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Central-Verein-Zeitung · 1927-11-11 · 45 (11.11.1927) · p. Seite 630

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
6 (1927)
Issue
45 (11.11.1927)
Date
1927-11-11
Page
Seite 630 (sequence 6)
Language
German
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630 Von jüdischen Namen. Von Dr. Felix GoNmrann (Leipzig). Das neu erwachte Selbstbewußtsein des deutschen Judenwirkt sich auch auf dem Gebiet der F a m i l i e n f o r s ch u n g aus. Schon lange gibt cs eine „Gesellschaft für jüdische Familienforschung", die eine überaus interessante Zeitschrift erscheinen läßt. Und auch die Untersuchungen über jüdische Namen beginnen aus der Sphäre der Wiedergabe der amüsanten Methode in die der exakten historischen Forschung einzutreten. In mustergültiger und vorbildlicher Weise hat Dr. Erwin Manuel Dreifuß die Familiennamen der Juden in Baden*) untersucht. Seine Arbeit ist mehr, als der Titel besagt. Methodisch ist sie fraglos für alle späteren Arbeiten dieser Art, deren Durchführung äußerst wünschenswert ist, richtunggebend. Sachlich aber greift sie weit über das Gebiet hinaus, das sie in vorsichtiger Selbstbeschränkung behandeln wollte. Denn wenn auch das wissenschastlich verarbeitete Material lediglich den badischen Archiven entnommen ist, so haben die Gedankengänge des Buches allgemeingültige Bedeutun. Insbesondere wirft cs ein Helles Licht auf die psychologische Seite der Vorgänge, sowohl was die Beweggründe der Gesetzgeber, die die Juden zur Annahme fester Familiennamen veranlaßten, anbetrifft, wie auch im Hinblick auf die Motive der Juden, die freiwillig ihre Namen wählten. Tie historischen Vorgänge dürfen in ihren Grundzügen als bekannt vorausgesetzt werden. Gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts drängten die Regierungen vieler Staaten daraus, daß die Juden allesamt feste Familiennamen Warnen. Nicht als ob nicht | bisher eine große Menge von Geschlechtern solche besessen hätten, aber die Regel war es nicht. Im Jahre 1787 begann die Bewegung mit einem Edikt des österreichischen Kaisers Josef II., int Jahre 1834 fand sie in Sachsen ihren Abschluß. Zwischen beiden Terminen, liegt auch das preußische Gesetz vom 11. März 1312, das neben der ganzen Rechtsstellung der Preußischen Juden auch diese Materie regelte. Nicht überall vollzog sich die Namensgebung der Juden unter den gleichen Verhältnissen, nicht waren die Judenmafsen in Kultur und Bildung überall gleich. Schlimm erging es den Juden in Galizien, wo einerseits das Beamtentum, geschult in der Beherrschung polnischer Leibeigener, bei der Beilegung von Namen fernem Haß und seiner hochmütigen Verachtung gegen die Juden frei die Zügel schießen ließ, wo anderseits die Juden selber ohne weltliche Bildung und ohne weltliche Kultur in äußerster Armut und unter furchtbarem politischen Druck lebten, so daß sie der Willkür ihrer Perniger keinen Widerstand entgegenzusetzen wagten. Die oft furchtbaren galizischen Judennamen, die in ihren unästhetischen und herabwürdigenden Formen ein ewiges Zeugnis tiefstehen - der menschlicher Roheit dar stellen, an denen sich der woh-lseile, geistlose Spott der Judenfeinde seit mehr als einem Jahrhundert erprobt, sind auch bezeichnend für die Juden, für ihre Schwäche, für die Einschüchterung, der sie erlagen. Viel befriedigendere Blicke sind es, die wir durch die Derrnittlung von Dreifuß^ Buch in die S-eele des badischen und damit des deutschen Judentums um die Wende des achtzehnten Jahrhunderts hm dürfen. Denn sie durften in voller Freiheit wählen, und die Richtung ihres Willens ist bezeichnend. Dreifuß nennt mit vollem Recht seine Ausführungen einen Beitrag zur Emanzipation. Sie sind es vom Standpunkt der jüdischen Seele aus nicht minder gewiß als von dem der Negierungen, die mit ihren Maßnahmen nicht nnr eine Festigung des Rechtslebens und des Handelsverkehrs, sondern auch eine Einfügung der Juden in die Gesamcheit des Volkes erstrebten. Die Wahl, die die Juden trafen, ist nun ein vortrefflicher Beweis dafür, daß sie i n n e r l i ch durchaus eingedeutscht waren, und daß sie bereits damals ihrer deutschen Heimat gegenüber eine große Anhänglichkeit bewiesen. Die weitaus größte Gruppe nimmt den Namen des Ortes an, aus dem die Familie stammt, eine Tatsache übrigens, die sich auch bei den im Mittelalter nach Polen geflüchteten deutschen Juden seststellen läßt. Und der Sprachcharakter der angenommenen Namen ist fast stets ein deutscher, sei es, daß es sich um alte Hausnamen handelt (die übrigens zu einem großen Teil aus Frankfurt stammen), sei es, daß man sich für Namen von Pflanzen, Tieren. Berufen oder Eigenschaften entschied, sei es. das; man ihn in sreier Phantasie konstruierte. Und die wenigen hebräischen Bezeichnungen, die eine weite Verbreitung fanden, wie Kohn und Meyer, verdanken diese Vorliebe offenbar dem Umstande, daß sie an deutsche Namen anklangen. Man mag vielleicht — mau hat es auch schon insbesondere in nationaljüdischer; Kreisen getan — diesen Feststellungen gegenüber vermuten, daß in der fast durchgängigen Entscheidurrg für das deutsche Wort auch verächtliche Schwäche und ein Versuch liege, den jüdischen Ursprung •) „Die Familiennamen der Juden, unter desondercr Berück, tigung der Verhältnisse in Baden zu Anfang des 19. Jahrhunderts." Ein Beitrag zur Geschichte der Emanzipation von Dr. E r rv i n Manuel Dreifuß. S. Kaufmann Dcrlag, Frankfurt am Main. 1927. Preis broschiert 6 Mark, Sebundrn « Marl. Enthält nur feinste MOLKEREIBUTTER M.BAHLSENS KEKS-FABRIK A Gj HANNOVER zu verwischen. Solche Meinung bedeutet aber ein vollständiges Verkennen der Geschichte und der seelischen Einstellung der deutschen Juden in alter Zeit. Vom frühen Mittelalter an herrscht bei Familiennamen und Vornamen dasD e u t s ch c vor, ohne daß man diesen Trägern deutscher Namen den Vorwurf machen könnte, daß sie nicht treue und freudige Bekenner ihres Judentums gewesen wären. Ihr religiöses Judentum war ciu so festes Eigentum ihrer Seelen, daß sie den Gedanken als lächerlich empfunden hätten, man könne durch das Führen eines profanen deutschen Namens ein minder guter Jude sein. Erst in unseren Tagen, als man an die Stelle von echten seelischen Werten den" kläglichen Ersatz demonstrativen äußeren Aufputzes zu sehen begann, stellten manche Kreise das Bekenntnis zum Namensgute unserer deutschen Umgebung als ein Verbrechen dar, und hebräische Namen genossen gerade in solchen Kreisen eine Bevorzugung, die dem religiösen Judentum und innerer jüdischer Festigkeit vielleicht am meisten entfremdet waren. In noch stärkerein Maße ist aber die wissenschaftliche Verarbeitung jüdischer Namen geeignet, die von uns im Centralverern vertretenen Forderungen an den deutschen Inden zu unterstützen, wenn sie den Sinn für Familiengeschichte und den Stolz auf den Namen weckt. Gerade in letzterem Punkte ist bei uns noch reckst viel im argen. Man kann es verstehen, wenn lächerlich wirkende Namen, wie die aus Galizien starmnenden, von ihren Trägern aus Schicklichkeitsgründen oder aus solchen des elementaren ästhetischen Empfindens geändert werden. Keinem München ist zuznmuten, daß er freiwillig zum Gcspotte wird! Es ist auch kaum etwas dagegen einzuwenden, wenn ein getaufter Jude sich mit einem funkelnagelneuen Aushängeschild versieht. Bei dem großen Bruch mit Tradition und Vergangenheit kommt cs auf solche Kleinigkeit gewiß nicht an, und uns kann es nur lieb sein, wenn Verwechslungen vorgebeugt wird. Bedenklicher ist es aber, wenn auch in den Kreisen bewußter Juden sich zuweilen das Bestreben regt, einen „spezifisch^ jüdisch klingenden Namen — der seinem Ursprünge nach gewöhnlich deutsch ist, aber durch lange Zeiten von Juden geführt wird und dadurch als „jüdisch" gilt — durch einen indifferenten zu ersetzen. Nach dem alten talmudischen Sprichwort ehrt nicht die Stelle den Mann, sondern der Mann die Stelle, und dasselbe läßt sich auch vom Namen sagen! Es kommt weniger auf Etymologie und Klang eines Namens an, als aus die Verdienste, die jeder, der ihn hört, unwillkürlich mit ihm verbindet. Ein Name wie Mendelssohn hat seine einige Bedeutung, unabhängig vom Lautwcrt und Philologischer Herkunft. Und wenn auch Dreifuß, sofern seinen Ausführungen überhaupt eine Tendenz innewohnt, vielleicht nicht ganz mit den Annahmen und Folgerungen' dieser Ausführungen übercinstimmt, werden feine Forschungen dock) den einen Erfolg auch in unserem Sinne haben: Sie werden den Stolz auf den Namen stärken, sie werden jüdische Familien im Hinblick auf ihre Herkunft mit einem Bewußtsein erfüllen, das in manchem den Gefühlen adliger Geschlechter entspricht. Nicht in allem! Denn der Jude wird nie vergessen, daß ein Name, der nur in der Vergangenheit etwas bedeutet hat, Schall und Rauch ist, und daß man der Väter Erbe innerlich erwerben muß, wenn mau des Besitzes froh werden soll. Wahrer Familienstolz weist immer in die Zukunft. Und bem herzlichen Wunsche sei Ausdruck gegeben, daß der schönen Arbeit von Dreifuß noch nranche andere folge, die auf dem Wege der Familien- und der Namensforschung das Selbstbewußtsein des deutschen Juden und damit seine Zukunftsgeltung stärke.

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