Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1927-12-23 · 51 (23.12.1927) · p. Seite 719

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
6 (1927)
Issue
51 (23.12.1927)
Date
1927-12-23
Page
Seite 719 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2277379-2277729-2277779--04156-2284741
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

715 Karlsbad, gleich ausgezeichnet als Gelehrter wie als Kanzelredner, ein hervorragendes Buch „Die Geistesreligion und das jüdische Neligionsgesetz" im Geiste Euckens. Aus dem Vorworte, -as Gucken dazu schrieb, seien folgende Dü he zitiert: „Dringend verlangt die Lage der Gegenwart, daß dte verschiedenen Rcligiornn, heute alle in schweren Problemen befindlich, ja, in einem Kampf ums Dasein begriffen. sich aus ihre gemeinsame Aufgabe besinnen und sich gegenseitig nicht als Feinde, sondern als Genossen behandeln. Do kann ich cs nur erfreulich finden, wenn vom Standpunkte des Judentums aus ein auf reiches geschichtliches Wissen und ernste ptzilosvphisä-e Ueberzcugung gegründeter Versuch ge macht wird, die Tat fachen und Bewegun gen, welche das ge schichtliche Judentum mit einer Religion des Geisteslebens verknüpfen, znsammenfasien und als Ganzes zur Wirkung zu bringen. 6s kann das außerhalb und innerhalb des Judentums aufklärcnd und berichtigend wirken: außerhalb für die, N>elche das Judentum trotz seines großen sittlichen Ernstes und seines inmitten tausendrühriger schwerer Bedrückung tapfer aufrechterhaltenen freudigen Lebensmutes glauben geringschätzig behandeln zu dürfen, innerhalb des Judentums aber namentlich für jüngere Geister, toelche von den überkommenen Formen nicht den Weg zu einer vertieften Ueberzcugung finden und daher nicht nur mit jenen, sondern mit aller und jeder Religion zerfallen, zugleich aber sich einer krassen Verneinung ergeben. welcl-e die eigene Seele ins Leere führt und das Wirken mehr zerstören als arrfbauen läßt.' Zwischen den beiden Männern entspann sich ein Briefwechsel, der bis kurz vor Euckens Hinscheiden dauerte. Am 17. Dezember 1912 schickt Eucken an Ziegler eine Liste seiner j ü - bischen und seiner christlichen Freunde, die da8 Buch interessieren könnte. Unter den jüdischen stnd aufgczählt: 6. G. M o n t e s i o r e in London, Professor Julius Goldstein in Darmstadt (hter^ bemerkt er: „Schüler von mir"), Rabbiner L. G. Levy. 24—^- s~- , r Paris, Pro fefior Henri Bergson, Paris, Ministerpräsident Luzatti in Nom. Am 28. April 1917 bemerkt er: „Ein l-ervorragendcr protestantischer Geistllcixr machte mir neulich den Einwand, ich hätte in jener Schrift das Alte Testament nicht so hochstellen sollen. Ich antwortete ihm mit der Gegenfrage, ob wir die Propheten, Psalmen und das Buch Hiob auS unserem geistigen Leben streichen könnten.' Am 10. Mai 1926 schreibt er, schon mit stark zitternder Hand: »Meine Freunde haben einen Eucken-Bund gegründet, der sich Brief Rudolf Euckens an B. Segel. Luigi die ethische und geistige Stärkung des deutschen Lebens auf metaphysischer Grundlage (aber nicht konfessionell) zur Aufgabe macht.' Der untenstehend im Faksimile auszugsweise veröffentlichte Brief an mich vom 23. September 1915 bezieht sich auf mein einige Monate Zuvor veröffentlichtes Buch „Der Weltkrieg und das Schicksal des jüdischen Volkes", welches in der gesamten, auch der rechtsstehenden Preffe („Hamburger Nachrichten", „Kölnische Zeitung", „Münchener Neueste Nachrichten") ungeteilten Beifall fand. Nur die Antisemiten fielen über mich her. Demgegenüber ist Euckens Brief sehr bezeichnend, namentlich seine warme Sympathie für die Juden und seine scharfen Worte gegen die Antisemiten. Doll ich noch ein Wort über mich als Fälscher hinzufügen? In. meinem Leben hatte ich viele literarische Fehden auszufechten. Oft war ich viel zu scharf, man ch rn a l w ah r sch ein - lich auch, ohne zu wissen und zu wollen, ungerecht. Ich habe mir viele Feinde gemacht, aber nie, nie, nie habe id) auch nur um ein Jota gegen die strengste Loyalität undAufrichtigkeit verstoßen. Fragen Sie bitte meine bittersten Feinde, ob sie mich für fähig halten, einen Brief zu fälschen. Ich habe mir durch mein bisheriges Leben das Recht erworben, jedem, der mir rumntct, mich gegen eine solche Anschuldigung zu verteidigen, einfach den Rücken zu kehren. Als Ende November vergangenen Jahres dieser ekelhafte Verdacht mir nahte, hatte ich, nachdem das ungeheure Staunen verflogen war, ein Gefühl, wie wenn mich Straßenbuben mit Kot bespritzten: ich schüttele ihn ab und gehe meinen Weg, aber die Herren vom Abwehrverein machen geltend, die Antisemiten würden sich der Sache bemächtigen, und mein Schweigen könnte der Abwehrsache schaden. Nur darum habe ich .mich herbei gelassen, die Sache tPcAC^) , überhaupt zur Kenntnis zu nehmen. Die Antisemiten haben trotzdem sich der Sache bemächtigt. Aber ob sie damit der Abwchrsache zu schaden vermocht haben, ist mir sehr zweifelhaft. Im Gegenteil! . . . Damit ist die Sache eigentlich erledigt. Wünschen möchte ich bloß, sie gäbe Veranlassung, daß Rudolf Euckens Briefe an seine zu bischen Freunde gesammelt und herausgegeben würden. Das wäre ein schönes Denkmal für den verblichenen großen Philosophen und edlen Menschen — und ein hübscher Beitrag zur Psychologie des Antisemitismus. B. Segel.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.