Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1928-01-13 · 2 (13.1.1928) · p. Seite 17

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
7 (1928)
Issue
2 (13.1.1928)
Date
1928-01-13
Page
Seite 17 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2277379-2277781-2277783--04198-2284785
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Vor einiger Zeit trag sich u\ Konstantinopel ein tieftranriges . Ereignis zu, welches in seine Folgen blitzartig die u n e r t r ä g t r ch e! Lage des Judentums in der neuen Türkei beleuchtet und! dringend zur Abtvehr heransfordert. j Mitte August wurde ein junges jüdisckes Mädchen namens Elsa Niögv! van einem Türken, Tsman Ratib.Bei, ans onencr Straße vor ihrem , Wennhause ermordet, weil sie ihn treck langer L.'mübnngen nicht er-; hören wollte. Ilm so tragischer wirkte da- Trania. als Elsa Niego uu-! mittelbar vor der Hochzeit stand. Tiefe war so angn'etzt worden, daß das jllnac Paar sich bereits aus der Reise befunden höttt. »nenn Tsmau Rativ nach Abbützung einer Gefängnisstrafe (er war bereueinmal wegen Bedrohung des Mädchens verurteilt) terminmüszig crrs der Hast entlassen werden wäre. Tie Abkürzung der Gefängnisstrafe machte die weise Vorsicht zuschanden, und der Tod endete das hoffnungsvolle junge Wbon. Nack dem Morde blieb die Leiche fast drei Stunden bis zum Eintressen der Mordkomisswn ans der Straße liegen, und der unglücklichen Mutter, Augenzeugin des Verbrechens, wurde nicht einmal gestattet, sie so lange mit einem Tuche 311 bedecken. War schon an und für sich das Mitgefühl in der ganzen Stadt stark, so lan'en es erü recht die Begleitumstände verständlich etüheirtcn, das; die Be ist Im ng unter ungeheurer Teilnahme staktsand. Tie Polizei war sicherlich durch ihre Agenten über die hochgradige Erregung der jüdischen Bevölkerung unterrichtet (ihr Späherdienst funktioniert stets ausgezeichnet», veraAänmte aber trotzdem die einfachsten Mahnahincn, um dem Kondukt den Weg freiznhalten: und das. obwohl sonst bei jedem kleinen A r. La ß, wie Umzügen nsto.. ein starkes Polizeiaufgebot bestellt wird, um Störungen durch die Menschenmengen 311 verhindern. Ein zufällig entgegenkommender Lasttrastwagen verstovstc nun die enge Straße, höhni'cko Bemerkungen neugieriger Zuschauer taten ein übriges, w das; cs zu einer Art Temon- Nrativn kam. in welcher beleidigende Aeuf;ernna<n gegen die türkische Po-izei imd Justiz gefallerr stin sollen. Eitle Anzali von Personen wurde erst nach einigen Tagen verhärtet und nenn israelitische tnri i» d' c Bürger unter A n k l a 6 c gestellt. Tie Haftentlas'nngsanträgc gegen Karitionsstellung wurden während der ganzen, zieinlich langen Tauer des Verfahrens abgelehnt, arich als keine Verdunkelungsgefahr nrehr bestand. Im Gefängnis waren die Verhafteten rnit gemeinen Verbrechern, wie Einbrechern unv., zusammen eingesterrt. Nur mit Blühe ln'd unter erheblichen Gcldovsern gelang es. für die Angeklagten Verteidiger Zn gewinnen. Bei der herrschenden Mentalität riskieren nämlich sogar die Rechtsanwälte unter Umstünden viel bei Uebernahme einer solchen Vertretung. Inzwischen hatte die hic^.gc Presst sich der Angelegenheit beniächügt, und ihre übertriebene, zum Teil beiszend satirische Tarstellnng erhitzte die Gemüter noch mehr. Es kam zu Ausschreitung e n gegen Inden u n d jüdische Geschäfte in Konst 2 n t i n v p e l ,^z u regelrechtem Terror halbwüchsiger Burschen in mtmtö. Ulrich die Behörden blieben nicht müßig. Ten Jstaelilen wurden ohne jeden Grund Reistn außerhalb der Bannmeile ibres Wohnortes untersagt, eine in das Geschästsieben naturgemäß Lies einschneidende Maßregel. Erst als die große europäische Presse („Daily Erpreß", „Tinres^, „Temps", „Matin*. „Berner Bund" und andere) sich der Sache annahm, schien es besser werden zu wollen. Es erstlgte in erster Instanz ein Freispruch der Angeklagten, gegen welches Urwil der Staatsanwalt allerdings Berufung cinlegte; die Berusirngsinsianz bat noch nick)t gesprochen (der Prozeß gegen den M ö r d e r konnte übrigens bis heute nicbt zur Durchführung gelangen, da noch kein medizinisches Gutachten über seinen Geisteszustand vorliegt'. Eine Reihe von Zeitungen brachten Mitttiiiinßcn, das Reiseverbot sei aufgehoben, Mitteilungen, die verfrüht waren. Tenn jetzt wiederum erscheinen Bildungen, es solle nunmehr fallen. Tic Richtigkeit bleibt abzrNoarten. Tatsächlich hat sich -nämlich nichts gelöster:. da? Schikanieren der Israeliten geht seinen alten Weg weiter. Der Jude hat effektiv keinerlei Recht (außer dem, Steuern zu zahlen). Tie Ausübung des Wahlrechtes zum Parlament wird itm zwar nicht de jure, wohl aber de facto verwehrt, denn Kandidaten kann er nach der Art der Wahlhandhabung nicht aufstellen. Obwohl ferner gerade die Israeliten zu den ältesten handeltreibenden Bcvölkerungsschichteu gehören und die weitaus größte kommerzielle Erfahrung besitzen (ichr viele hochangesehene alre Firmen L>efiudeu sich in jüdischen Händen), MSN sitzt nicht ein einziger Jude in der StandesverLrebung. der Handelskammer. Wenn das bei Griechen und Armeniern ebenfalls nick: der Fall ist, so ist cs ans alten und jungen politischen Gegensätzen, wenn auch in einem demokratischen Staate und nach der Verfassung nich: entschuldbar, so immerhin'psychologisch verständlich: nie aber haben die Juden etwas gegen die Türkei unternommen. Weiter: es ist heute dem Israeliten praktisch unmöglich, B. den Nechtsanwattsbcruf zu ergreifen. Nach abgelegtem Ermnen nämlich müßte er vor der Zulassung als Anwalt eine zweijährige' insormatori'che Praxis bei einer Regierungsbehörde Nachweisen. Tie Regierung" jedoch läßt nur „echte", d. h. muselmanische, Türken zu. Aehnlich liegen die Verhältmst'e im Geschästsleben. Einige Beispiele ans der Zeit vor den jüngsten Ercignisien mögen das erläutern. In Brussa kamen von jeher die Landlcutc ans der Umgebung zum Verkauf ihrer Produkte zusammen, und die Stambuler israelitischen Firmen sind seit langer Zeit ihre regelmäßigen Knden, wobei beide Teile sich zufrieden fühlten. Eines Tages nun war der Marl: nach außerhalb verlegt in eine Gegend, für welche die Reiscerlaubnis nicht gültig war. Den jüd:schen Kausteuten wurde bedeutet, sie könnten nunmehr die Waren von türkischen Zwischenhändler» — natürlich zu höheren Forderungen — erwerben. Tie Landlente ihrerstits waren wogen der ihnen nun gebotenen unzulänglichen Preise unzinrieden, hm gen auch psychologisch an den alte» Geschästsbeziebungen. Und endlich: ein jüdischer Kaufmann machte, wie alljährlich, seine Einkanssreise nach Anatolien. In einem Vitajet wird ihm. von unbekannten Leuten, die angeblich im Namen des Vali handelten, die Weisung, binnen 24 Stunden abzureiscn. „sonst pasüere ihm etwas". Solcher'Beispiele gibt es viele. Und warum das ältest Die Türkei hat keine loyaleren Bürger, als cs die Juden von jeher waren und noch sind. Auf ihre Miiwritätenrechte verzichteten sie freiwillig, sie bemühen sich um die Verbreitung türkischer Sprache und Sinnesart.^ Wenn irgendwo ein Unglück hereinbricht, sie sind die ersten, die Helsen und aeben. Niemals ha: auch nur einer von ihnen das geringste gegen" den Staat oder seine Vertreter unternommen. Auch heute schweigen sie trotz allen Unrechtes (und deshalb muß einmal von außen her auf diese unhaltbaren Zustände aufmerksam gemacht und an Mittel zur Abhilfe gedacht werden). To findet man trotz allen Tuchennur eine einzige Ertläruug: der Neid auf die früheren wirtschaftlichen Erfolge des JudcutuinS in -er Türkei; die früheren, denn 'heute gibt es keine mehr, da das Land sich sei: Jahren' in schwerster Wirtschaftskrise befindet. So denkt man wohl, das Judentum zugunsten des „echten" Türkentums aus seiner, noch immer für' glanzend gehaltenen geschäftlichen Stellung zu verdrängen, ohne dabei zu bedenken, daß zur Erreichung wirtschaftlicher Leistungen vor allem zähe Arbeit und der Erwerb solider Kenntnisse gehören. Der einzige Effekt würde also darin bestehen, daß die Türkei einer unersetzlichen, fleißigen Bevölkerungsschicht beraubt würde, deren Erfolge ja doch letzten Endes nur wieder den; Lande zunutze kommen. Die junge Türkei führt als Hauptpropaganda die weitestgehende Demokratie ihres Regimes stets im Munde. Wie es tatsächlich damit steht, erhellt-aus dem Gesagten; weite, nützliche Bevölkerungskreise werden zu Bürgern zweiter Klasse degradiert, wenn ihnen nichts Schlinnneres passiert. Hoffen wir, daß dieser Mahnruf die Geister aufrüttclt, sie zur (rinsicht bringt oder aber, wenn das doch nicht der Fall fein sollte, die europäischen Juden zu Schustrrrasznahmcn ihrer bedrängten Glaubensgenossen sammelt. Denn, und das verdient beton: zu werden, das türkische Volk kennt keinen Antisemitismus. Er wird nur von oben „gemacht". Tribunus. MM« I» einer k. I.-NMüiliM in Ssrirnnnö. Die Ortsgruppe Dortmund des Eeutralvere'ms hntte Anfang Dezember zu einer Veranstaltung geladen, bei der Professor Nörting, i>et bekannte Soziologe der Frankfurter Universität, über ,.J u b c n t u tu u n d V 0 l k s g e m eins ch c f t" referierte. An der Veranstaltung nahm auch eine Gruppe der Nati 0 u also z i a l i st e n teil, die sich während des überaus eindrucksvollen Referates ruhig verhielt. Der Leiter der Veranstaltung, Rechtsanwalt D r. H 0 f f m a 1111, erössnete die Diskussion mit dem Hinweis darauf, daß man jede Ansicht, auch die des G e g n c r s, ruhig mitauhoren solle, um so den Boden für eine sachliche Verständigung zu schaffen. Ein Natroualsozialist nahm alsbald d,zs Wort und lehnte in herausfordernder Weise die Zusammenarbeit von Juden und Nichtjuden für das deutsche Vaterland ab. Es gab einige Zwischenrufe, und als der Redner endete, stimmten seine Freunde das sogenannte „E h r h a r d t -L i cd" mit dem bekannten verletzenden Kehrreim an. Gleichzeitig flogen B i e r - gl äs er in die Versammlung. Ein Warf traf "einen entfernt sitzenden jüdischen Kaufmann so unglücklich, daß ihm die Schlagader an der Schläfe durchschlagen wurde und er b l u t ü b c t ft r ö :n t t n § Krankenhau s getragen werden mußte, das er erst nach einigen Tagen mit vernähter Wunde verlassen durste. Die Polizei entfernte rasch und energisch die Ruhestörer. gegen die von unserer Ortsgruppe Dortmund Strafanzeige erstattet wurde. Die Versammlung nahnr danach einen würdigen Verlauf und endete mit einem mit st ü r m i s ch e r Z u st i m m n 11 a a u7 gcn 0mmciun Schlußwort von Professor 9töttin-g. Die Dortmunder Presse aller Richtungen war in der schärfsten Verurteilung der nationalsozialistischen Kamps" Methode einig. Das Dortmunder Beispiel beweis: aber, daß die Grundsätze D r. Goebbels bei der Durchführung der sogenannten rednerischen Agitation allenthalben befolgt werden. Alrßerstaude, sich auf dem geistigen Niveau einer hockstehenden Diskussion zur Aussprache zu stellen, müsien Bierseidel bei den Nationalsozialisten die Argumente ersetzen. Das bei den Einsichtsvollen aller Parteien und Kreise feststehende Urteil über den sittlichen Gehalt der nationalsozialistischen Beilegung findet durch die Dortmunder Vorfälle eine weitere Stützung.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.