Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 45 (11.11.1927)
- Date
- 1927-11-11
- Page
- Seite 627 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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-27 Pogroirrstimmirug gegen Katholizismus und ArrvcnLrrm. — Ende Der völkischen Parteien, ArrshrcitnnL. der völkischen Idee. Es hat fast den Anschein, als ob die völkische Bewegung vor ihrem endgültigen Abtreter: von der parlamentarisch-politischen Bühne noch einmal alle ihre Kräfte zusammennehme, um in einer durch keine politische Ueberlegung gehemmten Weise zum letzten Male ihre Todfeinde zu bekämpfen: das Judentum und den Katholizismus, den sie in einer letzten schamhaften Regung von Taktik und Klugheit meist als „Jesuitismus" zu bezeichnen Pflegt. Denn daß es mit der völkiscl)en Parteibewegung reißend bergab geht, beweist die Statistik der Wahlen unbarmherzig. Auch alle Versuche, sie nrch einmal wieder zu galvanisieren, sei es durch stärkere Betonung sozialer Gedanken oder Kompromiße an manche gegebenen politischen Tatsachen, das alles kann ihr nicht mehr Helsen. Das Schicksal eines ihrer bevorzugten Führer, Ludendorffs, ist beinahe charakteristisch für sie selbst. 6s genügt ein Blick in das sattsam bekannte „Deutsche Tageblatt", um zu begreifen, das; es wirklich zu Ende geht. Zur Erhärtung unserer Ausführungen geben wir ans den letzten Nummern dieses Blattes einige Stellen wieder, wobei wir bemerken, daß dieser Stil seit Wochen vorherrscht und daß diese Art der Agitation einen wesentlichen Teil einer jeden Zeitungsuummer als „Werbematerial" bestreitet. So meint das „Deutsche Tageblatt" in der Nummer 253 vom 1. November: „Die Ententcprvpaganda war es, der es gelang, die ganze Welt auszuhetzen und für den Krieg gegen Deutschland zu gewinnen! Sie war die Propaganda der Juden! Die marristische Dolchstoßprovaganda lähmte die Front . . . sie war die Propaganda der Juden! Tie Propaganda der Ersültunaspolitik sturste das Land in die Inflation und in. das wirtschaftliche Chaos ... sie war die Propaganda der Juden! Man kann sagen, cs gibt überhaupt kein Elend in Deutschland, an dem der ch)nde' nicht schuld ist!" Oder in Nr. 254 vom 29. Dktober, wo in trautem Verein nach „besten" Mustern die beiden Hauptieinde bekämpft loerden, Judentum und Katholizismus. Tort heißt es: „Millionen Deutsche willen es heute, daß Rom und Wallstreet die Zügel rmserer Station fest in den Händen halten. Der Dawes-Vertrag und die Konkvrdatsvertrage sind jene Bindung, die uns den Weltmächten fest in die Klauen liefern. Sozialisten und Zentrum unterstützen sich gegenseitig in der Ausführung dieses Werkes des Teufels . . . Jude und Jesuit bedienen sich unterirdischer und offener Kanäle, die Parlaments- Parteien von links und rechts in ihre Dienste zu stellen . . .* So zeigt sich gerade im Untergehen diese Bewegung noch einmal in ihrer ganzen Häßlichkeit und läßt die ungeheuren Gefahren wieder ahnen, denen das deutsche Volk entging, als es das Eist eines bis zur Raserei entflammten Nationalismus ausschied. Wie proteusartig war diese Bewegung. als sie vor etwa fünf Jahren so sprunghast emporging, wie hat sie damals insbesondere vermieden, ihr wahres Gesicht gegen den Katholizismus zu zeigen. Aber man machte wenigstens den Unterschied zwischen „römischem" und „deutschem" Katholizismus während man dem Judentum in keiner Weise Pardon gab! Aber nun, in seinem Absterben, zeigt er ungeniert, daß es auch dem deutschen Katholizismus gegenüber nur einen gewissen Frieden gab, weil er ihn zu vervolkischen gedachte. Im Grunde genommen aber haßte er ihn nicht weniger als das Judentum. Wenn heute das „Deutsche Tageblatt" in seinen Spalten seine ganze Agitation bestreiten kann lediglich mit einer letzten Hetze gegen Katholizismus und Judentum, so werden beit^ bekämpfte Ideen dadurch weder gefährdet, wie sie es früher waren, noch werden sie gar dadurch geschädigt, aber für die letzte und entscheidende Beurteilung der Bewegung als Ganzes ist das von Wert! Wir tauschen uns keineswegs über den weiteren Fortgang dieser Hetze. Mag auch eine Partei als solche sich mit ihr nicht mehr beschäftigen — es ist so gut wie ausgeschlossen nach dem völkischen Zusammenbruch. daß es noch geschieht —, aber die aus dem Parteinahmen hcrauogeflossenen fräste bleiben als latente Kräfte weiter im deutschen Volke wirksam, nnd vielleicht werden sie dann gefährlicher sein als früher. Wir wollten erneut auf diese Ge falz r himveisen. Wir machen neuerdings die Beobachtung, daß eure ganze Reihe neuer periodischer Schriften sich mit dem selten Thema beschäftigen, die teilweise auf dunklen Wegen in die Lcsfentlichkeit gebracht werden. Während man früher diese gegen Judentum und Katholizismus besonders unklug und fanatisch hetzenden Kräfte gleichsam in ein festes Parteigebilde saften und kennzeichnen konnte, sind sie heute und werden sie erst recht, wenn die letzten völkischen Parteisplittcr verschwunden sein werden, unfaßbar und darum viel.schwerer iu bekämpfen sein. Darin steckt eine ernste Gefahr! Die ganze Ideologie dieser Kreise tritt am flarftcu etwa in der Art der Agitation zutage, die das „Deutsche Tageblatt" in seiner letzten verzweifelten Kampagne führt. Die letzten Hemmungen sind gefallen, weil man die äußersten Versuche machen muß, die letzten Gläubigen noch zu halten, indem man die ganze Kraßheit des Programms ohne jede taktische Klugheit zur Schur stellt. Aber dafür erhält man auch in nuce gleichsam das wahre Progranun! Es ist, wenn man es ins Russische übersetzen würde, nichts anderes als Pogromstimmung gegen Judentum und Katholizismusl Dr. Leo Schwerins (Köln), M. d. S. * Nachwort der Schriftleitung: Die Airsführungen von Dr. Schwering, dem bekannten Führer des preußischen Zerrtrums, bestätigen in vollem Umfange unsere eigenen Beobachtungen über die starke Wirkung, die von den völkischen Ideen ausgeht, die um so eindringlicher werben, je mehr der Zusammenbruch der völkischen Parteien fortschreitet. Unsere Freunde, die aus der Beruhigung der äußeren Lage das Recht zur Vernachlässigung der Centralvereins-Arbeit herzuleiten vermeintem werden hoffentlich diesen Warnungsruf als Signal für die Ausnahme einer verstärkten politischen Tätigkeit ausfaften. Protest -er christlichen Kirche gegen den Film. Wir haben in Nr. 44 der „C. B.-Zertung" auf die aufreizende cmbffeuritffche Wirkung des großen amerikanische:; Christusfilms „König dev Könige" hrngewiesen. Das „Israelitische Wochenblatt für Die Schweiz" Hai in sonrer Nummer von: 4. November eine ähnliche Besprechung veröffentlicht, die ihr offenbar schon viel früher, nämlich nach den Salzburger FestsPielem im Sommer dieses Jahres zugegaugen war. In dieser Besprechcmg heißt es: . . . „T-aß die ganze Jesus-Kirche aufs gräßlichste verkitscht wird, ist eine Angelegenheit, an der vorwiegend die Anhänger der christlichen Religion Anstoß nehmen nrässeu und werden. Zw-effetlos aber wird von den: Film mrd) eine antisemitische Wirkung aus den regelmäßigen Knwbesucher au-sgehen: der jüdische Hohepriester, Er Pen ent -der Bekämpfung dos neuen Messias. wird, um einen wirkungsvollen Gegensatz zu dieser Lichtgestalt herzustellen!, als Verkörperung der modrigsten Haßrund Rachegesühle dargestellt. Leider hat sich Schiidkrcrut-Vater für diese antisemitisch zurechtgenmchte Figur l>ergegeben, während sein Sohn den Judas, gibt, also die andere Gestalt, von der crur: semitische Wirkungen ausgehen werden. Es ist schade, daß dos Sp'.elhonvrar für den alter: Schildkrant bestimmender war als das jüdische Empfinden, das er doch sonst gelegentlich bewiesen hat." Von außerordentlichem Interesse für unsere Leser dürfte aber die Stellung der christlichen Kirche diesem Film gegenüber sein. Wir sagten schon in der vorigen Nummer, daß „durch solche Vorführungen die Glaubenswahrheiten des Christentums veräußerlicht und die Empfindungen, die Millionen von Menscher: heilig sind, zu Sensationsszencn gemacht werden". Die Bestätigung dieses Ausspruches finden wir in den nachstehenden Ausführungen des Pfarrer Lic. Horn: Die Einladung zum Besuch des neuen Mvnstrefilms fliegt mir ins Haus. „Ein Film vom Leben, Wirken und Leiden Christ: unter Zugrundelegung des Neuen Testaments" verrät der Untertitel. Hier stock ich schon, wer hilft mir weiter fort? Ist das die Heilsge'chschte oder — die Ausspinnuug einer legendären, am Ende mondänen Nebensache? Sogar ein Programmheft wird beigeftägt in der Form eines gotischen Kirchenfensters. Blaue Farbglasstücke schwirren aus dem Papier herum, sogar das Maßwerk ist eingezeichner, ohne architektonisck)e Verbindung mit dem Fensterrahmen. In diesem Maßwerk schwimmt eine Krone in einer Sonne, die von zwei Sternen flankiert ist. Und über den blauen Glasstücke:: schwinunt die Schrift herum „König der Könige". In der Tat ist das Wesen des Films damit gezeichnet: alles schwimmt ohne feste Form. Man kann es nicht milder jagen: das hat mit Kunst nichts zu tun, es ist ganz richtiger amerikanischer Kitsch. Das Vorwort sagt, man habe „das größte menschliche Drama aller Zeiten nach der historischen Ueberlieserung wahrheitsgetreu und überzeugend zur Darstellung bringen" wollen. Man habe eine biblische Handlung schassen wollen, „die für keine Glaubenslehre etwas Verletzendes enthielt". So lvenig von einer „künstlerischen Vollendung" die Rede sein kann, so wenig davon, daß man in diesem Film „der Vertiefung religiösen und sittlichen Empfindens" diene. Mit großartigen technischen Mitteln ist der Film inszeniert. Auch in dem kitschigen Bild in der Mitte des Heftes ahnt man etwas davon. Blättert man weiter, weiß man nicht mehr, was man sagen soll: Ein hoher katholischer (selbstverständlich steht er auch für die Aufführung im evaugelisckM Berlin voran) und ein evangelisck)er Geistlicher empfehlen den Film... Und jetzt wrrds lustig. Man ist ja natürlich interkonfessionell, hier darf der Rabbiner nicht fehlen. Was wollen nun eigentlich diele bösen Juden? Hier ist strenge Wahrung der Parität. Der Rabbiner ist nicht vergehen! Herr Rabbiner Israel G o l d s a r b aus Beth Israel Anshei Eines attestiert, daß der Gesamtheit ein hervorragender Dienst erwiesen und ein wunderbarer Beitrag zur dramatischen Kunst geliefert sei. Der Film sei wunderbar und herzergreifend. Und die musikalische Auffassung (armer Wagner mit deinem Parsisalmotiv!!).