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Central-Verein-Zeitung · 1928-01-20 · 3 (20.1.1928) · p. Seite 26

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
7 (1928)
Issue
3 (20.1.1928)
Date
1928-01-20
Page
Seite 26 (sequence 2)
Language
German
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2ö nähme wird nicht einmal disputiert, schuld daran ist häirsig die vorherrschende gesellschaftliche Stellung der V. 0. St.er (Verein Deutscher Studenten), die oft die Führung des Akademikerbundes in Händen haben. II. Ein Arzt hält in einem Verein, dem ein Jude Vorsicht, einen allgemeinbildenden Vortrag über Sternenkunde. Prompt erscheint am nächsten Tag der Vorstand des D. 0. B. (Deutscher OfsizicrZ-Bund). dein dieser Arzt augehörl. und bittet ihn, ans dem D. 0. R auszutreteu, da er als Angehöriger des D. 0. B. wisseil müsse, daß es sich nicht mit seiner Stellung vereinbare, in einem Verein zu sprechen, den ein Jude leitet.^ Der Arzt weigert sich, sofort seinen Austritt zu erklären. Er kann sich nicht denken, daß seine Handlungsweise sozusagen ctit_ Vergehen gegen die Staudesehre sein sollte.. Er wird gesellschaftlich boykottiert und erhält nie mehr eine Einladung zu den gesellschaftlichen Veranstaltungen des 0. 0. B. und ähnlicher Vereinigungen. Bon der Erziehung deutscher Jugend. Gewiß kommt es in einer preußischen Kleinstadt vor, daß ein Arzt seinen vierjährigen Sohn dazu erzieht, vor dem Hause eines Juden auszuspucken. Gewiß wirken an unseren höheren Schulen noch völkische Erzieher, die den Religionsunterricht dazu bemchen, das Alte Testament abzutehnen, den Erzvater Jakob als Betrüger hinzustellen und als seine Nachfolger — Ebert und Rathenan zu nennen. Diese Erzieher preisen der deutschen Jugend als nachahmenswertes Beispiel und als Idealfigur — Ludendorfs. Ter völkische Studienrat tritt offen für seine Ideen in der Kleinstadt ein. Niemand boykottiert ihn deswegen. Wehe dem jüdischen Studienrat, der sich politisch betätigt, der gar öffentlich für Republik und Verfassung eintritt. Ter Jude dadurch seine Mitbürger, er täte besser, sich „reserviert" zu verhalten. So traurig sieht es noch beute in preußischen Kleinstädten aus! Wer uns jüdische Kleinstädter, wer unfern stets hilfsbereiten Eentralverein in diesem Kampf für Recht und Gerechtigkeit allein läßt, der hat als jüdischer Deutscher keine Scham über die Kränkungen und Beschimpfungen, denen der ausrechte Jude, der gute Deutsche heute in manchen preußischen Kleinstädten ausgesetzt ist. Der pfeilersaal. vor so fahren. Die Praktiker der deutschen Politik, die Minister des Reiches und der deutschen Länder, sind zu einer Konferenz z u s a m m e n - getreten, die sich mit dem Problem der Reuformuug des Reiches beschäftigt. Tie Herren berieten in dem historischen Pfeilersaak des Reichskanzlerpalastes, in dem 1878 die in der Geschichte als ^Berliner Kongreß" bezeichnete Zusammenkunft der führen, den Staatsmänner ganz Europas stattfand. Es ist sehr zeitgemäß, ans diesen Kongreß zu eiuer Zeit hinzmocisen, in der beinahe täglich Alarrnmeldungen aus Rumänien kommen, Pogrome und Bogrömchen stattsinden, Friedhose zerstört. Wehrlose bedroht, Geschäfte geplündert werden. Auf diesem Berliner Kongreß nämlich wurde die staatsbürgerliche Lage der Juden aus d e in Balkan neu geregelt, oder bester: sollte geregelt werden. Bon seiten maßgebender jüdischer Stellen wurde der Antrag gestellt: „Es darf der Unterschied des religiösen Glaubens und der Bekenntnisse niemandem gegenüber geltend gemacht werden als ein Grund der Ausschließung oder der Itnfafiiafoit des Genusses der bürgerlichen Rechte, der Zulastung zu össenrlichen Diensten, Aemtern und Ehren oder der Aus- Übung der verschiedenen Berufs- und Gewerbezweige, an welchen Orten es auch sei." Tatsächliche Borkonunuissc hatten die Rotweudtgfeit eines solchen Antrages ergeben. Ter russische Vertreter, Fürst Gortschakow, wandte sich gegen diese Fassung. Es sei zwar angebracht, den Juden Religion § s r e i h e i t im weitesten Maße zu gewähren, aber wenn es sich um staat s bürgerliche und politische Rechte handle, so bitte er. die Berliner. Pariser, Londoner und Wiener Inden nicht mit denen Serbiens, Rumäniens und der russischen Provinzen zu Vergleichern Fürst Bismarck gab ihm darauf die außerordentlich charakteristische Antwort, ,,-as; der bedauerliche Zustand der Israeliten victicicht gerade ans die Beschränkung in den politischen und bürgerlichen Blechten zurülkzusührcu sei". Entgegen dein Gvrtschakorvscheu Anträge be- Khloß also auch der Kongreß, die Anerkennung von Serbien und Rumänien nur dann vorzunchrnen, wenn die im Anträge gegebenen Voraussetzungen erfüllt seien. Rumänien hat trotzdem die vertraglichen Mtnachungen nicht erfüllt, wurde aber, da es versprach, die vorgeschriebenen Bedingungen ,Fus langsamem und allmählichem Wege' in die Tat mnzusetzen. von Deutschland, England und Frankreich nach anfänglichem Zögern anerkannt. Eine merkwürdige Form der ..langsamen und allmählichen" Gewährung der völligen Gleichberechtigung an die Juden, diese Zustände beute in Rumänien! An einem Ministcrwort soll man nicht drelpn und deuteln.... Hg:. Von Dr. Erwin LichLcnstein (Danzig). Zwei volle Monate find seit der Neuwahl des Danstger Bvlkstages ins Land gegangen, ehe die veränderten ^tärkevcrhäUmste der politischen Parteien ihren Ausdruck in der ll m gestaltnn g der D a n z i g e r Negierung fanden. Am Tage nach der Volkstagswah! herrschte über die Bedeutung des Dahlergebnipcs volle Einmütigkeit von links bis rechts. Ter Zusammenbruch der Baltischen, der schwere Rückgang der DeuNchnationalen, das bedeuteo.de Anwachsen der Sozialdemokratie konnten in ihrer Gesamtheit nur als entschiedener Ruck nach links gewertet werden, so daß im ersten Erschrecken auch das Danziger Organ der Teutschnatioualen die Sozialdemokraten aufforderte, nunmehr die Regicruugsvcrantwortuug zu übernehmen. Wertige Tage später aber, nachdem man sich ein wenig von dem Schreck erholt hatte, begann man im Lager der Rechtem zu rechnen und stellte fest, daß eine bürgerliche Regierung ..gegen den Marrismus" möglich sei, wenn man alle Gruppen und Grüppch'w von den Völkischen bis zu den Demokraten, im Zeichen des Bürgerblocks sammelte. Vergessen war. daß man eben noch auf das heftigste den liberalen Führer I e w e l o w s k i als „jüdischen Schädling" und Verräter des Danz'ger Deutschtums au Polen bekämpft hatte — jetzt sollte er als Bundesgenosse gegen die „Marristen" roi'Ufomnien sein und sich mit den Deutschsozialcn in eine gemeinsame Front reihen! Ilnd man war sehr empört, als die Liberalen es ablehnten. sich an dieser seltsamen Koalition ans Zwölf verschiedenen Parteien unterschiedlichen Charakters zu beteiligen. Rach dein Scheitern des Bürgerblocks begannen Verhandlungen der Sozialdemokraten, Liberalen und des Zentrums über die Bildung einer Weimarer Koalition, wie sie schon vor zwei Jahren kurze Zeit in Danzig bestanden hat. Sie wurden begleitet von einem Zwischenspiel innerhalb der alten, noch int Amte befindlichen Regierung. dem auch die Danziger Juden nicht ohne Interesse zusahen, obwohl es sie nicht direkt berührte. Bei der Wahl eines Abteilungsleiters am städtischen Kranken Hause tarn es nämlich zu scharfem Zwist zwischen den der alten Negierung angehörenden Senatoren des Zentrums und der Deutschnationalen, die zum demonstrativen Austritt der Deutschnationalen aus dem Senat führten. Der Grund lag darin, daß das Zentrum nüt Hilfe der acht hauptamtlichen Senatoren (die zusammen mit vierzehn parlamentarischen Senatoren die Regierung bilden), die Wahl eines Katholiken zum Leiter der Inneren Abteilung des Kranketthauses durchgesetzt hatte. Die heftigen Angriffe, die wegen dieser Wahl in der Qeffentlichkeit einsetzten. beantwortete die Regierung mit der Erklärung, daß bei gleicher ärztlicher Qualität mehrerer Bewerber der Gedanke der konfessionellen Parität berücksichtigt werden wüste und daß auch in Zukunft mehr als in früheren Jahren nach dieser Richtschnur verfahren werden würde. So verständlich gerade uns Inden der Wunsch katholischer Kreise nach Gleichberechtigung bei der Besetzung von stellen erscheint und so wenig gerade die Deutschnationaken, welche in Danzig ein Monopol in der Verwaltung besitzen, geeignet find, sich als Hüter einer „nn- PolitischerG Stellenverteilung anfzmpielcn, so bedenklich erscheint d o ch d i e Tatsache, daß bei der Wahl eines Arztes überhaupt nach seiner R e l i g i o n gefragt und davon die E n t - scheidnng abhängig gemacht wird. Tie zweifellos bestehende Zttrücksetzung der Katholiken, die auch in Danzig ans früheren Zeiten noch iiücrfc-titmcn ist, wird weit sicherer als durch Einführung einer Prozentnorm dadurch überwunden werden, das; überhaupt nicht nach der Religion, sondern nur nach der Befähigung gefragt wird. Auch wir Inden verlangen keineswegs Berücksichtigung entsprechend unserem Bevölkerungsanteil, sondern entsprechend der in jedem Einzelfall zu prüfeitden Tüchtigkeit. Und so erscheint es uns auch nicht als „jüdische- VordringlichleiG. daß der neuen Danziger Regierung unter 22 Mitglieder^ zwei jüdische Senatoren angeboren. Die Danziger Juden legen dttrchaus keinen Wert darauf, daß sie durch Glaubensgenossen in der Negierung vertreten find. Aber wenn politische Parteien Senatoren jüdischen Glaubens in die Negierung entseudett. weil sie zu deren persönlicher Tüchtigkeit das Vertrauen haben, daß sie sich in ihrem schweren Amt bewähren werden, so können wir daraus aU Juden nur stolz sein. Tie Sozialdemokraten haben, wie bereits vor zwei Jahren, den Landgerichts rat Tr. Kantnitzer, einen ihrer führenden Abgeordneten, unter den ihnen zustehcuden. acht Senatoren nominiert, und unter den beiden liberalen Regierungs-Mitgliedern befindet sich der Fabrikbesitzer Jewelowski. der gleichfalls schm einer früheren Regierung angehört und damals ans wirtsclzafis- und außenpolitischem Gebiet Erhebliches geleistet hat. Wenn es den beiden jüdi'chn Senatoren int Verein mit ihren christlichen Kollegen gelingt. Danzigs Wohl iu den Sjtucrcu Zeiten zu fördern, so werden die Danziger Staatsbürger jüdi- M Glaubetts das int Interesse Danzigs freudig begrüßen und hoffen, daß auch vvtt niehtjüdischer Seite die Arbeit der jüdischen Senatsmitglieber vorurteilslos gewertet wird. Ein besonderer llniftant> trägt noch dazu bei. daß die Danziger Inden vott der kommenden Regierung, ganz abgesehen von den zwei jüdischen Senatoren, eilte besonders energisch Vertretung des Gedankens der Gleichberechtigung aller Staatsbürger ohne Unterschied der Abstammung oder des Bekenntnisses erwartet; dürfen: es gehören der neuen Regierung Persönlichkeiten an, die auf kulturellem mtd politischem Gebiet wegen der Lauterkeit ihrer Gesinnung und ihres Gerechligkeiisgejühls weit über ihre Partei hinaus Ansehen genießen. Wir denken

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