Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 47 (25.11.1927)
- Date
- 1927-11-25
- Page
- Seite 659 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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655 in Westfalen und in Hannover —, wo der Antisemitismus bis vor kurzer Zeit ein völlig unbekannter Begriff war. Das hängt mit der kulturellen Höste oder mit dem Bildungsgrade der dortigen Bevölkerung zusammen. Aber die Intellektuellen des Judentums, der jüdische 'Arzt, der jüdische Anwalt, der jüdische Richter und der jüdische Techniker, verirren sich — aus den oben angeführten Gründen — nur selten aus das platte Land. Infolgedessen hat auch das Eros der ländlichen Bevölkerung wenig Gelegenheit, diese kultivierteren Juden kennenzulernen. Der Dauer als solcher ist fein Fanatiker und unter keinen XUVi)iänhcn ein geborener 'Antisemit. Die Voltskrarrbheit des LlnLiscmiLiöruus ist ihm cingcimysl worden non politischen Parteien, die hiermit lediglich ihre politischen Geschäfte machen wollen. Der deutschen Judenschaft aber rate ich, wie ich oben schon andeutete, mit aller Energie an die Bekämpfung des Antisemitismus aus dem platten Lande heranzugehen und ihre Unterstützung in denjenigen Volksschichten zu suchen, die mit ihnen aus gleicher Linie arbeiten. Der preußische InnLnrnmister antwortet Sem ^rbriterfürsorgeamt. gf jj^>y vy H? 4 44 G4 Wir berichteten in der „E. D.-Zeitung" (Nr. 35 vom 2. September), daß auf der Londoner Konferenz Zur Bekämpfung des Mädchenhandels vom Deutschen Nationalkomitee zur Bekämpfung des Mädchenhcmdels ein Bericht über die Grenzbereisung von Deutsch- und Polnisch- Oberschlesien verteilt wurde, der sich in einseitiger, von Voreingenommenheit nicht freier Tendenz speziell mit der Dstjndeneinwanderung nach Deutschland befasst. In der gleichen Nummer der „E. D.-Zeitung" gab das Arbeitersürsorgeamt Berlin eine offizielle Erklärung ab, in der nütgeteilt wurde, daß der Bericht im wesentlichen aus falschen Voraussetzungen beruhe, die statistischen Unterlagen jeder Sachkenntnis bar seien und die veröffentlichten Zahlen größtenteils auf Erfindungen der antisemitischen Presse mie den Jahren 1922/23 stammten. Der Eentralverein hat damals an das Auswärtige Amt eine Eingabe gerichtet, in der er diesem den Tatbestand unterbreitete und ersuchte, geeignete Maßnahmen zu ergreifen, um die schädlichen Wirkungen des Berichtes nach Möglichkeit zu beseitigen, insbesondere die weitere Verbreitung der Denkschrift zu verhindern und die ausländischen Konferenzteilnehmer, besonders das Comite Spöcial d’Experts sur la Question de la Traite des Femmes et des Enfants, Eens, ans geeignete Weise berichtigend zu informieren. Ter preußische Innenminister hat jetzt ein Schreibeil an das Arbeiterfürsorgeamt gerichtet, in dem es heißt: „Das Deutsche Nationalkomitee zur Bekämpfung des Mädchenhandels ist eine rein private Vereinigung. Herr Regierungsrat Dr. Kundt, der nicht meinem Report, sondern dem Auswärtigen Amt angehört, hat die Informationsreise nach Oberschlesien lediglich in seiner Eigenschaft als Schriftführer des Komitees unternommen. Wenn in dem Bericht, den Herr Dr. Kundt über seine Reise erstattet hat, von meiner Zustimmung zu dieser Reife unter Anführung eines Erlapes die Rede ist, so bezog sich diese Zustimmung nur auf die Dienstreise des Leiters der Zentralpolizeistelle zur Bekämpfung des Mädchenhandels, des Kriminalkommissars Dr. Nordhausen, dem Herr Dr. Kundt sich angeschloffen hat. Daß das Nationalkomitee diesen Bericht in der von Ihnen angegebenen Weise verbreitet hat, kann auch ich nur bedauern. (§r gibt ein völlig schiefes, wenigstens heute nicht mehr zutreffendes Bild von den Verhältnissen an der oberschlcstschcrr Grenze und must besonders im Anstande zn Deutungen Anlaß geben, die der deutschen Sache nicht förderlich'sind. Ich glaube mich aber Zu der Annahme berechtigt, daß das Auswärtige Amt, dem der Eentralvereiu der deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens den Sachverhalt gleichfalls unterbreitet hat. au; Grund meiner Aeußerung zu dieser Eingabe geeignete Schritte unternehmen wird, um weiteren schädlichen Wirkungen des Berichts im Auslande vorzubeugen. Ebenso stehe ich nicht an. Zu erklären, daß ich den derletzenden B o r w u r f, den Herr Tr. K u n b t g e g e n Ihre Organisation (das Arbeiterfürsorgeamt. Tie Schriirleitnng) erhoben hat. Lief bedauere. Tie diesbezügliche Behauptung des Berichterstatters steht im Völligen Gegensatz Zu dem, was mir bisher über die jüdische Fürsorge bekannt geworden ist, vorr deren segensreicher und dorn Staatsinteressc dienender Wirksamkeit ich überzeugt bin. Die von Ihnen erbetene amtliche Richtigstellung der in dem Berichte enthaltenen Behauptungen würde, da es sich in ihnen um statistische Ausführungen handelt, eine Gegenüberstellung der aus vagen Schätzungen beruhenden Ziffern mit den in Wahrheit zutreffenden enthalten müssen. Tie richtigen Zahlen wären aber nur auf Grund eingehender Erhebungen Zu ermitteln, die bei dem außerordentlichen Aufwand von Zeit und Mühe, die sie beanspruchen würden, sür den gedachten Zweck nickst in Frage kommen können. Ich bedaure daher, Ihrem Wunsche nach dieser Richtung nicht entsprechen zu können. Ten Herrn Vorsitzenden des Nationalkomitees habe ich von Ihrer Beschwerde und meiner Stellungnahme zu ihr in Kenntnis gesetzt und ihn gebeten, Ihren Wünschen nach Möglichkeit nachzukommen." Die Antwort, die das Auswärtige Amt dem Eentralverein erteilen wird, ist in den nächsten Tagen Zn erwarten. Al öd NMA Nationalsozialisten beschmutzen Die Synagoge in Lüneburg. — Die Täter ermittelt. Kaum ist in der Serie der Friedhofsschändungen eine kurze Pause eingetreten, und schon hänfen sich die Attentate auf Synagogen. In der „E. V.-Zcitung" Nr. -16 vom 18. November mußten nur mitteilen, daß in Königsberg die Fensterscheiben der Synagoge Adaß Jisrocl von Bubenhänden eingeschlagen wurden. Jetzt sind in der Nacht vom 18. zum 19. November an verschiedenen Stellen der Stadt Lüneburg Hakenkreuze an Häusern und Türen angemalt und die Swragoge in nicht wiederzugehender Weise besudelt worden. Einige Täter sind über das Synagogengitter gestiegen und haben die Eingangstür beschmutzt. Aus die Steinplatte, welche vor der Eingangstür liegt, wurde mit Oelfarbe ein Hakenkreuz gemalt, das etwa dreiviertel Meter groß war. Daneben wurde das Wort „Jude" mit etwa 25 Zentimeter großen Buchstaben aufgemalt. Auch an die Eiugangstür selbst haben sie ein Hakenkreuz angemalt. In dem zur Synagoge gehörigen Garten wurde an einem Baum ein großer roter Lappen befestigt, über diesem ein weißes Tuch mit einem aufgemalten Hakenkreuz. Ferner haben die Täter in derselben Straße vor zwei anderen Häusern auf dein Trottoir Hakenkreuze aufgemalt in Größe von etwa einem Meter. Die Ortsgruppe des Centralvereins hat für die Ergreifung der Täter eine Belohnung ausgesetzt, und es ist erfreulicherweise bereits gelungen, sie zu ermitteln. bö sind Angehörige der Nationalsozialisten, welche in LindemarrnS Restaurant an dem fraglichen Freitagabend eine Versammlung harren, junge Burschen im Alter von 16 bis 25 Jahren haben ihre Tat bereits der Polizei cingcstandcn. bin sechster Täter ist bislang noch nicht überführt. Ob die Nationalsozialisten auch daran den Juden wieder die Schuld geben werden? . . . Sine Verleumdung gegen den Äeichsiags- Ägeordnelen Dr. Ludwig Saas. Das „Deutsche Tageblatt" schreibt in seinem Bericht über die Jahresversammlung des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten u. a.: „Profcssor Dr. Franz Oppenheimer sprach über jüdische Bauern auf deutscher Scholle und meinte, daß die, die den Grund und Boden mit vertckdcht hätten, auch ein Anrecht darauf haben müßten. Einer der „Mitverteidlger'' des deutschen Bodens, nämlich der jüdische Demokrat Dr. Ludwig Haas, nahm gleich nach Herrn Oppenheimer das Wort. Als in den dunkeln Stunden vor unserem Zusammenbruch von Wcftprenßen aus ein Ausruf zur allaemeincn Bollserl>ebuna anslssng, erklärte Herr Ludwig Haas im „Berliner Tageblatts datz ihn Der Brechreiz befalle, wenn er von so kindischen Gründungen lese, und auf diese Weise verteidigte er in seiner besonderen Weise unseren Loden/ Das „Deutsche Tageblatt" nimmt Bezug aus einen Artikel des Neichstagsabgeordneten Dr. Ludwig Haas „Die internationale Verteidigung", der im „Berliner Tageblatt" im Oktober 1913 erschienen ist. Das Zitat des „Deutschen Tageblatts" ist — wie der Vergleich mit dem Artikel an sich zeigen wird — ein Musterbeispiel politischer Demagogie. In Wahrheit ist seine Tendenz gerade die umgekehrte, als das „Deutsche Tageblatt darzustellen wagt. Dr. Haas vertrat damals in Ilebereinstimmung mit Rat heuau und Friedrich Naumann die Auffassung, daß eine letzte