Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 7 (1928)
- Issue
- 3 (20.1.1928)
- Date
- 1928-01-20
- Page
- Seite 27 (sequence 3)
- Language
- German
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Dr. Goebbels fühlt sich... Wachsender nationalsozialistischer Radau irr Berlin. Sehr. Das Groß-Derlmer Vereinstmb Versamrnlungswesen wird gegenwärtig von tausend na t L o n a lso z ia l i stisch e n S e r f ü m m [ u n g 31> e f u cf) e t n beherrscht. Wer Gelegenheit hat, diese mit großem Tamtam cmgekündigten Veranstaltungen des Herrn Goebbels, den man in Berlin den „Hitler in der Westentasche" nennt, zu besuchen, sieht im Norden wie im Süden dieselben vierhundert Braunjacken, d. h. dieselben vierhundert berufsmäßigen Vcrsainmlungsbesucher. T-azu kommen abwechselnd einige hundert verbitterte Kleinrentner, Arbeitslose, fanatische Studenten, unreife Gymnasiasten sowie vor allem schwankende Gestalten aus der Arbeiterscl)aft, die heute den Kommunisten zu jubeln und morgen auf Hitler säjwören. Wir überschätzen die nationalsozia-listisck-e Gefahr gewiß nicht, iveil wir durch jahrzehntelange Schulung uns abgewohnt haben, den Nadau Zu überschätzen. Wenn wir trotzdem unsere warnende Stimme erheben und alle die es angeht, anffordern, Herrn Goebbels und sein Gefolge nicht nur zu verachten, sondern auch zu b e a ch t e n , so gejchieht das unter dem Eindruck der ganzen Art und Weise, wie Herr Goebbels und seine Anhänger es wagen, in der Berliner Oessentlichkcit aus- Zutreten. Zwei Beispiele aus neuerer Zeit mögen g e - n ü gen. Am 6. Januar fand in der bevölkertsten Arbeitergegend Groß-Berlins, in der Landsberger Allee, eine Versammlung statt, in der Herr Goebbels u. a. folgendes ausführte: „Reichskanzler Marx hat in seiner Neujahrsrcde davon gesprochen, das Jahr 1927 sei ein Jahr des Segens gewesen. Neudeutsche Minister müssen es ja wissen. Ich sehe Selbstmorde, Konkurse (natürlich nur von Nichtjuden. Schriftleitung). Arbeitslosigkeit und andrerseits gute Geschäfte der jüdischen Kaufhäuser. Die Korrespondenz des Eentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens hat mich wegen Gotteslästerung denunziert; dann wurde ich nur wegen groben Unsuas anae^ciat. Das Vorgeben des Oberreichsanwalts gegen mich ist gleichfalls aus bicfcibc Quelle zurückzuführen. Das deutsche Volk wird Durch die Juden hnrgeschlcrchtct, genauer gesagt, geschachtet. Der Vorgang ist genau derselbe wie beim Schächten der Tiere. Da die Tiere die jüdischen Ponims nicht sehen mögen, nimmt man christliche Schächter. Zuerst werden den Tieren die Augen verbunden; so geschah cs dem deutschen Volke 1911—1918; dann werden ihm die Füge gebunden: das ist die Entwaffnung im November 1918. Tann wird ein Strick über die Rolle an einer Decke gelegt und angezogen: in dieser Lage befindet sich das deutsche Volk gegenwärtig gegenüber seinen jüdischen Schüchtern." — In der Aussprache führt ein gewisser Richter eine noch eindeuttgere Sprache: „Nur' ein einziger Hoherrzoller hat etwas getaugt; der hat Hrdnung geschaffen, indem er alle Juden auf dem Molkennrarkt aufgehängt hat. Leider haben dagegen alle anderen Hohenzollern mit dem Teuselvolk aus einen: Topf gefressen.* Als Goebbels in seinem Schlußwort Angst vor seiner eigenen Courage bekam und betonte, er sage nicht, dich man alle Juden aufhängen müßte, er fordere nur das Rausjagen der Juden über die Grenzen, erfolgten prompt Zurufe; „Aufhangen ist sicherer." Bemerkenswert aus dieser Versammlung ist noch, daß eine Gruppe Roter Frontkämpfer sich sehr freundlich nnt den Braunhemden unterhielt. Acht Tage später, am 13. Januar, fand gleichfalls in einer Arbeitergegend, Friedrichs Hain, eine ähnliche Versammlung statt, an deren Schluß sich etwa 200 Mann zu einem Zuge formierten; „A u f zum P o! i z e i p r ä s i d i u in.* In der Reuen Könlgstraße wurde ein Nationalsozialist festgenommen: das Ueberfallkommmido bewahrte angemessene Zurückhaltung. die den Radaubrüdern aber als eine Ermutigung erschien, immer dreister und aufdringlicher zu werden. Bor dem Polizeipräsidium wurde der (Fortsetzung von Seite 26.) dabei u. a. an den Landgerkchtsdirektor Dr. Zint, den Vorsitzenden der Deutschen Schopenhauer-Gesellschaft und Vorkämpfer der Danziger Friedensbewegung, und an den Senator Sieben freund, einen der wesentlichsten Förderer geistnnr und künstlerischer Kultur im deutschen Danzig. Es ist xu erwarten, daß die leiden völkischen dlbgeordneten. die im Danziger Volkstag übriggeb!toben sind, ebenfo wie die Deutschnationalen sich bemühen werden, die neue Danziger Regierung als „Judenregierung* hinzustellen. Wir wissen, daß das auch der Fall 'sein würde, wenn die Negierung „judenrein" wäre, da die Tatsacl)e sozialistischer Beteiligung für unsere Antisemiten ja genügt, um auf dem Umwege über den ..Marxismus* die Verjuduug zu konstatieren. Diese Angriffe können für uns Juden kein Hindernngsgrund sein, uns im öffentlichen Leben zu betätigen, oder gar ein Anlaß, andere Juden an ihrer politi- Mn Tätigkeit zu hindern. Wir werden den Antisemitismus im politiMn Leben nicht dadurch ül>crwindeu, daß wir uns verstecken und den (vergeblicl-en) Versuch machen, den: Gegner ..keine AngrifsssläckM zu bietm', sondern nur dadurch, daß wir unbeirrt unsere Pflicht an dem Platze erfüllen, auf den Befähigung und Neigung sowie das Vertrauen von Gesinnungsfreunden uns stellt. Schnpoposten verhöhnt: „Du b e w a ch st w o h l I s i d o r V Ruft „Hängt die Juden auf!" „Nieder mit den Inden!" wurden laut. Das Hitler-Lied wurde augestimmt und ein anderes, in dem die Worte vorlauten: „Wenn die Juden bluten, dann werden sie erst fern." Die Bauarbeiter am Aleranderplatz waren sehr entrüstet und äußerten: „So etwas läßt man laufen!" Unter den Linden marschierten hundert Mann Nationalsozialisten nnt Gegröhl, bedrohten die Schupo vor der Oper.^ überschritten d:e Bannmeile und wurden erst an der Ecke Friedrichstraße von einen: einzigen Schupomann, der ihnen seinen Revolver entgegenhielt, in wilde Flucht gejagt. Hierbei wurden Passanten umgeworsen. Es entstand Gewühl und große Verkehrsstockung. An der Ecke Mittelstraße wurden drei Nationalsozialisten festgenommen. Einer von ihnen wurde von einem Trupp von Braunhemden bald befreit. T'.e Schupo erhielt darauf Verstärkung. Auch am Oranienburger Tor gab es einen Zusammenstoß. In Groß-Berlin finden jetzt täglich solche Versammlungen statt. Am 24. Januar spricht Goebbels wieder in einer ausgesprochenen Arbeitergegend, in L i ch t e n b e r g. Es ist kein Zufall, daß Herr Goebbels sich gerade in die Kommunistenzcntren rvagt, weil die Kommunisten ihn: zu großem Dank verpflichtet sind. ^e:u Wochenblatt ist eigentlich nichts werter als eine, einzige gemeingefährliche Verhöhnung der Berliner Polizei. Diese Nnterminierarbeit liegt natürlich ganz im Interesse der Kommunisten, die glauben, daß sie einmal ernten werden, loas Goebbels sät, wahrend Herr Goebbels auf Kommunistenfang ausgeht. Wir heben das Vertrauen zur Berliner Polizei, daß sie mit der Handvoll Radaubrüder fertig werden wird. Wir erheben ober warnend unsere Stimme, nicht außer acht zu lassen, wie Herr Goebbels sich bereits fühlt. Wer so in der Presse und in Versammlungen schreiben und sprechen dars. der muß in harmlosen Lesern und Zuhörern den Eindruck erwecken, als sei er bereits der Hitler in Berlin, der über uni: m s ch r ä n k t e acht verfügt und auf Gesetz und Ordnung pfeif t. An der Beseitigung eines solchen unhaltbaren Zustandes sind nicht nur die Juden, sondern alle Groß-Berlin er Bewohner interessiert, die ruhig ihres Weges gehen wollen. „Hunö zur Erneuerung öes Reiches/ Der Kommentar des „Völkischen Beobachters". Eine große Anzahl angesehener deutscher Männer aus allen Kreisen von Politik, Wirtschaft und Wissenschaft veröffentlichen unter Führung des früheren Reichskanzlers Tr. Hans Luther einen Aufruf für einen „B und zur Erneuerung des R eiche s". Das Programm dieses neuen Bundes bietet an dieser Stelle nur insofern Anlaß zur Erwähnung, als es mit jüdischen Angelegenheiten selbstzverständlich nicht das geringste zu tun hat, es datier jedem jüdischen Deutschen frei stehen kann, sich dem Bunde anzu schließen. Tie Presse von rechts bis links kommentiert die neue Gründung — nt i t b c nt Ern ft n n d der Sachlichkeit, die einem Unternehmen gebühren, das M ä n n e r von Ehre und Ansehen repräsentieren. Nach den Erfahrungen, die mit der völkischen Presse gemacht werden mußten, überrascht es nun nicht weiter, daß der „Völkische Beobachter" den „offenen Brief" eines sonst unbekannten Dresdener Mannes, den wir durch Namensnennung an dieser Stelle nicht weiter bekanntmachen wollen, an den neuen Bund veröffentlicht, dem wir folgende Stellen entnehmen: „ . . . Der Aufruf klingt aus in den Satz: .Ich habe nur ein Vaterland. das heißt Tcukschlandtt Und diesen Satz unterschreiben mit der Bergmann, und der Eolsmarrn. rrnd der Delbrück, und der Goldschmidt. und der Hagen-Levv. und der Landmann, und der Mendelssohn, und der Rabbethgc, und der S i m s v u, und der Marburg, und -er Wasser m c n n , und der Wolfs und der Zuckschwerdt und wie „sie' sonst noch heißen! Der Bruder Marburgs, um nur einen berauszugreiscn, der der Finanzorganisator Amerikas ist. kennt wahrscheinlich auch nur „ein" Vaterland, das heißt aber bei ihm „Amerika". Und die Zionisten, jene jüdische Vereinigung (die sich also nicht als Deutsche, sondcrnals jüdisch cs Volk bekenne n), existieren Wohl für jene gläubigen Deutschen nicht? — Wissen Sie. meine Herren, was Vaterland ist? Das ist das Land, wo meine Wiege stand, das Land meiner Mutter und meiner Ahnen, wohin mich mein Blut zieht, und das ich fanatisch liebe und mit dem heiligsten Haß gegen jeden fremden Eindringling und gegen jeden Voltsverräter verteidige: das Land, dem meine Seele erdvcrwachscn ist! Und das „Vaterland" vicll-r vom „Neuen Bund" ist allein schon nach diesem logischen Begriff cbcr ein dreckiger Winkel in Polen oder ein Zelt der SV rischen Wüsic. Mögen sie ihr Vaterland in Frieden und in Jerusalem ausbauen, aber: Deutschland den Deutschen!" ... Wir verzichten auf eine sachliche Widerlegung. Man hat bei dieser Lektüre immer stärker das Gefühl: Eine Bewegung mit solchen Jdeenträgern. muß ül>cr kurz oder lang an ihrem eigenen Unrat ersticken.