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Central-Verein-Zeitung · 1927-12-09 · 49 (9.12.1927) · p. Seite 681

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
6 (1927)
Issue
49 (9.12.1927)
Date
1927-12-09
Page
Seite 681 (sequence 1)
Language
German
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i '"ütl Vttlit!, 9. vezemder 1927 ls__—~VKr Jahrgang » Nr. 49 IS Pfennig Cinjelnummer <1 7;r .1 «*<4 -> r7^sx>» ( n « n w «NKLMTüKZM. ISEr’ES *> GlertelZaLrtzabonnement l,Lv uuzugl. D5slellgeld). LS ^ÄAAÄWAW ELÄsLLrMrKMWMMÄrDsNsW. Allgemeine Zeitung des Judentums Verlag u. toajtimeuuug: *>ecuu bVV 68, Llridenstr. 13. .:. Fernsprecher: Amt Dönhoff 3534, 3595. .:. Postscheckkonto: Berlin 304 72. .:. Bankkonto: Dresdner Bank, Wechfe!» stube 6, Berlin 8V. 68, Lindenstc. 7, und von tvoldschw.idt-diotyscyilü & (So., Berlin W 8. Alleinige Anzeigenannahme: Annoncen-C^pedition Rudolf Mosse, Berlin 8^V IS, und deren Filialen. AnZergenpreise: 0,90 JIM für die 7gespaltene Zette nach Rudolf Moffes Aormalzrilenme:7er Nr. 4, Familirnanzeigen und SteUrngesuche (nicht Strllrnangedote) für Mitglieder d. Leutra lvereins v,45 #Ui, die SV mm breite Reklame-eUe 4J8D JIJL JJ ZN St. 3. §5116133 WWM» Es wäre ein lohnendes Unterfangen, einmal die Frage einer besonderen Behandlung zu unterwerfen, ob die im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts entstehende junge Wissenschaft der Soziologie dem Antisemitismus mehr Abbruch getan oder mehr Unterstützung verliehen hat. Ohne Zn-eifel läßt sich eine Wirkung nach jeder der beiden Seiten seststeüen. Der eine Oueüarm der werdenden Soziologie fließt aus naturrechtlich-aufklärerischen Eedankengängen, denen eine freiheitlich revolutionäre, feudale Machtstellungen umlegende und verjährte Vorurteile sprengende Kraft innewohnt. Aber der andere Oueüarm entstammt der Romankik. ihrer historisierenden und traditionalistischen Anschauungsweise. Eine jede hinter. die Erscheinung der Oberfläche zurückgreifende Betrachtung der antisemitischen Beilegung macht es deutlich, daß man die Romantik für den soziologischen und kulturphilosophischen- Ausgangspunkt des modernen Antisemitismus anzusehen hat. Die von Naturrecht und Aufklärung ausgehende Soziologie erwies den auf Bekämpfung und Abwehr des Antisemitismus zielenden Bestrebungen dadurch einen außerordentlich wertvollen Beistand, daß. sie die. wissenschaftliche Nichtigkeit der vulgären Raffenlehren aufdeckte, die für das öffentliche Bewußtsein mit dem Namen eines 6odmeau und eines Esinmberlnm verknüpft waren. Es bedeutet keinen Einwand, daß der auf ungewissen Hypothesen und tendenziösen Beweisführungen berulzende Raffenwahn dem 19. Jahrhundert auch weiterhin bis zu seinem Abschluß das Gepräge verleiht. Wissenschaftliche Belehrung vermag ' sich, wenn sie volkstümlichen Stimmungsmomenten entgegensteht. nur mühsam durchzusetzen. Dennoch ist bei der Wende zum neuen Jahrhundert diese Entwicklung so weit gediehen, daß selbst von ehemaligen Vertretern einer' fanatischen .Rassenlehre (man denke an Hans Blüh er. um auch hier wieder einen Namen zu nennen, der bedeutnngslos ist vom Standpunkt wissenschaftlicher Eigenleistung, 'dein aber die Nolle eines erfolgreichen Schildträgers zuflel) der hoffnungslose Bankrott ihrer, einstigen Ideologie allgemein zugestanden wird. Aber die gleiche Soziologie, die eine Einteilung der Menschen nach Haarfarbe und Schädelinder dem Gelächter preisgab, Zerstörte mit derselben Unbarmherzigkeit die uaturrechtliche Fiktion des abstrakten Einzelwesens, die Lehre vom Menschen an sich und der in diesen Menschen eingesenkten radikalen Vernunft, den ebenso heroisch-noblen wie platten Glaubenssatz von der Gleichheit und Unterschiedslosigkeit alles deffen. was Mensckjenantlitz tragt. Hatte die Aufklärung nur den Menschen und die aus abstrakten Normalmenschen zusammengesetzte Mensa> heit gelten lassen, so verblies eine mit Tastgefühl und organischer Empfänglichkeit ausgestattete soziologische Betrachtungsweise diese blaffen Schemen, aus denen keine Stimme des Bluts herausllang, die keinen Erdgeruch einer ® töffl M R. m W!A SM fl. m bestimmten.Landschaft, kein- Kolorit spezifischer Zeitalter und Kulturzustände an sich trugen. Nicht mehr ist Gegenstand des Interesses das Allgemeine, im Grunde Einende. Lieber verweilt jetzt der spürende Blick auf nuancierter Besonderheit, auf hervorstechender Eigenart der Tönung und Prägung. Was trennt und abhebt, ist für diese neue Schau der Dinge wichtiger als das. was verbindet. Im abstrakten Raume, depen unbegrenzte Weite nicht mehr beglückt, deffen kahle Leere die umgeschlagene Stimmung viel mehr erschreckt, wimmelt es plötzlich von Zwifchengebilden, geheimen Webe- und Lebenszufammenhängen, denen sich das Interesse zuwendet. Was ein Bol k, eine Nation, ein K u Ui 111 * kreis sei, welche Art von Bindung den inneren Zusammenhang begründe, wird brennendes Problem. Geistigkulturelle, blur haft-landschaftliche, staatlich-historische Verwandschaftsbeziehungen werden erkannt. Wo aber die Frage nach dem Wesen einer sehr geheimnisvollen und höchst komplizierten Einung einmal aufgeworfen-wird, da kann die entgegengesetzte Frage nach der A b g r e n z u n g nicht stumm bleiben, mögen auch die ethnischen Scheidelin'en in ihrer plumpen Handgreiflichkeit allmählich jiim Unterhaltungsstosf der geistigen Mannfchaftsstube herabsinken. Gibt es nicht aber auch Scheidelinien der geistigen und seelischen Wesenheit, die man mit feineren Organen ausspürerr muß, wenn man die Fremdkörper und Zersetzungskeime wittern will? Auf dem bunten Wiesengrund der Romantik, über den das bezaubernde und zarte Aroma eines regsam wehenden Eeistdustes streicht, gedeihen solche Gedankengänge und Stimmungssymptome zunächst in einem fröhlichen und absichtslosen Sprießen und Wachsen. Solange man nach Volksgeist, Kulturseele und ähnlichen blumenhaft-zerbrechlichen Gebilden fragt, droht keine unmittelbare Gefahr als Folge der geistigen Wendung, die sich vollzogen hat. Dann aber setzt die im Fortgang des 19. Jahrhunderts wahrnehmbare Abwandlung zum Naturalismus ein, die eiue Verholzung und Dermaterialisicrung aller Ursprung- : Nr. Siegfried Weinberg: Dergllbte Dokumente. - Werner Rotenberg: Das Ende der preußischen Studentenschaften. - Artur Schweriner und Or. Hans Wollenberg: Kabarett und Frlm. - Dr. Norbert Einstein: Wer sind die Führer der Wirtschaft? - H. K. Zlmmcrmarm (Frankfurt a. M.): Benno Elkan.

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