des Judentums in den jüdischen Schülern zu erwecken und sie hinauszuschicken in die Welt, nicht als Verteidiger, sondern als Träger ihres Glaubens! Hilde Ephraim. vre Vergangenheit des Herrn wolöemaras. bin Beitrag zum Kapitel vom Hcimatrecht. Sein Familienname lautete Waldemar. Der gegenwärtige Diktator Litauens lM wahrhaft ungewöhnliche Mctanwrplwfcn durchgemacht. Sein Vater war ein deutscher K o l o n i ft , neben Wloclawek in der Wojewodschaft Warschau angestellt. Ter alte Waldemar hatte sich vollständig polomfiert, weswegen es zwischen ihm und den anderen deutschen Siedlern zn heftigen Streitigkeiten kam: er übersiedelte deswegen mit seiner ganzen Familie nadj dem Kreis Swigciaun in der Wilnaer Gegend. Waldemars Sohn absolvierte die Volksschule in Swigciany und war eine Zeitlang Gemeindeschreiber im Orte. Ter energische und nicht rmbefähigte junge Mann erwarb sich, die Gunst der russischen Behörden, bestand nach einiger Zeit die Maturitätsprüfung, in Petersburg als Erternist und bezog die germanischromanische Abteilung der philologischen Fakultät der Petersburger Universität. Rach Beendigung der Unwersnätsstndien wurde der inzwischen vollständig rus-sifizierte Kandidat Lehrer an einein Petersburger Gymnasium. hielt Vorträge cm den höheren Matchenknrsem schließlich wurde er Privatdozent an der Razana- Ilniversitüt (1916). Rach der russischen Revolution zeigt er ein neues Gesicht. Der S o h n d e s d e u t s ch e n K o l o n i st e n . der g e - w e f c n e Pole u n d n a ch m a l i g e Russe erscheint bei den F r i e d e n s v e c h a n d l n n g e n von B r e st - L i t o w s k als M i t g l i c d der ukrainischen Delegation an der Seite der s o w i c t r u s s i s ch e u. Doch diese Phase seiner Entwicklung war von ganz kurzer Dauer. Rach einigen Verhandlungen mit dem General Hofsmann erklärte Waldemar seine Zugehörigkeit zur litauischen R a. t i o n , heftete seinem Namen die •^ilbc „as" cm und wurde ein glühender Anhänger der Unabhängig, seit Litauens als Königreich unter dem Fürsten Urach. Bis 1922 war er der (erste) Ministerpräsident Litauens. Er ist 45 Jahre alt. „Ezas" („Die Zeit"). 7. Dezember 1927.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.