Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 50 (16.12.1927)
- Date
- 1927-12-16
- Page
- Seite 701 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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6$7 Betrachtung zum Chanukafest. '"1 yf. Von Dr. Lazarus, Stadt- und Bezirksrabbincr in Wiesbaden. Wenn man aus dem rätselvollen Antlitz des 20. Jahrhunderts, mit den! wir mm schon über ein Viertel seiner Zeit leben, seine Seele zu suchen sich bemüht. wird man zunächst eins, rein negativ, von ihm sagen dürfen: Friede ruht in diesen harten, unsteten Zügen nicht. Aber ein anderes, doch Positiveres läßt sich in diesem Antlitz finden: dann und wann geht ein warmes Leuchten über die eckige, ruhelos arbeitende Stirn, tute ein unendliches Sehnen, ein Abglanz weit eutrüchten Friedens. Wie konnte der Mensch des 20. Jahrhunderts diesen inneren Frieden so ganz verlieren — und wie kann er ihn w i e d e r s i n d e n, das ist die schwere, bange Frage unserer Zeit. Wir Menschen von heute sind zu Fronknechten der Maschine geworden. des materiellen und mechanischen Genusses, zum rastlosen, gehetzten Arbeitstier. Nur nicht zur Besinnung kommen, nicht Sabbat — nicht Feiertag, nicht ohne Arbeit oder Zerstreuung sein! Dann wird der Feiertag zur Oual. denn — innerlich ausgedorrt, wie der Mensch des 20. Jahrhunderts ist, ein gähnend leeres Nichts — langweilt er sich mit sich selbst, ja fürchtet er sich vor sich selber. So ist der heutige Mensch zum brutal-egoistischen Willensmenschen geworden und damit zum Sklaven seiner selbst, seiner natürlict-en Triebe und der äußeren Dinge. Wer dürste es heute noch wagen, in einer Gesellschaft „moderner", ..aufgeklärter" Menschen von „Bildung" freimülig sich zu dem Glauben zu bekennen, daß „das Reich Gottes auf Erden" die letzte Bestimmung, des Menschen Wunsch sei. ohne sich der Gefahr auszusetzen, als „beschränkt" und „reaktionär" verlacht zu werden! Und wer bringt anderseits trotzdem den Mut auf, die sittlick>e Willenskraft, offen für diesen Geist zu zeugen! Und doch bleibt uns — Juden wie Nichtjuden — kein anderer Weg als der. der unsere Vorjahren aus tiefstem Leid und Erniedrigung immer wieder zur Höhe führte, der Glauben an die Zukunft unserer Gemeinschaft. Was unserer lauten, großsprecherischen und innerlich doch so hohlen, so friedlos armen Zeit fehlt, ist die Lebensgesinnung, aus der heraus der Mensch erst nach) allen Seiten hin frei wachsen kann, die Lebensgesinnung, die unser größter Dichter und Lebenskünstler Goethe die Ehrfurcht nannte. Wir Juden feiern das Ehanukasest Jahr für Jahr — nicht als Sieges-, nicht als Makkabüerfcst — sondern, um immer aufs neue unsere Ehrfurcht zu bezeugen vor den sittlichen Gesetzen der Menschheit, die auch heute im steten Kampfe mit den Götzen des Tages und der brutalen Roheit stehen. Arthur Schopenhauer, ebenso hervorragend als Philosoph wie berüchtigt als erklärter Menschenfeind, hat einmal von den Juden so Ügemeinhin gesagt: es fehlen ihnen „Sck)am und Ehrsurcht". Wer unsere Religion kennt. weiß. wie sie den Menschen zu Pietät und Ehrfurcht vor dem Heiligen zu erziehen strebt. Erst der Jude, der sich garrz vom Judentum abwendet. wird zum Zyniker, der auch Hohes und Heiliges in den Staub des Tages zieht. Wer auch nur einmal in einem jüdischen Hause dem Anzünden der Chanukalichter beigewohnt hat, wird wohl einen anderen Begriff von den Abkömmlingen der Makkabäer bekommen, die noch heute, nach so langer Zeit, ohne allen lärmenden. raufenden Paukenklang, aber im heiligen Frieden des Familienlebens den Sieg des Geistes ihrer Helden feiern. Besäenden brennen die Ehanukalichter, und ehrfürchtig blicken jüdische Kinder auf sie. und zugleich ertönt jene ernste, einfache Melodie, die man nie wieder vergißt und. die der aushorchenden Jugend erzählt „von den Wundertaten, die der Herr einst an unseren Vätern getan, in jenen Tagen um diese Zeit". Gewiß reißt das heiße, leidensck-aftliche Blut auch den Inden oft zu unehrerbietigen Worten ebenso wie zu unüberlegten Handlungen hin. Ter Grundkern jüdischere Wesens aber wird dadurch nicht berührt. Die zunehmende Frechheit des Tages, die sittliche Zügellosigkeit im Leben, die gerade jetzt so oft im Vordergründe sich brüstet, bleibt den Heiligtümern unseres Herdes und unserer Familie fern. soweit sie wirklich noch von tiefstem Wesen des Judentums erfüllt sind. Wer das Gebet AJ-haiiissim, das wir an diesen acht Eharurkatagen sprechen, aufmerksam durchlieft, wird sehen, wie weit das cclste Judentum von jeder Ueberhebung fern ist. rvie es zu jener wahren Demut des Herzens zu erziehen strebt, die leider in unseren Tagen so manche Gelehrte und Politiker vermissen lassen. Gewiß, wir sind ein kleines Häuslein Menschen, bedrückt oft und gehaßt, aber es ehrt eine Minorität — über die noch innner die um Millionen und abermals Millionen Stärkeren gern zuzeiten herfallen —. wenn sie pietätvoll des moralischen Mures gedenkt, mit dein einst vor Jahrtausenden die Pater für die hohen Güter unseres Glaubens eintraten. So ist auch heute noch das Anzünden der bescheidenen Lichter tim Ehanukasest keine bloße, gedankenlose Zeremonie, — diese Lichtlein sind uns vielmehr außer der Grimierunij an die Makkabäer auch ein leuchtendes Symbol unserer eigenen lnycheidenen und doch bedeutsanieu Rolle im Bölkerlebcn. „Das Judentum*, so sagt ein christlicher Geistlicher unserer Tage, Leonhard R a g a z, ..ist immer vorangestanden. wo es galt, gegen d r e ganze Herrschaft des G e w a l r 1 y ste m ß der Weltreiche zu kämpfen und an dessen Stelle die Herrschaft de8 Rechts zu setzen. Es vertritt den Universalismus, der chm emst ßeftiftet ist. den Internationalismus dcs sittlichen Geistes. Damit erfüllt es seinen alten Berus, das Volk der Völker zu sein, die Dölkcrwelt zu» sammenzuhalten durch das Reich Gottes... Das Judentum steht auch immer im Vorderkampß wo es gilt, gegen alle Roheit im Verhältnis von Mensch zu Mensch. gegen alle Vergewaltigung des Menfcben durch den Menschen einzutreten. Das liegt dem Sehne Israels km Mute. Er ist der geborene Anwalt des Schwachen und Unterdrückten." — Ehrsurcht und Demut vor dem Heiligsten, aber auch gerechter Stolz und echte, innige Freude über unsere Erhaltung trotz tausendjährigen Druckes zieht an diesen Ghanukatagen in die Herzen der Israeliten aus dem ganzen Erdeltrunde ein. Aber auch eine gar schwere und ernste Mahnung bedeutet uns dieses Fest: wir müssen uns wieder kräftigen und stählen zu dem ewigen Kampf gegen allerlei Abgötterei. Unreinheit und Gemeinheit, den Israel, das Volk der Bibel, fort und fort nock; führt und führen muß bis an das Ende der Zeiten, da die idealen Ziele der Einheit aller Menschen im Dienste der Sittlichkeit verwirklicht sein werden. Wiederum klingt in die Feier des Ehanukasestes auch in diesem Jahr die Nachricht von Pogromen in Rumänien, von Schändungen jüdischer Friedhöfe hier in Deutschland. Aber wir als Nachkommen der Makkabäer wollen uns durch nichts Niederdrücken lassen, wollen nicht verzweifeln, sondern uns klarmachen, was es heißt, sein Leben in den Dienst der jüdischen I d e e zu stellen. Und wenn es auch zuweilen so scheint, als ob Recht und Wahrheit aus der Welt verlorengegangen seien, so wollen wir uns die Freude am Leben doch nicht rauben lasten, aber auch unsere Pflicht tun und kämpfen. Benutzen nur darum die acht Tage des Ehanukasestes, um vor allem unsere Jugend auf die Mächte hinzuweisen, die in unseren schweren Tagen, da man vom Untergang der deutschen Juden sprechen kann, das religiöse und sittliche Leben zu zersetzen drohen. Möge die Erinnerung an die Makkabäer ihnen zeigen, daß die Götzen des Tages, denen man gern häufig prunkvolle Altäre errichtet, auf denen tnon schließlich alles opfert, auch die Achtung vor dem besserer! Selb st, — daß diese Götzen doch eines Tages vom Hammer Juda Makkabis. vom Gei st e wahrer Sittlichkeit, Ehrfurcht und Demut zertrümmert am Boden liegen werden. Ein deutscher Dichter, der in der Not zu dem ernsten Gotte seiner Vater zurückkehrte, hat uns erzählt, wie sehr er die Juden der Vorzeit, die „alten Juden" bewundere; sorgen wir dafür, daß man auch von uns einst sagen wird, daß wir stark und fest, pflichtbewußt und hingebend mit ruhiger, stiller Seele auf unserem Posten ausgeharrt haben im Dienste des Rechts und der Wahrheit. Wir wollen die Lichter anzünden in steigender Zahl — und das Licht möge wachsen, bis daß es hell werde in der ganzen Welt und unsere Enkel im Lichte der Wahrheit siegen werden! „Röntg der Röntge." Rabbiner Dr. Eschekbacher berichtigt Den „Filmkuriert — Auch Rabbiner Dr. Baerwald (München) gegen Den Film. In der Zeitschrist „Das evangelische Berlin* vom 13. November stellt Focko Lupfen in einem Aufsatz „König der Könige" fest, daß der Meinungsstreit um diesen Ehristus-Film immer rveitere Kreise gezogen habe. Er zitiert Ludwig Holländers sckxrrfe Kritik in der „E. B. - Zeitung" und protestiert, von ihr ausgehend, gegen die Dar» stellung des Heiligen im Film überhaupt. Der „Film-Kurier" vom 29. Novenrber und einige Tageszeitungen berichten ül>er die Erstaufführung des Films „König der Könige" im Titania-Theater in Düsseldorf, an der der Stadtmagistrat, sämtliche Leiter und Religionslehrer der Düsseldorfer Sckmlen" sowie die fatljoltfd>c. evangelische und israelitische Geistlichkeit kerlgenommen haben. Dabei habe der Rabbiner der ifraclitifd>cn Gemeinde. Dr. Gschclbacher, den^ Film für ein ausgezeichnetes Kunstwerk erklärt. Dr. Eschelbacher k>at an den ..Film-Kurier" das Ersuchen mn Berichtigung dieser Blitteilungen gerichtet, da dieser Satz in allen Punkten den Tatfachen widerspreche. „Von dem Urteil der Pädagogen erfahre ich erst durch die Notiz im „Film-Kurier'*. Ich habe mich ihm niemals angcschlosicn, sondern im iHegenleil in allen Fällen, ln denen ich mich geäußert habe, erklärt, das; der Film bei aller Anerkennung seiner technischen Leistung dennoch durch die Art, wie jüdische Typen dargcftcttt werden, antisemitisch wirkt." Wie wir erfahren, hat auch in München jetzt eine Vorführung des Films .Flönig der Könige" vor geladenen Gästen stattgesunden, an der unter anderem drei katholische. zwei protestantische Geistliche und Rabbiner Dr. Baerwald teUgenommen haben. Dr. Baorrvald hat gleichfalls seiner Ansicht darüber Ausdruck gegeben, daß der Film durch seine unwahre Darstellung der jüdischen Gestalten aufreizend wirken müsse.