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Central-Verein-Zeitung · 1927-12-09 · 49 (9.12.1927) · p. Seite 685

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
6 (1927)
Issue
49 (9.12.1927)
Date
1927-12-09
Page
Seite 685 (sequence 5)
Language
German
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Rückfälle ins Unwürdige in Berliner Kabaretts. Von Artur Schweriner. Es ist nichts Angenehmes, wenn die „Wahrheit" de? Herrn Bruhn sich die Ehre gibt, den.C e n t r a l v e r e i n als Kronzeugen anfzurufen. In emern „Ter Kampf gegen die Zote" überschriedenen Artikel dieses Blattes (Nr. 46) veröfsentlicht die „Wahrheit" eine Meldung der „Internationalen Artistenloge": die Theaterabteilung des Polizeipräsidiums in Berlin habe M a ß u a h m e n gegen die Zotenreißer in den -Kabaretts vorbereitet. Dieses Unwesen habe in letzter Zeit unerfreuliche Formen angenommen, und wiederholt seien Tarsteller von der Artistenloge ernsthaft verwarnt morden. Dazu bemerkt die „Wahrheit": „. . . Wer hat es vergehen, daß sich im vorigen Jahre bereits der .Eeniralverein deutscher Staalsbürgcr jüdischen Glaubens' in sehr erregter Versammlung dagegen wandte, das; gerade die jüdischen Kabarcttkomiker sich nicht scheuten, durch fähige jüdische Witze das jüdische Wesen geistlos zu verhöhnen? ... Es ist schon richtig, der unbefangene Zuschauer weiß mit den Schleimereien und Schweinereien dieser Herren Komiker auf die Dauer nichts anzusangen. Desto mehr das jrnrfürstendammpublikum. von dem Herr RobitschÄ sagte, es habe großen Gefallen an den jüdischen Witzen und Vorträgen, was damals der Cpndikus des protestierenden Eenjralvercins, Herr Schweriner, nicht wahr haben wollte. Aber Herr Nobitschek muß ja sein Publikum schließlich besser kennen." Wenn aus dem Artikel der „Wahrheit" herausgelesen werden konnte, daß die Maßnahmen des Polizeipräsidiums in irgendwelchem Zusammenhang mit unserem Kampf gegen die mauschelnden Kabaretts stehen, so sei hier feierlich erklärt, daß wir Polizeimaßnahmen nicht für notig halten, solveit Geschmacklosigkeiten gegen die Ehre der jüdischen Bewohner der Reichsyauptstadt in Betracht kommen. Wir werden mit unseren Beleidigern selber fertig werden. Unsere Protestversammlungen vor einem Jahre hatten Gutes gewirkt. Unsere Warnung in den großen Kundgebungen hatte zur Folge gehabt, daß Würdelosigkeiten und Ehrenkränkungen allmählich aus ein Mindestmaß zurückgingen. Seit einigen Wochen kommen neue Klagen über Rückfälle ins Unwürdige. So tritt im „C h a r l o t t - C a s i n o" Paul O' M o n t i s auf. Ter „Kleinkünstler" singt ein Chanson „Moritz, bist du kühl oder schwül", in dem er angeblich jüdisches Aussehen und Gebaren in widerlicher Weife karikiert. In der gleichen Art trugt er das Couplet „Stern in Paris" vor. dessen letzten Vers er verändert, indem er die französischen Reimworte fortläßt und dafür gänzlich sinnlose, übelstem Verbrecherjargon entnommene Ausdrücke gebraucht. In dem Couplet „Herr von Pollock" gibt O'Montis neben der allgemeinen körperlichen Karikatur eines Juden Aeußerungen jüdisck-kaufmännischer Ethik wieder, die sich den Ehebruch mit dem Angestellten oder Sozius mit acht Prozent bezahlen läßt. Prager singt, weil ihn der Ruhm des O'Montis nicht schlafen (aßt, ein Couplet über Marienbad. mit einer Wendung .Luden und Gojim". nachdem Paul O'Montis das geistroickx Wort von „Chicagos" aepragt hat. Die Wirkung dieser Lieder auf nichtjüdisches Publikum konnte genaue stens beobachtet werden. Während man den übrigen Darbietungen mit einem Lächln folgte, wurden die Verspottungen jüdischen Wesens außerordentlich stark beklatscht: viele christliche Besucher hatten ansch-einend Freude daran, die in der vö fischen Hetzpresie gezeichneten Karikaturen von jüdischem Wesen, jüdisäar Moral und jüdischem Auftreten in bengalischer Belcuckstung „wahrheitsgetreu" vor sich zu sehen. Auch im .Kabarett der Komiker", in dem eine Zeitlang sichtliche Zurückhaltung zu beobachten mar, scl)etnt man aus Konkurrenzgründen MausckMien neuerdings wieder nicht entbehren zu können. In seinem Organ mit dem schönen Titel „Die Frechheit" nennt Herr Nobitschek sein Haus geschmackvoll „Musensynagoge". Neuerdings mauschln in den Kabaretts selbst schon die Neger, von denen man annehmen könnte, daß sie an sich Attraktion genug sind. So ist im ..K ü n st l e r k a b a v e 11" in der Budapcster Straße ein Neger aufgetreten, der in »widerlichster Weise jüdische Witze unter dem l>egeistertcn Beifall gerade des jüi>ifd>en Publikums vortrug. In den „A l h a ni b r a - L i ch t s p i e l e n" in Schönel>erg trat vor einiger Zeit ein Humorist ,.Textor" auf — armer Goethes —, der unter widerlichem Gemauschel ein Couplet singt, dessen Inhalt nur nicht wiedergeben können, weil es schamlos ist. Am Schluß des Couplets sagt der „Künstler" wörtlich: ..Daraus ist zu ersehen, daß das auserwählte Volk Israel das ausgekochteste ist."' Obwohl Willi Rosen einen Unterschied zwischen provozierenden jüdischen Humoristen, die er selbst bekämpft, und einen; Bortragstünftlcr gemacht wissen will, müssen wir nach wie vor gerade gegen eine Couplets, die im Munkverlag erscheinen und dadurch bei gesellchaftlichen Veranstaltungen jüdischer und judenfeindlicher Kreise zum Vortrag gebracht werden können, immer wieder unsere stärksten Bedenken Vorbringen. Wenn Rosen schreibt: „Sagen Sie Ihren Mitgliedern, daß sie etwas stolzer sein sollten! Tie Namen Levt, Cohn stehen in jedem Telephonbuch," dann antworten wir ihm, daß wir aus seine mensend deckende Frau Levy nicht stolz sein können. Wir unterschreiben wortwörtlich. was ein Freund des Centralvereins in einem Brief an eine Kabarettdirektion. den er uns zur Verfügung gestellt hall sagt: „Glauben Sie nicht, daß diese Bemerkungen Ueberempfindlichkeit entspringen. Kabarettisten, die, obwohl selbst Juden, kein Gefühl für den notwendigen Takt haben und durch ihre Vorträge das arrtiscrnilische Zerrbild vom Juden verbreiten helfen, unterstützen die antisemitische Bewegung, gegen die anzutämpfen ehrenhafte Juden sich seit Jahren bemühen. Diese Herren wissen anscheinend nichll welche Rolle zum Beispiel der Begriff .Goj' in der antisemitischen Agitation spielll und sie wissen nicht, welche Mühe es gekostet Hatz die völkischen Angriffe gegen den Begriff .Goj' zu widerlegen. Sie wißen wohl auch nicht, wie heftig jüdische Moral angegriffen und als minderwertig dargestellt wird. Alle Abwehrbestrebungrr» werden immer wieder durchkreuzt durch diese Art von Komik, die sich nicht scheut, ein unwahres Bild jüdischen Wesens und Wertes in würdeloser Verspottung der Oefsentlichkeit zu geben." Wir warnen diejenigen, die es angeht, nachdrück l L ch st. Glaube niemand, daß wir in einem uns aufgezwungonen Kampfe für unsere Ehre kleinmütig werden können. Dauern die Dt ü cf f ä l £ c i ns Unwürdige an, bleibt unskeiu anderer Weg als erneute Flucht in dieOeffenttichkeit. Und wir wißen, daß der gute Geschmack aller anständigen Menschen, jeden Standes und jeden Glaubens, für uns ist. Die Zabel vom „verführten" Film. Eine fachliche Widerlegung von Dr. Hans WollcnLerg. Man kennt den phrasenhaften Kinderschreck von der „verjudeten Presse", vom „verjudeten Theater". Nun ist der Fit nt ausgetauchtz ein neuer Faktor im Kulturleben der Völker, und noch dazu ein Faktor von ganz besonderer Reichweite und kaum übersehbarem Einfluß auf die geschmackliche Orientierung der Massen. Gerade darum ist er — wie könnte es auh anders sein? — gleichfalls vollk o m m e ii „v c r j u b e t" und lediglich ein Instrument, um die armen betörten Millionen, so allabendlich die Lichtspiechäuser der Welt besuchen, vollends mit dem Gift jüdischen Geistes und Empfindens systematisch zu infizieren. Es ist notwendig. das so oft mißbrauchte Schlagwort von der ..verjudelen" Filmindustrie dorthin zu verweisen, wo es hinoeherll in das Reich der Fabel. Es wird nicht allzu schwer fallen, hierfür, den Derveis zu erbringen. Dabei sei eines gleich vorausgeschickll es fällt uns nicht ein, den Herren Antisemiten zuliebe jenen gewichtigen Anteil abzuleugnen, den jüdische Industrielle und Künstler an der kommerziellen und kulturellen Entwicklung des L'chtspielwesens gel-abt halben und haben. Es konnte jeden jüdischen Deutschen nur mit Genugtuung erfüllen, wenn an dieser Stelle ein namhafter christlicher Autor. Rudolf K u r H, neulich festgestellt hat, daß gerade entscheidende Leistungen der deutschen FilmiiAd-ustrie mit den Namen jüdischer Persönlichkeiten miss - engste verknüpft sind, wobei c.r nur den Organisator Paul Davidsohn und -den Meister- Negisieur Ernst Lubrtsch nannte. Aus beide und noch aus manchen anderen Filmmann kann das deutsche Volkstum ebenso stolz sein wie die jüdische Glaubensgemeinschaft. Dieses Bekenntnis mit aller stolzen Bescheidenheit vorausgesetzt, bleibt die antisemitische Behauptung, das Schicksal des deutschen Films liege ganz oder überwiegend in jüdischen Händen, doch eine — substanzlose Phrase. Zunächst — rvelches ist der bestimmende und aus schlaggebende Faktor für die Gestaltung der Filmproduktion, für die Wahl der Themen und ihrer Ausführung? Nicht „eine Handvoll jüdischer Filmlouta" bestimmt, was für Filme rem Publikum vorgesetzt iveroen — bestimmt dies nach den Gesichtspunkten irgendeiner mysteriösen jüdischen Becinftusftmgspolitik . . . Tatsächlich liegt die Entscheidung vielmehr — beim Publiku m soll) st. Man muß aus der Praxis wißen, wie sehr der Filmmann. Christ oder Jude, den Publikmnsströmungen nachspürt, den Geschmacksrichtungen der Zer! nachforscht, um Filme zu machen. Themen zu wählen, wie sie das Publikum wünscht. Denn der Filmmann will und muß vor allem ein Geschäft machen, will er die großen Kapitalien, die er in seiner Produktion investiert, amortisieren und verzinsen. Also das Publikum selbst ist letzten Endes dev bestimmende Faktor für die Produktion. Vom Publikum übertrügt sich die Orientierung hinsichtlich der Filmprobuktion zunächst auf denjenigen Teil der Filmindustrie, der mit den Besuchern in unmittelbarste Berührung kommt, den Licht*

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