Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 46 (18.11.1927)
- Date
- 1927-11-18
- Page
- Seite 639 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2277379-2277729-2277774--04075-2284651- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
pa p n 'r-ASy? Vv V^- u \Jn M: i M;;; U\\j'-V, Vij) ',' *7.1 -! M/, 6^ V^Vv V v V/' “%/ *ir ,. ii \!iJ\ < * i/ A^-ir Vf Aus dm ssÄM EsumZn DM vs» Dr. AfreS »nsr. Ter lang erwartete Bericht von Dr. Alfred Diener über seine Paläs-umreise 1926 gelangt soeben im Philo-V erlag zur Auslieferung. Das Buch enthält vier Hauptteile: Schmierig, keilen der Palästinaerlevuwnis; Grundlagen der Palästinaerkenutnis: wesentliche Reisceindrücke; Schinßbetrachtung. Ein Anhang bringt wichtige Dokumente und Zahlen. 13 Karten und Zeichnungen ergänzen und heben die Darstellung. Wir veröffentlichen nachstehend einige Stellen aus der Einleitung, die die von warmem Gefühl durchzogene Sachlichkeit des Verfassers klar hervortreten lassen, und schlichen den Anfang des Kapitels „Tie englische Frage" an. Tie Schristleitung. Als ich von Palästina her wieder den Boden der deutschen Heimat betrat, fragten mich die, die ich zuerst begrüßte: „Wie gefallt Ihnen Palästina? Was halten me von Palästinas Ich war um eine Antwort verlegen; nicht etwa aus Furcht vor der naüonaljüdijchen Presse in Deutschland oder vor der beliebten üblen Nachrede, die wohl jeden Nichtziorüpen treffen wird, erklärt er nickst alles, was der Keren Hajejjod) tut und wünscht, für unantastbar, sondern weil es unmöglich i}t, mit einigen Sätzen oder gar mit wenigen Worten ans diese inhaltschwere Frage eine treffende Antwort zu geben. Ich wich einer billigen Antwort deshalb ans, weil ein vollkommen abgeschlossenes Urteil über das Gelingen des wirtschaftlichen und nationalen Aufbaues des zionistischen Palästina meiner Ueberzeugung nach noch nicht gegeben werden kann; denn alles ist in Gärung und im Werden. Eine vorschnelle Antwort kann der. der das Land der Väter seit Jahren kennt und liebt und der im Deutschen und im Jüdischen wertvolle und unentbehrliche Bestandteile seines Lebens sieht, auch darum nicht erteilen, weil er alles vermeiden mochte, um dem prachtvollen Willen und der großartigen Hingabe Tausender junger Menschen. die in Palästina leben und denen die nationale Zukunstsarbeit das Wesentliche ihres Lebensinhalts ist. mit dem ste bestehen oder zugrunde gehen, nicht leichtfertig wehezutun. So haben die folgenden Ausführungen, die sorgfältig durchdacht und gewissenhaft immer und immer wieder überprüft worden sind, durchaus nicht den Zweck, das zionistische Palästina-Werk etwa in Grund und Boden zu verdammen, sondern es ist Aufgabe dieser Ausführungen, Klarheit zu schassen über alle aufbauenden Kräfte im Heiligen Lande, den Anteil der Zionistisck)en Organisation auf das richtige Maß zurückzusühren, ohne deshalb das. was sie geleistet hat. zu übersehen, insbesondere aber aufzuklären über den rein nationalen Charakter des zionistischen Ausbauwerkes und über die in Palästina Aufbauenden. Dabei wird die arabische, die englisch sowie die religiöse Frage behandelt werden müssen, verhängnisvolle Propagandamethoden, nationalistische Uedertreibungen werden zu beleuchten sein. Einiges, was der gesunde Menschenverstand erkannt hat, wird über den wirtsck)astljchen Ausbau gesagt werden können; darüber aber hat der Fachmann, der ich zu sein mir nicht einbilde, das entscheidende Wort. llnb die englische Regierungspolitik. Ueberall, wo Engländer als Koloniall^eamte auftreten. verstehen sie, sich wenig sichtbar zu machen. In Palästina erscheinen englische, Polizeiosfiziere und Gendarmerie* soldaten hier und da in der Öeffentlichkeit, englische Zivilbeamte sind rveniger zu bemerken. „Möglichst wenig eingreifen" ist ihre Losung. Tie englische Verwaltung hält sich an die Balfour-Teklaration. Daß diese einmal aufgehoben wird, glaubt niemand; aber jeder ist überzeugt, die Balfour-Deklaration wird je nach der politischen Lage ausgelegt und benutzt werden. Tie Auslegung der Balfonr-Deklaration in der Gegenwart setzt bei dem wichtigen Begriff „Nationalheim" den Akzent mehr ans „Heim" als auf ..Nation". Das ist dem palästinischen Natwnarstidenlum ein Dorn im Auge. Weizmann hat deshalb dauernd einen schweren Stand, nicht nur auf dem Kongresse. Die „Union der revisionistischen Zionisten", die aus dem äußersten linken Flügel des politischen Zionismus steht und deren Einfluß gering zu sck)ätzen verfehlt wäre, verlangt eine scharfe nationale Politik auch um den Preis, sich mit England zu verfeinden. Weizmann und der Vorsitzende der Palästina-Exekutive, Colonel Kisch, besonnene ..Politiker, weigern sich, solchen Kurs zu steuern, weil sie sich der jüdischen Schwäck)e bewußt sind. Ein Zeichen solcher radikalen Nationalpolitik war die tteberführung der Feldzeichen der jüdischen Legion, die seinerzeit innerhalb der englischen Armee auf dem Palästinakriegs* schmplatz sockst, von London in die Churwah-m)nagoge in Jerusalem. Diese Feldzeichenüberführnng 1926. zu der die jüdischen Legionäre zusammenströmten. war für die Araber zweifellos eine Herausforderung. Gleiche Gesinnung beweisen die deutlichen Bestrebungen dieser radikalnationalen Seite, die jüdisck)e Legion in Palästina neu zu bilden und als jüdische Kampftruppe anfzustellen. Eine Anzahl bekannter Zionisten Palästinas hat sich in einem Ausruf dagegen erklärt. in dem sie feierlich versicherten, das neue Palästina könne niemals mit Waffengewalt ausgebaut werden. Tie radikalen Nationalisten bekämpfen aber vor allem den vermeintlichen beständigen Kotau vor England. Tie Lage, so behaupten sie, würde um keinen Deut schlechter, wenn mit den Engländern einmal. Fraktur geredet würde. Tie Mandatarmacht gebe Hundcrttansende für mohammedanische und christliche Schulen, lumpige 3000 Pfund dagegen für die jüdischen Schulen. Die Mandatarmacht denke gar nicht daran, ihr Versprechn, das herrenlose, besioeelbare Land den Juden anteilig zu geben, zu erfüllen, und sie sä)eue nicht einmal davor zurück, wegen politischer Vorteile die Juden öffentlich bloßzustellen. Würde in Teutjchland eine Negierungsverordnung erschiuen können, die Juden etwa für eine umzubildende Gendarmerie namentlich ausschließt? In Palästina erscheint sie. Sie ist zwar später gemildert worden; aber ift_fic nicht bezeichnend? Gut unterrichtete politische Kreise wollen wisten, die Umformung der palästinischen Gendarmerie hänge mit der Auflösung der Gendarmerie Emir Abdullahs, des Herrschrs von Ostjordanland von Englands Gnaden, zusammen. Seine Gendarmerietruppe mußte auf Englands Wunsch aufgelöst werden. Er fugte sich schließlich, aber unter der Bedingung, daß wenigstens keine Juden der neuen Truppe angehvren. Zweifellos ist die englische Negierung hier zu weit gegangen. Vertraulich wird erzählt, Lord Plumer habe auch seinen Fehler eingesehen und berichtigt. Ich konnte mich nicht enthalten, einem hervorragenden zionistischen Führer bei Besprechung dieser Frage zu sagen: „Wird der Centralverein nicht demnächst eine Filiale in Palästina eröffnen mästen?" Und in der Tat bedeutet die politische Arbeit der Zionisten der englischen Regierung gegenüber zu einem Teil schon eine Art Kamps um die Minoritatsreckste. Dieser — welche Ironie des Schicksals! — muß zweifellos mit denselben Methoden, Mitteln und Erfahrungen geführt werden, wie wir ihn, oft unter heftigen Angriffen von zionistischer Seite, in unserer deutschen Heimat führen. Wenn in unseren Reihen früher oft. jetzt seltener, der Ruf ertönte: „Was tut der Eentralverein?" — den leitenden Männern der Zionistisä)en Exekutive in Jerusalem geht es nicht anders. Auch diese klagen bewegt über den mangelnden politischen Sinn der Juden in Palästina. Große Worte und lärmende Taten, die ersichtlich als die Politik bei der Maffe gelten, werden begehrt. Die bestehenden Verhältnisse, die Uebermacht der englischen Regierung, die Möglichkeit, nicht im offenen, lärmenden Kampfe, sondern bestenfalls in geschickter politischer Kleinarbeit sein Recht zu erlangen, werden nicht gewürdigt. Manche behaupten, die zum mindesten gleichgültige Haltung der englischen Regierung den Juden gegenüber sei daraus zurückzusühren. daß die leitenden englischen Beamten — man nennt den Gouverneur von Jerusalem, Storres — eine Art antijüdischer Öauspolitik in Palästina treiben. In London würden die maßgebenden Behörden dagegen auftreten, wären sie unterrichtet. Diese Bchmptung ist sicher verfehlt. Aus der Not wird eine Tugend gemacht. Es rst schon so, wie in jedem politischen Handbuch nachzulesen ist: die Engländer machen die Kolonialpolitik, die ihnen zuerst vorleichstt ist. Es wäre wunderer, würden die führenden Männer der Zionistischen Exekutive, die keine rosarote Brille tragen, dies nicht erkennen, und würden sie sich nicht darüber klar sein, daß die Engländer die Juden oder die Araber oder beide gemeinfam fördern, aber nur, solange das englische Interesse, das allerdings oft gleich Palästina-Interesse ist, darunter nicht leidet. 'Beacfjtet die ftntündigung auf Seite 64$ JüdiächerSiodlungsboäilz. Illustrationsprobe, OrigLnAlgTöSc,