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Central-Verein-Zeitung · 1927-12-09 · 49 (9.12.1927) · p. Seite 682

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
6 (1927)
Issue
49 (9.12.1927)
Date
1927-12-09
Page
Seite 682 (sequence 2)
Language
German
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m lich auf den Geist bezogenen und aus dem Geist gedeuteten Begriffe mit sich bringt. Infolge eines Uebermaßes an fpirt* tueücn Konstruktionen, deren schroeifendo Kühnheit das 18. Jahrhundert in Atem hielt, stellt sich eine allgemeine Erschlaffung der geistigen Antriebsenergien heraus. Ter Geist verliert die Cigengeschlichkeit und sinkt herab zu einer Funktion der Natur. Hat man bisher gewisse Lebenserscheinungen des sozialen Organismus sich an Gleichnis- Vorgängen des animalischen Organismus deutlich zu machen versucht, so erstarrt die Feinheit organischen Denkens jetzt in einem berüchtigten Organizismus. der in derber Hn&efümmert» heit die Parallelen vom Organismus des Tieres und der Pflanze auf die Erscheinungsformen des sozialen Lebens überträgt. Was besagt es praktisch, daß die ethnisclM Zucht- und Stallbegrisse beim Zupacken der wissenschaftlichen Kritik über Bord gingen, wenn der für die nationale Zngehörigfeit entscheidende Begriff der G l e i ch g e s i n n t - heit schließlich doch auf die Unterlage der Gleichstämmigkeit basiert wird? Wenn die Vielfältigkeit kultureller Lebensgebikde zu begreifen versucht wird mit den groben Schematas naturwissenschaftlicher Begrifssbildung, die mit polare Gegensätzlichkeit, nur schwarz und weiß, nur ja und nein anerkennt, nur Zugehörigkeit auf der Grundlage von Abstammung und Blut, nicht aber auf der Grundlage von B e k e n n t n i s, Empfindung, Tradition, Sprache. Kultur- und St a a t s be w u ß t s ei n, kur; nur eine Zugehörigkeit durch Zeugung, nicht aber durch Ueberzeugung; die als ausschlaggebendes Kriterium nur Blutsproben gelten laßt, alle Dokumente einer geistig-seelischen Verschweißung, Produkte eines gemeinsamen geschichtlichen Werdeganges aber als wertlos beiseite schiebt? . In allen bisherigen Ausführungen, ist das Wort Jude noch nicht gefallen. Und doch war immer nur von i h m die Rede, denn in der aufgewiesenen Bastardierung der romantischen Empsindungswelt liegt der knlturphilvsophische Ausgangspunkt des heutigen Antisemitismus beschlossen. Führt von der Rassenlehre zum Antisemitismus ein direkter Weg. so von der Romantik zum Antisemitismus ein indirekter. Romantik ist an sich kein Antisemitismus, sie setzt aber die Möglichkeiten seiner Entfaltung frei. Sie redet nicht voll Raffe, wohl aber von Volkstum, nicht mehr von rassischer, sondern von völkischer Zugehörigkeit. Zwar nimmt sie dem Antisemitismus den Eafsenton und die Gesten seiner Flegeljahre. Ihre Konsequenz ist nicht mehr Pogrom, sondern .Humanisiertes Schutzjudentum" (Goldstein), nicht mehr politische, sondern geistig-kulturelle Entrechtung des Juden. Sie macht den Antisemitismus ^enitemÄmLe. und damit erst eigentlich gefährlich. Sie läßt um den Inden nicht die Paragraphen eines Ausnahmegesetzes, sondern eine seelische Wüste wachsen. Die Abwanderung in den Naturalismus ist nur der Ausgangspunkt des modernen Antisemitismus, als dessen harmlosere Vorfahren der religiöses der Mittelstands- und der Rasienantisemitismus zu. gelten haben. Ter hier entspringende Lueüarm nimmt noch weitere Zuflüsse auf. Man hat mit Recht Romantik definiert, als geistige Gegenrevolution, als Sammelbecken der Enttäuschten. In der Tat ist der Zustand einer tiefen Desittusioniertheit, eines deutlichen Ressentiments gegen den herrschenden Zeitgeist das Baud, das die sehr unterschiedlichen Elemente der Romantik zu einer inneren Einheit verbindet. Tie in einem Blutsumps und starrer Diktaturherrsck)aft endende französische Revolution (deren segensreiche und dauerhafte Fernwirkungeu erst aus eurem größeren Abstand zu erkennen sind), das Zerbrechen der liberalen Ideologie an imperialistischen Dölkeraegensätzeu draußen, an Klapengegeusätzen drinneu, die sich ständig verschärfende ökonomische und soziale Krise, die in einen Krieg von verhängnisvollem Ausgang, die tu eure Revolution von sinnlosem Leerlauf treibt — alte diese Fehlschläae und Entmutigungen erzeigen ein allgemeines Entschuldungsverlamgen, eine Flucht aus der eigenen Verantwortung, das Bedürfnis, so viele mißglückte Resultate auf ein fremdes Konto zu buchen und das eigene zu entlasten. Eine nervöse, mit Angstihmptomen durchsetzte Üebcrreiztheit wird die charakteristische Zeitstunmung. Ueberatl fahndet inan nach bcm Schuldigen, nach dem Schädling, nach dem Zersetzungsträger. Eine widerwärtige Schnüffelei setzt ein. die Methoden des „Polizeilichen Erkennungsdienstes" werden in das Kulturleben und in die Geiftesgeschichte übertragen. Hier alarmiert, man gegen den Mtramontarusmus, dort gegen Weltbürgertum und Pazifismus, drüben gegen das Westlerkrnn und den Dostojewsti- Menschem hüben gegen die Vaterlands lose und landesverräterische Sozialdemokratie und gegen duck freisinnige Bürgertum als feine Vorfrucht. Toickchlußaauik n..a Fimchrbewegung einer zu Ende gehenden Geisierepoche. Für alle diese Lauen aber ist der Jude der Schnütvunkt. Ter Jude, das ist die Essenz des Dösen, der konzentrierteste Ausdruck aller uiHiiur schon und destruktiven Tendenzen, die Giftblüte am Kullurbamne der Menschheit. (Außerdem ist er io bequem 311 prügeln, er liegt sozusagen auf der Linie des geringsten Widerstandes, lebt ohne mächtige Verbündete im Rücken, wie sie die katholische Kirche oder die Wählermassen der Sozialdemokratie darstellen. Prenemachl und Kapitalmacht sind nämlich durchaus nicht nur eine „jüdische Domäne".) Noch eine andere Zeittendenz mündet in den gleichen Strom: Träger des zeitgenössischen Antisemitismus ist das städtische Bürgertum, während für die Vorformeu andere, namentlich ländliche^uud laudstädtische Bevölkerungsschichten in Betracht kamen, sowohl die alte Aristokrat'e wie aitcl) das Proletariat bleiben aus sehr entgegengesetzten Gründen relativ unberührt. Tw innere Ausnahmefähigteit dos Bürgers für den Antisemitismus mutz zunächst verwunderlich erscheinen, weit das Bürgertlun in seinem Emanzipationskampf gegen die Fendatität ganz anders gerichtete Ideale emporträgt, Ideale der Humanität und Toleranz, der Vorurteilslosigkeit imd . einer weitherzigen und fortschrittlichen Gesinnung. Aber der arrivierte Bürger ist ein anderer als der zum Freiheitskamps aufbrechende. Auch am Bürger bewahrheitet sich das soziale Gesetz, daß eine politisch niedergcworsene und wirtschaftlich entmachtete Klasse noch im Augenblick ihrer Anslösung deni Besieger ihre Krrltrrrsormen und Empsindungsgehalte aufzuzwingen vermag. Jede Klasse trägt die geistige Garderobe der ihr vorgelagerten auf, weshalb sich Revolutionen in den sozialen und kulturellen Tuseinsbedingungen so viel schwerer durchsetzen als in den politischen und ökonomischer:. Der zu Boden gezwungene Feudale impfte mit seinem Eist den siegreichen Bürger, der die Entscudalisierung der staatlichen und gesellschaftlichen Einrichtungen mit einer Reseudalisierung des sie tragenden Menschentums bezahlen mußte. Im Zeichen des Reserveoffiziers vollzieht sich der Friedensschluß von Boden- und Geldkapital. Das Modelt des Bourgeois-Eeutilhomme wird ausgerichtet, die Aufnahme in Hofluft, Tynastienumgang und Ädelsgesellschcrst bezahlt der Bürger mit der Preisgabe des eigenen Lebensstils und der Diffamierung der Klassenideale der eigenen Jrrgend. Doch bleibt einer, an dem sich der Stabilisterrrngsprozetz nicht vollzieht: der Jude. Bürgertum kann vergeben und ausgeglichen werden, Bürgertum und Judentum bleibt zu schwere Betastung. So roird der arrivierte Bürger in einen Gegensatz zu dem alten Weggefährten getrieben, der die seudaltstrsche Verpuppung nicht mitmacht. Solange man noch im Angriff lebte, solange man noch nichts war. dagegen alles zu werden sich zutraute, liebt man die „singenden Hähne der Frei-! heit" (Heine). Jetzt aber wird mau nur noch ungern an die! alten Gefährten erinnert. Antisemitismus ist nach einer gläu-! zenden Formulierung Goldsterns, in dessen Buch mir das; Kapitel „Vom demokratischen zum Politischen Bürgertum" das i am besten geglückte erscheint, der Ausdruck des Hasses, mit dem das deutsche Bürgertum seine eigene Vergangenheit betrachtet. Wie der Bürger den Juden haßt, so haßt man nur seinen ehemaligen Wohltäter. Noch ist eines letzten Zuflusses zu gedenken, der ein Licht auf die besondere Fruchtbarkeit wirft, mit der antisemitische Eedankengange in deutscher Erde wuchern. Gerade seine repräsentativsten Vertreter haben als charakteristisches Merkmal des deutschen Wesens eme seltsame Unbestimmtheit aller Umrisse, eine gewisse Urerlosigkeit und Nnbegrenzlheit empfunden, dae> deshalb aller Erklärungen spottet. Friedrich N i e tz s ch e hat besonderen Nachdruck auf diese Tatsache gelegt und daraus sehr wesentliche Züge der deutschen Seele ererschlossen, u. a. auch die Eigenschaft, daß bei diesem Volk d k e Frage n a ch d e m , w a s n n n e i g e n t l i ch d c u t s ch sei, niemals anssterbeu könne. AG ein Volk der ungeheuerlichst'u Zusammeurührnng unb Mischung ward es zwangsläufig immer wieder auf das Problem gestoßen, was denn seine'innerste Wesensart bedinge. Ter uhon von Julius Fr öbel sestgestcllte Hang des Deutschen, allen möglicher! Erscheinungen das Zusatzwort „deutsch" beizugeberr, von deutscher Kraft, derrtscher Liebe, deutscher Treue, deutscher Gründlichkeit rmd deutschem Fleiß, deutschem Wein, deutschen Jungfrauen urrd deutschen Märinern zu reden, ist ohne Zweiset auf jene Uranlage zurückzuführcu. ans diese widerspruchsvolle Umsänglichkeit. die gerade wegen

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