Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 51 (23.12.1927)
- Date
- 1927-12-23
- Page
- Seite 720 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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716 Ms KW« tM WM M!" . . . sagt der OrDcushochmeisLer Mahraun. In dein kleinen, stimmungsvollen Festsaal des ehemaligen Herrenhauses empfängt der Hochmeister des Jungdeutschen Ordens, Arthur Mahrnun, die Vertreter der Presse. Er hat sie zu sich geladen, um ihnen die Gründe auseinanderzusetzen, die den Orden zur Abfassung seines umfangreichen Manifestes veranlassen. In diesem kleinen -kreise lvill Mahraun in Rede und Gegenrede aur'ktärend über seine Belegung wirken, damit die Presse als Mittlerin die Oeffentlichkeil von der Wandlung, die mit dem Orden vor sich gegangen ist, orientieren könne. Um ihn herum sind sein engerer Stab und die aus dem Reiche zusammengekommenen Großkomture versammelt. Ebenso romantisch wie ihre Führerbezeichnnngen ist ihre ganze Bewegung und sogar ihr Umgangston mit Romantik durchsetzt, denn ihre Anrede wird mit „Bruder" und „Ihr" durchgeführt. „D i e Z e i t der großen A u f m ä r s ch e mit M u s i k n n d Trommelwirbel ist vorbei", so verkündet einleitend Mahraun. Es ist jedenfalls bemerkenswert, dieses Wort aus dem Munde des ersten Führers eines zahlenmäßig starken Rechtsverbandes zu hören. Und wenn er fortsährt, daß der Orden seine alten Kampfe liquidiert habe und die neuen mit dem Motto: „Volk gegen Kaste und Geld. Sicherung des Friedens durch Neubau der Staaten" nur mit geistigen Waffen führen wolle, so ist dies weiterhin sehr zu beachten und zeigt den Ethos, der zweifellos nicht nur die obersten Führer, sondern auch die Geführten beseelt. Was uns hier besonders interessiert, ist die Stellung zum Antisemitismus: „Wir lehnen den Antisemitismus ab", erwiderte Mahraun aus eine aus dem Zuhörerkreis an ihn gestellte Frage. Aus eine weitere, wie sich der Orden gegenüber solchen Juden verhalten würde, die sich seine in dem Manifest zum Ausdruck kommenden Grundsätze zu eigen machen und geneigt wären, ihrerseits für diese Ideen zu kämpfen, antwortet er. daß er dies sympathisch empfinden und begrüßen würde. Allerdings nehme der Orden keine Juden auf. Als er auf den Widerspruch Gegen öie Greuel in Rumänien! Eine Zuschrift Des Bremer LompreDigers. Tie Veröffentlichungen unseres Budapester Berichterstatters über die Pogrome in Siebenbürgen in der letzten Nummer unserer Zeitung haben in unserem Leserkreise lebhaften Widerhall gesunden, der fich in empörten Zuschriften über diese Greueltaten Lust gemacht hat. Aus den Briefen, die uns zugegangen sind, heben wir besonders den des Tompredigers in Bremen, Dr. theol. h. c. Otto Hartwich, hervor, der in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des überparteilichen Dolksbuudes „Rettet die Ehre" unsere Zeitung regelmäßig liest. Dr. Hartwich schreibt uns: In Ihrer Nr. 56 vom 16. Dezember d. I. las ich die Schilderung der Judenverfolgung, die sich vom 4. bis 8. Dezember 1927 in Ervszwardein und Klausenburg zugetragen hat. sowie die daraus bezügliche Eingabe des Herrn Tr. S. Ascher an den Reichsautzenminister, Herrn Tr. Siresemcnn. Es drängt mich, Ihnen auszusprcÄen, wie empört ich über die fortgesetzte antisemitische Hetze und diese ihre Auswirkungen bin, und cs drängt mich auch zugleich, Sic wissen zu lassen, Laß ich sehr viele Christen kenne, die dies antisemitische» schamlos verleumdende und demagogisch aufreizende Treiben als eine Kulturfchande empfinden und mit Ihnen gleich mir dagegen innerlich längst Front machen. Ta aber durch solche bloß - innerliche Frontstellung noch keine Wandlung erreichbar ist, so spreche ich Ihnen diese Empfindungen, die mich und viele andere seit : langem bewegen.- hierdurch auch schriftlich aus und gebe Ihnen anheim, davon denjenigen Gebrauch zu machen, den Sie vielleicht im Interesse der Sache für gut halten könnten." Tragt Aufklärung aufs Lanö! Der Aufsatz des pren stachen Landtagsabaeordneten F. Wachhorst de Wente („C. B.-Zeitung" Nr. 47) hat bei einer Anzahl unserer Mitglieder, die vorwiegend in ländlichen. Bezirken wohnen, .Beunruhigung, erregt, weil sie sich in ihrer Berufseh re gekränkt suhlten. Tie Schristleitung hatte bei der Durchsicht des Artikels an dem betreffenden Satz keinen Anstoß genommen, da er lediglich zum Ausdruck bringt, daß es in diesem Bernfsstande — genau wie bei allen anderen Bernsen — unlautere Elemente gibt, und daß einzig und allein diese unlauteren Elemente d a m i t g e - t r o f f c n fein sollten. Sie war ober nicht der Meinung, daß sich durch diesen Satz etwa ein ganzer B e r u f s st a n d getroffen suhlen könnte, wie es uns die Zuschriften, die namentlich aus Kreisen der Viehhändler stammen, zeigen. Wir sind überzeugt, daß nach dieser Erklärung jeder bei nochmaligem Durchkesen des Artikels erkennen wird/daß dcrn Verfasser des Artikels jede beleidigende oder verallgemeinernde Absicht ferngclcgcn hat. Daß die Schriftleitung, die sich gerade für die Interessen der ländlichen Juden immer eingesetzt hat und ihnen stets — wie der ganze E. V. -- zu Hille gekommen ist, wenn sie ungerechtfertigt angegriffen wurden, jede Kränkung dieser ländlichen Juden in einem Aussatz abgelehnt hätte, braucht nicht besonders aufmerksam gemacht wird, der darin liegt, daß der Orden einerseits einen auf ideeller Grundlage anfgebanten Staat erstrebe, anderseits aber Unterschiede zwischen dessen Bürgern mache, unterstreicht der Ordenshochmeister noch einmal, was er vorher gesagt hat. daß nämlich der Orden nicht antisemitisch sei, und fügt hinzu, daß er keineswegs die deutschen Staatsbürger indische n G l a n b e n s als Bürger zweiter Klasse betrachte. Weitere Fragen in dieser Richtung, die übrigens von christlichen Zuhörern gestellt werden, glaubt er mit der Behauptung abschnciden zu können, daß der Orden deswegen keine jüdischen Mitglieder haben könne, weil er auf den: Nassenstandpunkt stehe, und — schließlich gäbe es ja auch jüdische Bereinigungen, die keine Christen ausnehmen. Run, den Lesern der „C. B.-Zeitung" braucht über den sogenannten Nassenstandpunkt nichts gesagt zu werden. Selbst an dem Borstandstisch des Jungdeutschen Ordens waren kaum blonde, blauäugige Typen, sondern mehr „dunkelrassige" zu sehen. Was schließlich die jüdischen Bereinigungen — ohne Christen — anlangt, so sind diese ja nicht ans Sucht zur Absonderung gegründet worden, sondern nur den Antisemitismus 511 bekämpfen, oder weil die entsprechenden Verbände keine Inden anfnahmen. vier liegt zweifellos eine Inkonsequenz in dem. Programm der jnngdeutschen Bewegung vor, und wenn Mahraun einleitend zu dieser Materie emphatisch sagte, für uns ist die Jude ns rage gelöst, so können nur nach seinen Ausführungen nur' mit einem skeptischen Lächeln quittieren. Auch seine Stellungnahine zu anderen Problemen war bei allem ehrlichen Wollen teilweise reichlich unklar. Anerkennen »vollen wir aber, daß der Jungdeutsche Ordert sich schon im Laufe der letzten Jahre sreigeinacht hat von verhetzender Verneinung der heutigen Verhältnisse, und daß er in ernstem Ringen am Wiederaufbat! positiv Mitarbeiten will. Es wäre darum zu begrüßen, wenn die Leitung des Ordens auf ihre 10 000 Ortsgruppen im Reiche, die er nach Angabe von Mahraun besitzt, dahin eintvirken würde, daß gemäß des Standpunktes des Hochmeisters sich auch diese frei von antisemitischer Betätigung halten. Ta der weitaus größte Teil dieser Gruppen sich auf den: flachen Lande befindet, so wäre damit viel für. die innere Gesundung unseres deutschen Vaterlandes getan. e. sch. betont zu werden. Man. sollte aber auch nicht jeden eventuell mißverständlichen Ausdruck gleich übelnehmen. Das schadet unserer Arbeit und lähmt unsere Arbeit-sreudigkeit. Die Versteigerung -er Lu-wig-Vamberger-Biblioihek. Nicht Paul Nathans — Ludwig Bambergers B i. b li 0 t h ech ^wurde am letzten Montag unter dem Auktions-Hammer Martin S. Frankels in alle Winde verstreut. So widerspruchsvoll es aussieht — P a u l Nathan, der so Belesene, der an Wissen so Reiche, der so Weitgereiste besaß, obwohl er Bambergers Dibliotl)ek geerbt und sich erworben hatte, leine eigene Bibliothek. Die Klassiker der deutschen, französischen und englischen Nationalökonomie, die Geschichtsschreiber Ludwig XU. und des großen Napoleon, die Voltaires, die Anatole Frances, die Daudets und die Zolas hatten schon vor 1890 in der Margarethenstraße, im Bambergerschen Hause ihren würdigen Platz. Vereinzelte größere Werke zogen nach 1900 in des Erben Heim. Rur dicke Packen Broschüren, hier über Arbeiterfragen, dort über russische Pogronie, hier über Wohuungsresorm, da über Palästinaprobleme verraten als weithin sichtbare Zeichen Paul Nathans Weg voll Arbeit und Kamps. Gewiß — oft traf die Mitternachtsstunde den Einsamen noch beim Buche, aber seine Zeit gehörte in den letzten-Jahrzehnten nicht mehr dein Sauunetn und Aufspeichern. Seine Energie, seine Tatenfreude lebten sich in Besprechung und Verhandlung, in Kampfbroschüre und Zeitungsaussatz aus. „Nicht das Lernen — das Tun ist das Entscheidende." So hielt er cs nach alter Väter Weisheit. * Ter arte, durch Freund Heins Allgewalt mm so lückenhafte Nathan-Kreis fehlte völlig unter den Ersteigerern. Und den Wenigen aus der großen Zeit hatte die Inflation übel mitgespielt oder Bambergers und seiner Kampfgenossen Schriften stehen in ihren Regalen. So stritten sich die bekannten Buchhaudternamen um die Bibliothek — nein, sie stritten sich nicht. Kaum hier und da ein lebhaftes Bieten oder hohes Bieten. Tie Bücher wurden meist billig zugeschlagen, manche gar nicht abgesetzt und nur bei einigen Erstausgaben, bei Widmungsbänden (so Zangwills Ghettobüchern mit Paul Nathan hochehrendcr Widmung), bei einigen wertvollen Geschichtswerken strich ein wenig „verzehrend Feuer" durch die geschäftlich-kühle Versammlung. Einmal hätte cs auch um Paul Rathaus Mundwinkel lächelnd gezuckt: als unter Schmunzeln des Saales ein Band Reuen t low für eine deutsche Reichsmark einen mitleidigen Käufer fand, und das zweitemal hätte er, luie er es nur so elegant, so liebenswürdig-witzelnd sagen konnte, hinterhergesetzt: „Wie kann man nur so leichtsinnig fein" — als der Käufer fern und Theodor Barths bleibendes Denkmal, die 24 Bände „Nation", für das Doppelte (600 Mark statt 600 Marl) der geschätzten Summe erstand. Ni acht Geld gewiß nicht, des Menschen Wert — Nathans Leistung hat auch der Ersteigerer damit seine Reverenz erwiesen. ' A. W.