Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 47 (25.11.1927)
- Date
- 1927-11-25
- Page
- Seite 658 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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«54 Von Br. Alfred Y/iener. SSSAF« Die erste Auflage ist durch Vorbestellung fast vergriffen. Wir bitten um Ihre sdinelle Bestellung für die folgende Aufläge. Vorbestellungspreis bis zum t. Dezember steif kartoliniert lßo AI., gebunden ca. 23QO AL philo Vertag, Benin SW SS, Sinäensltnsse 13 Fernsprecher: Amt Donhojf 3595:90. gezettelt wird, wenn unsere Gegner es wünschen, daß auf unseren Leibern der Tanz der apokalyptischen Reiter sich austobt, Wie sollen wir uns da in Kraft, in Gesundheit und Freiheit so entfalten können, wie es unserem inneren Willen und unserer eigentlichen Begabung entspricht! Alle körperliche Ertüchtigung, die wir anstreben und die wir mit Erfolg durchgeführt haben, täusche uns nicht über die Tatsache hinweg, daß unsere Seele, unser Tiesinnerstes empfindlich st beeinflußt ist! Aber aus dieser Not müssen wir heraus. Die Resignation, die uns schon viele Fehler hat begehen lassen, die kaum noch gut zumachen sind, darf nicht weiter Umsichgreifen. Der Weg aus dieser Not heraus ist der Weg der Ueberwindung des Antisemitismus. Trifft der Antisemitismus uns alle aber, so ist seine Abwehr nur durch uns alle möglich. Aktivierung aller Juden heißt das Ziel, aus das wir hinstreben müssen. Wie es schlechterdings keinen mehr gibt, der von der Einwirkung des antisemitischen Phänomens verschont ist, darf es auch keinen unter uns geben, der sich beiseite stellt. Nichts i ft heute falscher als der Glaube des einzelner:, da er von: Antisemitismus nichts verspüre, habe er auch keine Veranlassung, sich an feiner Ueberwindung zu beteiligen. Wir müssen uns auf breitester Basis den anderen gegenüberstellen. Wir müssen überall da — und das ist ja auch unsere Pflicht als deutsche Staatsbürger — Mitarbeiten, wo unsere Mitarbeit möglich ist, und sie ist auch heute vielerorts, auch da, wo wir es gar nicht glauben, möglich. Die Enttäuschungen, die wir erleben, werden nicht geringer sein als die vordem geschilderten; aber wir dürfen uns durch sie nicht beirren lassen. Solange wir uns abschließen, werden wir den Weg zu den anderen nicht finden, und die anderen nicht den Weg zu uns; Drücken, die vestehen, dürfen nicht niedergerissen, vor allem müsien neue Brücken geschlagen werden. Es handelt sich hier nicht um ein Hineindrängen in Arbeitsgebiete, auf denen wir nichts zu suchen haben, sondern uni die Verpflich t ung zu einer A r b e i t, m i t d e r w i r innerlich verbunden sind und die abzulehnen ein Vergehen am IudenLum, ein Vergehen am deutschen Heimatlande wäre. Aber nicht nur nach außen hin erschalle dieser Nus zur Aktivierung, auch in innerjüdischen Angelegenheiten mnß er ertönen. Die Resignation ist so weit fortgeschritten, daß wir innerjüdischen Belangen — ich denke da insbesondere an die Tätigkeit im Eemcindeleben — nicht mehr die Aufmerksamkeit schenken, die diese Dinge verdienen. Mag der einzelne das besondere Interesse für die Fragen, die hier behandelt werden, vielleicht — leider — nicht haben, so möge er aber daran denken, daß es hier nicht nur um dieses geht, sondern daß auch von hier der Weg zur Neberwinduug der innerjüdischen Not geht. Auch das Judentum als solches wird den denkbar größten Vorteil von einer solchen Aktivierung haben. Die jüdische Seele kann sich erst dann wieder frei entfalten, wenn der Druck von ihr genommen wird. Erst dann werden wir uns auch mit ganzer Kraft und mit ganzen: Herzen für das einseben können, was wahrhaft jüdisch ist. Nur d e r Mensch, der in dem Kulturkreis, in den er hineingeboren ist, nicht mehr als Geächteter und Entwerteter steht, wird auch in der Lage sein, die in ihm schlummernden religiösen Güter zu hegen und zu Pflegen. Arnold Zweig, dessen Buch vielfachen Anlaß zu diesen Ausführungen gegeben hat, hat fein neuestes Werk (Der Streit um den Sergeanten Geischa) ursprünglich „Alle gegen einen" genannt. Das Schicksal des Mannes, der in den Mittelpunkt dieses Romans gestellt wird, erinnert an das Schicksal der jüdischen Gemeinschaft, die allein den: Ansturm einer ungeheueren Unuvelt gegenübersteht. Aber das Ende dieses Mannes darf nicht unser Ende werden. Es wird es nicht werden, wenn wir alle ausstehen, wenn wir uns aktivieren lassen und alle Kraft daran sehen, diese innerjüdische Not zu überwinden. Von F. Wachlzorst de Weute (B e r l i n), Mitglied des Preußisch eit Landtages, Vorsitzender des geschäftss ährenden Ausschusses der deutschen Bauernschaft. Ursprünglich waren die Juden ein Ackerbau treibendes Volk. Tie Namen ihrer religiösen Feste deuten auch heute noch daraus hin. Als mit der Zerstörung des zweiten Tempels die Juden aus Palästina vertrieben wurden, waren sie gezwungen, in anderen Ländern Beschäftigung zu suchen. Und weil keine zentrale Organisation, das heißt eine Nation, dahinter stand, wurden sie zum Anssangnngsobjekt der verschiedensten Völker. Es ist ja bekannt genug, daß bis in unsere neuere Zeit hinein den Inden in fast allen Kulturstaaten der Erwerb von Grund und Boden verboten war, daß sie nicht cimnal ein Handwerk betreiben durften und nur unter den allergrößten Schwierigkeiten zum akademischen Studium zugelasscn wurden. Jnsolgedeüen waren sie gezwungen, sich dem Handel zuzuwenden. Man hat sie bis in die neuere Zeit hinein in allen Staaten, besonders auch in Deutschland, außerordentlich schlecht behandelt« In den großen Städten Deutschlands waren die Juden gezwungen, an bestinnnteu Plätzen, dein sogenannten Ghetto, 3:1 wohnen, deren Tore abends geschlossen wurden, damit sie auch gesellschaftlich mit der anderen Bevölkerung nicht Zusammenkommen konnten. Ich selbst habe ans denn Rad schi bei Prag die älteste jüdische Synagoge besichtigt, und ich war entsetzt, als ich den kleinen Friedhof lntrat und mir gesagt wurde, daß die Gräber hier mehr als brmmenties seien, weil ein Sarg über dem anderen stehe, weil die böhmische Negierung sich weigerte, ihren jüdischen Bürgern auch nur den kleinsten weiteren Bereich Erde für die Vergrößerung ihres Friedhofes zur Verfügung zu stellen. Furchtbar schwer hat die jüdische Bevölkerung in diesen 1800 Jahren zu arbeiten und ebenso schwer unter ihrer sozialen Stellung zu tragen gehabt, llnd wenn heute unsere Antisemiten die Juden deshalb angreifen, weil sie nach ihrer Meinung nur handeln und schachern, so ist es für jeden einsichtigen Menschen ganz klar, daß sie in früheren Zeiten zn diesem Berufe gezwungen wurden, zumal ja den Christen durch das kanonische Zinsverbot der Geldhandel untersagt war. Jur 19. Jahrhundert erst durften die Inden in Deutschland Grund und Boden erwerben. Wir sehen aber heute, wie sich innerhalb der Judenschaft elementar die Sehnsucht nach eigenem Grund und Boden und damit die Sehnsucht nach einem eigenen landwirtschaftlichen Betriebe geltend macht. Beweis dafür: der Ziouismns und die Tatsache, daß in fast allen Ländern die Zunahme der Vetätiguug von Inden in landwirtschaftlichen Berufen zu konstatieren ist. Wir haben, relativ genounnen, schon seit längerer Zeit wenige Inden als Großgrundbesitzer, weniger noch jüdische Bauern. Es liegt das znm großen Teil au dem sozialen und gesellschaftlichen Bedürfnis der jüdischen Bevölkerung. Bei dem Antisemitismus, der vielfach auf dem platten Lande am grausamsten den einzelnen Inden triist, weil er hier wenig Anschluß hat an seine Glaubensgenossen und weil hier nur selten soziale Gleichberechtigung zu finden ist, ist es sehr einleuchtend, daß wir wenige Juden finden, die sich dem Berufe der bäuerlichen Landwirtschaft zuwendeu wollen. Ich glaube, daß es eine dankenswerte Aufgabe des Staates wäre, den Versuch zu unternehmen, Siedlungsgebiete cinzurichten, die i it der H auptsache in i t jndi s ch c n L a n d - wirten besetzt werden. Vielleicht würde dies von ebenso großem Erfolge begleitet sein, wie die A n s i e d l n n g j ü d i s ch e r A u § w n u derer als Landwirte in fremden Staatsgebieten. Voraussetzung hierfür wäre aber, das; der Antisemitismus auf dcnr Lande noch schärfer bekämpft wird, wie dies bis heute geschehen ist. Deshalb muß die deutsche Judenschaft weit mehr als bisher ihr Augenmerk ans die Tatsache richten, daß die Wurzeln des Antiscmitistnns nicht in den Großstädten, sondern ans dcnr flachen Lande zu suchen sind. Die Landbevölkerung hat ja nur eine gewisse Art des Judentums bislang kennengclernt, in der Hauptsache jüdische Hausierer und Vieh- Händler, und man darf ruhig sagen, daß hierunter auch Elemente .vertreten sind,.die den in Geldgeschäften.oft unerfahrenen Bauern hineinlegten. Und trotzdem haben nur ganze.Landstriche — besonders