Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 52 (30.12.1927)
- Date
- 1927-12-30
- Page
- Seite 735 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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727 Düringer und Hachenburg über den Antisenn'LLsmus. Soeben ist im Verlag „Neue Brücke", Düsseldorf, in der Reihe der Lebenserinnerungcn führender Männer aus allen Verusskreisen die „Lebenserinnerungcn eines Rechtsanwalts" von Tr. Max Hachenburg erschienen. Ter hervorragende Jurist und Mitglied des Neichswirtschasrsrates erzählt darin von seiner Stellung zur Jrldensrage und von Unterredungen, die er mit dem bekannten Teutschnationalen Türinger über dieses Problem geführt hat. Mit Erlaubnis des Verlages geben wir nachstehende Auszüge dieses Kapitels wieder. Tie Schristleitung. Als Düringer 1019 Mitglied der Teutschnationalen Partei in der Nationalversammlung wurde, war sein erstes, mir zu ''chreiben, daß doch hierdurch unsere Freundschaft leine Trübung erhalten dürfe. Ich konnte ihn sofort darüber beruhigen. Es hat sich wohl auch sonst mancher darüber gewundert, wie wir zusammen paßten, der konservativ gerichtete, innerlich gläubige Richter und der fortschrittlich eingestellte, freidenkende Rechtsanwalt . . . Nichts war ihm schlimmer als der Argwohn des Antisemitismus, der sich mit der Zugehörigkeit zur Teutschnationalen Partei leicht verband. In ihr bilde er, wie er mehrfach erzählte, mit Posadowski und Delbrück den philosemitischen Flügel. Er nahm Delbrücks Ansicht auf. daß der Antisemitismus der Partei ein Fehler sei. Die Juden besäßen zwei Momente, die sie zur konservativen Anschauung besonders geeignet erscheinen ließen, Intelligenz und Besitz. Ich bemerkte hieraus, daß sie auch andere Eigenschaften zeigten, die sie ins demokratische und sozialdemokratische Lager führten, darunter eine starke Empfindung gegen Ungerechtigkeit. Während der bayerischen Näteherrschaft bedauerte Düringer, daß Namen wie Levi und Levine. Eisner und Landauer an der Spitze genannt würden. Das gäbe dem Antisemitismus wieder Nahrung. Düringer kannte auch meine eigene Aufsagung über die antisemitische Bewegung. Ich suchte sie zu verstehen. Mir ist der deutsche Antisemitismus ein geschichtlicher Vorgang. Tie, welche in seine Zeit fallen, traf er schwer. Er stellt aber doch nur ein Stück aus der Entwicklung des jüdischen Bolkssplitters zu Eeinem unlör-barcn Bestandteile Deutschlands dar. Jede Angteichung eines ursprünglichen Fremdkörpers vollzieht sich langsam und unter Kämpfen und Krämpfen. Wäre diese Erkenntnis nicht, so wüßte ich nicht, wie ein in deutscher Sprache und Kultur ausgewachsener Jude das Dasein ertragen könnte. Nicht, daß ich persönlich unter Judenhaß zu leiden gehabt hätte. Im Gegenteil, ich selbst habe den Antisemitismus am eigenen Leibe nie gespürt. Ties mag ich 311111 erheblichen Teile meiner früher geschilderten Zurückhaltung danken. So gab ich keinen Anlaß zur Zurückweisung. Aber daß trotzdem die gepredigte Lehre, die ich las, und die gesellschaftliche Boykottierung, die ich sah, schmerzhaft berührt, kann ich nicht leugnen. Ich versuchte die Ursachen des Antisemitismus mir klarzumachen. Ich erkannte verschiedene Quellen, bei manchen nur eine derselben, bei manchen mehrere im Zusammenwirken. Am höchsten konnte ich die achten, die aus innerer Ueberzeugung. aus Vaterlandsliebe, wie sie sie verstanden, handelten. Zu diesen zähle ich Männer wie Treitschke. Meine Bewunderung für ihn als Darsteller der deutschen Geschichte wird durch seine Einstellung zu der jüdischen Bevölkerung nicht beeinträchtigt. Liest man im fünften Bande seiner deutschen Geschichte seine Schilderung der Beratung des preußischen Judengesetzes im Bereinigten Landtage von 1847, so merkt man bald, wie sich zwei Strömungen in ihm selbst bekämpfen. Er empfindet die politische Gleichstellung als ein Gebot der Gerechtigkeit. Und doch überwiegt in ihm die Sorge um die für das Land und das überlieferte Preußentum gefürchteten unheilvollen Folgen. Ich glaube, daß man den vielgepriesenen und vielbefchdeten H. St. Ehamberlain auch in diese Gruppe einreihen darf, wenngleich er nicht durch warme patriotische Gefühle wie Treitschke, sondern durch eine abstrakte Rasieidee bestimmt wird. Ich bin sicher, daß auch in unserer heutigen Jugend gar mancher ans sittlichen Motiven, aus einer irregehenden Liebe zu seinem unglücklichen Lande zum Hakenkreuz schwört. Diesen gegenüber und tief unter ihnen stehen die. bei denen der Antisemitismus aus Mißgunst und Neid entsteht. Er gilt nicht den Inden, sondern {IN -HOCUG-ENU/f &EMIEB-\W£fcKE,rCHWAßZE£QÖDEa,mDZIG den Wettbewerbern. Waren diese nicht, so wäre die eigene Existenz leichter. Bor längerer Zeit war ich mit dem inzwischen verstorbenen Heidelberger Oberbürgermeister Tr. Willens in Hciligenbcrg am Bodensee zusammen. Einige Tage war auch ein jüngerer Amtsrichter dabei. Nach seiner Abreise sagte Willens zu mir: „Wißen Sie, daß dieser 3£. Antisemit ist?" „Nein, er sieht auch gar nicht so aus." „Ach." fuhr Wittens fort, „darüber würde ich nicht reden, wenn seine Gründe nicht so abstoßend wären. Er wünscht die Ausschließung der Juden vom Richteramt, weil er dann weniger Vormänner im Ausrücken hat/ Das ist typisch. Es zeigt sich in allen Berufsartcn, wenn auch nicht überall so ausgeprägt. Die Haupiquelle des Antisemitismus scheint mir aber nicht in dielen beiden Momenten, sondern in einem Beharren auf überlieferter Einstellung zu liegen. Ich meine damit nicht eine durch die verschiedene Veranlagung geschaffene natürliche Kluft. An die glaube ich nicht. Aber kein Volk oder Bollsteil gibt leicht eine überkommene Höherstellung über einen anderen Teil aus. Es ist eine allerorts und jederzeit beobachtete men'chliche Eigenschaft, sich durch Niedrigerstellen eines anderen zu erheben. Kann er sich nicht aus eigener Kraft in die Höhe schwingen, so gewährt es ihm doch Genugtuung, den anderen völlig oder wenigstens in bestimmten Punkten unter sich zu halten . . . Auch da, wo der eine oder andere das Unberechtigte des 'Antisemitismus cinsicht, wagt er nicht, gegen den Strom zu schwimmen. Tie Suggcstivgewalt der überkommenen Auffassung ist stärker als der eigene Verstand. Gerade, weil ich hierin"die tiefste Quelle sehe, glaube ich. daß auch der Antisemitismus keine Ewigkeitsdauer hat. Es wird eine Zeit kommen, in der er wie manch anderer Dölkerwahn überwunden wird. Nur darf man nicht meinen, daß die Zeit allein die ausgleichende Kraft besitzt. Es ist Ausgabe der jüdischen Bevölkerung, an der eigenen Anpwmng zu arbeiten. . . Ter deutsche Jude muh sich bewußt sein, daß er in der j geistigen Luft und der moralischen Atmosphäre seiner Heimat aufwächst, lebt und wirkt. Nur wenn er ihr gerecht wird, darf er erwarten, daß allmählich die Gegensätze schwinden. Meine jüngeren jüdischen Kollegen ermahne ich, doppelt sorgsam in der Ausübung ihrer Praxis zu sein. Dadurch wirken sie nicht nur für sich, sondern für alle "Stammesgenossen. Ein Fehltritt schadet wieder allen. Er wird sofort verallgemeinert. Ich verlange von ihnen auch eine kluge Zurückhaltung. Sie mag manchmal nicht leicht sein. Tie oft nicht unbegründete Meinung von der eigenen Tüchtigkeit reizt vielfach zu einem allzu starken Heraustrcten. Das „Abwarten, bis ihr gerufen werdet", verlangt viel Selbstdisziplin. Und doch ist sie nötig. Ich habe mich mein Leben lang bemüht, nach diesen Maximen zu handeln . . * Welches ist das beste Buch des Jahres -1927? Stefan Groß mann veröffentlicht soeben im ..Tagebuchs das Ergebnis seiner „Umfrage bei den besten Autoren nach dem besten Buch des Jahres"; cs ist höchst interesiant, denn es bringt einigermaßen Licht in die verwirrende Fülle der diesjährigen Bücherhochflut. Viele Werke werden zweimal, mehrere sogar dreimal genannt. Nur ein einziges Bach wird viermal unter den besten Büchern des Jahres aufgeführt, und zwar die Parodien unseres Wiener Mitarbeiters Robert N e u m a n n . die unter dem Titel „M i t fremden Federn" bei I. Engelhorns Nacks, in Stuttgart erschienen sind. Tiefes gemeinsame Urteil von führenden Köpfen der Literatur, wie Bernhard Diebold, Alfred K e r r, Emil Ludwig und Thomas Mann, wiegt schwerer als mancher Literaturprcis. j t V^I r.g \ v ' \\\ Küche und Keller —> auserlesen — e l ev h o n 2V43 Tiscdbettellunn