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Central-Verein-Zeitung · 1927-11-25 · 47 (25.11.1927) · p. Seite 657

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
6 (1927)
Issue
47 (25.11.1927)
Date
1927-11-25
Page
Seite 657 (sequence 1)
Language
German
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Serlin» 25. November 1927 VL Jahrgang ♦ Ne. 47 WierttlradrsadorrnemeNt 1,20 NM. (aujugL BesteügelLr. ft-rt^p-nnr .:. Fernsprecher: Amt Dönhoff 2501,3595. .:. PostschectlonLo: Berlin 30172. .:. Bankkonto: Dresdner Don!. DrÄ'el« stube 0, BeeUn S^V 66, Liudenstc. 7, uno von Golbfchmidt«No!hschUd &. Co., Berlin W3. , _ yiucol* Masse, Berlin SW 19, und deren Filialen. Anzeigenpreise: 0,90 MM »üc die 7gespaltene Zeile nach diudolk Moires en und Ltellengesuch» lnicht Stellenangebote) für Mitglieder des Centralvereins 0.15 JiM, bis 90 mm breite Re?larne;eilr 4.80 JcM* tuuA^uuiiiuicr IO Bieunig. ■\t ü Pt r< \s 'p\fz '•ip) t f t ft C* l t I- 1! Don Rechtsanwalt Dr. Kurt Alexander (Krefeld). Es ist erstaunlich, wie wenig wir Inden über Dinge unterrichtet sind, die unsere Lebensregungen in entscheidender Weise beeinflussen. Worin liegt der Grund für diese Erscheinung? Vielleicht ist die Ursache darin zu suchen, daß zu viel auf uns einstürmt, daß wir nach zu vielen Richtungen hin kämpfen müssen, daß unsere Kräfte, ob wir es wollen oder nicht, so unendlich stark in Anspruch genommen werden, daß uns zur Erforschung der tieferen Gründe manck-er Erscheinungen keine Zeit bleibt. Zu den Fragen, über deren Beantwortung wir recht im unklaren sind, gehört diese: Wirkt der Antisemitismus auf das Judentum und seine Bekenner ein und in welcher Weise? Für die einen ist das Judentum völlig unbeeinflußt vom Antisemitismus, für die anderen existiert es nur um des Antisemitismus willen, und wieder andere möchten die Juden so formen, daß sie jede ihrer Handlungen aus die Wirkung nach außen hin abschützen. Diese Feststellungen erschöpfen das Problem nicht restlos. Klar muß allerdings festgestellt werden, daß der Antisemitismus in einschneidender We i s e das Judentum beeinflußt. Das kann auch gar nicht anders fern bei einer Gemeinschaft, die zwischen Menschen leben, die einen solch andauernden und ernsthaften Kampf gegen sie führen. Noch wichtiger aber ist es, zu erkennen, daß wir nicht bewußt auf diesen Truck reagieren, sondern daß dieser Ansturm unwillkürlich Erscheinungen bei uns auslöst, und über diese müssen wir uns einmal aussprechen. Es ist das große Verdienst des Buches von Arnold Zweig „Ealiban oder Politik und Leidenschaft", daß es nicht nur wertvolle Erkenntnifle zur Erforschung des antisemitischen Phänomens selbt gibt, sondern daß es auch einmal — wohl grundlegend — darstellt, wie durch dieses antisemitische Phänomen die jüdische Seele geformt wird. Keiner, der sich ernsthaft mit jüdischen Angelegenheiten befaßt, kann an dem Zweigschen Buch Vorbeigehen. Man kann gewiß vieles an ihm tadeln, und gerade wir werden den Lösungsversuchen, die es anstellt, nicht beipflichten, aber wie es den modernen Antisemitismus wertet und wie es seine Reaktion auf das Judentum beleuchtet, ist vielfach neu, wesentlich und wissenswert. Nach ihm — und das ist richtig — ist der Antisemitismus eine Erscheinung des modernen Kollektivismus. Er ist eine Gruppenleidenschaft. Der jede Gruppe beherschende Differenzaffekt, mit dem sie alle anderen Gruppen entwertend ächtet, veranlaßt die Gesamtheit nichtjüdischer Menschen, sich absolut abschließend und abstoßend gegen die Gruppe jüdischer Menschen zu verhalten. Ist aber der Antisemitismus eine Masienerscheinung, so wirkt er sich gegen » t e Masse der Juden ans. In jeder anderen antiemitischen Aera konnte der und jener mit Fug und Recht agen, daß er vom antisemitischen. Angriff unberührt sei. Heute geht das nicht mehr. Es gibt in dem Augenblick keine Möglichkeit des Ausschlusses mehr, denn das G e s a m t j u d e n t u m und die jüdische M a s se n s e e l e sind Gegenstand des Angriffes. Jeder von uns, ob er will oder nicht, ob er es glaubt oder nicht glaubt, ist hineingezogen. Seelisch geistig und auch körperlich werden wir wohl in verschiedenen Graden gepackt, und wir sind gar nicht in der Lage, uns diesen Angriffen zu entziehen. Zweig führt mit Recht ans, daß heute der Antisemitismus die Juden da trifft, wo sie am allerwenigsten getroffen werden dürfen; er trifft die seelische und damit die körperliche Konstitution der jüdischen Materie selb st. Dadurch, daß wir, sobald wir in die Welt treten, einer Masse gegenüberstehen, die uns ihre angebliche Ueberwertigkeit auf Schritt und Tritt zeigt und fühlen läßt, breitet sich ein Minderwertigkeitsgefühl verzehrender Art über uns aus. Die Neurose wird die Schicksalskrankheit der jüdischen Menschen. Die geistige Begabung wird durch diesen Mapenansturm geringer. Es setzt eine Ueberzüchtung des Intellekts ein; aber wir haben nicht die Möglichkeit, diese überzüchteten Intelligenzen nutzbringend zu verwerten. Jnfolgedesien führt diese Abschwächung der Geistigkeit letzten Endes zu einer Herabsetzung der Begabung und damit zu einer Verminderung der Lebensleistung. Statt erhöhter Lebensleistung, die wir so dringend nötig hätten, wird sie also vermindert. Seelische Enttäuschungen schwerster Art kommen hinzu. Ueberall da, wo wir Ideale finden, für die wir arbeiten, für die wir Opfer bringen, für die wir unser Höchstes hingeben wollen, sehen wir, daß die Sache, für die wir uns einsetzen, als „jüdisch" verworfen und verächtlich beiseite geschoben wird. Schon ist zu beobachten, daß im Bereich der Politik, der Wirtschaft, des Geisteslebens jüdische Persönlichkeiten immer seltener zu finden sind. Der Politiker hat sich zurückgezogen, weil er gesehen hat, daß die Partei, der er angehört und in der er gern gearbeitet hat, durch seine Mitarbeit an der Verfolgung ihrer Ausgaben gehindert wird. Ter jüdische Dichter verstummt, wenn er fühlt, daß man sich nur aus dem Grunde, weil er Jude ist, seinen Ideen verschließt; der jüdische Schriftsteller läßt seine Feder ruhen, weil er weiß, daß man seine Worte nur deshalb abfällig anstnmmt, weil ihr Schreiber dem Judentum angehört, llnb auch in der Wirtschaft halten sich die noch vorhandenen jüdischen Führer im Hintergründe, weil sie befürchten, daß den Belangen, die sie vertreten können und müsien, Schaden erwächst, wenn sie von ihnen gefördert werden. — Resignation breitet sich aus! Wer kann sich, wenn er einmal diesen Dingen nackgeht. noch des Eindrucks erwehren, daß wir im allerschwersten Maße von dem Antisemitismus innerlich betroffen sind. Wenn eben ein Dernichtungsfeldzug nach dem anderen gegen uns an-

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