Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 7 (1928)
- Issue
- 3 (20.1.1928)
- Date
- 1928-01-20
- Page
- Seite 28 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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2$ Zum Toös Leopold GUsners. Statt Gerechtigkeit - Guave. Tiefer Tage ist im Wiener Rothschild - Epital Leopold Hilsner. das muitücfItcT>c Spser eines entsetzttcher: Irrwahnes, gestorben. Unsere Pflicht ist es. bei diesem Todesfälle Hilsner. ans den: die Judenfeinde bis in die jüngste Zeit Kapital geschlagen, unseren, der ..Union deulschösterreichischer Juden", unermüdlichen Kampf gegen die ungeheuerliche B! h t l> c f cl) n l D i ß u n q . mit der das ganze Judentum identifiziert wurde, auszuzeigen. zumal wir ihn ohne Ansehen der Person geführt haben. Nach INähriger Kerkerhaft hat Leopold H i l s n c v im Aprtt 1918 durch die Gnade des Kaisers Karl die Freiheit wiedererlangt, nicht aber die Befreiung von der gräulichen Beschuldigung, unter welcher seine Verurteilung durch die S ch iv u r g e r i d) t e v o m K n 11 c n * b e r g und Pi sek erfolgt ist. Begnadigung ist nicht Freispruch, und die Unschuld Hilsn.ers. die er selbst unausgesetzt beteuerte und cm welche die „Union" auf Grund ihrer genauesten Kenntnis des gesamten Prozcßmaterials und der politischen Begleitumstände dieses Juni Pkandnls stets geglaubt hat. ist leider bis heute trotz unserer Bemühungen noch nicht an den Tag gefördert. Immer wieder, und nun, da Hilsner gestorben, mehr denn je, nms; es betont werden, daß das Intereise der Judenheit. Wahrheit und Klarheit in das B e r b r e ck cn Don Polna zu bringen, nicht in der armseligen Person Hilsners wurzelte, sondern in der Tatsache, daß er eines „R i't u a l m o r d cs" beschuldigt wurde und daß ungehemmte Aufwnhlung der Volkslcidenschasten von oben und unten wie Anlage und Führung des Prozesses selbst aus ein Fehlurteil hinlenkten. Wenn auch der K n s s a t i o n s h o f schließlich dieMotrvedes Mordes an dem Dienstmädchen Agnes Hruza — auch ein zweiter nicht erwiesener Mädchenmord wurde Hilsner zur Last gelegt — i n b t c f c r it e II c Sphäre verwies, so hat doch die antisemitische Hetzpresse bis in die jüngste Zeit unbehindert dafür gesorgt, daß Hilsner immer und immer wieder als der „R rtual mörder vo n Pol na" bezeichnet wurde. In seinem Geleitworte zu dem von der ..Union" veranlassen Buche Professor Dr. Artur Nutzbau ms, Hanptvorstandsnutgliedes des Centralvereins, ..Ter Polnaer Ritualnwrdprozeß", sagte der berühmte Strafrechtslehrer Franz v. Liszt mit Recht: „Als Ritualmordprozeß wird der Fall Hilsner in der Kulturgeschichte sortlebeu. Tie Ueberzeuguug des Volkes, das; Christenblut zu jüdisch-rituellen Zwecken beschafft werden sollte, hat den Verdacht aus Hilsner gelenkt; von dieser Ueberzeuguug ist die private UnLersuchungskommipion ansgegangen, als sie. neben dem behördlichen Verfahren, das Belastungsmaterial gegen den Be-' schuldigten zu gewinnen suchte; von dieser Ueberzeugung sind die Aussagen der Zeugen getragen; in ihr liegt auch die Erklärung für den kaum begreiflichen W a h r s p r u ch der Gesäzworenen/ So ist denn Oesterreich der einzige Kulturstaat gervesen. in welchem als traurige Wirkung dieses Prozesses der mittelalterliche Blutaberglaube noch lange lebendig blieb und dadurch stets von neuem schrankenloser Judenhaß geschürt wurde. Darin liegt die Erklärung dafür, warum die österreichische Iudenschaft und an ihrer Spitze die „Union" immer wieder auf die Wiederaufnahme des Prozesses drang, damit durch eine wirklich einwandfreie Durchführung die abenteuerliche Grundlage, auf welck>er Anklage und Beweisverfahren aufgebaut waren, beseitigt werde. Wir Juden und mit uns die vorurteiltslosen Christen wissen, daß es jüdische Verbreckzen zur Gewinnung von Christenblut für rituelle Zwecke nicht gibt, nach unseren Religionsgesetzen nicht geben kann. In der ganzen juristischen Literatur gibt es aber auch keinen einzigen Fall, in welchem ein Lustmord in Gesellschaft begangen worden untre. Nun ist nach dem Wahrspruch der Geschworenen das Polnaer Verbrechen von mehreren verübt und Hilsner wegen tätiger Mithilfe dabei verurteilt worden. Zwischen Geschworenenverdikt und Kassationsentscheidnng klaffte ein unlösbarer Widerspruch, der durch die bloße Begnadigung nicht zu beseitigen war. Wenige Tage vor der Begnadigung, am 19. März 1918, ha! daher noch unter Führung des bewährten jüdischen Abgeordneten Tr. Inlins Ofner eine Deputation der „Union", bestehend ans dein damaligen Vizepräsidenten und nunmehrigen Präsidenten Dr. Jakob Ornstein und Sekretär Siegfried Fleischer, in besonderer Audienz beim Justizminister Tr. v. Schauer vorgesprochen. Kurz nach der Audienz hat sich die Kerkertür für Leopold Hllsner geöffnet- Das weiter qefteette Ziel haben wir also nicht erreicht. Nur die Gnade, n:cht aber die Gerechtigkeit durste Triumphe feiern. Cs ist ein Irrtum zu glauben, daß an der Wiederaufnahme des Hilsner - Prozesses nur die Juden interessiert waren. Auch Christen mutzten alles daransetze:u n:n zu verhindern, daß politische Agitationen und Leidenschaften in den Gerichtssaal getragen wurden und die Justiz zur Handlangerin der Machtansprüche einzelner Parteien gemacht werde. Männer, wie der gegenwärtige Präsident der t s ch e ch o s l o :v a k i s ch e n Republik Professor D r. Thomas Mas a r h k. haben uns deshalb mit Einsetzung ihrer ganzen Persönlichkeit unterstützt. Heute mag sich stärker als bisher die Erkenntnis von der Notwendigkeit einer wirklich unparteiischen Justiz vielleicht eimgerinaßen dnrchgerungeu haben, der Polnaer Prozeß mit seiner schändlichen Blntbeschnldigung wird aber für alle Zeit ein trauriger Fall parteiischer Rechtsprechung bleiben. Oskar Hirschscld, Sekretär der „Union deutschösterreichischer Inden" in Wien. Prof Ferdinand Cohn NahidaRemy (Jugendbildnis) gcb. 24. 1. iSzS, gesc. 26. 6. i8q3. gcb. z. 2. 1849, geat. 12. 1. 5928. Za den Aufsätzen auf Seite 29. Der Dibel wert für unsere Tage. Eine NeDe des Nerchsgerrchtöpräsidettten Dr. Simons. Jn^unserer Zeit, wo gewisse völkische Richtungen Sturm gegen das Alte Testament laufen, ja selbst manche Lehrer der Verweisung der Bibel aus dem Unterricht nicht abgeneigt sind, sind Teile eines Vortrages wertvoll und anziehend, den Neichsgerichtspräsident Tr. Walter Simons unter dem Thema: „Tie Antike und die deuttche Volksgemeinschaft" ans der 21. Jahresversammlung der Vereinigung der Freunde des humanistischen Gymnasiums für Berlin und die Provinz Brandenburg gehalten hat. Wir geben aus der Rede das Folgende wieder: „Weil die Schriften der Bibel uns zuerst gegeben sind wegen ihres religiösen Gehalts, soll man nicht in ihnen suchen noch dem, was uns Griechen und Römer besser geben können. Aber ich halte es für falsch, zu behaupten, es wäre ans ihnen nichts für uns Heutige zu holen als Richtlinien für das Verhältnis der Seele zu Gott und unserem Erlöser. Das mag 311 treffen füu das Reue Testament — obwohl man euch hier nie vergehen darf, daß nach Christi Lehre, wie Rade es ansdrückt, der Nächste in den Gotteebegriff hineingehört. Es gilt sicherlich nicht für das Alte Testa m ent, das immer das Verhältnis des ganzen Volkes zu seinen: Gott im Auge hat. Selbst in den Psalmen, den individuellsten Aussprachen der Seele mit ihrem Gott, die das Schrifttum der Antike kennt, ist es doch sehr oft der König und Führer des Volkes, der als solcher bittet und klagt, lobt und dankt. Nicht Politik sollen wir aus den: Alten Testament lernen; das Verhalten des Volkes Israel zu anderen Völkern ist noch ganz diktiert von einer primitiven Rücksichtslosigkeit, die vermehrt wird durch das ttebertegellheir-gesühl des amerwählten Volkes über alle Heiden. Aber lernen können :vir, besonders aus den Propheten, soziale Einstellung zur ganzen Volksgemeinschaft. religiöses Verantwortungsgefühl gegen' sittliche und wirtschaftliche Schäden dieser Gemeinschaft, mutiges Austreten gegen widersittliche Macht und tapferes Eintreten für ungerecht Bedrängte. Ist für solche religiös orientierte Innenpolitik etwa in unserem heutigen Deutschland keine Gelegenheit mehr? Im Gegenteil! Mehr als je! Wollte Gott, sie würde häufiger benutzt in: Geiste eines Arnos und Jesaia. dann stünde es besser um die Wohnungsnot und das Nentnerelend. um Parteizwist und Klapcnkampf. Wer übrigens die historischen und die großen prophetischen Schriften des Allen Testaments mit offenen Geistesaugen liest, der wird auch für die Gesetze der Staatengeschichte und Staatenpolitik selbst als Laie reichen Nutzen ziehen. Aber über all dem steht mir die Bekanntschaft mit den große:- religiösen Charakteren, die uns die Bibel vermittelt. Sic können sich an bildender Kraft den Geistes- Helden Griechenlands und Roms an die Seite stellen und sind auf ihrem besonderen Kraftfeld allen anderen überlegen. Es ist jetzt üblich, wie man das Griechentum in Einslntzgebiete der ägyptischen und vorderasiatischen Kulturen auszulösen unternimmt, auch Prophetentum und Christentum auf asiatische Faktoren zurückzusühren. Vergebliches Bemühen! In beiden Fällen handelt es sich um ..geprägte Form, die lebend sich entwickelt" — wer fragt da nock) nach den Prügeslöcken? Tie lebendige Form hat ihr eigenes Gesetz, bc.% nicht antiquarisch - prähist 0 rischen Spürsinn, sondern die rnitschwinaende Saite unserer eigenen lebenden Seele erfüllt. Sie zun: großen Schwüngen zu bringen, ist das Charisma der großen antiken- Persönlichkeiten, die wir ja so in dem klassischen Kunst- und Schriftwerk keiner anderen Kultur als der europäischen antresieu. weder der persischen, noch der indischen, noch der chinesischen in ihren verschiedenen Formen. Deshalb haben jene Kulturen auch so wenig Helden; selbst die Persönlichkeit der großen . Kultur begrün der versinkt in Legende und Nebel. Die Helder: unserer Antike -dagegen bewähren ihre geistige Zeugungskrast durch die Jahrtausende. Das gilt von allen Formen der europäischen Antike/