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Central-Verein-Zeitung · 1928-01-20 · 3 (20.1.1928) · p. Seite 30

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
7 (1928)
Issue
3 (20.1.1928)
Date
1928-01-20
Page
Seite 30 (sequence 6)
Language
German
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30 Mission im G Tm Von Paul WesLhcim. Wenn Tesilleh oder GTj 11 inifd) durch Unachtsamkeit zur Erde tzefallcn waren, so — wurden wir zu Haus als Binder cmgehalten — sollten wir das Buch küssen, das Buch, in dem das Wort und der Name Gottes stand. Ein Buch in Verehrung küssen! Eine Geste, die das Buch empfinden macht als Gefäß des Göttlichen und Geistigen. Etwas bleibt daran fürs ganze Leben. Und wenn es nur dies: ein Respekt vor allem Geistigen. Tatsache ift_ ja auch, daß es dem Juden von Hause aus (hier im eigentlichen ^iune des Wortes) schwerer fallt, dein Geistigen sich zu entfremden, als ihm zuzustreben. Es ist tatsächlich mehr ein Entfremden. Demi mit der Schrift, der Heiligen Schrift, wächst er hinein in fein Judentum. Und wie sehr er auch umgehen mag in dem allgemeinen Materialismus heirtigcr Welt, es hängt ilun doch an, das; das Band, das ihn verbindet, mit alleui Jüdischen in Vergangenheit und Gegenwart, über alle Zeiten und alle Laudesgreuzeu hinaus ein geistiges sei. Achtung vor dem Geistigen führt logisch?•'’■ zu einem Hinwenden. Hin streben zum Geistigen. Dieses Hinstreben zum Geistigen aber hat die innere Tendenz, sich nicht zufrieden geben ,51t sonnen mit dem Nächstbesten, dem Halben, sondern auszugreisen, auszulangen nach dem höchsten, dem absoluten geistigen Wert. ^Abbildung ist denkbar; sie ist das Aeußerliche. eine gesellsazastliche Berkehrsform, nichts weiter. Aber Halbgeist, Halbkunst — ist es nicht ein innerer Widerspruch?! Das absolut Geistige kennt keine Relationen, es sei denn das Allmenschliche. Es umfaßt Nationalität, Nasse, Tradition usw. Aber es kann von ihnen nicht ausgehen. Nembraudt ist im ^iune dieses Geistigen der große, der bleibende Wert, weil er Verkörperung des schöpferischen Bleu scheu, ist. Mensch im "absoluten Sinne, nicht bloß Mensch des 17. Jahrhunderts, nicht bloß Nieusch jenes kleinen Landes, in den; er ausgewachsen ist. von dein ans er gewirkt hat und das ihn bei Lebzeiten, wie üblich, verkannt hat. Herder hat uns. den Deutschen, den Blick gerichtet auf das, was er und die Klassikerzeit die „Weltliteratur" genannt. Geistmensch und Gelsteskämpser, der er war, hat er über die Grenzen der nationalen Literaturen hinweg das Geistige und Menschliche gesucht bei allen Völkern des Morgen- und Abendlandes. Goethe — wie hätte es anders sein können bei ihm, der ben Kosmos als wundersame Einheit empfand, der in seiner Farbenlehre, in feiner Morphologie der Pflanze die Universalität gesucht und bestätigt finden wollte — Goethe, der selbst über alle Grenzen hinweg in die Menschheit hinetngewirkl, hat diese Herderscheii Ideen einer Weltliteratur aufs wärmste begrüßt und gefördert. Und als dann die Ti eck und Schlegel mit ihrer llebersetzertätigkeit die praktische Konsequenz zogen, wurden uns weite Welten des Geistes: Calderon, Shakespeare ustv. erschlossen und zugänglich gemacht. Bereicherung, die wir heute noch als unermeßlichen Wert empfinden. Wer fragt danach, daß Shakespeare ein Engländer war. daß er der oder jener Kirchengemeinschast zugehörte? Hamlet ist heimisch nicht in einer Nation, auch nicht in einer Konfession; schon die Frage danach wirkt lächerlich. Und so ist es eigentlich'mit jeder Bemühung um Eeistwerte. sei cs in der PbiloHphie. in der Musik, in der Literatur, in der Kunst. Es ist selbstverständlich so. Nur das an Kunst, was eigentlich bedingt ist, was im Grunde vom Stofflichen und nicht vom Geistigen aus zu erfassen ist, errichtet Grenzen um sich, versilpießt sich dem Allmeuschüchen, wird Spezialität und wirkt als Spezialität. Niemand wird widersprechen. wenn ich als Beispiel die repräsentative^ Porträtmalerei des Absolutismus nenne. Das war Kunst einer Klage. Nichts mehr. Und wenn es noch da ist. so ist es geblieben als historische Reminiszenz an eine einmal herrschend gewesene Klasse. Keil; Wunder, daß der Ungeist heutiger Zeit überall ioie mit Drahtverhau bestachelte Schützengräben, Klassen-, Nassen- und Nationalgegensätze konstruiert. Wie man einst Hexenverbrennungen hatte, wie man in blutigen Religionskriegen Tausende hiumorden zu müsien glaubte, so zerspaltet man jetzt die Menschheit in diese Gegensätze; glaubt man sogar auch das Geistige in sie hineinzerren 311 müssen. Und kann nicht begreifen, daß es oberhalb liegt, in einer höheren Region. Versteht sich von selbst, daß der Jude, dem das Geistige Mcuschheitszicl ist, immerfort nur verfemt und verdächtigt wird. In diesen Wochen ist Juans Elias gestorben. Ein Kunstschriststeller nur. aber eine jener produktiven Naturen, die weltbewegende Kraft sind. Einer — und darin mag man sogar etwas spezifisch Jüdisches sehen —. der immerdar aus der Suche war nach dem Geistigen, und der über alle Grenzen und alle Gegensätze hinweg dieses Geistige mit der ganzen Kraft einer eingeborenen Leidenschaft durchzusetzen versuchte. Er war der Uebcrsetzcr Ibsens, hat ihn. den Norweger, in Deutschland auf die Bühne gebracht und von Deutschland aus seinem Werk die Ausnahme in der gesamten Kulturwelt bereitet. Er hat sich für Manet und Monet, die Franzosen, eingesetzt; aber er war auch der Entdecker der Kollwitz, dieser bisher wohl größten deutschen Künstlerin, deren Schassen das Ziel hat, das unausgesprochen hinter jedem geistigen Streben steht: die Menschen anders, die Menschen bester machen zn wollen. Aber die, die auch im Geistigen nadj dem Gesetz der Trägheit beharren, die nur das Mittelums; wollen, wie stellen sie sich dazu? „Kein Wunder", sagt Goethe, „daß wir uns alle mehr oder wciüger im Mittelmäßigen gefallen, weil cs uns in Ruhe läßt; es gibt das behagliche Gefühl, als wenn mau mit seinesgleichen umginge." Ist gar der, der herausführen luilL aus dieser Behäbigkeit des Mittelmäßigen, ein Jude, so sieht man nicht einmal mehr, für wen tmö für was er sich eingesetzt hat, z. B. lute es hier der Fall war, für eine Kollwitz. Mau kann cs gar nicht, man will es gar nieTjt verstehen, d a ß einer d e m G c i ft i g e n u m des Ge t st e s , de m K ü n ft I c r i f d) c u n m der K n n ft willen dient. Es ist die Krankheit der Zeit, die jeder am eigenen Leibe täglich 31t erleben vermag. Ich. der ich seit zwölf Jahren Herausgeber einer modernen Kimstzeitschrift bin, könnte eine ganze 5-Unftcufarte von Beispielen geben. Da es junge, heutige Kunst ist, die das Kunstblatt durchzusetzeu sucht, so ist das selbstverständlich für alle Rückwärtler eine — jüdische Angelegenheit. Ob- Zwar es auch nur komisch iväre, wollte nnfereiner, wenn er ein ansstrebendes Talent findet, sich erst auf den Feldivebelstandp'nult stellen Mid fragen, lumm, wo geboren, aus welchem Ort, aus welchem Land, von welcher Konfession usw. Als ich vor ein paar Jahren einen jungen badischen Künstler veröffentlichte — der nebenbei jetzt bereits Lehrer an der Karlsruher Kunstakademie ist —da schrieb uns aus Baden der Vorstand eiiies Kuustvereins: .wir danken ferner für ein solches .Kunstblatt, das Herr W e st h e i m dem Teil seiner Glaubensgenossen, die man als freche Judenbuben bezeichnen muß, anbieten möge, aber nicht Männern und Frauen, die Goethe als größten Deutschen verehren." Woraus ich im Briefkasten der Zeitschrift wie folgt antwortete: „Würdigt man bei uns in Berlin die badischen Künstler nicht — wie war's denn mit T h v m a, für den wir uns cingchctzt Hoden, auch um ihm und sinnen Landsleuten zu zeigen, daß wir nichts gemein haben mit der Engstirnigkeit jener Berliner Kreise, die seinerzeit Thoma übergehen Zil können glaubten? — hilft man alw dem bo.disll)rn Künstler nicht weiter, so ist die heimatliche Seele betrübt. Ilnd tut man's, so trügt man den frechen „Judenbnben" cm den Tetz. Nebenbei, unseres Wissens ist dieser Hubbuch Ehrist: ganz fönticn wirs nicht sagen, da wir bei der Ausnahme der Künstler, die wir bringen.^mehr ans das Talent als auf die Konfession sel>en. Nach diesem schreiben haben wir uns dieser siüo mal nmgetan, wobei sich -ransgestellt hat. daß fast alle Künstler, für die wir irns cinznschen pflogen: B a r l a ch, L c h m druck, M n r c, P 0 elzig. G r v s 3; Kokoschka, Kirchne r. S ch in i d t - R 0 t t l n f s, F e i n i n g e r, Hecke!, D i x. Bellin g richtig getamw Ehristen sind; aber vielleicht ist das für die heutigen Wvtan-Anbetcr auch schon nicht mcbr die rechte Komession. Der Goethe, aus den der Mann sich beruft. Ich eint ioohl ein anderer zu sein als der bekannte Klassiker, den wir verehren. Der schrieb sich ja auch anders, nämlich Goethe/ In der heutigen Zeit, wo der Ungeist sich nicht mir breitmacht, sondern immer wieder noch mehr und noch neue Begründungen findet, um sich breitmachen 311 können, ist es die Mission aller Geistigen, welcher Nation, welcher Konfession sie augehören, zusammeuzustehen in diesem — man kann ihn nicht anders nennen — Kulturkampf. Mission, der gerade der Jude sich nicht entziehen kann, denn, wenn er das Geistige preisgibt, entfremdet er sich seiner eingeborenen Natur. presseschau. „Die Neue Welt", die nach dem Eingehen der „Wiener Morgen- Zeitung" als Organ der radikaleit Natioualjudcn in Wien unter Leitung von Tr. Stricker erscheint, bringt in ihrer Nr. 17 vom 13. Januar 1928 einen Artikel „Schlitz der jüdischen Minderheiten" von Dr. Leopold Plaschkes, dent wir folgende charakteristische Absätze entnehmen: .Ein Volk (der Juden), welches das Unglück hat, überall und immer Minderheit zu sein, muß mit allen Mitteln nach dem Minderheitsschul; streben. Entbehren wir schon der Rechte auf ^e'bstveriualtung narii dem Tcrritorialitätsvrmzip. so müssen wir nufere Tätigkeit ganz aus die Erlangung der Rechte nach dem Personalitätsprinzip cinslellen, welches mir in reinster Form vertreten. In Anlehnung an die Rennersche Auffassung fordern wir eine nationalkulturelle Autonomie der Juden und werden für sie mit derselben Zähigkeit kämpfen, mit der wir an unserer Kultur und an dem W i c b c r a n f b a n des jndi s ch e n staats iv c s c n s zwei Jahrtausende hindurch sestgehalten haben. Durch die Forderung der nationalkulturellen Autonomie wird audi die häufig beobachtete Tendenz zur Trennung von Palästina und Gallith abgekelmt. Wo ,ctne verhältnismäßig beträchtliche Zahl' von Inden in Testerrcich lebt, kann sie ihre Anerkennung als Minorität verlangen imb das Recht auf autonome Regelung der Erziehnngs-, sozialen und religiösen Angelegenheiten unter materieller Hilfe des Staates und der Stadtgemeindeck ¥ Einem Aufsatz der „Jüdisch-liberalen Zeitung" vom 6. Januar 1928 „Wege und Abwege" von Dr. Siegfried Braun (Köln) entnehinen wir folgende Ausführungen: . . . „Wir sind im Begriff, die Seite unseres Dasein, die bisher das Jüdische in uns ergänzte und die im Ziisammenklang mit ihm. unser Leben erst reizvoll gestaltete, verkümmern zu laßen. In erdrückender Häufung treten Aufforderungen zum Besuch jüdischer Vorträge, Kurse und Zusammenkünfte aller ''Art cm uns heran. Das jüdische Schrifttum in Gestalt von Zeitlmgen, Zeitschristelk, Broscstüreil llnd Büchern vermehrt sich fortgesetzt, und die Lektüre auch nur eines geringen Teiles beansprucht einen erheblichen Teil unserer Zeit. Das sich nach vielerlei Richtungen hin immer weiter 'differenzierende jüdisch-öffentliche Leöc'll läßt Dutzende von Organisationen entstehen, die um Teilnahme an Sitzungen und Tagungen werben. Mit einem Wort: cs herrscht allenthalben im jüdischen Lager eine Betriebsamkeit, die kaum überboten werden kann und die viele unter uns derart gefangen nimmt, das; mit der Möglichkeit, sich der Pflege des außerjüdisch Kulturlichen hinzngeben, auch schließlich die Neigung hierzu schwindet" . . ,

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