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Central-Verein-Zeitung · 1928-01-06 · 1 (6.1.1928) · p. Seite 2

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
7 (1928)
Issue
1 (6.1.1928)
Date
1928-01-06
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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müssen uns bcunit abfiuden: der R o II e f t i bi % m u § vernichteL dieSinzelexistenz. DieWirtschaftsgeschichte des Indentu m § bciucift uns. daß die Inden, stet* gezwungen in von nnderen nicht ausgefüllte Lücken in der Volkswirtschaft zu treten, besonders als Emzelpersönlichkeiten zu arbeiten gewohnt waren. Zunft und mittelalterliche Burse verschlossen sich ihnen. In dein großen Wagen, der die wirtschaftenden Menschen im Mittelalter und in der Neuzeit beförderte, fanden die Juden keine Ausnahme. Eie mußten immer nebenher lausen im Staate, in der Gesellschaft und in der Wirtschaft. So verstehen wir, warum die Großunternehinungen die Inden mit immer wachsendem Erfolge von der Mitarbeit ansschließcn, warum die große Schicht jüdischer Privatbeamten und Angestellten einen so schweren Daseinskampf führt. Ter deutsche Jude ist ein verhältnismäßig leicht ausschaltbarer Konkurrent: wenn er keinen Einlaß findet, ist der Kreis derer klein, die solche Maßnahmen laut verurteilen. So sehen wir. wir lausen immer nebenher. Ter Laagen, in dem die bürgerliche Gesellschaft Platz nimmt, ist besetzt; jedenfalls tut man so, als wenn er es wäre, mn uns nicht hineinlassen zu müssen. Man will die Konkurrenz möglichst Niederhalten, und so wird durch die Gesinnung der Menschen die Abbürdung unserer Sorgen erschwert. # Zu diesen Schwierigkeiten von außerhalb konunt nun noch der Mangel au innerer Geschlossenheit, die seinerseits wiederum ein Erbe unseres Schicksals in der Vergangenheit darstellt. Wir dürfen den Wandel der Zeit nicht verkennen. Alle haben wir uns gewandelt. Der Centralverein stand vor dreißig Jahren zu entscheidenden Fragen anders als heute. Ebenso ist der Zionismus, wenn man seine Entwicklungslinie genau verfolgt, heute anders geartet als bei seiner Begründung. Nicht minder haben sich die einzelnen Richtungen im religiösen Judentum so verändert, daß man heute lediglich noch gewisse Grundgedanken in ihnen wiederfinden kann. Das starke geistige' Leben innerhalb unserer Gemeinschaft macht eine Geschlossenheit völlig unmöglich. Sie würde auch nichts anderes bedeuten als Friedhofsruhe, die wir nicht wünschen können. Tie Abbürdung dieser Sorge ist besonders schwierig. Eine völlige Einheitlichkeit wäre bei der Schwäche unserer Zahl gewiß begrüßenswert: aber sie kann nicht durchgeführt werden. Sie bleibt ein Ideal. Warum sind und bleiben wir Juden? Diese große Frage scheint uns heute besonders wichtig zu sein. Welche Antwort gibt uns die Menge der jüdischen Atheisten, die, losgelöst von allem Geschichtlichen und Religiösen, den Abfall vom Judentum doch auf das stärkste verneinen, die niemals ihrer Gemeinschaft den Rücken zu kehren gedenken, der sie durch Geburt angehören und die sie auf der anderen Seite in ihrem wesentlichen, eigentümlichen Werte leugnen. Diese sind und bleiben Juden, weil sie in ihrem Innern den Wunsch nach Erhaltung d e r j ü d i s ch e n G e m e i n s ch a j t alsEeistesgemeinschaft. alsSchicksalsgemelnschast, als Lebensgemeinschaft in sich tragen, weil sie trotz ihres Rationalismus das Gefühl haben, es müsse im Indent u m etwas stecken, was sich für die Welt, für die Menschheit auszuwirken habe. Mit den weniger problematischen Naturen, denen ihre religiöse Bindung die Stellung zur jüdischen Gemeinschaft eindeutig festtegt, bilden sie die große Gefolgschaft eines Judentums der Idee, das von dem zionistischen Judentum des Blutes und der nationalen Gemeinschaft durch eine gänzlich andere Einstellung geschieden ist. Die innerlich so tief ge-- trennten Richtungen stellen, genau gesehen, fast zwei verschiedene Konfessionen dar. Ter Zionismus legt aus das Weltliche, das Volkliche im Judentum das entscheidende Gewicht, wir auf das Religiöse, das Geistige. So finden wir den Mangel an Geschlosienheit durchaus begründet. Er ist nicht Streitsucht, er entspringt nicht dem Gefühl der Abneigung gegen andere, sondern er ist die Folge schärf st e r E r - s a s s u n g g e i st i g e r Gegensätze, deren Vorhandensein man bedauern mag, die aber nun einmal nicht aus der Welt zu schaffen sind. Wohl aber muß das V e r st ä n d n i s für die Wesensart ^des anderen geschaffen werden, um auf diesem Wege die Geschlossenheit zu finden, die allein die hoffnungslose Minorität zu einem wesentlichen Kampffaktor gestalten kann. Man muß sich darüber klar bleiben, unsere Weltanschauung vereinigt Judentum und Deutschtum. Wir sehen unsere . Ausgabe in der Gestaltung des jüdischen Deutschen. Wir erblicken im Judentum den ewigen Geist d e r E e r e ch t i g k e i t. der auf Grund uralter Ueberlieserung uns die Aufgabe gestellt hat, die Heiligung des göttlichen Namens, d. h. Gerechtigkeit und Liebe im Leben der Völker zu verwirklichen. Darum erwarten und halten wir nichts von einer volklichen Wiedergeburt des Judentums: wir erstreben die geistige, und darum glauben wir un3 einer weltbewegenden Ausgabe gegenüberzusehen. Das ist das Ziel des Eeutralvereins. Wir sind Menschen, deren inneres Ziel aus Recht und Gerechtigkeit innerhalb aller Menschen ansgeht. Gewiß hat Berthold Auerbach recht, wenn er einmal gesagt hat: „Jede um ihres Glanl^ens in die Fremde vertriebene und zerstreute Genossenschaft i ft darauf hin gewiesen, über olle Nationalität immer die Eücheit der Menschheit im Auge zu Hutten und mit aller Kraft gegen jeden Fanatismus und jede Ausschlußlichkeit ,zn wirken." Darum lehnen wir jeden Haß gegen Andersdenkende ab. Sitarn immer die Behauptung aufgeßellt wird, der Ecntralverein marschiere in der Reihe der Palästinafeinde, so müssen wir. um auch in diesen Dingen zur Klarheit zu kvnunen, nochmals erklären: niemals ist es einem von uns eingefallen, ein P a l ü st i n a f e i n d zu sein. Wir halten deu Weg einer Besiedelung Palästinas, die die Erneuerung eine* jüdischen Volkstums bezweckt, für falsch, weil wir in der Pflege jüdischen Volkstums überhaupt nicht das Ziel des Judentums sehen. Jeder von uns sieht die Notwendigkeit ein, für die Armen und Unterdrückten Heimstätten zu schassen: sie.sollen ausgestattet werden mit all dem. was den Millionen von Unglücklichen unter den Juden das Leben lebenswert machen könnte. Sie sollen aufgebaut werden nach den Gesetzen, die die Wissenschaft für die Schaffung einer neuen Wirts ch a f t vorschreibt, ohne N ü ck s i ch t auf nationale Neubildungen oder W i e d e r b i l d u n ge n. Das Jnteresseam M e n s ch e n u n d an der Bk e n s ch l i ch - k e i t ist das Entscheidende, nicht das Interesse a m nationalen Endziele. Darum wird die Frage der jüdischen Siedlung Palästinas stets eine Bedeutung haben, die allerdings mit der geistigen Bedeutung, die Palästina für die aus dem Boden des religiösen Judentums stehenden Menschen immer behalten wird, nie verwechselt werden darf. * So ist die Lage beim Jahreswechsel. -Die Abbürdung unserer morgen begegnet Schwierigkeiten nach außen und nach innen. Trotzdem werden diese Schwierigkeiten überwunden werden. Es gibt für uns dazu mehrere Wege. Wir kennen die der Seelenheilkunde. Der Schweizer Arzt D u b o i s hat sestgestellt. welchen Wert die W i l l e n s b e e i n s l u s s u n g besitzt, während der so bekannte Eouö die Macht der Einlebung in gewisie Gedankengänge für entscheidend hielt. Beide Methoden sind richtig. Unsere außerordentliche Ausgabe besteht darin, unserer Umwelt nicht nur zu zeigen, wie wir sind und was wir wollen — dazu dient die Kleinarbeit —, sondern vor allem den Gedanken der Gerechtigkeit so oft und so stark herauszurufen, daß ihn die Umwelt nicht länger überhören kann. Wir wollen keine Assimilation um den Preis der Aufgabe unserer gesamten Eigenart: wir wissen, daß der völkische Gedanke in seiner heutigen Ausprägung, die den Geist durch das Blut ersetzen null, sowohl nach der jüdischen als nach der nichtjüdischen Seite hin. nur von vorübergehender Geltung ist. Wir wollen dafür wirken, daß diese Irrlehre verschwindet. Das Jahr der Wahlen ist angebrochen. An dieser Stelle zu schildern, welche Fülle von Arbeit jedem einzelnen von uns obliegt, wäre verfehlt. Wir haben heute nur den Grundsatz festzulegen, in politischer Arbeit halben wir unsere Gleichwertigkeit 31t zeigen und schon in der Wahlagitation uns als einen Faktor zu erweisen, den zu verleumden lein anständiger Mensch wagen darf. Wir haben den Kampf um unsere wirtschaftliche Geltung durch Zufuhren. Wir müssen sorgen, daß and) die Kleinen und Kleinsten innerhalb unserer Gemeinschaft nicht zurückgesetzt werden, weil sie Inden sind. Hier sind positive Aufgaben genug. Es ist ein Programm gegeben, dessen Endziel d i e G e l t u u g u n d W e r t i g k e i t j ü d i s ch e r E h r l i ch k e i t und j ü bischer A u st ä n d i gkeit und dessen Mittel und Wege unermüdliche Kleinarbeit auf dem Boden der gegebenen Tatsachen sind. Freunde, sorgt für die Durchführung unseres Programms! Gewiß, wir werden auch 1928 noch nicht das Letzte erreichen. Aber wir werden es mit Rabbi Tarphon halten, der ausgesprochen hat: „Es ist dir nicht gegeben, Vas Werk zu vollenden; dennoch darfst du dich ihm nicht entziehen." Ludwig Holländer.

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