Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 46 (18.11.1927)
- Date
- 1927-11-18
- Page
- Seite 645 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Die verschwundene Kasverlefigur. Eine geschichtliche Betrachtung VON Direktor Dr. Hugo Schmidt (Hainichen i. S.). Der Jude verschwindet — aber nicht etwa aus der deutschen Natron oder aus der Gesellschaft irn Sinne des völkischen „Juden raus!" —, auch nicht aus der Kunst und Wissenschaft, wie das gewisse Kreise gern möchten, sondern ans einem Gebiete der volkstümlichen K u n st b e t ä 1 i 'g u n g, aus dem die Gestalt des „Juden" unerläßlich war und keine rühmliche Rolle spielte. Das ist das Gebiet der Handpuppenbühne, des Handpuppenspiels oder des Kasperletheaters. Die Geschichte dieses volkstümlichen Kunstzmeiges in Deutschland ist noch nicht geschrieben. Das erste Auftreten von Handpuppenspielern, die man sehr oft mit Marionettenspielern verwechselt, wird 1649 ans Nürnberg berichtet. In dem angegebenen Stücke treten der Teufel, der Henker. ein Offizier oder Polizist, der sogenannte Langhals und der sagenhafte Tr. Faust aus. Später wird nach einem englcschen Vorbild die tragische Komödie oder die kornische Tragödie „Punch und Judith" allenthalben gespielt. Ueber die kleineren Szenen, die aus Jahrnnärkten und Messen von reisenden Kajperletheaterspielern ansgeführt wurden, hat man nur erfahren, daß die Prügcljzenen köstlich und die Witze zündend waren. Der Tente! und seine Großmutter werden immer vom Kasperle besiegt. Allen feindlichen Einflüßen zum Trotz hielt sich das Kasperletheater dort lebendig und lebensfähig, wo stark Tmlelt gesprochen wurde, also in Bayern, in Hamburg, in Köln und in S-achsen (Leipzig). In den Kölner und Hamburger alten Pnppenspielen ist nun oft von den Reisen des Kaspar ins Ausland die Rede. Tiefe beiden Orte sind daher auch die Einsallstvre für das Auftreten der Figur des Juden aus der Handpuppenbühne. Bon 1850 ab durste diese Gestalt nicht fehlen. Joh. Rabe bestätigt das in seinem Luche: „Kaspar Putschenelle" für das Hamburger Gebiet. Auch in Leipzig, wo heute noch das Kasperletheater unter der heanwachsenden Jugend zu Hause ist, gehörte damals immer ein Jude zum festen Personenbestande des Handpuppenspielers. Ich entsinne mich aus meiner Jugend, daß ans der Leipziger Messe der bekannte Puppenspieler Kapphahn in den siebziger und achtziger Jahren ab und zu in einer Szene einen Juden auftreien ließ, und zwar in dem Stücke Kaspar als Soldat". Gin russischer oder türkischer Oberst sucht Soldaten anzuwerben: er findet keinen Mensct>en, der Lust bat, 100 Taler Lumdprld Zu veidiencn. Ta findet sich ein Jude ein, der bereit ist, Massen und Pulver eibätt und ins Feld ziehen soll. Ta er aber ein durchaus friedliebender Mcwch ist, kein geladenes Gewehr anfasfen und nicht schießen kann, läßt man ihn laufen und wirbt den Kaspar an. Auch Rabe kennt ein ähnliches Ltück aus Hamburg. Ein zweites Stück mit einer Judenrolle ist nur in Hamburg ausgesührt worden. Es heißt: „Kaspar und Abraha m". Kaspar hat beim Juden Abraham zwanzig Taler Schulden gemacht und bezahlt nicht. Als er endlich dazu leerest ist, hat er keine Taler-, sondern nur sogenannte Kopfstücke, eine damals in Hamburg aeorä.uchliä?? dänische Münze. Als Abraham die Schuld auch in Kopfstücken annehmen will, prügelt ihn der Ko Gar tüwtig durch, bis der Aermste tot umsällt. Unter dem Gesänge: „Schmeißt ihn raus den Juden Jtzig . . schleppen ihn Kaspar und seine Frau in den Keller und wollen ihn verscharren. Als die Polizei kommt, stellt sich Kaspar tot usw. Das Stück war nur in Hamburg möglich, und der darin liegende Wortwitz wäre anderswo überhaupt nicht verstanden worden. Rabe berichtet noch über eine Szene, das N e t m st ü ck genannt, weil es teilweise aus Versen bestand. Darin will sich ein Jude, der vom Kaspar grundlos verprügelt worden ist, dadurch rarsten, daß er Kaspars Frau entführt. Ter Schluß ist nicht überliefert. Dieses Stück soll Abend für Abend auf dem Hamburger Rathausmarkt unter großem Beifall gespielt worden sein, etwa um 1560. Heute ist die Judenfigur ganz aus dein Kasperletheater verschwunden. Es gibt heute in der gesamten gedruckten Literatur kein Stück mehr, in dem ein Jude auftritt. In den Serien von Puppen, die im Handel sind, sindet sich keine Judensigur mehr, — auch die Erneuerer des Handpuppenspiels, die Hartensteiuer und der Künstler Edi Kallistha, führen in ihren Puppenzusammenstellungen, die sie verkaufen, keinen Juden mehr. Als ich mir kurz nach dem Kriege bei einer der größten Spielwarensirma Deutschlands eine Judenfigur bestellte, mußte sie erst besonders angefertigt werden, und als sie ankam, war sie so unglücklich ausgefallen, daß sie unbrauchbar war. Außerdem ist der Jude auch keine Figur mehr, über die man lacht. Worüber man lachen soll, das muß zunächst allgemein bekannt sein — das trifft nicht mehr zu — und mein Junge, der beständig mit seiner „Holzoper" in Mittelsachsen reist, fragte mich mit Recht, was ich eigentlich mit dieser Judensigur spielen wollte, er konnte sie nicht gebrauchen! Und damit hatte er zweifellos recht. Ter Jude rst auf dem Kasperletheater nur als historische Figur verständlich, auf der modernen Puppenbühne — es hat sich nämlich auch dieser Kunstzweig stark modernisiert — ist er schlechterdings unmöglich. Aeber die eigentlichen Gründe für diese erfreuliche Tatsache brauch ich kein Wort zu verlieren, ^ie ist da, und n>er sie bestätigt wissen wollte, der konnte sich aus der Magdeburger Theaterausstellung die angegebenen Zusammenstellungen und die betreffende Literatur anseheu. Saböatüi %mu Don Georg Hermann. Die jüdische Duchgemeinde, der Heme-Vund, bringt in deutscher Übertragung den Roman von 3. Polkajo ' f über 3 a b b a t a i Zewi. Ein Roman der jüdischen Mystik und der Masienbewegung. Dr? Erzählerkunst scheint gerade in letzter Zeit sich von solchen Themen stark angezogen zu fühlen. Und ich kmmw mir wohl verstellen, daß ein Doeblin sich an der Gestalt des ^abbatai Zewi versucht hätte, oder ein Mar B r o d oder K o l bs r ey e r. Jeder härte es anders gemacht als Polkajofs. T o e b l i n am.-Aüger, hinreißender, brausender, bunter and unheimlicher. ... B r o d dichterischer in den menschlichen Zügen, weicher und reicher, und Kolbenhev. er mit einem genaueren Zeittolorit unö eindringlicher in den Studien der Landschaft, der Kleidung, der Lebonsgebrämme und der Sprache, die bis zu einem Grade historischer Echtheit artrieben würde, der uns die Figuren entfremdet und rätselhaft w:c aus gotischen Bildern macht. Daß die Erzähler von aller Welt sich zu Liesen Stoffen hingezogen fühlen, kann uns heute nicht wundrrnehnien; denn wir haben ja eine Zeit übersteigerten Daseins drs einzelnen wie der Massen hinter uns . . . Kriege, wie sie die Erde noch nicht gesehen, und Umwälzungen von gleichen Ausmaßen, Beide machen das Leben der Staaten wie des Individuums, das ge sichert schien, plotzlch problematisch und pflügen den Loden der Seelen so ries um, daß das Unterste zu oberst gerissen wird und jedes Samenkorn einer Mystik. einer religiösen Extase und Uebersteigerung Wurzeln schlagen kann und wild in die Halme scbicßr. Gin sehr kluger Mann, den leider der Tod vorzeitig verstummen ließ, hat für das Gros der seelischen Massenbewegungen der letzten-zehn, fünfzehn Jahre das Wort von. den „verkappten Religionen" geprägt. Und es scheint fast, als ob die Schriftsteller, die glaniben, dazu berufen zu sein, die Seelengeschichte der Welt zu schreiben — Epos ist Historie, ob eines Menschen, einer Familie, einer Gruppe, eines Sraates. einer Kultur . . . immer ist es Historie'. —, nicht imstande fu:£>, dieses Bild der jüngsten Gegenwart zu geben: wohl, weil es zu groß, zu vielfältig, zu unübersichtlich ist, und weil wir ihr zu nahe sind, es nicht überschauen können, . . . weil wir einfach nicht w-eit genug zurücktreten können, um das ganze Gemälde in seinen Zusammenhängen zu überblicken ... es scheint also, als ob die Schriftsteller nach alten Parallclstellen für die Gegenwart suchen, um sie stakt des Heute sich zu verlebendigen. Wie kann man sich sonst einen „Jud Süß" von Feuchtwanger erklären, einen „Teufel" von Reumann, und wie den breiten Erfolg, den sie in einer Zeit batten, die durchaus geschichtsfremd eingestellr ist?? Tenn die^Zeit -des „historischen" Romans, die von 1840 bis 1>00 ging, von <scott, Spindler, Alexis bis Julius Wolfs, und die das Publikum in einen Lesetaumel versetzte, ist ja endgülrig vorüber, und wird wohl nie wieder kommen. Im kies st en Sinne hat ja — und das ist einer der wenigen sympathischen. Züge der Eegounoart — das Heute viel zu viel mit stob zu tun. um ernstlich an Gefühlen in Wämsern, Panzern oder Samrjabots Anteil nehmen Zu können. Es lebt selbst zu schnell. Aber es hat trotzdem eine tiefe Sebnsinnbi. sich im historischen Symbol wiederzufinden, statt seiner Gegenwart, die ihm noch ungeschrieben und unbewußt ist. Und so ist auch dieser Roman vom Saöbatm Zewi eigentlich nur ein bistorisches Gegernvartssymbol, ein Sinnbild einer Sehnsucht nach dem Reich der Erfüllung, das uns von: Gesetz der blutigen Riedertracht, unter dem Menschn, Staaten und Volker leben, und das sie nicht ablverfen können, so brennend sie es auch wünschen, erlösen soll. Aber ich sprach davon, wie Brod, Toeblin, Kolbenheper den Roman angefaßt hatten, und nicht, was er unter den Händen Poljakojjs wurde. Von dem historischen Sabbatai Zewi weiß ich so wenig, daß es in zwei Sätzen zu sagen wäre. Er lebte im 17. Jahrhundert so um den Dreißigjährigen Krieg, war also Zeiigenoffe vvn Spinoza und Rcnibrandi, Sohn eines Fruchthändlers aus Smvrna; die Judenbeit. die damals durch Kriege und Verfolgungen ekstatisch aufgewühlt war, und noch den Zusammenhang besaß über alle Länder fort, über die sie zerstreut war. sah in ihm den wieder kehrenden Messias, und retig'öse Schwärmer und solche, die das Unglück, das sie in diesen Versorgungen erlitten, an der Welt verzwei-em ließen, zogen aus aller Herreu Länder aus, um sich zu ihm zu checken und sich von ihm von neuem in das gelobte Land und dem geweis'agten tausendjährigen Reich des Glückes und des Friedens entgegemühren zu lassen. Ter Prophet, der neue Messias aber selbst, trat dann zum Islam über, und die Bewegung, die er, wollend oder nicht, getrieben und geschoben, halb an sich selbst glaubend, bub an seiner Mission Kreiselnd, erst fesselt hatte, verebbte wieder. Seinen enttäuschten und ihn verfluchenden Gläubigen blieb nichts übrig, als ihr altes Glend, wie stets, weiterzutragen, und aus einen neuen Messias zu hoffen. Daß um die Figur eines solchen Mannes allerhand Legenden sich spinnen, daß die Lnft um ihn von Weissagungen und Wundern erfüllt ist. ja, daß er im richtigen. Augenblick alechmn in die Geschichte tritt, wenn alles sich für ihn vorberestet hah i\i eine, und die willigste, von seinen Voraussetzungen. Wie weit aber die Quellen über ihn reich! cher fließen, was feine Lehren, seine Umgebung, sein G'ück und Zusammenbruch waren, ob es viel und genaue Literatur über ihn gibt, ist mir unbekannt; und so ist es mir iijrocr, zu entscheiden.