Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 7 (1928)
- Issue
- 1 (6.1.1928)
- Date
- 1928-01-06
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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6 auf Ithaka. Eine Erklärnttg von Proscsior Leopold Ics;ner. Am Silvesterabend wurde im Staatlichen Schauspielhaus in Berlin die alte Holbergsche Posse „U l y s s e 8 a u s I t h a l a' ausgesührt. Wie in der Tagespreise lebhaft erörtert wurde, endete der Abend vorzeitig mit einem T h e a t e r s k a n d a h als zwei Kaftanjudcn, Ulysses nach feiner Rückkehr aiis dem trojanischen Kriege um« tanzend, versuchten, ü}iit feine Uniform auszuziehen. Das Publikum, zum Teil aus jüdischen Besucher»! bestellend, suchte 'ich durch die Karikatur der beiden Juden verletzt und erzwang den Abbruch der Vorstellung. Dieser Tatbestand gab uns Veranlassung, den Intendanten des Staatstheaters, Professor Leopold Jeßner, selbst über diesen Borgang zu befragen. Er gab uns folgende Erklärung: „Bedeutende Köpfe, wie Paul Schlenthcr. haben sich immer wieder dafür eingesetzt, das; die Holbergsche Posie zu neuem Leben erweckt wird. Es war ein Versuch, der mißglückt ist. Zu dem Skandal lag aber keine Ursache vor. Tie Ausführung ist als Persiflage für eine Silvesterkomödie gedacht. Ich finde cs ebenso töricht, an dem Parademarsch, der erst sehr belacht wurde. Anstos; zu nehmen, wie an der Figur der beiden Juden. Wir haben uns eine Wehleidigkeit angewöhnt, die endlich einmal aufhören must. Wir Juden haben uns früher am meisten amüsiert, wenn die klassische Figur des Jppelmeier in „Robert und Bertram" auf die Bühne kam, und es fiel keinem ein. sich mir diesem persiflierten Juden zu identifizieren. Ich jedenfalls identifiziere wich mit keine r Persiflage eines Juden und verstehe das Publikum nicht, wenn cs das tut. Am wenigsten, wenn es die Persönlich k e i t d e s Theaterleiters kennt, Mid das weis; doch wohl ein jeder, daß mir nichts ferner liegt, als einen Juden kränken zu w o l l e n. Hätte das Publikum nicht den vorzeitigen Abbruch der Vorstellung erzwungen, so hätte es die eigentliche Pointe der Szene gehört: Nach den; Auftreten der zwei ganz als Puppen »gespielten Juden sollte ein Radfahrer über die Bühne fahren, und sich an der Aktion gegen Ulysses beteiligen, um ihm die Möglichkeit zu geben, pathetisch den Latz zu sagen: .Hätte ich doch nur, statt nach Troja in den Krieg zu ziehen, alle Juden und Radfahrer getötet? — lieber diesen Latz, der bei der zweiten und letzten Ausführung des Stückes am NeujahrsLag gesprochen wurde, Härten sicherlich die jüdischen Zuhörer am meisten gelacht." Ein Vortrag, ein buch nn) sein Echo. Gedanken beirr; Lesen von K. Müller, „Völkische Weltanschauung^). Von Prof. Tr. Alfred Leicht (Meißen). - Fast ein halbes Jahrhundert ist vergangen, seit Stöcker und Treitschke den Sturm entfesselten, dom Lazarus in seinem Vorträge: „Was heißt national?" (Dezember 1879) vornehm entgegen trat?). Insbesondere wandte er sich gegen Treitichke, den die Dankbarkeit, die er einem verstorbenen jüdischen Freunde in reichen: Maße schuldete, zur Gerechtigkeit gegen die (Gesamtheit hätte mahnen müssen. Allein „fein unbändiges" Temperament machte ihn für historische Gerechtigkeit in einem ganz ungewöhnlichen Matze unfähig", wie Friedrich P a n l s c n — nicht mit Bezug auf die Judensrage — in seinen Inge nder inucrungen urteilt. In seinem Vorträge, den Paul Heyse ein „Manifest hoher Menschenwürde" nennt, hat Lazarus im Anschluß an seine bereits 1853 geschriebenen „Einleitenden Gedanken über Völkerpsychologie" dem Begriff des Volkes die heute allgemein anerkannte Fassung gegeben, "ihn auf die Idee des Selbstb e st i m m u n g s r e ch t s gegründet, die er als erster ersaßt hat: „Ter Degrifj Volk beruht auf dem Eiugrisf der geistigen, geschichtlichen Vcrhältuige in die natürlich gegebenen Unterschiede. Handelt es sich um Pflanzen und Tiere, so ist es der Naturfowcher, der sie nach objektiven Merkmalen in ihre Arten versetzt; Menschen aber -fragen wir, zu welchem Volke sie z i ch zählen. Das Volk ist ein rein geistiges Wesen, wenn cs auch nicht unabhängig ist von materiellen Verhältnissen^)." Wissenschastlich ist der Nancuscmatismus tot. Das bindert nicht, daß er in den Köpfen der Völkischen blüht: denn geistige Waisen können diesen nichts auhaben, wie auch alle Widerlegungen der Behauptungen und Beschuldigungen, die der Antisemitismus im Laufe sder Jahrhunderte gezeitigt hat, bei ihnen nickst fruchten, höchstens daß die eine oder andere als nicht mehr zugkräftig ausgeschaltet und durch eine zeitgemäße ersetzt wird. So spukt jetzt der * * *> Philo-Derlag, Berlin 1925. r *> Neu heearisge geben vom Philo»Verlag 1925 mit einem. Vorwort von D?. Jur. I. Levy. * st) Der lichtvolle Aufsatz von Professor Driesch: „Rasse, Nation im> ©cift* („C. V..Zeitung" vom 5. Juni 1924) könnte wörtlich von Lazarus geschrieben sein, wie aua'i Slcitcns berühmter Vortrag: ,.Qu>st-ce qu.'uno »atlon?“ (M2) sich durchaus mit dessen Ausführungen deckt. Enthält nur feinste Molkereibutter H.BAMLSENS HANNOVER jüdische Imperialismus, die gelleime Versclstoöruug. die auf den Trümmern der Ltaaten ein jüdisches Weltreich errichten will, wie die Protokolle der Weisen vor; Zion beweisen müssen, auch nachdem sie als ebenso freche wie plumpe Fälschung au den Pranger gestellt worden sind'). Allmählich aussteigende sittliche Erkenntnis wird aber doch zur Erfüllung der Verheißung führen, cs werde die ganze Menschheit einen Bund bilden. Das; die Idee dieses wahren Völkerbundes, in der Lazarus' „P h i l o s o p hi e de s W i r" gipfelt, nicht wie einst nur in wenigen auserlesenen Geistern lebt, sondern immer breitere Schichten erleuchtesi das kündet den Anbruch einer neuen Epoche und den schließ licheu ^icg der Humanität, mag diese zeitweilig auch völlig nmwölkr sistn. Drastisch schrieb Gottfried Keller, der sich wiederholt energisch gegen den Antisemitismus gewandt hat, am Dezember 1881 an Lazarus: „Tie Idealität bleibt in der Welt bestehen, wenn die Kultur infolge Periodischer Gcdächrnisalteruug der Menschheit auch morgen einbricht" und ,.die dünne Knlturdccke uns von den wühlenden und heulenden Tieren des Abgrundes notdürftig zu trennen scheint". Ter moralische Erfolg von Lazarus' Vortrag und seinen zwei Reden „Unser Standpunkt" (Dezember 1880) zeigt sich in zahllosen Zuschriften an das auf seinen Vorschlag zur Abwehr antisemitischer Angriffe eingesetzte „Eonnto vom 1. Dezember 1880" und in den Briefen au ihn selbst, deren einige in seinem Nachlaß enthalten sind. „Ihre Verteidigung des Judentums hat meine volle und rückhaltloseste Sympathie", schrieb ihm am st. Januar 1880 der berühmte Leipziger Nechtslohrer Bernhard Wind s ch e i d, und am 16. Februar 1881 wiederholte er Lazarus die Versicherung seiner wärmsten Zustimmung: „Ich gebe mich der Hoffnung hin", schreibt er, „daß dieser häßliche Flecken auf dem Schilde des deutschen Volles bald weggewascheu sein wird." Von echter Humanitär sind zwei Briese G i! d e m e t ft ers . des Bremer Bürgermeisters, durchweht: „D-atz ich in der Hauptsache schon ohnehin Ihrer Meinung war und — was mehr ist — auch Ihre Gesinnung teile, wissen Sie, glaube ick: gleichwohl habe ich aus Ihrer Schrift („Was heißt national?") doch allerlei mir Neues gelernt, was mich höchlich interessiert und beglückt hat. Ich habe immer geglaubt, daß gerade für das schwerfällige germanische Element die jüdische Einbürgerung von besonderem Werte war, ist und namentlich sein wird, letzteres nämlich, wenn die Gleichstellung nicht nur vor dem Gesetze, sondern auch innerlich vollständig (es fehl: noch viel daran) durchgesührt sein wird. Und gerade, daß dies letztere leichter geschehen wird, als ich manchmal angenommen habe, wird mir durch den Ihre Schrift erfüllenden Geist zur Gewißheit." st). Januar 1880.) „Erbaut habe ich mich, wahrhaft erbaut", schreibt cr ein Jahr spater mit Bezug auf „Unser Standpunkt". „Meine besten Segenswünsche begleiten den guten Kampf, den Sie anfüllrcu. Sie kämpfen ihn ja für uns alle mit." Erfreulich insbesondere für das Ansehen Deutschlands im Auslände war eine von den namhaftesten Vertretern der Geisteswelt Unterzeichnete Erklärung gegen die Antisemiten in der „Natioualzeitung". Ans Florenz" schrieb der Historiker Karl Hillebrand am 17. November 1>8<>: ..Endlich! Wie Haber; wir daraus gewartet! Schämte man sich doch, einen; Ausländer ins Auge zu blicken. Bei den Walachen ist's doch mrr der Pöbel; aber bei uns sind's Leute von Bildung oder die sich als solche gc(>cu. Hätten die Herren erst in sich selber das überwunden, was sie „jüdisch" zu nennen belieben. ' so hätten sie wahrlich keine Konkurrenz zu befürchten. Werden Beitrittsertlärmtgen angenommen, so bitte ich, meine hmzuzufügen als die eines Urgermanen, der mit anhören muß, was man hier außen von seinem Vaterlaude denkt." *) Vgl. hierzu Weil, „Die jüdische Internationale"; Segel, „Die Protokolle der Weisen von Zion, cir.r Erledigung", und „Weltvcrfchwörung, Welroberreglerung, Wcltrevolution".