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Central-Verein-Zeitung · 1927-12-23 · 51 (23.12.1927) · p. Seite 727

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
6 (1927)
Issue
51 (23.12.1927)
Date
1927-12-23
Page
Seite 727 (sequence 11)
Language
German
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23* Mauden fein, das Feld der jüdischen Betätigung wird jeden: Jugendlichen überall reichlich offen stehen, wenn er Dom ehrlichen Willen getragen ist. sich cinzugttcdern in die jüdische Allgemeinheit, wenn er durchdrungen ist. sich im Geiste der jüdischen Lehre zu betätigen. Erste Boransf'etzung für diese Geiamtheitsansgabe ist für den Jugendlichen jedoch die Arbeit an sich, die innere geistige Ausbildung und körperliche Krählung, die allein ihm die Kraft verleihen. für andere eifrig sich zu betätigen. Dies ist und bleibt die Haupt ans g n b e der Iugeudb c : v egung. Atteer Wegbereiter soll die Jugend nicht nur für sich sein, sondern auch für das Alter, allerdings nur soweit, wie das Judentum diesen Weg gestattet. Wenn das Alter ein fernes Ziel erstrebt, der Weg zu diesem * EMM MlMlW ß. M führt aus: Tas Judentum als lebendige Religion hat sich zu. allen Zeiten mit neuen Kulturerscheiuungen auseinanderzu setzen, die auf seine Anhänger eiuwirken und von ihnen Besitz ergreifen. Biese Auseinandersetzung erfolgt dadurch, daß es sich häufig äußeren Erscheinungen'durch Schaffung neuer religiöser oder organisatorischer Formen, durch entsprechende Auslegung alter Vorschriften und Gebote anpaßt, und daß cs geistigen. weltansstpulichen Erscheinungen gegenüber nachprüft, ob fic im Nahmen seiner Wahrheiten, seiner Lcbensbewertuug und -Gestaltung Nauru finden oder ob sie Elemente enthalten, die mit ihn: nicht, in Einklang zu bringen sind. Damit entsteht ein Konflikt: das Judentum ringt um die Seelen seiner Bekenner, um aus ihnen die ihur wesensfremden Bestandteile auszuscheiden, alles übruge aber sich anzugleichen. Zu den Kultnrerscheinungen unserer Zeit, mit denen Das Judentum sich auseinanderseht und die es für sich fruchtbar macht. gehört auch die I u g e n d b e w e g u n g. Sie ist Ausdruck einer ganz bestimmten Willensrichtung der Lebensführung und t>ar sich eigene Formen geschaffen, um diese Willensrichtung zu konkretisieren. Ihr geht es nicht um diese Formen überhaupt, nicht um Sachliches, sondern ihr geht es um die Menschen. Sie fordert einen „neuen Menschen", und das bedeutet, daß dieser neue Mensch sich in Gegensatz zu dem alten stellt. Wir wißen alle, worin sich der Mensch der Jugendbewegung von der ihin vorang'egangenen Generation unterscheidet. Er sieht, wie die in der Konvention erstarrten Lebenssitten in Beschäftigung und Gesellschaft, in Kleidung und Feiern zur Unwahrheit, Unnatürlichkeit, Berauschung führten und fordert statt dopen für den Einzelnen und im -Verkehr von Mensch zu Mensch Wahrhaftigkeit, Reinheit, Natürlichkeit, Naturnähe. Er verlangt angesichts der Vereinsamung, die Bindungen fast nur noch im Beruflichen und Sachlichen kannte, Gemeinschaft im Menschlichen. und angesichts der Mechanisierung des Zeitalters Menschlichkeit in der Gemeinschaft. Er stellt sich in bewußten Gegensatz zur vorhergehenden Generation und beginnt, um sein Ziel nicht zu verlieren, seine eigene Lösung zu Gott und der Welt zu suchen. Er spricht in Konsequenz desien, dem alten Menschen, jegliches Recht aus Erziehung der neuen Generation ab und fordert, daß nur die Jugendbewegung dieses habe. Die letzten Ziele der Jugendbetvegung enthalten keine Forderungen, die nicht das Judentum auch stellt. So ist das besondere der Jugendbewegung nur der Weg. Bleibt dieser Weg, soweit ihn die jüdische Jugend beschreitet, auch in allem innerhalb der Bezirke dos Judentums? In vielem, im m c t ft c n gewiß. Gibt es doch keine Richtung im Judentum, deren Nachwuchs gezwungen wäre, den Wog der Jugendbewegung zu meiden. In dem einen allerdings erhebt sich die Frage: Verläßt die jüdische Jugendbewegung das Judentum nicht da, wo sie. ihre eigene Lösung zu Gott und der Welt suchend, alle überkommenen Bindungen zunächst ablehnt? Welches sind die a u t o r i t a t i ’o e n Bindungen, die das Judentum fordert- Betrachten wir zunächst die persönlichen Autoritäten. die des Vaters, des Aelteren, des Gelehrten, des Rabbiners. Nirgends heben sie die Selbstverantwortnng des Einzelnen auf. Die Ehrfurcht, vor Vater und Mutter, vor dem Alter, vor den: Wissen w:rd geboten, niemals aber gilt ihre Autorität, wenn sie nicht zugleich die der jüdischen Lehre ist. So sieht auch die Jugend unbeschwert von der Autorität dritter vor der Lehre und ist berechtigt-, ihre Stellung zu ihr aus ich Hera u s vo n neuem z n finden. HnO wenn sie fiel) bewußt entscheidet für die Lehren des Judentums als Nachfolgerin einer Generatton. die ihm gegenüber Indifferenz. Vernachlässigung zeigte hinter anderen Einflüssen, darin gewährt ihr das Judentum Grs Recht, sich über die Autorität der Aelteren hinweg zu setzen. So kennt es nur die Autorität seiner Lehre. Ein Teil der Jugend erkennt die Arrtorität eines jeden Gebotes, der gesamten Tradition in gleicher Weise an wie die Richtung des Judentums, die sich die gcsetzestrcue nennt. Er erfüllt eine Lebensführung, die Gesetzestr e u e und Jugendbewegung e!nt, er erkennt also die Autorität des jüdischen Gesetzes an, üijne deshalb gegen den Geist der Jugendbewegung verstoßen Zu müssen-. Ziel jedoch durch tiefen Schnee versperrt ist, dann darf und soll die Jugend den: Alter dcn Weg bahnen. Die Jugend darf aber .auch den: Atter einen besseren^ einen kürzeren Weg zeigen und auf diesen: Pfade dem Alter mit dopen Erlaubnis voraueilen. Anderseits darf das Alter nicht eigensinnig sein. Das Alter hat die Pflicht, sich in die Zeit, sich in die jugendliche Seele zu vertiefen und hineinzudenken. Das Alter hat das Ziel der Jugend zu prüfen und dann zu erklären, ob das Ideal der jungen Generation richtig ist. Die Jugend, die dom wahrer: Autoritütsprinzip der jüdischem Lehre gehorcht, die mit einem sie verstehenden Alter einig gemeinsame Arbeit und gemeinsamen Ausbau betreibt, darf sich mit Recht „j ü d i s ch e I u g e u db e w eg u n g" nennen. Ein anderer Teil der Jugend erkennt die Autorität der Grundwahrheiten und sittlichen Gebote des Judentums an. leugnet aber die Verbindlichkeit des Zeremonialgesetzcs, der mündlichen Tradition. Er bestreitet sie aber nicht als der Anschauung 6er Jugendbewegung zuwider lausend, sondern im Einklang mit der liberaler Richtung im Judentum. So besteht auch hier nicht zwischen Autorität und Jugendbewegung, sondern zwischen verschiedenen Richtungen im Judentum ein Gegensatz, der auch vor der Jugendbewegung da war und außerhalb, unabhängig von ihr, ausgekämpft wurde. Und gibt es schließlich auch in der jüdischen Jugendbewegung Strömungen, die jede religiöse Autorität, verneinen. Die nur Bindungen des Blutes und der Ration anerkennen, so ist auch dies ein Konflikt, der nicht durch das Wewn der Jugendbewegung, sondern außerhalb von ihr entstand und der in ihr nur sein Spiegelbild findet. Der Kamps der Generationen, der die ersten Träger der Jugendbewegung charakterisierte, ist verschwunden, seit eine Reihe von Menschen den Geist dieser Bewegung in ein Alter der Reife mit übernommenhaben, seit in diesem Geiste Ehen geschlossen _ und Kinder erzogen werden. Er hat Platz gemacht einem Kampf der Gesinnung. Tie Jugendbewegung braucht nicht mehr revolutionär zu sein, denn sie ist anerkannt, sie har sich emanzipiert. Es ist ihr nie gelungen, die alten Erziehungsmttoreu zu verdrängen, aber diese haben zu ihren Gunsten aus den Anspruch verzichtet, die allein Erziehungsbercchttgwu: zu sein, haben ihr ein Recht der Erziehungsarbeit eingeräümt. So tämpst die Jugendbewegung heute darum, zu erweisen, daß ihre Erziehung besser ist als die ihrer Värergeneration. Ob die Erziehung der jüdischen Jugendbewegung besser als jene der Zelt vor ihr zum Judentum und der Bejahung seiner Forderungen in Glauben und Tat führte? Ob sie umgekehrt mehr wie jene seiner Vernachlässigung und Mißachtung Borschub leistete? Führte die Selbsterziehung der -jüdischen Jugend zu größerer Willkür oder zu größerer Verantwortung? Führte die Möglichkeit der Wahl zur Gleichgültigkeit oder zur Entscheidung? Führte der Gemeinschaftswille zu Sondergruppen und Sekten oder zur großen jüdischen Gemeinschaft - Wer das jüdische Leben der Jugend unserer Zeit mit dem vor wenigen - Jahrzehnten vergleicht, der muß anerkennen, daß ihre bewußte Entscheidung zu einem jüdischen Inhalt die Indifferenz bekämpfte, daß ihre freiwillige Verpttichtung die Autorität des Judentums stärkte, daß ihre Bindung neue, wahrem Erleben Ausdruck gebende Formen jüdischer Gemeinschaft in Gottesdienst und Zusammenschluß schuß und daß ihr Ringen und ernstes. Bekenntnis der 'Religiosität, Ethik und Weltanschauung des Judentums in unserem Leben neue Geltung gab, Erziehung zum Stotz. Von Bcrthold Weinberg. Erziehung zum Stolz: also heißt das Problem der Erziehung, wenn man es mit den Augen dessen sielst, der mit brennender Seele alle guten und starken Geister ausrufcn möchte, um den drohenden inncrjüdischen Verfall abzuwenden. Erziehung zum Stolz: darin liegt der entschiedene Widerwille gegen das, was den deutsche!: Juden unserer Tage nnt Schmers zugleich aber auch nnt tiefer Verachtung erfüllen muß. Es ist die heute immer noch überaus häufig zu beobachtende behäbige, oft, wie cs scheint, mit einein gewissen :vohligen Empfinden der Ohnmallst, des Fatalismus verbundene G l e i ch g ü l t i g k e i t, ja, Selbstverständlichkeit, mit der zahlreiche jüdische Individuen das verachten und verkümmern lasten, was ihnen das Beste gegeben hat: das Judentum. Neben der Gleichgültigkeit und Selbstverständlichkeit findet man dazu oft noch die wichtigtuerische Geste einer abgestandenen und schaler: Modernität oder gar das zur Fratze der Zeit sich verzerrende Lächeln, identisch mit der Aeußerung: „Judentum? Ja, mein Gott, wir sind Jude::. Aber es ist besser, wir schweigen davon/ — So ist, ht knappen Zügen, die heutige Lage. Den Kommentar dazu liefern die schauerlichen Ziffern jüngster Statistiken über Geburtenrückgang, Mischehen, Taufen ustv., alles Merkmale einer Situation, die den Wohlfahrtsausschuß des Preußischen Landesverbandes zu seinem erschütternden

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