Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 7 (1928)
- Issue
- 3 (20.1.1928)
- Date
- 1928-01-20
- Page
- Seite 29 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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2<) KerKincmö Cohn. Zn seinem 100. Gcbnrrstage (24. I.). Hundert Jahre runden sich in diesen Tagen, seitdem der wettberühmte Botaniker Ferdinand Cohn in Breslau da? Licht der Welt erblickte. Tort hat er auch das Gymnasium (Magdalenen- Gymuasium) besucht, hier seine Studienzeit absolviert bis ans die letzten zwei. Semester, die er notgedrungen in Berlin zubrachte. Ter Erfind hierzu kennzeichnet die damaligen engherzigen, konfessionellen Berhältnisie. An der Breslauer 1l n i v e r s i t ä t war es nämlich den Juden nicht erlaubt, zu promoviere m Beiläufig bemerkt, bestand Cohn mit neunzehn Jahren glänzend das Doktorexamen. zuvor mit sechzehn das Abiturium. Ter selten begabte, fvüL)vcife Knabe bemerkte in seiner „Bita", als er sich zum Abinirrcntc'nerameu meldete, nicht ohne Bitterkeit: „Das Gosch und mein Glaube verbieten es mir, die^Beanttem laufbahn meinen! Wunsche gemäs; eiuzuschlagen. .vofientlich kommt auch für Preußen alsbald die Atorgeuröte der aUgemcinou Freiheit und Gleichheit/' Ter Gedanke, sich lausen zu lassen, ist ihm trotz alter Schwierigkeiten, die ihm naturgernäsi in seiner akademischen Karriere entgegentraten, nie gekonnnen. Gr stammte aus einer echt patria^rchalnchen, jüdischen Familie und war zeitlebens selbst ein charakterfester, aufrechter Jude. Sein Großvater väterlicherseits war Korrektor an einer jüdischen Trnckerei in Tyhrcnfnrh dessen Bedeutung als Begräbnisort der Breslauer Inden und als Trnckort ihrer Sidurim und Machsorim bekannt ist. Sein Großvater mütterlicherseits besaß in Breslau ein tteiues Lotteriekontvr. Auch die Hausfrau mußte mit verdicnen und verkaufte in einer der damals noch so zahlreichen Buden auf dem Markte Barchent und Kattun. Für alle Blühen und Plagen in der Woche aber entschädigte das würdige Ehepaar der Freitag abend, luojic alle ihre Kinder und Enkel bei „echt jüdischen Fischen" — im Sommer gesüllter Hecht, im Winter polnischer Karpfen —, auch mauchnial am Tonnabend mittag bei Gänse- oder Putenbraten mit dem obligaten ^chalent als Bor- und Schabbestugel als Nachspeise um sich scharten und reichlich bewirteten. Professor Cohn hat diese „Prinzessin Sabbat" als Greis in seinen kurz nach seinem 70. Geburtstag begonnenen Aufzeichnungen (leider entwand ihm der Tod schon, nach wenigen Monaten die Feder) skizziert. Auch sonst war er nicht unempfänglich für die Poesie des Judenuuns. In seinen hmtertassenen Gedichten singt er: „Ich sah den Mcuschengeist sich offenbaren im Liede Judas, wenn in Tonnertöuen Jcfaias Mund gewittert." Aber der Entdecker der Bakterien, der das Mikroskop so glanzend zu handhaben wußte, verstand es auch, nicht nur die kleinsten Lebewesen im Naturreich wahrznnehmen, sondern sich ebenso sehr in kleinliche Getriebe seiner jüdischen Umwelt liebevoll Zn versenken. Als echter Sohn des damaligen Breslauer jüdischen Zentrums, wo er Ecke Karl- und Graupenstraße das Licht der Welt erblickte, waren ihm Pockophof, Goldene Nadegasie, Storchsynagoge und Stlowcr Schul von Kindheit an vertraut. Sein Bater, Isaak Cohn, ein Mann von ungewöhnlicher Intelligenz und Energie, der es ans kleinen Anfängen als „Lel-Cohn" zu einer, iu kaufmännischen Kreisen allgemein anerkannten Bedeutung und Wertschätzung brachte, besaß neben einem nie versiegenden Wvhltätigkeitssinn auch großes Bilduugsstreben. Beide zu betätigen, gehörte er den verschiedensten Vereinen als rührige? Mitglied an, in die er feine Söhne Ferdinand, Julius, Hermann, später bedeutender Jurist, und Oskar, unter dem Namen Jusiinns beliebter Lnstspieldichter, frühzeitig einführte. So hielt Ferdinand Cohn in der „Gesellschaft für jüdisches Leben und Fortbildung", schon als 17jähriger Jüngling am dritten Weihnachtsfeiertag den ersten öffentlichen Bortrag über Schöpfungsmythen und Schöpfungsgeschichten. Als ordentlicher Universttäts- Professor — er wa r einer der ersten Juden, der es in Deut s ch l a n d zu dieser Stellung brachte — rief er die „Gesellschaft zur Erhaltung jüdischen Schrifttums und jüdischer Kunstdcntrnäl'er" ins Leben. Seine allgemeine Beliebtheit offenbarte sich bei der Feier sciues goldenen T o k t o r j u b i l iium s. Trotzdem der Antisemitismus damals (1897) bereits in der 'Studentenschaft eine hervorragende Nolle spielte, zeigte sich bei dieser Gelegenheit doch Einmütigkeit aller Kommilitonen. Nicht bloß die Finkenschaft, sondern auch sämtliche sarbentragenden und schlagenden Verbindungen (Korps, Burschenschaften. Landmannsschaften) nahmen an dem ihm zu Ehren veranstalteten, glänzenden F a ck e l z u g teil. Sein 7 0. Geburtstag einige Monate später, brachte ihm auch Beweise der Anerkennung seiner Wirksamkeit aus aller Wett. Tie Stadt Breslau eruannte ihren l>erühmten Mitbürger zum Ehrenbürger. Bei seiner Beerdigung sprach außer dem Rabbiner Tr. I o 6 l und einigen Universität-?- kotleaen auch der berühmte Nechtslehrer und Dichter Professor Felix Dahn im Namen der persönlichen Freunde des Verblichenen den tief empfundenen Abschiedsgrnß. Seine edle Lebensgefährtin, Pauline, geb. Neichenbach, auch eine Breslanerin, stand ihm in allen Lebensfragen als verständnisvolle Beraterin treu zur Seite. Sie hat ihm zusammen mit Felix Nosen (der vor mehr als einem Jahre in so rätselhafter Weise ermordet wurde), seinem letzten Assistenten und Nachfolger auf dem akademischen Lchrstnhl in den „Erinnerungsblättern'' ein würdevolles Denkmal errichtet. Das ehrenvollste und schönste Denkmal aber hat er sich selbst gesetzt durch seine bahnbrechenden, wissenschaftlichen Forschungen und dre Errichtung eines pflanzenphystologischeu Instituts, der ersten derartigen Einrichtung in Deutschland, die aus weiter Ferne und sogar aus fremden Erdteilen wissensdurstige Jünger anlockte durch die seltene Lehrgabe, die ihm eigen war, durch sein an volkstümlicher Tarstellung einzig dastehendes Werk „Die^ Pflanze" und namentlich durch sein stets gleiches, bescheidenes, liebenswürdiges und hitt'sreiches Wefen. Ein genialer Mensch und echter Jude! Dr. E. P. Jenkwitz. tlahiöa Remp. Ein Wort Der Erinnerung nnD Des Tankes. Aus Meran erreicht mich die Nachricht, daß N a h i d a Lnza r u §, uns allen unter dem Namen Nahida R e m y bekannt, fast aut Ende des achten Jahrzehnts ihres Lebens, kampflos in den ewigen Frieden hinübergeschlummert ist. Sie war die treue Lebensgefährtin der letzten Jahre von Moritz Lazarus. Sie ist in weiten Kreisen als die Verfasserin des Buches „Das jüdische Weib" bekannt. Sie hat dieses Buch geschrieben, nachdem sie begeistert zum Judentum übergetreten rvar. Als mich vor einigen Jahren der Weg nach Meran führte, berichtete mir Tr. Holländer, daß Nahida Lazarus sich in sehr dürftigen Derhältninen befindet. Ich besuchte sie. Sie tvar ein Opfer der Inflationszeit geworden. Tie schöne Billa von Moritz Lazarus tvar verkauft. Ter Erlös war den Weg der Inflation gegangen.. Ich war erschüttert, als ich in die dürftige Wohnung kam. Nahida Nemy hatte eben eine schwere Erkältung überwunden. Als sie meinen Namen hörte, bat sie trotzdem, einzutreten. Ich trat in ein dürftiges Zimmer. An einem einfachen Holztisch saß Frau Nahida, um ihre sehr bescheidene Miltagsmahlzeit zu genießen. Auf ihre dringende Bitte blieb ich bei ihr im Zimmer. Ein Minimum von dürftigen Möbeln, einige nicht wertvolle Bilder von Moritz Lazarus — bie wertvollen, so auch das berühmte Lenbach-Bild, hatte sie großzügig verschenkt —, und als Stolz des Raumes den alten Schreibtisch von Moritz Lazarus, alle Schubladen gefüllt mit — zürn Teil noch nicht veröffentlichten — Manuskripten, deren Verwaltung der Frau Nahida als ihre Lebensaufgabe erschien. Wir saßen an dern kleinen Tisch einander gegenüber. In wenigen Minuten vergaß ich die Türftigken der Umgebung: alle Not und alles Elend konnten dieser großen Frau nichts anhabeu. Sie bekam, indem sie sich in bescheidener Selbstficherheit über Moritz Lazarus, über seine Manuskripte und die Möglichkeit ihrer Auswertung unterhielt, indem sie den herrlichen Frühling pries und die Kunst des Schachspiels, dem sie mit glühendem Eifer ergeben war, eine menschliche Größe, wie ich sie in dieser Art noch nie erlebt habe. Sie war trotz aller Bescheidenheit sich ihre? Wertes als der Gefährtin und der geistigen Mitarbeiterin von Moritz Lazarus bewußt. Mit großer Freude verfolgte sie die Bestrebungen unseres Tr. Hotländer/kinen Teil der Schriften von Moritz Lazarus neu zu veröffentlichen und auch ans dem literarischen Nachlaß einiges bekannt zu geben. Ob wirtschaftlich dabei stör sie etwas herausschauen könnte, tvar ihr vollkommen gleichgültig: nur einen Wunsch hatte sie, daß nie eine Zeile ans denn Nachlaß von Moritz Lazarus erscheinen darf, die nicht von ihr im Geiste von Moritz Lazarus nachgeprüst und gebilligt ist. Ich hätte ihr Bild in dieser ärmlichen Umgebung Zeichnen mögen als Trost und Aufrichtung für die vielen, die in unseren Tagen ein ähnliches Schicksal erlebt haben und dieses Schicksals innerlich nicht Herr werden können. Diese erste Begegnung mit Nahida Lazarus gehört zu meinem wertvollsten Besitz. Dankbar empfand sie es, daß die maßgebenden jüdischen Organisationen, so auch unser Eentralverein. es als ihre Ehrenpflicht betrachteten, ihr die letzten Lebensjahre auch äußerlich einigermaßen würdig zu gestalten. Wenn man tmseres großen Moritz Lazarus gedenken wird, darf man Nahida Ne tu y nicht vergessen. Julius Brodnitz. 1). Oe. A. V. Das Landgericht Berlin III hat den von der Sektion Berlin de? Deutsch-Oesterreich iscyen Alpenvereins gegen eine Reihe angesehener jüdischer Sektionsmitglieder verhängten Ausschluß für ungültig erklärt. Da? Urteil liegt schriftlich noch nicht vor. Wir werden ans die in grundsätzlicher Beziehung außerordentlich nsichtige Entscheidung, die das Problem des gesellschaftlichen Boykotts eng berührt, noch eingehend zurückkommen. deöL.'V.deiiischerSkaaMüröerji!d!scheiiG!anhenSe.P. am -il., IT. und IZ. Februar ln Berlin.