Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1927-12-02 · 48 (2.12.1927) · p. Seite 671

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
6 (1927)
Issue
48 (2.12.1927)
Date
1927-12-02
Page
Seite 671 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
86% known words query
IRI
…/2277379-2277729-2277776--04105-2284687
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Ein su-enfeknölicher Untersuchungsrichter. — pietsch an öen Centralverein. - Erklärung -es preußischen IusnZminisiers. Der Prozeß gegen Erichsen, der in diesen Tagen in Hirschberg i. Schl, zu Ende ging, geht uns, feinem Gegenstand nach, nichts an; es sei denn, daß jetzt noch, nach über Jahresfrist, eine Erklärung angebracht erscheint, die sich gegen jene völlmche Radaublätter wendet, welche nach beliebter Methode, Herrn Erick'en zum Juden stempelnd, in ihm einen jüdischen Mädchemchander erblicken wollen. Ter Prozeß gegen Erichsen interessiert uns lediglich als Fall Landgerichtsrat P i e t s ch. Es hat die OestemUckkeit in nicht geringes Erstaunen versetzt, als folgender Dialog maischen dem jüdischen Reckesamoalt Foerster (hirschberg) und dem Untersuchungsrichter Pietsch aus der Hauptverhandlung veröffentlicht wurde: Rechtsanwalt Foerster: Warum haben Sie, Herr Untersuchungsrichter, umfangreiche und nicht einmal billige Nachforschungen danach angestellt, ob die Angabe des Angeklagten, er sei nickst Jude, richtig fei? Pietsch: Nachdem der Angeklagte bisher immer behauptet hatte, er sei Nichtjude, wollte ich dies fcststellen. Aus weitere Bemerkungen des Rechtsanwalts Foerster erklärte Landgerichtsrat Pietsch wörtlich: Im übrigen unterscheide ich nicht zwischen Juden und Christen, sondern zwischen Inden und Deutscheu! Rechtsanwalt Foerster. sehr erregt: Ich stehe hier als jüdckcker Anwalt, der den Eid aus die Verfapung geleistet hat, und muß gegen solche Aeußerungen von Pieckck aus das schärfste protestieren. Ich bitte auch den Herrn Vorsitzenden um Schach gegen solche Angriffe. Vorsitzender: Offenbar hat Herr Pietsch damit nur sagen wollen, daß er keine konfessionellen Unterschiede gelten läßt! Rechtsamvalt Tr. Winierbera: Herr Pietsch, sind Sic Mitglied eines haktnlrcuzlcrLschcu oder'ähnlichen Verbandest Pietsch: Nein! Verteidiger: Haben Sie nickr das Hakenkreuz im Dienst getragen und haben es erst auf Aufforderung des Landgerichts-Präsidenten abgelegt? Pietsch: Nein! (Nach einer kurzen Weile): Ich habe das Hakenkreuz einige Zeit getragen, es aber selbst abgelegt. Dieser Herr Landgerichtsrat, der den Eid auf die Verfasiung ablegte, hat also bewußt ge-gen den Berfa sin ngs-gru nd satz, daß alle Deutschen vor dem Gesetz gleich seien, gehandelt und damit vorsätzlich seine richterliche Vsticht verletzt. Für uns ist dieses dienstliche Verhalten des Herrn ckiehsch kerne Ueberra'lchung. In unseren Akten bestndet sich ein Brief, den Pietsch am 2-i. Juli 1926 an den Grutratvercin gerichtet hat, als ihm eine Monatsausgabe unseres Blatres zugesandt wurde, in der der Borkum-Fall ausführlich dargcstcllt war. Pietsch schrieb damals: .Lch bitte, mich mit derartigen Zuschriften, für die. ich keinerlei Jntercne habe, zu verschonen. Ich bin in der Hage, mir auch, ohne eine jüdische Zeitung zu lesen, ein Bild über die Juden und ihren Charakter zu machen. Mit Bezug auf den Leitartikel der übersandten Zeitung: pBorkum' erkläre ich. daß ich das Verhalten der Borkumor verständlich finde und nur bedauere, daß nicht auch andere Badeorte solche Einrichtungerr getroffen haben." Wir Gatten damals Deranlamung genommen, diese das Vertrauen in die dienstliche Lbjckewirär des^Landgericklsrats Pietsch sehr erschütternde Aeußerung an Vorgesetzter grelle zur Sprache zu bringen und' haben vorn Ober! Landgerichts Präsidenten in Breslau einen Bescheid erhalten, wonach Piench eröffnet wurde, daß ihm größere Zurückhaltung empfohlen werde, „um den Schein der Parteilichkeit zu vermeiden'. Wie sehr Pietsch diese gut gemeinte Mahnung seines Vorgesetzten berücksichtigt bat.' läßt seine Untersuchungssührung gegen Erichsen erkennen. — Ter preußische Justi-minister bat in einem am lla. November einer Brühe von Vresstoerrretern gegebenen Interview in entschiedenster Weise das Verhalten des Herrn Pieckch verurteilt und mitgeteilt, d-aß gegen Pietsch das Tisnchlinarverfahren bereits eingeleitet sei. Ter Hirsch barg er Landgerichrsprändent Eontenius habe Pietsch einaebend vernommen. Ferner habe sich der Breslauer Oberland- Gerichtspräsident Witte nach Hirschberg begeben, um selbst die Ermittlungen zu leiten, die sich sowohl auf das eigenartige Verhalten des Untecsuchuna-richters während der Voruntersuchung wie aus seine Erklärungen in der Hauptverhandlung beziehen. Tie grundsätzliche persönliche Seite der Angelegenheit wird den Centralvevein zu weiteren Schritten veranlaßen. Aur Winterolpmpiaör. Der Arlerparagraph im Oestevreichrschen Skiverrirr. Der Oesterreichische Ski verein, der älteste Skisportklub auf dem europäischen Kontinent, der bisher jedwedem nationalen Chauvinismus abhold gewesen ist. faßte vor einigen Tagen in. seiner Generalversammlung den unverantwortlichen Beschluß,, in seine Statuten den Arierparagraphen aufzunehmen. Die Art und Weise, wie dieser Antrag in der General- Versammlung des Skioereins durchgebracht wurde, hat sehr viel Aehnlichkeit mit einem Ueberrumpelungsmanöoer, da-'einer recht schwachen völkischen Minderheit in einem unbewachten Augenblick und in einer nur sehr schwach besuchten Versammlung gegenüber der aufgeklärten denkenden Mehrheit des Vereins zur allgemeinen Ueberraschung gelang. Die Einführung des Arierparagraphen im Oesterreick i'chen Skiverein ist ober auch in folgender Hinsicht eine Ueberraschung. Als erst vor Jahresfrist der Kampf um die Einführung des Arierparagraphen auch die Winterspvrtoereine ergriff, waren es der Oesterreichische Skivercin und dessen Präsident, Tr. Gustav Klein-Topplcr, die sich entschiedenst gegen den Aricrparagraphen im Spihcnvcrband der österreichischen Skifahrervereiue, im liberalen Llllgemeinen österreichischen Skiverband wandten und die cs auch durchsetzten, daß dieser nur Vereine zu Mitgliedern habe, die den Aricrparagraphen nicht eingesührt haben. Auf dicke seine scincrzckrige Stellungnahme aufmerk'am gemacht, bemühte sich der Präsident des Oesterrcichischen Skioercins, dev iniercsionierweise gleichzeitig Präsident des Allgemeinen österreichischen Sk io erb and cs ist, vergeblich. diese Maßnahme solo, dermaßen zu begründen nach zu entschuldigen: ..Es bestand die Gckahr, daß sich di? beim Allprrncinen vsterrcichischen Ckiverband befindlich, n i:nb den dic'cm c.c'übrten, für internoeicncle Bewerbe in t temimndcn ^tttä:cker gänzlich Vorn Start bei der W i n t c r o l v \v. i i b e si rock allen mün-m. T-cnn der Allgcineine österrerck-isä-e Skivert-anwurde, da er zwar b'ckech-sche und jüdischnationalk sow'.e allgemein zukarnmengeketzte Vereine, aber (ans den oben ciwäbnten Gründen) keinen dwtsckvölkd'ch eingcstrli ten Verein enthielt. nur als VNnoritöten. verband beim Internationalen Skivrrband. der das Staatsbürgerprknzip betont anerkannt. Durch den Umstand, daß ein so bedeutender Verein wie der Oesterreichische Ski de re in sich nunmehr d<s scecnannke Ariergrunb^esttz zu ei^en Srmacht hat. werden für die clpenländifchen Skiläufer, die beinahe durchwegs Mitglieder von völkischen Tu innereinen sind, Möglichkeiten geschaffen. sich ohne Ausgabe ihrer , Crundprinzivirn" als Kandidaten für die Winternckrnpiade zur Bermgung zu stellen. Wenn somit der Oeüerreichi'Le Skiverein dir Ausnahme neuer Müglieder im Sinne des Ariervaragrapben beschränk: bat. so glaubte er. d-am.i: einerseiis dem Grsamrinterene des östrrreicki'chen Ski'vorie-, andersck:s den Interessen seines eigenen Verbandes, das hcißv te§ Ackaem-inen östenreichnchcn Slidarbandos. genüp: zu baden. Tie Aufgabe liberaler Grundsätze ist somit nur eine scheinbare.' Wir können diese etwas merkwürdige Meinung nicht teilen. Es gibt cinöach keine EnNchuldigung dafür, rafhenschützlerische Ideen in den allgemeinen Svortbetrieb zu tragen. Haben sich juden feindliche Sportler durch ihren Standpunkt isoliert, so mögen s i e die Folgen ihrer Volieik auch tragen. Es sind keinerlei Winkelzüge nötig, um sie auf Umwegen — noch dazu über denArierparagraphen — wieder Zurück.zubvlen. nur^damit Oesterreich im internationalen Skisport besser abschneide, ^oport muß nach Begeisterung und Leistung gewertet werden, nicht nach ..Ra-enproblemen". Wie wir noch erfahren, bat der Allgemeine österreichische Ski« verband in einer Vertretervers-ammlung einstimmig dem Obmann des Oesterreichi'chcn skivereins. Tr. Klein -Doppler, wegen seiner Haltung in der -Frage des Ariorvaragraphen die Mistbilligung ausgesprochen. Ter Vercirr nahm die Mandatsnicderlegung Tr. KLein-Topplers als Präsident des Allgemeinen ösrcrreichischerr Skiverbandes zur Kenntnis, cksian ist bemüht, den^ Verein-Vorstand des Oesterreichischen Skivcreins mit stutre des Statuts um Ansetzung einer außerordentlichen Generalversammlung zu veranlagen, um die Anhebung des Beschlußes über den rlrierstaragrappen zu erreichen. Das Ergebnis öer braunschweigischen Lanötagswahlen. Bon Rechtsanwalt Tr. Regensburger (Braunschweig). Tie Landtags wähl in B r a u n s cknv e i g , der ein außerordentlich lcbhafler Wahlkampf doranoegangen war. bat eine vollkommene Niederlage der >echtsn:ehrbeit und der Rochtsregierung gebracht, die drei Jahre das Land d-eherrscht haben. Ta diese Mehrheit von einer Stimme abhing, war die Regierung mit ihrer parlamentarischen Gefolgschaft ganz auf das Wohlwollen des einzigen völkischen Abgeordneten angewiesen. Der Jutf nach links', den schon sämtlche Wahlen der letzten Zeit gebracht hatten, zeigt sich nun bei der jetzigen Volks-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.