Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 46 (18.11.1927)
- Date
- 1927-11-18
- Page
- Seite 642 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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642 ZoPPot. wo sie von 1200 ans 246 fielen, wobei noch Zn berücksichtigen ist, daß die für die Mittelstands- und Arbeiterpartei und ebenso die für die Koalition Hitler-Aufwertung abgegebenen Stimmen nicht einmal durchweg als völkisch bezeichnet werden können. Ein besonders erfreuliches Ergebnis dieser Wahl ist der Rückgang der Polnischen Mandatszahl von fünf aus drei Abgeordnete. Wahrscheinlich ist dieser Verlust auf das Haben-Konto der Zentrumspartei überaegangen. Es wird dadurch bestätigt, daß der Prozentsatz der poliuschen'Bevölkerung in Danzig verschwindend gering ist und daß ein Teil der für die polnische Liste in früheren Jahren abgegebenen Stimmen nicht aus nationalen, sondern aus konfessionellen Gründen abgegeben wurde. Tiefe Bekräftigung des deutschen Charakters der Freien Stadt Danzig ist eine treffende Antwort zugleich an die Teutschnationalon. die den Wahlkamps mit der Parole geführt hatten, wer die Linksparteien wühle, mache Danzig polnisch. Die Bevölkerrmg der Freien Stadt Danzig hat am 13. November mit aller Deutlichkeit gezeigt, daß sie von einer Polonisierung Danzigs nichts wissen will, ebensowenig aber von Chauvinismus und Rassenhetze. Stadtverordnetenwahlen in Rostock, A. B. Rostock, 14. November. Bei den Stadtverordneten wählen in Rostock am 13. November verloren die Völkischen von ihren 6 Mandaten 4; sie erhielten nur 14*26 Stimmen gegen 3471 bei der vorherigen Wahl. In Rostock sowohl wie in Güstrow haben die Sozialdemokraten eine starke Zunahme der Stimmen zu verzeichnen. Nachwort der Schriftlcitung: Ter bekannte Zentrumssührer LandZtagsabgeordneter Tr. Schwering hat in der letzten Nummer der „C. V.-Zeitung* treffend nachgewiesen, daß ..zwar die völkischen Parteien fast bis zur völligen Vernichtung zurückgegangen sind, daß aber die aus dem Parteirahmen herausgeslosienen« Kräfte als latente Kräfte weiter im deutschen Volke wirksam bleiben und vielleicht dann gefährlicher sein werden als früher". Die oben wiedergegebenen Wahlergebnipe in Hessen. Bremen, Danzig und Rostock bestätigen diesen Rückgang der völkischen Parteien. Sie zeigen aber auch deutlich, daß die völkischen Gedanken nicht ausstcrben. sondern einfach von anderen Parteien aufgegrifsen und unter neuer Flagge weitergeführt werden. Nicht immer tritt dies so klar hervor wie in Hessen, wo der bekannte völkische Führer Dr. Wolf als Fahnenträger der Bolksrechtspartei in den Landtag einzieht. Aber auch den Splitterparteien in den anderen Ländern und Gemeinden muß man in bezug aus den Antisemitismus durchaus mißtrauisch gegenübertreten. Unter den angeblichen Wirtschaftsintercssen verbergen sich sehr häufig völkische Gesinnung und Boykottabsicht gegen Juden. Wie stark die „latenten Kräfte" der früher offen völkischen Parteigänger schon jetzt un deutsckzcn Volksleben wirken, spüren unsere jüdischen Freunde besonders aus dem Lande und in den kleinen Städten in immer stärkerem Maße. An die Stelle des lauten Judenhasses ist der wirtschastliäje und gesellschaftliche Boykott getreten. Zu dem uns schon lange bekannten Boytotlausruf: Kauft nicht bei Juden! ist jetzt noch die Parole: Meidet jüdische Aerzte und jüdische Rechtsanwälte! getreten. So erfreulich für sich die Niederlage der völkischen Parteien ist. so dürfen wir uns nicht darüber täuschen, daß sich namentlich auf dem Lande und in den kleinen Stabten die Wirkung der völkischen Arbeit immer stärker auswirkt. Dieser Wühlarbeit, die ans die völlige Loslösung der Juden aus der deutschen Volksgemeinschaft zielt, nniß unsere ganze Aufmerksamkeit gelten. Dr« M. E. i, *»f /? 'f. mfmi ifE MM MW z A3 * A fZ. ^_ AA . ateMHl Gin Gutachten von Professor Dr. Bongert. Ist in dem jüdisch-rituellen Schächten der Schlachttiere eine Tierquälerei zu erblicken? Unter diesem Titel schreibt Professor Dr. Bongert, Leiter des Institutes für 'Nahrungsmittel der Tierärztlichen Hochschule zu Berlin, in der „Berliner Tierärztlichen Wochenschrift" vom 28. Oktober (Nr. 43) eine sehr wesentliche Abhandlung; vor allem deshalb ist sie wesentlich und bemerkenswert, weil einer der prominentesten Wissenschaftler aus dem Gebiete der Fleischbeschau und des Nahrungsmittelwesens in klassisch zu nennender Art zu der vielumstrittenen Frage Stellung nimmt uno sie mit ganz exakt wissenschaftliäM Methoden, unter möglichster Ausschaltung aller Fehlerquellen, zu einem Ende führt, das hoffentlich die Tierschutzvereine von der Zulässigkeit des Eckzächtens auch in unserer..vorgeschrittenen" Zeit überzeugt. Ter Verfasser beginnt mit der Feststtllung, daß unter tierärztlichen und ärztlichen Sachverständigen kein Zlveifel darüber herrsch. daß unmittelbar nach vollzogenem Schächtschnitt infolge des plötzliänn Aushörens der Dlutversvrgung des Gehirns durch die Karotiden die Gehirnsunktion unterbrochen wird und Bewußt- und Eesühlslosigkeit eintritt. Nun gibt cs Schlachthostierärzte. die glauben, daß die nach dem vollzogenen Schächten oft austretenden motorischen Bervegungen auf ein Wiederauftreten des Bewußtseins und der Empfindung sich bezögen, das durch die kompensatorisch erfolgende Blutversorgung des Gehirns durch die Arteria vertebraiis (ein Gesäß, das innerhalb der Halswirbeln in einem eigenen Kana! liegt) herbeigetührt werde. Demgegenüber betont eine Reihe hervorragender Physiologen, daß die erwähnten scheinbaren „Oualsymptome" nach dem Schächtschnitt nicht als Ausdruck ungestörter Hirnfunktivn und des Bewußtseins zu deuten, sondern rein reflektorische Vorgänge sind, wie das zahlreiche Versuche^ an enthirnten Tauben, Kaninchen, Katzen und Hunden kehren. Der Verfasser führt eine Anzahl Belege weiterhin an für die Widerlegung der Ansicht von der Möglichkeit eine kompensatorischen Blutv.rsvrgung des Gehirns. Bor allem das Physikalische Gesetz, daß eine unter Druck in einem Röhrensystem stehende Flüssigkeit nach dem Ort des geringsten Wderstandes abstießt, und der Flüssigkeitsdruck fällt. Bei Bruch eines größeren Zuleitungsrohrcs einer Wasserleitung beobachtet man deshalb gar nicht selten, daß die höheren Etockwerle eines Hauses keinen Tropfen Wasser erhallen. Bei einem geschachteten Tier stießt das Blut an der durchschnittenen Stelle der Karotiden unter starkem Druck ab. und gleichzeitig siillt der Blutdruck in der aus der Arm-Kovs-Arteric vzw. linken Schlüssclbeinaiteric abgehcnden Vertebralarterie und tiefen Nackenarterie, so daß der Blutdruck in letzteren Gefäßen nicht mehr ausreicht, die Rcilmngswiderstände -in den Wundernetzen im Rückemnarkskanal mit ihren vielen Anastvnwsen zu überwinden und dem Gehirn arterielles Mut zuzu führen. Bersapcr Hut nun, um den direkten Beweis für seine Theorie zu führen, einen Versuch durch-gesührt, der als ein Markstein in der Geschichte der Erforschung der Schächtfrage bezeichnet werden kann. Er hat, mit Unterstützung dreier Assistenten, alle wesentlichen, das Gehirn außer den beiden Halsschlagadern versorgenden Arterien abgebunden unter lokaler Betäubung und die am nächsten Morgen von dieser Operation wieder erholten Kälber geschachtet. Tie loSgclasienen Kälber versuchten sich aufzurichten. zeigten bis kurz vor dem Tode deutlichen Kornealresler und bei Drehen des Schwanzes heftige Abwehrbewegungen und Versuche ausznstehen. Besonders beachtenswert ist. daß das zuerst operierte Kalb beim Eintauchen des Maules in die vorgehaltene Mehltränke deutliche ^chluckbewegungen machte und auch die Tränke abschluckte, die aus dem durchschnittenen Schlunde wieder absloß. lind daraus ist mm, wie der Verfasser als Mschkuß dieses ^Gutachtens sagt, klar ersichtlich, daß die bei ordnungsgemäß geschachteten Tieren gelegentlich zur Beobachtung gelangenden Aluvehrbewegungcn als Ausdruck des Bewußtseins und der Schwerzempsindung nicht gedeutet werden können, und weiterhin kann in, 'der Anwendung der rituellen Schächtmethode eme Tierquälerei, T'v’s\$mnter noch behauptet wird, nicht erblickt werden. In den folgenden zu Gutachten angefügten Ausführungen kommt der Berfusi^moch aus eine Anzahl fcer wichtigsten Fragen, die direkt oder mdrrrkt mit dem Schäckften Zusammenhängen, zu sprechen. Er wendet sich vor allem gegen das sogenannte „wilde Schächten", das sehr häufig von Gewerbetreibenden ohne Beachtung eines sorgsamen Niederlegens geschieht und bei dem mit einem mit der ganzen Faust umfaßten kurzen, meist schartigem Melier unter Absetzen und somit in wechselnder Schnittrichtung unter Truck und Ziehen die äußere Haut, die einzelnen Halsmuskeln, die großen Blutgefäße und Rervenstämme, der Schlund und die Luftröhre durchschnitten werden. Dieser „wilde Schächtschnitt" kann nicht mit dem schmerzlosen SckMstschnitt identifiziert werden. Von der Technik des Schächten? wendet sich der Verfaffer nun zum Inhalt der Säzüchworschrift. Darüber braucht ja an dieser Stelle kein Wort verloren zu werden — nur das wollen wir dem Herrn Versager danken, daß er davon spricht, daß „Glauben sF a ch e n Ge« Wissenssachen sind und als ein Noli me tangere zu achten sind — und nicht zu kritisieren". An einigen Mißständen wird vom Verfasser mit Reckst Kritik geübt, und er fordert mit allem Nachdruck, daß die zu schächteuden Tiere zum Niederlegen durch Schnüren zu bringen seien und nicht niedergeworsen werden sollen, daß weiterhin das Blut geschachteter Tiere unter keinen Umstünden, weil es ein ekelerregendes Nahrungsmittel darstelle, in den Handel gebracht werden dürfe usw. Uebersichtlich hat er seine Ausführungen in fünf klare Thesen und Forderungen gekleidet, die hier wörtlich folgen mögen: In dem ordnungsmäßigen, rituellen Schächten der Schlachttiere durch den jüdischen Kultusbcamtcn ist eine ticrguälcrischo SchlachtrrngSart nicht zu erblicken. 2. Dagegen ist daö während dcö Krieges «nd der Nachkriegszeit überhandgcnommcne „wilde Schächten" durch Schlächter ültf eine unnötige Tierquälerei zu bezeichnen, da die Tiere bei dern in Absätzen erfolgenden Durchschneiden dcS Halses mit einem kurzen, meist schartiger, Messer erhebliche Schmerzen empfinden und überdies der Zweck dieser SchlachturrgSart, eine bessere AuSblntung hcrbcizusührcn, nicht erzielt wird. 3. DaS „wilde Schächten" ist deshalb in Nebereinstimmung mit der Forderung der Ticrschutzvcrcinc zu verbieten. 4. AuS ethischen Gründen ist eine Zentralisierung der z,t färächtendcn Tiere und zur Vermeidung der Tierquälerei durch das zurzeit übliche Nicderwerfcn mit Hilfe der Winde daS Sichniedcrlegeu der rituell zu schächteuden Nirrder durch N i e d e r s ch n ü r c n a m t l i d) vorznschrcibcn. 5. ES sind wirksame Maßnahmen gesetzlich vorzuschreibcn. we!ckn daS Inverkehrbringen dcS BlutcS geschachteter Tiere als menschliches Nahrungsmittel Uttmöglich machen. Den Ausführungen des hervorragenden Gelehrten haben wir nichts hinzuzusetzen. Hoffen wollen wir aber, daß die Worte vor: Herrn Professor Bongert nicht auch im Blätterwald verslattern und endlich dem jüdischen Glauben in Ruhe erlaubt wird, seinen Gesetzen, die so human und „nwdern" sind, wie irgend andere, nachzukommen. Erich Deutsch, cand. med. vet. (Hannover).