Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 52 (30.12.1927)
- Date
- 1927-12-30
- Page
- Seite 733 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2277379-2277729-2277780--04171-2284757- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
725 WUs PM ö;NÄ Äi Alfred Wieners Palästinadnch. Besprochen von Dr. Knrt Alexander (Krefeld). Es ist selten, daß man heule beim Anstauchen eines neuen Buches sagen fmu^ sein Erscheinen entspreche einen', besonderen Bedürfnis. Daß wir dieses Bedürfnis angesichts des Wiener scheu Buches anerkennen, liegt nicht daran, das; wir einem Vorkämpfer unserer Arbeit eine Genugtuung bereiten loollen, auch nicht etwa daran, daß wir glauben, nun ein Buch zu hüben, das; unsere Auffassung über das Palästinaproblem bestätigt. Das erste würde uns nicht hindern;, offene Kritik auszusprechen. das"Zweite trifft ntd}t zr, denn das Buch enthält leine einseitige Stelluugu.ahme. Das aber ist cs gerade, was uns berechtigt, die Notwendigkeit seines Erscheinens zu betonen. Wohl zuur erstenmal in der einschlägigen Literatur siuden wir hier eine objek - tiue W ürdignug der palästinensischen. Verhältnisse, die geschrieben ist von einem Alaune. der nicht nur das Palästina von heute kennt, sondern der ein ausgezeichneter Kenner der dortigen Verhältnisse auch aus der Zeit vor dem K r i e g e u n d i m K r i e g e i st. Es mag zugegeben werden, das; ein scl)arfer Beurteiler, der auch heute eine kurze Zeitspanne in Palästina verlebt, sich ein gewisses Urteil über die derzeitige Lage erlauben darf. Eine kritische Würdigung darf sich aber nur der gestatten, der tatsächlich die Verhältnisse aus einer langen Erfahrung kennt, der infolgedessen nicht nur das abschätzen kann, was ihm an der Oberfläche entgegentritt, sondern der auch bis aus den Grund der Tinge zu forschen in der Lage ist. Dr. Wiener kennt das Palästina vor dem .Kriege, er hat während des Krieges an den Kämpfen dort teilgenommen, cs ist ihm auf Grund seiner wissen scherst liehen Spezialausbildung möglich gewesen, mit allen Bewohnern des Landes in Berührung zu treten.' Man wird hüben und drüben Ausstellungen an dem Buche zu machen haben. Hier, weil er da anerkennt, wo anzuerlennen ist, drüben, weil er die Dinge nicht mit dem rosigen Lichte überstrahlet: läßt, mit dem man so gerne viele graue Punkte schöner beleuchtet. Aber keiner, der in diesen Dingen noch objektiv zu denken versteht, wird an dem Urteil vorbeikommen, daß es sich um eine wahrhaft kritische Beobachtung handelt. Kritik heißt, daß man den Dingen-, die man zu beurteilen hat, mit warmem, offenein Herzen entgegenkommt, daß man das Gute unterstreicht, das Schlechte aber auch nicht beschönigt, und daß man es an Winken, die eine Besserung ermöglickjen, nicht fehlen läßt. Man braucht nur die Cinsührnngsworte der Schrift zu lesen, in denen der Verfasser betont, daß ihm jede Stunde Derweilens im Heiligen Lande eine Stunde der Beglückung bedeutet hat, um zu wisien, in welchem Geiste sie geschrieben ist. Es ist weder ein politisches Buch, noch ist es ein Meisterwerk der Erzählung?- .kunst. Diejenigen, die das Vergnügen haben wollen, eine politisch 'Streitschrift zn lesen, werden ebenso enttäuscht sein wie die. die eine .angenehme Abendlektüre in ihm finden wollen Es ist eine nüchterne, ernsthafte Darstellung für nüchtern urteilende, ernsthafte Menschen. 35 Tage hat Tr. Wiener, begleitet von seiner Gattin, das Land .kreuz und quer durchreist. Schvierigkciten allgemeiner Art haben sich ihm von Anfang an entgegengestellt. Tie zionistische Exekutive, 'die sich bemüht, jedem Fremden möglichst das Beste im Laude vor- 'zuführen, hat versucht, sich gerade des Herrn Tr. Wiener on,zunehmen. Er hat sich, um sich in seiner Beobachtung in keiner Weise beeinslusien zu lassen, diesen Versuchen entzogen, und er ist damit nicht in den Fehler verfallen, der in den Berichten anderer Beobachter deutlich nadjiüt cft. Seine Arbeitsmethoden schildert Dr. Wiener dahin, daß er nach eingehender literarischer Vorbereitung in der Heimat, die ihm deshalb möglich war, weil er sich jetzt seit Jahrzehnten mit dem Orient, insbesondere Palästina mtb Aegypten, beschäftigt hat, ausführliche Rücksprachen mit der überwiegenden Zahl der maßgebenden und bedeutenden Persönlichkeiten aller Richtungen pflog, daß er die Siedlungen jeder Art und die Städte besuchte und daß er mit den Einwohnern, den Ehaluzim und Ehaluzoth, Unterredungen suchte, in denen er bestimmte Fragen stellte. Worauf es Dr. Wiener bei seinem Buche zunächst ankounut, ist, eine richtige P a l ä sti na erk en n t ni 8 vorzubereitcn. Dadurch, daß die meisten Nachrichten über Palästina von einer bestimmten Tendenz getragen sind, wird ganz allgemein eine durchaus falsche Vorstellung über die Grundlagen des Problems erzeugt. Um es richtig zu erkennen, ist es nötig ztt wissen, wie tatsächlich die Größenverhältnisse Palästinas sind, wie der jüdische Bodenbesitz sich zu dem nichtjüdischen verhält, wie die Bevölkerung gegliedert ist und von welcher Seite die ivesentliche Kolonisanonsarl>cit bislang und heute geleistet wird. Karten, anschauliche Skizzen verdeutlichen klar die Ausführungen. Jeder, der diese, ans nichts anderes als auf Tatsachen und auf unwiderlegbaren Zahlen gestützte Ausführungen liest, wird endlich die klare und richtige Vorstellung über die Dinge, wie sie in Wirklichfeit liegen, erhalten. Wer weiß denn, daß Palästina nur dreimal größer q't als Hessen, daß der jüdische Landbesitz nur 919 Quadratkilometer umfaßt und daß der anbaufähige Boden überhaupt rund das Neunfache dieser Zahl beträgt! Erft auf der Grundlage dieser klaren Erkenntnisse können die Reiseeindrücke des Verfassers ausgewertet werden. Mit der Arbeit der Ehaluzim, die in aller Welt als die Pioniere des Ausbaues gelten, 'beschäftigt er sich zuerst. Bei aller Hochachtung vor ihrem Idealismus muß festgestellt werden, daß ihre Tätigkeit gewaltige Gelder gekostet hat und manche schioeren Mißerfolge, die sich trotz aller Sanierungsversuche nicht ansgleichen lassen, zutage gefördert hall In der weiteren Darstellung der Tätigkeit der Eöaluzim kommt Dr. Wiener zur Arbeiterfrage, die im engsten Zusammenhang mit dem Araber- Problem steht. Tie nationaljüdische Forderung geht dahin, nur Mische Arbeiter zu verwenden. Das bedeute einmal eine erhebliche Verteuerung der Arbeitskraft, auf der anderen Seite aber auch schaffe die Verdrängung des arabischen Arbeitermateriats keine Freundschaft zwischen diesen beiden Bevölkerungsgruppcn. Beuierkenswert vor allem sind natürlich die nationalistischen Bestrebungen im Laude. Man will eine einheitliche hebräische Kultur sthafsen. lieber das Gesunde und Notwendige geht man oft aber hinaus zum nationalistischen Ehauvinisinns. Man glaubt, Nationalismus in extremster Forur aus einen Boden künstlich auspflanzen zu können, der nicht in der Lage ist, diese Wurzel zu speisen. Jene Versuche stoßen aus um so stärkeren inneren Widerstand, als die jüdische Bevölkerung Palästinas vielfach etwas gemeinsam Verbindendes hat. Zn diesen inneren Schwierigkeiten treten nun noch zwei äußere Momente von außerordentlicher Tragweite hinzu: die arabische mit) die englische Frage. Wenn man vielfach glaubt, die Araber hätten nicht die Energie und die Intelligenz, sich den Verdrängungsbestrcb'ungen ans ihrer Heimat zu widcrsetzen. so bezeichnet Tr. Wiener, auch wieder ans Grund seiner Unterhaltungen mit Führern der Araber, solchen Glauben als rccht bedenklich. Mit eben solcher Besorgnis betrachtet der Versasier die englische Politik. Jeder, der die englische Politik auch nur ein wenig verfolgt hat, weiß, daß sie eine egoistische Politik ist, und er wird sich keinen Illusionen darüber hingeben, daß in Palästina gerade eine Ausnahme gemacht werden sollte. Eines hat nun nach Ansicht des Verfassers der Palästinaarbeit besonders gescl)adet; die verhängnisvolle Propaganda, die es verursacht hat, daß Tausende und aber Tausende einjtrömten, die glaubten, wirklich in das gelobte Land ciuzieheu zu können. Ter entsetzliche Rückschlag, die Tatsache, daß die Rückwanderung die Auswanderung schon um ein. Erkleckliches übersteigt, wäre, jedenfalls in diesem Umfang, vermieden worden, hätte man nickst diese Propaganda getrieben. Ein besonder? schlagendes Beispiel für die fckchdkichchAuswirkung dieser Propaganda ist die Gründung der „Textilstadt" Manor, die mit tönenden Fanfaren der Welt verkündet wurde. Ter Plan ist jämmerlich gescheitert.' Wir haben schon eingangs gesagt, daß der, der wünscht, daß die palästinensischen Verhältnisse nur mit rosiger Brille angesehen werden, mit dem Inhalt des Buches höchst un-ufrieden sein dürste. Aber es enthalt die Wahrheit. Und es spricht sich in ihm ganz und gar nicht der Wunsch nach vollkommener Vernichtung aus, sondern im Gegenteil: immer und immer wieder klingt die Hoffnung durch, daß Einsicht, Wirtschaftlichkeit, Vernunft die" Oberhand behalten, um einem wirklich guten Werk zum Siege zu verhelfen. Tue große Gefahr des Aufbauwerks sieht Tr. Wiener darin — und das kommt insbesondere in den Schlußbetrachtungen zum Ausdruck —, daß man unter allen Umstanden den Nationalstaat schaffen will. Der Keren Hajessod, dem neben anderen Organisationen noch besondere Abschnitte gewidmet find, als eine rein nationaljüdische Institution, kann, wie die zionistische Organisation, die Besiedlung Palästinas nur im nationalen Sinne wollen. Anders würde der Antrieb zur Einwanderung fehlen. Diese nationalen Bestrebungen aber hemmen die rationale wirtschaftliche Bearbeitung. Solange dieser Gegensatz nicht überdrückt wird, wird, wie Dr. Wiener meint, die Krisis in Palästina nicht überwunden werden. Schon wird von nichtzionistischer Seite angeregt, die nationale Frage ganz auszuschalten und der natürlichen Entwicklung der Dinge nicht vorzngreisen. Aber bis die Zionisten die Nichtigkeit einer solchen Forderung einsehen und sie vor allem öffentlich vertreten, wird noch lange Zeit verstreichen. Wenn nicht das Palästina-Problem gerade so sehr dazu beigeiragen hätte, die jüdische!! Massen zn zersplittern, so müßten eigentlich alle Juden den Versager für sein Buch dankbar sein, denn wir alle haben von Rechts wegen nur ein Interesse daran, die Wahrheit zu wisien und zu kennen. Keiner kann wünschen, daß in Palästina ein großer Zusammenbruch sich vorbereitet, der uns allen dock) nur zur Last gelegt würde, und der deshalb besonders schmerzlich wäre, weil er in einem Laude vor sich ginge, das auch uns heilig ist. An Stelle einer schrankenlosen Propaganda sollte eine sachgemäße, die Kräfte der Menschen und des Bodens richtig auswertende Arbeit treten. Noch ist wahrscheinlich der Augenblick nicht da, in dem alle Juden diese Wahrheit 'und diese Notwendigkeit erkennen. Aber dient das Buch nur dazu, diese Erkenntnis vorzubereiteu, so hat es einen wesentlichen Ztveck erfüllt. Bis 2. ßuSlaüB Wer ein objektives Bild Uber das Palästina der Gegenwart gewinnen will, bestelle sojort Dr.AlfrvdWicncrs),7frJfiSdl°MSeäm:!jWMnS,( Steif kartoniert 2,40 M. Gebundene Exemplare vergriffen. philo Verfüg, Berlin SW $8, £inüens!mss18 Fernsprecher: Amt Ddnhojf 8SQ5l9ä.