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Central-Verein-Zeitung · 1927-12-30 · 52 (30.12.1927) · p. Seite 734

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
6 (1927)
Issue
52 (30.12.1927)
Date
1927-12-30
Page
Seite 734 (sequence 6)
Language
German
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726 HeömMche ReKöy. Der deutsche Zionismus hat große Tage hinter sich. Die unerfreulichen Erörterungen der Krise und ihrer Auswirkung, die auch für die Zehnjahresfeier der Balfour-Deklarativn ton kaum zu übersehenden düsteren Hintergrund abgaben, haben eine wvöl tuende Unterbrechung erfahren. Unter bedeutendem Aufwand von körperlicher und geistiger Arbeitsleistung hat Professor Weizmann fast sämtliche großen und einige der _ kleineren Gemeinden Deutschlands besucht, um eine großzügige Xoren-Iilajessock-Aktwn durchzusühren. Feierliche Empfänge, Aussprachen. im^ vertraulichen Kreise, Masicnversammlnngen folgten einander in fast atemloser Hast, und als ruhender Pol blieb allein Weizmann mit seinen Begleitern — ruhig, skeptisch, überlegen. Nicht ihm, der in heiß umkämpster Höhe, umweht vom unsteten Winde der großen Politik, seinen gefahrvollen Weg geht, gelten unsere kritischen Betrachtungen. Andere Erscheinungen sind es, t)te sie notwendig macheu In Köln hatte man der Weizmann-Beranstaltung die Form einer Kundgebung^des Pro-Palästina -.Komitees gegeben, und sie fand, dem Sinn dieser Gesellschaft entsprechend, unter Teilnahme eines überwiegend nichtjüdischen Publikums statt. Ter Streit um den neutralen oder nichtncutralen Charakter tos Pro-Palästina-Komitccs ist so lange müßig, wie es sich dabei um einen Streit um mehr oder minder unbestimmte Worte handelt. Er wird daun zu einer Frage von praktischer Bedeutung, wenn Tatsachen vorliegen, die seinen Sinn eindeutig in einer Richrnng festzulegen geeignet sind. Eine solche Tatsache liegt vor in dem Echo, das die Kundgebung in der nichtjüdischen Außenwelt Kölns gefunden hat; sie liegt ferner — wenn auch nicht in organisatorischer, so doch in gedanklicher Beziehung — vor in tox Beurteilung, die die gesamte Presse als Sprachrohr der össentlichen Meinung der Palästina-Ausbauaktion Weizmanns hat zuteil werden lassen. Wir entnehmen der Kölnischen Zeitung^folgende Satze, die die Ausführungen des Rektors der Universität, Professors Tr. Wall), wiedergeben: Die zionistische Bewegung sei im wesentlichen eine geistige Bewegung. „Ohne ein Heimatland zu besitzen, seien die Juden in steter Gefahr, in einer fremden Kulturgemeinschast auszugehen. Darin sieht WalL die Tragik in ihrem nationalen Laben. Im Angesicht dieser Tatsache, daß das Judentum nur auf die Tradition angewiesen, ihm also die Berührung mit der Muttererde verwehrt sei, sei nun der Zionismus der letzte menschliche Versuch, in das Chaos des Judentums eine sinnvolle Ordnung zu bringen." Wir wisien nicht, an welchen Tatsachen Professor Walb seine gewagten Thesen zu erweisen versucht hat, wir wissen auch nicht, ob es einer der Redner, die nach ihm zu Worte kamen, für nötrg befunden hat, feine weitgehenden Behauptungen mit dem in neueren Erklärungen vertretenen offiziellen Standpunkt des Zionismus in Einklang zn bringen. Wir sehen nur, daß hier ein christlicher Gelehrter seine Sympathie für das jüdische Palästina-Wert mit einer Aussasiung begründete, die die selbstverständlichen Grundlagen u n s e r e s D a s e i n s i n Abrede stellt. Es soll hier keine Ueberprüfung dieser deutsche irdischen Kulturgemein-' fchast, deren Wert er leugnet, in der er nur ein Äufgehen schwächerer jüdischer in stärkeren „fremden" deutschen Inhalten sucht, versucht ^verton. Sie ist uns zu nahe, sie bedeutet zu sehr „wir selbst", als daß wir die Behauptung ihres Daseins der Verneinung Walds entgegensetzen könnten. Wir haben nur zu hören und zu lesen gelernt. Und wir verstehen, daß sich in solchen Worten die bedenkliche Genugtuung christlicher Kreise darüber kundtut, daß sie die Jndenfrage durch ton Zionismus als gelöst betrachten dürfen. Ist die Sammlung wirklich beträchtlicher Teile des „jüdischen Volkes" in Palästina möglich oder nicht — es genügt das Palästina der Idee, um sich für immer von dem peinlichen Alpdruck der unbeantworteten Jndenfrage freimachen zu können. Die nunmehr erlaubte und sogar geforderte Bewachung der Juden als „Volk", ihre^Bezogenhcit auf die national oder kulturell aufgefaßte Heimstätte, sie besticht durch Einfachheit und begegnet eigenen Gedanken. Die sich so anspruchsvoll gebärdende „ältere" Richtung, die die Anerkennung der Juden als vollwertige Deutsche forderte, die ihre Zrrgehörigkeit zur deutschen Kultur mit allen Kräften tos Verständnisses und der Liebe errungen zn haben behauptete — bk ist damit endgültig zur Utopie gestempelt. Diese Schlußfolgerungen sind leider nicht übertrieben. Sie werden uns nicht nur beim Lesen der Worte Walbs deutlich, der ein Redner unter vielen war. Sie drängen sich uns aus nach den Ansprachen anderer Mitglieder des Komitees, sie werden uns bestätigt durch Zeitungsberichte, die sich, angeregt durch die Weizmann-Versammlungen, mit diesen Fragen beschäftigen. Die Verwirrung der Geister, die durch die Propaganda in dieser und jener § Idealer Wintcraiifenthn.lt mit Klvlcra-Kliran Hotel Pension Bremer (bei Flume) Direkt am Meer. Klfnelle Küche. — Eigener Betsnnl. — Goftcsdlcnst Im Hause. Allo Zimmer mit Loggia oder Balkon. Fliesendes Kalt- und Warmvrasscr. Warmwasserheizung. Telephon intornrban. 8cen. Süsswassert:Sdcr. Meer* wasserdusche. Appartements. Privat haöeatramcr. Kücne auch für Diabetiker. 200 Betten. Pensionspreis inkl. Zimmer 8 Mark auihv.irt$. Kafdniches Das Gesundheits wässer bei -fi Biesen-, Nierenleiden /(usvv- Fachingcr Versandstcllc. Berlin SW 11, SehOneberger Strasse 16 a. Telefon: L ü t z o w 8 2 60/61. Form eingerissen ist, bedarf der gewissenhaften und durchgreifenden Gegenwehr. Sonst drohen mühsam erarbeitete Quellen reineren Wassers, bevor es noch gelang, sie in fest ummauerte Brunnen zu fassen, für unabsehbare Zeit verschüttet zn werden. Iranziska Manns Heimgang. Von Arthur Tilbergleit (Berlin). Abermals entführte der sittichdnukle Genius des Todes eine der heute leider immer selteneren Frauen, die niemals ermüdete, für das geistige, seelische und körperliche Wohl ihrer Menschenbrüder und -schmestern Sorge zn tragen, den vom Schicksal Entrechteten, Armen, Verlassenen. Einsamen oder vom Fluch finsterer Mächte Bedrohten ihre Hilfsbereitschaft zu schenken, und die ebenso durch ihre musische wie soziale Wirksamkeit im Gedächtnis unserer Zeit- und Glaubensgenossen unvergeßlich bleiben sollte. Franziska Mann entschlief am achten dieses Monats in der Stille ihres Berliner Heims zn ewigem Frieden. Sie glich dank ihrer Sanftmut und stets mütterlichen Güte einer jener biblischen Frauen, die von heimlichen Hohepriestersprüchen gesegnet erscheinen, und erinnerte mich oft an Ruth. Tenn wie jene wandelte sie durch die Felder der Menschheit leise, streute mit noch im Alter jugendlichem.Lächeln in jede vom Pflug des Schmerzes aufgeriyene Furche die Saatkörner der Liebe und erntete Liebe. Das erste Gebot ihres Lebens hieß: Harmonie, und gerade dnrch^ibre Vereinheitlichung von Worten und Taten war sie in aller stille eine vorbildliche, erzieherische Persönlichkeit, in dogmenlosem Sinne eine kindlich-fromme, märchennahe, fast religiöse Natur, deren Gemütstiese und Gefühlsfülle sowie Aufopferungsfähigkeit nur ganz Vertraute und ihre besten Freundinnen, Lucy Abels und Margarete ch u r g a st, ermepen konnten. Ihrer durchaus schlichten Art widerstrebte jede Ruhmesgloriole und jede vor der OesfentlichkeiL Prahlerische Geste einer Menschheitsmutter; das Bewußtsein, noch im Frieden ihres Alters für den Geistes- und Seelenfrieden sowie für die seelische Verjüngung besonders ihrer Geschlechtsgenossinnen durch ihre Hinweise auf eine harmonische Lebensgestaltung zn wirken, galt ihr mehr als jedes laute Hosianna; die sorgsame Betreuerin und Priesterin vieler durch Schrcksalstragik entgläubigter Herzen bewahrte sich stets den seligen Glauben an die Möglichkeit einer besseren Menschheitszukunft. So schrieb sie mir in ihr idyllisch zartes Buch: „Der Schäfer", das ihre Liebe zum Taseinsfrieden durch seinen Untertitel: „Eine Geschichte aus der Stille" kennzeichnet, die folgenden Widmnngswortc ein: „Mit dem Himmel ist es ja wohl immer nur Einbildung, aber wer an ihn glaubt, der hat ihn." — Sie war im strengen Wortsinn keine moderne Natur, die etwa die Dermännlichnngsbestrebungen der Frauen unserer Zeit willkommen hieß; sie erstrebte vielmehr im Gegensatz zu der dekorativen Veräußerlichungssucht ihrer Geschlcchtsgenossinnen stets deren Verinnerlichung. Ihr schwebte als Ideal ein berufstätiges, sozial selbständiges Mädchen- oder Frauentum vor, das bei der Erfüllung seiner äußeren Pflichten auch nicht seine innerlichen vergeben und gerade durch seine wirtschaftliche Einwurzelung ebenso in der Wahl eines Ehegesährten wie bei der etwa notwendigen Trennung vom Freunde oder Gatten durch seine soziale Sicherheit eine leichtere Entscheidungsfreiheit als bisher erhalten sollte. Ihre tiefsittliche Natur erkannte die llnsittlichkeit künstlich fortbcstehentor Verbindungen bei nicht mehr hinreichender Harmonie der Gatten; ihre heimlichen Ausgleichsbcmühnngen galten jedoch bei lediglich flüchtigen Gefühlsverwirrungen stets der erneuerten Straffung eines gelockerten Liebesbandes. Ihre Herkunft beglaubigte ihre seelische Lauterkeit sonne ihr stilles Kämpfertnin für die Menschheit; denn schon ihr Vater, Sanitätsrat Dr. H i r sch fe l d in Kolberg, wurde in seiner Heimat. Kolbcrg, nicht nur als Begründer dieses Bades, sondern auch als Führer der Verirrten und Retter der Bedrängten durch ein Denkmal geehrt. Sie bewährte ihre Liebcötätigkeit bereits vor dreißig Jahren in der freien -Wohlfahrtspflege, schuf während des Weltkrieges eine Hilfsstelle für Bekleidung verschämter Armer und linderte in der Zeit der Geldentwertung manche leibliche und seelische Not m ihren künstlerischen Veranstaltungen der „Lichten Sonntage". Als Dichterin erfreute sie durch ihre erzieherischen Absichten, auch durch ihren idyllischen Humor, Hang zu heiterer Beschaulichkeit sowie durch ihre Kleinmalerei zahlreiche Leser. In ihren Kinderbüchern rauschen die Quellen jugendlicher Scelenunschnld, glühen gläubige Herzen, Blumen, und Sterne ans. Nun aber hüllte der Ewige die Begründerin der Hilfsstelle für Bekleidung nach achtundscchzig Jahren irdischer Pilgerfahrt in sein himmlisches Gervand. Schien sie nicht ein überirdisches bereits hinieton zu tragen?

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