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Central-Verein-Zeitung · 1927-11-18 · 46 (18.11.1927) · p. Seite 644

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
6 (1927)
Issue
46 (18.11.1927)
Date
1927-11-18
Page
Seite 644 (sequence 8)
Language
German
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H44 kürzlich erschienenen Handbuches .Deuffche Politik" zeigt, wie auch in dieser, besonders Zürn Gebrauch des Studenten gedachten Veröffentlichung sich echte Wissenschaft und Scheinwissenschast vermischen: §L?LllL/ipL i/UIUit« Kill IJUHVVUU] JUL Viü^iitüUK. In diesen Blättern ist häufig aus die Gefahren hingewiesen worden, die dem deutfck^err Judentum aus der starken völliscl>en Infizierung der großen studentischen Verbände erwächst. In der Nachkriegszeit haben alle diese früher gesellschaftlich exklusiven, politisch jedoch meist völlig indifferenten Verbände sich programmatisch zur völkischen Weltanschauung bekannt, regelmäßig stattfindende völkische Schulungswochen eingerichtet, Richtlinien für die völkische Erziehung der Füchse gesoffen, in denen die Nassen- und Judenjrage in antisemitischein ^inne eine beherrschende Rolle spielt. Man ist nicht mehr jndenfcindlich aus Exklusivität und gesellschaftlick>cr Voreingenommenheit, sondern aus politischer lleberzengnng auf Grund programmatischer Forderungen. Maßgebenden Eiusluß aus diese Gesinnungslvandluug haben zweifellos die Vereine deutscher Studenten lV. d. St.), jene der Stöcker-Zeit entstammenden, becont Lntrsemitischen Korporationen, die es mit beneidenswertem Geschick verstanden haben, unter Anwendung der modernsten politischen Propagandamittel ihre Gedankenwelt in der Studentenschaft zu verbreiten. Von diesem Geschick zeugt auch ihre neueste Veröffentlichung: ein völkisches Handbuch') unter dem Namen „Deutsche Politik", das einen großzügigen Versuch darstetlt, die Grundtendenz der Vereine deutscher Studenten und ihre Stellung zu den wichtigsten politischen Fragen der Gegenwart auszuzeigen. Tiefes Buch ist wert mehr als ein F u ch s e n - L e i t s a d e n. Es erhebt nach den einleitenden Worten seiner Herausgeber Anspruch darauf, „ein Erziehungsbuch der völkisck>en Bewegung im reinsten Sinne" zu sein. Es soll „in die junge Bewegung sammelnd und vertiefend eingreisen und zu einem kleinen Teil dazu beitragen, daß ihre Politik eine klare Linie erhalt, die heute noch völlig fehlt". Das nur von Angehörigen des B. d. St. bearbeitete Buch ist ein Beweis für die Größe und Bedeutung dieses Verbandes, befinden sich dock) unter den Autoren Namen wie Professor Hoctzsch, M. d. R.. 1). l)r. Dil clins, Generalsuperiuteudeut der Kurmark, Paul Becker, M. d. R., der frühere Hauptschristleiter der „Deutschen Tageszeitung". Professor v. Bclow (Freiburg) und viele andere bekannte Namen. Bei dem besonderen Interesse, das gegenwärtig Fragen des Grenz- und Auslands den tschtums und der nationalen Minderheiten in studentisch-en Kreisen entgegengebracht wird, ist felbstverständlich, daß gerade diese Gebiete besonders gut, teilweise ogar ausgezeichnet behandelt wurden. Allerdings haben auch gerade hier besonders gute Kenner dieser schwierigen Materie, wie Rcgicrungsrat Szagrrnrr (Berlin) und Pastor Schmidt- Wodder, der deutsche Abgeordnete des dänischen Folkething. mitgearbeitet. Bon besonderem Interesse sind hier das Kapitel „Die Inden im deutschen öffentlichen Leben" und die Beiträge über Raste und Rassenhygiene. Ueber Raste und Rayenhygiene schreibt Tr. Ottmar Freiherr v. Berschucr, denen Ausführungen — dem Gesamtdjaraftcr des Buckjes entspreck>end — von den Gedankengängeu der sogenannten völ ki sch-antiscmitifck)en Ragecheorien sichtlich stark beeinflußt sind. Dieser Umstand gewinnt an Bedeutung, wenn man sich erinnert, daß der bisherige Tübinger Privatdozent Dr. v. Berechner kürzlich zusammen mit Professor Eugen Fischer und Muckermann an &a§ Institut für Erblichkeitslehre und Rasfen-kunde berufen wurde, das die Kaiser- Wilhelm-Akademie in Dahlem errichtet hat. Bei der Eröffnung dieses Instituts vor wenigen Wochen betonte sowohl Profeffor v. H a r n a ck wie der Direktor Professor Engen Fischer, daß das Institut seine Aufgabe darin erblicke, als vorurteilsfreie, über das Tagesgezarrk erhabene stelle mit Mitteln rein wissenschaftlicher Prüfung den Rasfenbegriff, der in Deutschland soviel parteipolitische Verwirrung gestiftet habe, von den un - Wissenschastlichen Schlacken, die ihm anhaften, zu reinigen. Man kann sehr zweifeln-, ob hierzu gerade eine Persönlichkeit wie Dr. v. Berfchuer besonders qualifiziert ist. der gerade das gefährlichste jener politische Verwirrung stistenden pseudowissenschaftlick)cn Nasseuwerke Günthers „Nassenkunde des deutschen Volkes" als ein um die Verbreitung des Rassegedaukens in Deutschland so sehr verdientes Buch den jungen Studenten „nxirin empfiehlt", wenn es auch, wie er hinzusügt, „in manchen Punkten wissenschaftlich nicht ganz kritisch ist". Es wird sich jedenfalls empfehlen, die Tätigkeit des Dr. v. Derschuer im Anthropologischen Institut in Dahlem m Zukunft etwas kritisch zu beobachten. Die Inden im deutschen öffentlichen Leben behandelt Friedrich Kecpp. Der Verfasser, der sich vom Nadauantiscmitismus fernzuhakten weiß, steht völlig im Bann kulturantisemitischer Gedankengange, wie sie insbesondere von Stapel und Blüh er vertreten werden. In der Judenfrage würdigt er die Tatsackie ,chaß große und bedeutende Bezirke des deutschen Lebens von Menschen bekwrrscht werden, derart natürlich Anlagen nicht die unsrigen sind und die uns auch nach vielhundertjähriger äußerer Lebensgemeinschaft fremd 4) „Deutsche Politik." Lin völkisches Handbuch. Bearbeitet von Dngehörignt des Khst^üusrr--Vcrb<rndes der B. L. Et. und herausgegüLen. irr jerurM Änftrase. Verlag Lnglcrt L Schroffer, Frar.kßrrt s. M. 1926. blieben, weil sie mit dem eigenen Gottesglauben eine ehrwürdige völkische Ucberlieferung pflegen und selbst lfeute, da solche „Borurteile" längst aus den Altären der Vernunft geopfert wurden, durch die Bande des Blutes und eine innere Lebensgemeinschaft, die bis ans diesen Tag ihre eigene Geschichte hat, fester zusammengehilten tuerden, als sie sich je an ihr Wirtsvolk artschließen könnten". In einer von Oberflächlichkeiten und Unrichtigkeiten strotzenden Darstellung versucht Kocpp eine Geschichte der deutschen Juden zu geben. Insbesondere bemüht er sich um eine historische Erklärung ihrer gegenwärtigen sozialen Situation, wobei er die Behauptung, die deutschen Juden seien bis in die Neuzeit hinein nicht in der Lage gewesen. sich anderen Berufen als dem Geldhandel. Wucher und niedrigsten Schacher zuzuwenden, ohne Begründung „als zweifellos nicht zutreffend" bezeichnet. Man kann dem Verfasser nur das Werk des berühmten Rcchtslchrers Stobbe ..Die Inden in Deutschland während des Mittelalters" zum eingehenden Studium empfehlen, der nach sorgfältigster Untersuchung der sozialen Berhältuche zu dem Ergebnis kommt, daß der niittclaltcr[id^ Staat dem Juden keine andere Erwerbsmöglichkeit ließ, als üom Schacher und Wucher zu leben, da die ganze Ausbildung des gewerblichen Lebens und des Jnnungswesens den Juden von jeder Teilnahme am Handwerk und Handel ausschloß, der Bodenbesitz ihn; allenthalben verwehrt war, und daher abschließend resümiert: „Kann man es dem Hungernden vorwerfen, wenn er znviel von der einzigen Speise ißt. welche man ihm darrercht?") 3). Diese wissenschaftlich längst einwandfrei und kaurn noch ernsthaft bestrittenen Tatsachen werden in einem Lberke. das angeblich höchsten Anforderungen eines wissenschaftlich gebildeten Leserkreises genügen will — ohne auch nur eine Begründung zu suchen —, einfach als „nicht zutreffend" bezeichnet. Die gleiche „wiuensck^aftliche Beweisführung" kennzeichnet auch noch mancherlei andere überraschende Urteile des Verfassers. So. wenn er die Entdeckung macht, daß bei dein Inden „Geinütswerte und alle jene Eigenschaften, die dem Deutschen am Menschen wesentlich erscheinen, völlig zurücktreten, nur eine weinerliche Elnpsmds-rmkeit den Inden in der Erregung anwandelt", oder wenn er der überwiegenden Mehrheit des deutsck-cn Judentums, die „Rasse, Religion und Volk längst verriet", sogar den Familiensinn a b s p r i ch t. den er nur den Zionisten zuerkennen will, denen überhaupt seine große Liebe gilt. Dem Verfasser. der zugleich einer der Herausgeber des GesamNoerkes ist. widerfährt das Pech in seinem eigenen Buch von dem Vertreter der Wissenschaft. Dr. v. Berfchuer, desavouiert zu werden, der in seinem oben genannten Aufsatz gerade den Familiensinn der Juden betont. Eine Kritik an allen oberflächlichen und unrichtigen Behauptungen des Verfassers würde zu wert führen. es bleibejedoch-nicht uncrurähnt, daß er mit besonderer Vorliebe zur Unterstützung seiner eigenen Beweisführmig auf ..Bekenntnisse" zionistischer Schriftsteller (Goldstein, Buber u. a.) hinweist. Eine objektive Würdigung verlangt jedoch auch die Feststellung, daß Koepp sich nicht immer den Schwächen der völkischen Bewegung verschließt: daß er den Radauautisemitismus verwirft, haben wir bereits hervorgeboben. Er erkennt aber auch an, daß Bartels bei seinem Versuch, den jüdischen Einfluß in der Literaturgeschichte bloßzulegen, oft über das Ziel hinausgeschossen ist und auck) „zu einseitigen Werturteilen geneigt ist", und gibt auch weiter zu. daß die Ansbrückre eines ungehemmten Antisemitismus oft mrersreuliche Formen annehmen. Bei dieser Einstellung erscheint es doppelt verwunderlich, daß der Verfasser sich nicht sck)eut, die Pogrome der Krenzzugszeit zu verherrlichen, bei denen er zu bedenken gibt, „daß die Humanitätsbcgrnfe jener Zeit andere waren als die der Miseren, wobei noch dahingestellt sein mag, ob jene Gewalttaten grausamer waren als die, welckje heute das deutsche Geistesleben von den Inden zu erdulden hat. Im übrigen findet er, daß diese Ausdrucks der Volkswut den Juden nack>» haltigen Scheden nicht beizufügen vermochten: offenbar wäre ihm eine völlige Ausrottung der Juden sympathischer gewesen. In Anlehnung an Stapel fordert Koepp die Ausscheidung der Juden aus der Gemeinschaft des deutschen Volkes und die Bekämpfung ihrer kulturellen Mitarbeit innerhalb desselben. Der Weg für Deutschs und Juden Ocqt für rhn klar. Er heißt: „Ehrliche Scheidung, Bejahung und Pflege des eigenen. Achtung des fremden Volkstunis". T-er Verfasser hält es nicht für notioendig. die jungen Akademiker, zu dereir Unterrichtung ferne Abhandlung dienen soll, darüber zu informieren, daß die 600 KM jüdischen Deutschen in ihrer überwiegenden Mehrheit die Idee eines eigenen jüdischen Volkstums ablchneu und sich im Bewußtsein ihrer Zugehörigkeit zur deutschen Nation mit dem deutsckien Volke unlösbar verbunden fühlen. Das Sammelwerk „Deutsche Politik" ist ein erneuter Beweis für die in der Gegenwart leider nur zu oft gemachte Beobachtung, daß Werke von beachtlichem wissenschaftlichen Range die hohe Warte objektiver Forschung in dem Augenblick verlassen, wo die Judenfrage berührt wird. Werner Noscrrbcrg (Berlin). Seite 103 ff. *) Vielleicht noch pr-Sgitantet schildert diese Entwicklung Ignaz v. D8I« linger in seiner großen Dtademiecedc „Die Inden in europa*. S. Iß ff. j «Hßti rl1 i 1-vpT'ffl.ti'

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